Inhaltsübersicht
Katastrophen und Wendpunkte
Fukushima
Es ist eingetroffen, was wir befürchtet haben.
Ein Zeitfenster für Änderungen
Tschernobyl
Wie von Gott reden?
Gott zornig denken
Die Gefährdung des Lebens als Thema der Zeit
Das Katastrophenjahr 2001
Der Weg ins neue Millennium
Rückblick auf das „Katastrophenjahr“ 2001
Die Welt erzählen
Mytho-Poesie
Ein Comic aus Hiroshima
Mystik zur Zeit der Katastrophen
Nach dem Hitze-Sommer 2003
Wirkmächtig erzählen
Stirbt Gott in den Unglücken dieser Welt?
Katastrophen und Wendepunkte
Die Menschheit hat einen neuen Begleiter: die Katastrophe – sei es als Katastrophen-Gefühl, das die Zukunft verdüstert (die Menschheit habe die Wahl zwischen einer sehr schlimmen Zukunft und einer schlimmen Zukunft, hiess es vor der Klima-Konferenz in New-York), sei es als Nachricht in den Medien, die immer neue Probleme vor Augen stellen.
Es ist, als ob wir in ein Wespennest gestochen hätten: Immer neue Probleme werden aufgescheucht. Die Eingriffe in die Umwelt sind derart tief, dass selbsttätig ablaufende Prozesse ausgelöst werden, die sich selber verstärken und kaum mehr zu stoppen scheinen. Artensterben und Klimawandel fordern die Menschheit heraus.
Neben den politischen und wirtschaftlichen Massnahmen ist es wichtig, wie wir kulturell darauf reagieren wollen, damit wir Angst und Panik widerstehen können. Auch die Angst gehört zu diesen Wespen, die aufgescheucht werden. Und Panik ist ein Verstärker, der die Probleme vom Hundertsten ins Tausendste katapultiert.
«Es wird sein, wie wenn jemand vor dem Löwen flieht, und es begegnet ihm der Bär, aber er kommt nach Hause und stützt seine Hand an die Mauer, da beisst ihn die Schlange.» So beschreibt Amos in der Bibel die typische Kaskade der Katastrophen-Ereignisse (Amos 5,19). – Dass schon ein alttestamentlicher Prophet das beschreibt, heisst nicht, dass jetzt «das Ende der Welt» angebrochen ist. Es heisst, dass der Mensch schon immer mit der Angst vor dem «Ende der Zeit» gelebt hat. Katastrophen und Katastrophen-Erleben gibt es auch in der ältesten Antike, soweit die Erinnerung der Menschheit reicht.
Gerade darum kann es eine Hilfe sein, sich nicht nur um die technische und wirtschaftliche Bewältigung zu kümmern, sondern auch um die kulturelle.
Was ist eine «Katastrophe»? In welche psychische Landschaft treten wir da ein? Was begegnet uns? Und wie begegnen wir den «Monstern» und «Ungeheuern», die auf diesem Wege lauern. – Gibt es vielleicht auch freundliche Gestalten?
Das Streiflicht «Katastrophe» bringt einige Texte aus 30 Jahren, die sich damit beschäftigen: von «Fukushima» zu «Tschernobyl», vom «Artensterben» zum «Waldsterben», von der «Flüchtlings-Krise» zum «Ozon-Loch» – und jeder dieser Begriffe hatte damals das Potential, Panik zu wecken wie heute. Mancher dieser Schreckbegriffe steht für einen Wendepunkt, den die Entwicklung seither eingeschlagen hat. Das ist der Titel dieses Streiflichts: Katastrophen und Wendepunkte, weil eine ruhige, vertrauensvolle Reaktion den Weg in die Zukunft weist.
Fukushima
«Ist es das, was wir erwartet hat, oder kommt noch etwas Grösseres?»
Am 11. März 2011 bebte in Japan die Erde. «Das starke Erdbeben und der darauf folgende Tsunami haben in Japan eine Spur der Zerstörung hinterlassen. Ein solcher Tsunami bewegt sich im Durchschnitt mit einer Geschwindigkeit von 800 km pro Stunde. Sieben Stunden nach dem ersten Erdstoss um 14.46 Uhr japanischer Ortszeit wackelte die Erde noch immer.
Das ganze Land steht unter Schock. Die Erde bebte als habe ein Gott die japanische Inselwelt in die Höhe gehoben und ein paar Mal ausgeschüttelt wie ein Kissen und dann in den Pazifik zurückfallen lassen.
Gemäss Innenministerium wurden am Freitag über 70 000 Gebäude zerstört.
Die Japaner sind Erdbeben gewohnt, sofern man sich an das Gefühl gewöhnen kann, dass nichts mehr sicher ist unter den Füssen und über dem Kopf.
Aber die Verzweiflung diesmal ist immens.
War es das, was Tokio erwartet hat, oder kommt noch etwas Grösseres?
25 Jahre nach Tschernobyl fürchtet die Welt einen zweiten GAU. Er würde Fukushima Dajichi heissen.»
Aus Zeitungsberichten zur Katastrophe in Japan 2011
«Es ist eingetroffen, was wir befürchtet haben.»
«Im Katastrophengebiet gingen die Rettungsarbeiten trotz heftiger Nachbeben weiter. 100 000 Soldaten und Helfer aus aller Welt konnten vielerorts jedoch nur noch Tote bergen. Am Montag wurden 2000 weitere Leichen gefunden. Laut UNO-Angaben sind mind. 1,4 Millionen Menschen ohne Trinkwasser, 2,6 Millionen haben keinen Strom und 3,2 Millionen haben kein Gas. Mehr als eine halbe Millionen Menschen harren in Notunterkünften aus. Zehntausend werden noch immer vermisst.
Jetzt droht in Japan der Super-GAU – wer kann, verlässt Tokio.
Rund um das AKW in Fukushima erreichte die Radioaktivität krebserregende Werte. Wegen der massiv erhöhten Strahlung hat der Betreiber fast alle Mitarbeiter abgezogen – noch 50 Leute kämpfen dagegen vor Ort, gegen den drohenden Super-Gau.
Bislang haben 102 Länder Japan Hilfe angeboten, darunter sogar Afghanistan.
Ein Tag, der das Land für immer verändert hat.»
«Die Lage ist ernst. Es ist eingetroffen, was wir befürchtet haben, sagte Hans Wanner, Direktor des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats.»
Aus «Tages Anzeiger» 12. März 2011 und folgende Tage
Ein Zeitfenster für Änderungen
Der Super-GAU ist verhindert, dank der improvisierten Wasserkanonen. Es werden Stromleitungen zu den AKWs gebaut. Ob das normale Kühlsystem wieder in Betrieb gesetzt werden kann, ist offen.
In den nächsten Tagen wird „Japan“ auf den Titelseiten der Medien wieder verdrängt von Libyen, wo der Krieg eskaliert, wo der Aufbruch in der arabischen Welt in einem Krieg zu ersticken droht.
Den einen war es zu schnell, dass man die Katastrophe in Japan gleich mit politischen Forderungen verband, etwa zur Änderung der Energiepolitik, zur ökologischen Umkehr. Dass man das Unglück ausschlachtet für parteipolitische Interessen. (Werden die Grünen die nächsten Wahlen gewinnen?)
Andere erinnern sich an Tschernobyl vor 25 Jahren und sagen: Nach einem solchen Ereignis öffnet sich ein Zeitfenster von höchstens 5 Jahren, wo die Menschen für solche Fragen sensibel sind, wo es möglich ist, den Pfad dieser Zivilisation umzustellen. Danach geht das Interesse wieder verloren. Man kehrt zum alten zurück.
Erweckungserlebnis
Bei mir löste es auch eine Deblockierung aus, es erinnerte von den Folgen her an eine „Erweckung“, dass ich endlich tun und machen konnte, statt immer zu warten: War es das, was wir erwartet haben – oder kommt noch etwas?
Auch in der Kultur gibt es so etwas wie ein Erweckungs-Erlebnis: ein Deblockieren. Die Menschen ermächtigen sich. Es bilden sich neue Koalitionen und Gruppierungen, die Menschen öffnen sich füreinander.
Ich finde Anschluss an meinen innersten Kern, aus dem ich mein Leben entscheide, ich schaue nicht mehr links und rechts, frage nicht mehr, darf ich und soll ich?
Eine solche Krise hat auch eine befreiende Kraft. Viele Menschen ermächtigen sich.
Sozial definierte und verteilte Kompetenzen, wer reden darf, wer Öffentlichkeit beanspruchen darf, wer zurückstehen muss, wessen Rede etwas gilt, noch bevor er den Mund aufmacht, wessen Rede nichts gilt (man weiss es, bevor er noch ein Wort gesagt hat) – solche Regeln treten ausser Kraft.
Eine Zeit lang ist vieles möglich, bis sich neue Dominanzen herausbilden, neue Sprachregeln etablieren, neue Herren und neue Knechte definiert sind.
Aus dem Tagebuch 2011
Tschernobyl
Am 26. April 1986 ereignete sich nahe der sowjetischen Stadt Prypiat die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl.
«Tschernobyl demonstriert die Unkontrollierbarkeit radioaktiver Emissionen.
Wochenlang schwebt eine Wolke über ganz West- und Mitteleuropa. Sie flottiert mal dahin mal dorthin, und die Zeitungsleser entnehmen jeden Morgen dem Wetterbericht, wie der Wind steht und damit die Lebenschancen und die Bedrohungen für die Gesundheit.
Die Behörden richten für eine völlig verunsicherte Bevölkerung von sechs Millionen Menschen ein Sorgentelefon mit zwei Anrufnummern ein.
Aus Tagebuch 16. Mai 1986
Wie von Gott reden?
«Ich suchte nach einer Glaubenssprache, die „Tschernobyl“ gewachsen ist, d.h. dem Gefühl, in einen unsteuerbaren historischen Prozess verwickelt zu sein, der zu immer grösserer Zerstörung der Lebensgrundlagen und zu immer grösserer Verelendung der „Zwei-Drittels-Welt“ führt.
Wie war das Glaubensvertrauen auszudrücken angesichts dieses Eindrucks, in einen globalen Schuldmechanismus verstrickt zu sein, aus dem es keinen individuellen Ausweg gab und den auch das Kollektiv – selbst wenn es einen einheitlichen Willen hätte formulieren können – nicht mehr auflösen konnte?»
Aus meiner Schlussarbeit zum Theologiestudium, 11. März 1992
(Diese Arbeit kann unter «Downloads» von diesem Blog heruntergeladen werden, Titel: «Glaubenssprache angesichts der Zerstörung der Lebensgrundlagen.»)
Gott zornig denken
Schon einmal hat eine Generation ähnlich tief gelitten und im Kampf damit das Bild vom „Zorn Gottes“ geprägt: im Exil, als das Unerhörte geschah, dass Gott sein eigenes Volk den Feinden preisgab.
Das biblische Israel, die Kulturgemeinschaft, hat eine Erfahrung gemacht, die auch mit den allerletzten Sinnkriterien dieser Kultur nicht zu vermitteln war.
Wenn alle Stricke rissen, wenn die Verantwortung versagte, konnte man die Geborgenheit bisher noch denken in jener Ganzheit des natürlichen und sozialen Kosmos, der im Namen Gottes aufbewahrt war.
Doch dieses letzte Sicherheitsnetz, das den Schmerz bisher davor bewahrte, seine Ausflucht in die Krankheit nehmen zu müssen, das die Trennlinie zwischen Kultur und Wahnsinn zog, zwischen Gestalten und Verstummen, zwischen einer menschlichen Passion und dem stumm hinnehmenden Erleiden eines Tieres, dieses letzte Sicherheitsnetz dieser Kultur ist jetzt zerrissen. Da gibt es keine Gedanken mehr, den man anrufen könnte, um den Skandal sinnvoll zu machen, dass fremde Soldaten durch die Stadt streiften und Kinder abschlachteten, dass Mütter in der Hungersnot der Belagerung ihre eigenen Kinder essen …
Es ist ein allerletztes Ausgesetzt-Sein an ein Schicksal, das nicht mehr einzuholen ist. Religiös gesprochen: Gott hat sich „verborgen“. Sein „Antlitz“, das die Augen suchen, um sich dem Tod hingeben zu können, ist nicht mehr aufzufinden.»
Zwei Seiten des Zorns
Das Bild vom Zorn Gottes vermochte nun diese allerletzte Angst aufzufangen („selbst Gott ist zornig und will meine Vernichtung“). Es vermochte aber auch, diesen allerletzten Vernichtungswillen, womit der Kosmos uns als Schädlinge ausspuckt, noch mit einem Sinn zu umgeben, denn der „Tag des Zorns“ ist der „Tag des Gerichts“.
„Gericht“ ist ein Element der sozialen Erfahrung, es wird zur mythologischen Allegorie, um den „Zorn Gottes“ als „Gnade Gottes“ zu begreifen. Denn der Richter und Vollzieher des Richtspruchs bewahrt gerade dadurch die Gerechtigkeit, dass er den Übeltäter bestraft. Wenn die Vernichtung, die ich erlebe, ein „Todesurteil“ ist, dann ist die Welt eben doch ein „Kosmos“ (was «Ordnung» bedeutet). Dann gibt es eben doch einen letzten Sinn in der Welt, auch wenn das nur eine unerbittliche Gerechtigkeit ist, aber in meinem Untergang behauptet sie sich. Nun hat mein ermatteter, zum Sterben müder Blick doch noch etwas vom „Antlitz“ Gottes geschaut, ich kann sterben!
Aus Tagebuch, 31. Dezember 1986
Die Gefährdung des Lebens als Thema der Zeit
Überschwemmungen, Tierseuchen, Klimawandel, Ozonloch… – Kaum ein Tag, an dem die Medien heute nicht von einer „Katastrophe“ zu berichten wissen. Die Gefährdung des Lebens ist zu einem grossen Thema unserer Zeit geworden. Hollywood hat die neue Gattung des „Katastrophenfilms“ geschaffen, und kürzlich brachte sogar das Kinder-Fernsehen einen Trickfilm, in dem ein Bärchen die Welt retten musste, weil die Zeiger der Weltzeituhr auf „fünf vor zwölf“ standen.
Die Kirche baut seit einigen Jahren die Notfall- und Katastrophen-Seelsorge aus. Doch muss sie sich auch weltanschaulich der Frage stellen: Wie gehen wir mit der Krisenanfälligkeit unseres Lebens um? Das Thema sollte nicht nur der Endzeit-Angst der Sekten und der Katastrophen-Lust von Hollywood überlassen bleiben. Ein Thema-Gottesdienst sucht Antwort auf diese Frage.
Katastrophen-Angst…
Seit den 70er Jahren wird es uns zunehmend bewusst, dass unsere Welt endlich und die Erde verletzlich ist. Nach dem Buch „Die Grenzen des Wachstums“ sprach man oft vom „Raumschiff Erde“ und verglich unseren Planeten mit einer „Arche Noah“, in der das Leben zwar behütet, aber auch gefährdet ist. In den 80er Jahren schufen Waldsterbe-Debatte, Unglücksfälle wie Tschernobyl und die Entdeckung von Ozonloch und Klima-Wandel ein eigentliches Katastrophen-Bewusstsein.
Die Soziologen sprachen von „Risiko-Gesellschaft„. Staat und Behörden begannen, sich für den Notfall besser vorzusehen. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde der Zivilschutz vermehrt vom Kriegs- auf den Katastrophenfall umgerüstet. Das neue Konzept des Bundesrates für den sog. Bevölkerungsschutz befindet sich gegenwärtig in Vernehmlassung.
… und Katastrophen-Lust
An die Grenzen der Angst zu gehen, hat aber auch etwas Anziehendes an sich, weil diese Angst dort angesehen und bearbeitet werden kann. Es ist ein kreativer Prozess, der hilft, sich aus Lähmungen zu befreien und vorwärts zu gehen. So gibt es ein ganzes Genre von Hollywood-Filmen, die „den Mann“ zeigen, wie er auf dem Höhepunkt seiner Karriere „alles“ verliert: Stelle, Ansehen, Frau, Familie.
Es ist eine individuelle Katastrophe, Inbegriff der Ängste im Alltag vieler Männer. Aber das mal ausgemalt vor sich zu haben und zu sehen: das Ende ist oft nicht nur Endpunkt, sondern auch Ausgangspunkt von etwas neuem, das kann die Angst beruhigen und hat therapeutische Wirkung. Analoges gilt für kollektive Katastrophen-Ängste.
Eine andere Art Lust an der Katastrophe feiert diese als Vollstreckerin einer höheren Weisheit. Für viele Menschen haben die weltweiten Probleme heute ein derartiges Ausmass erreicht, dass einfach keine Partei, keine Regierung und kein System mehr sichtbar ist, dem man es zutraut, das Ganze noch in den Griff zu kriegen. So gibt es ein heimliches Einverständnis mit der Katastrophe, weil man hofft, dass die heute wirkenden Kräfte an ihre Grenzen stossen und von dort her eine Korrektur erfahren.
Das ist letztlich die Frage nach dem Subjekt, welches „das Ganze“ in Händen hält. Und das ist eine religiöse Frage. Die Faszination durch die Katastrophe hat damit zu tun, dass wir an der Grenze „dem Ganzen“ begegnen. Heute sei die Menschheit erstmals in der Lage, sich selbst auszulöschen, heisst es manchmal etwas pathetisch. In der Religions-Geschichte finden sich aber sehr frühe Beispiele für diese Vorstellung. Schon bei den ältesten Religionen finden sich Erzählungen von einem durch Menschen verschuldeten Untergang der Welt, weil dort, an der äussersten Grenze, die Kraft sichtbar wird, die alles trägt. Und in der Begegnung mit dieser Kraft können wir zur Ruhe finden – und zu einem neuen Verhalten.
Aus dem Hinweis auf einen Gottesdienst zum Thema «Katastrophe»,11. Juni 2001
Das «Katastrophenjahr» 2001
Terror / Nine Eleven
Der Terroranschlag in den USA hat in der ganzen Welt Betroffenheit ausgelöst. Der 11. September 2001 habe „eine neue Ära“ eröffnet, hiess es in ersten Kommentaren. Andere sprachen von einem „Weltkrieg“, der „zwischen der zivilisierten Welt und der Barbarei“ begonnen habe.
Wer Angehörige in den USA hat, wurde in unerträgliche Unsicherheit gestürzt über ihr Ergehen. Alle fühlten Momente der Bedrohung und tiefsten Verunsicherung.
Dieser Tag hat nicht nur Politik und Wirtschaft tief beeinflusst, er hat sich auch in unser Gefühlsleben eingebrannt. Es ist die Frage, wie wir damit umgehen können.
Aus der Ausschreibung zu einem Gottesdienst, 12. September 2001
Amok
Zum zweiten Mal innert 14 Tagen sind wir versammelt, um Gottesdienst zu feiern – zum zweiten Mal überrumpelt von einem schrecklichen Ereignis:
Vor 14 Tagen wollten wir Bettag feiern – es wurde zu einer Gedenkfeier für die Opfer des Terroranschlages in den USA.
Heute ist die Kirche geschmückt zum Erntedank – und wieder stehen wir wie unter Schock durch eine Tat, die man beim ersten Hören gar nicht glauben kann: Bei einem Amoklauf im Zuger Kantonsparlament sind 14 Menschen erschossen und 18 weitere verletzt worden. Die Regierung ist gelähmt und nicht beschlussfähig…
Sollen wir die Blumen ausräumen, Früchte und Gemüse aus der Kirche nehmen, alles, was an die schönen und fröhlichen Seiten des Herbstes erinnert? Sollen wir das Orchester ausladen, das fröhliche Musik eingeübt hat? Soll alle Farbe verbannt und Freude verboten sein?
Aus dem Erntedank-Gottesdienst nach dem Amoklauf vom 30. September 2001
Absturz
„Wann hört das endlich auf?“, so fragten sich viele Schweizer nach dem Absturz einer Crossair-Maschine bei Bassersdorf. Seit dem September häufen sich die Katastrophen-Meldungen. Auch Bundespräsident Moritz Leuenberger sprach von einem „schwarzen Herbst“ und erinnerte an die Terroranschläge in den USA, das Attentat in Zug, den Unfall im Gotthard-Tunnel und den Niedergang der Swissair.
Ein neues Kapitel der Geschichte
Diese Häufung erschreckt uns. Es scheint, als ob sich die Welt seit dem 11. September verändert hätte und eine Zeit der Unsicherheit angebrochen wäre. Und doch sind wir nicht ganz unvorbereitet auf diese Zeit zugegangen.
Die Soziologie hat schon in den 80er Jahren den Begriff „Risiko-Gesellschaft“ geprägt. Das Unglück von Tschernobyl, das eine radioaktive Wolke über ganz Europa verbreitete, hatte damals deutlich gemacht, wie verletzlich und risiko-reich unsere Zivilisation geworden ist. Konnte man sich früher durch individuelles Verhalten vor Gefahren schützen, waren jetzt alle gleichermassen betroffen, egal wie vorsichtig oder umwelt-bewusst sie sich verhalten hatten.
Nicht mehr die Natur wurde jetzt als „Feind“ erlebt, sondern die Zivilisation selber. Die Soziologen sprachen daher von einer historischen Wende. Die Gesellschaft sei aus einem Zeitalter der Not in ein Zeitalter der Angst übergetreten. Nicht mehr die wirtschaftlich zu bekämpfende Not des Daseins stehe heute im Zentrum, sondern die Gefährdung der Lebensgrundlagen.
Aus einer Kolumne, 16. Dezember 2001
Der Weg ins neue Millennium
Die Menschen begingen den Jahreswechsel 2000/2001 mit dem Bewusstsein, eine Schwelle zu überschreiten. Das Zutrauen war da, die Probleme lösen zu können. In diesem Geist begannen die Vereinten Nationen das neue Millennium mit einer Auflistung aller Probleme in der global gewordenen Welt.
Doch bald verdüsterte sich das Bild. (…)
Nicht nur der Terror, auch die Klimafrage verunsichert im neuen Millennium zusehends die Menschen. Dass die Welt Bestand habe, unabhängig vom Menschen und selbst gegen sein zerstörerisches Handeln, darin versichern sich Menschen seit den alten Hochkulturen in Schöpfungs-Erzählungen. Darin haben sie auch ihr Erschrecken aufgehoben, durch eigene Schuld die Welt zu zerstören.
So antwortet die Religion auf die Angst vor Zerstörung der Lebensgrundlagen. Und sie tut es in Form einer Erzählung. Dass die Welt Bestand hat, ist denk- und lebensnotwendig. Ohne dieses Vertrauen wird alles absurd (und ein Engagement für die Erhaltung der Welt motivationspychologisch unmöglich). Denk- und lebensnotwendig ist auch, dass es für das individuelle Leben ein „Ankommen“ gibt und dass der Weg der Menschheit nicht im Dunkeln endet.
Aus dem Vorwort zu Der Weg ins neue Millennium. Notizen 2000 – 2002.
Die Toten stehen auf
Wie umgehen mit Erfahrungen von Zerstörung, Gewalt und Unrecht, mit verstörenden Erlebnissen, die den Menschen traumatisieren und aus seiner gewohnten Bahn des Denkens und Handelns werfen?
Diese Frage stellte sich nicht nur im neuen Millennium mit dem Terrorismus und der Infragestellung des Lebens durch die Klimaveränderung. Vor dieser Frage standen auch die antiken Hochkulturen, die Krieg und Krise in vielfacher Form erlebten. Darum ist die Bibel nicht nur ein religiöses Buch, sondern auch ein Archiv der Menschheit, wo Verhaltensweisen und Modelle des Lebens-Könnens seit der Antike aufbewahrt sind.
Das Alte Testament redet kaum von Auferstehung und Auffahrt, im Neuen Testament steht es im Zentrum. In zwischen-testamentlicher Zeit taucht es auf: in Apokalypsen, Weisheitsschriften, späten Psalmen. Das Thema begleitet das Werden der Bibel.
Man kann zusehen wie eine Religion denkt, wie viele Generationen ihre Erfahrungen vor Gott bringen. Und wir sehen, wie sie ihr Vertrauen zu Gott neu begreifen lernen.
So verändert sich auch ihre Auffassung von Wirklichkeit, immer mehr Erfahrungen werden vom Glauben durchdrungen. So finden sich schliesslich auch Antworten auf Erlebnisse, die uns schwer verstören, z.B. die Fragen:
- Wie ist es mit dem Unrecht, das auf der Erde keinen Richter findet?
- Wie ist es mit all den Toten der Kriege, die immer wieder die Erde verwüsten und Elend verbreiten?
- Wie ist es mit all den Armen und Unterdrückten – bleiben sie für immer auf der Verliererseite?
- Gibt es also kein Recht auf der Erde? Ist alles nur blindes Schicksal oder Zufall oder folgt die Welt einfach dem Recht des Stärkeren?
Aus einem Gottesdienst zum Thema Auferstehung, 5. Mai 2002
Ein Fest, von dem wir leben
Christus ist gestorben und auferstanden. Ist damit alles in Ordnung? Ist er nicht zu Unrecht verklagt und hingerichtet worden? Was geschieht mit unserem Bedürfnis, in einer Welt zu leben, wo Recht herrscht? – Mit Ostern kann der Zyklus der Feiertage nicht abbrechen. Die Himmelfahrt gehört dazu, unbedingt, oder wir müssen auf wesentliche Bedürfnisse unseres Menschseins verzichten.
Am 25. Mai feiern wir das Fest der Auffahrt oder Himmelfahrt Christi. Die meisten feiern das Fest nicht bewusst. Es lässt sich irgendwie gar nicht begreifen. Da ist uns Weihnachten näher. Eine Geburt haben viele schon erlebt, aber eine Himmelfahrt?
Und doch behaupte ich, dass wir es alle feiern, wenn auch unbewusst. Es steckt in den Voraussetzungen, von denen wir leben. Mit der Auffahrt kommt ein Weg ans Ziel. Der Schrei der Opfer wird erhört. Das verletzte Recht wird geheilt. Das Opfer, das am Boden liegt, wird aufgerichtet. Er wird zur Rechten Gottes gesetzt, auf den Richtstuhl, damit Recht geschehe. So wird Vertrauen wieder hergestellt, die Verletzung kann heilen. Leben wird wieder möglich.
Aus einem Hinweis zum Auffahrtsfest vom 24. Mai 2001
Der Auftrag der Ahnen
Vor einigen Monaten kam mir der Gedanke, dass ich mit meinem Weg in die Kirche und zur Religion vielleicht auch einen „Auftrag der Familie“ erfüllte.
In der Ahnenreihe unserer Familien gibt es mehrere Frauen, die „ins Wasser gegangen“ sind. Da ist viel Leid, und es stellt die Frage:
Wie ist die Welt eigentlich? Das Unglück schreit zum Himmel. Ist die Welt ein „finsteres Loch“, wo man nur krepieren kann? – Wenn es so ist, dann kriegt in dieser Familie keiner mehr die Füsse auf den Boden. Der eine gibt seine Verzweiflung an den andern weiter, Kinder sind schon in der Kindheit gestört.
Oder gibt es einen Gott? Ist die Wirklichkeit ganz und gerade? Sind wir in dieser Wirklichkeit irgendwie aufgehoben und geborgen? Gibt es einen Weg und eine Lösung? – Wenn es so ist, dann bekommen die Ahnen Enkel und Urenkel, dann geht das Leben weiter. Aber diese Frage muss jetzt einmal geklärt sein, vorher geht nichts mehr weiter!
Aus dem Tagebuch, 22. November 2002
Teufel und Dämonen
Eine junge Frau ruft an, sie fühlt sich vom Teufel besessen. Wenn ich nachher (als Pfarrer) hingehe, zählt nicht, was ich theoretisch weiss über Satanismus oder Psychologie, es zählt nur die Frage, in welcher Haltung ich hingehen kann.
Ich kann nur hingehen, wenn ich durch und durch davon überzeugt bin, dass ich selber, mit allem, was zu meinem Leben gehört, mit allem, was mir schwerfällt, mit allem, wo ich mit mir selbst in Konflikt stehe, mit allem, wo ich an mir selbst verzweifle… – dass ich restlos mit allem von Gott angenommen bin.
Dann ist diese Haltung spürbar hinter allem, was ich sagen mag. Das ist entscheidend. Es sind nicht die Worte, die zutreffend oder falsch sein mögen. Es ist die Frage: „Evangelium“ (alle Wirklichkeit ist in Gott geborgen) oder eine verzweifelte Vertiefung der schlechten Erfahrungen („diese Welt ist ein Loch, in dem man nur krepieren kann“). Ob das dann eine Macht ist neben Gott oder mehrere, ob sie dämonisiert wird oder säkularisiert, spielt keine Rolle.
Aus dem Tagebuch, 14. Juli 2002
Die Urszene und die Entscheidung
Im Traum finde ich in einer Buchhandlung eine bisher unbekannte Bibel-Übersetzung. Es gibt die Bibel in zwei Versionen: Sie stehen für Abspaltung und Gespaltenheit oder für Versöhnung und Heilung.
Es ist, als ob ich mich entscheiden sollte: die Welt als Hölle oder in Gottes Hand.
Darum auch Frau N., die mich vor den Ferien noch aufsuchte mit ihrer Angst, vom Teufel besessen zu sein. Als ob ich all meine Erfahrungen noch einmal ansehen sollte und mich endlich entscheiden, woran ich glaube.
Vor dem Aufwachen träume ich noch mal die „Urszene“, in der alle schlechte Erfahrung verdichtet ist: Ich werde erschlagen und in den Strassengraben gekippt. – Die Welt ist ein Loch, wo man nur krepieren kann.
Ich muss mich jetzt entscheiden und ich wähle „B“. Das ist der Satz: Es gibt nichts, was ich mit Gottes Hilfe nicht lösen kann! Und ich erprobe es an der Urszene – in jenem eigenartigen Bewusstseinszustand, schon halb-wach und raisonnierend, dabei aber immer noch der Traumwelt verhaftet mit ihrer eigenartigen Bildsprache und der suggestiven Überzeugungskraft mythischer Gehalte: Gott holt mich aus dem Graben.
Aus dem Tagebuch, 2. August 2002
Rückblick auf das «Katastrophenjahr» 2001
Nach den Katastrophen von 2001 spitzt sich die Frage 2002 zu: Soll die Erfahrung der Katastrophen so verarbeitet werden, dass gewisse Erlebnisse dauerhaft abgespalten werden? – Solche Reaktionsweisen finde ich damals in der Seelsorge. Da taucht der Teufel auf, die metaphysische Konsequenz der Abspaltung, wenn der Gottesbegriff die dunkeln Erfahrungen nicht mehr aufnehmen kann und sich selber aufspaltet.
Die Frage der Integration
Das ist nicht einfach eine Frage an die „Wirklichkeit“, wie sie irgendwo unabhängig von mir bestünde, sondern eine Entscheidung: Will ich mich integrieren oder gewisse Erfahrungen abspalten? – Ich wähle den Weg der Integration. Und so integriert sich auch mein Gottesbild und kann die dunklen Teile aufnehmen: Ich halte Gott für kompetent, auch in den dunkelsten Erfahrungen meines Lebens. Ich fühle mich von ihm angenommen, auch in den finstersten Ecken meiner Psyche. Erst als ich diese Entscheidung getroffen habe, kann ich jene Frau besuchen, die sich vom Teufel für verfolgt hält und ihr seelsorgerlich beistehen.
Die von den Katastrophen aufgewühlten Überzeugungen und Haltungen, die das „Leben-Können“ ausmachen, können sich neu formieren.
Mythologisch erzählen
Die Bibel ist an Menschen interessiert, darum erzählt sie Geschichten. Dabei tauchen immer auch mythologische Formen auf. – Ich grübelte damals viel an einer neuen Mythologie herum und übte mich in Formen der „Mythopoesie“, in welcher die Erzählung von Gott und die Erzählung vom Menschen ineinander verschränkt werden.
So beginnt das Leben der Menschen nicht mit der Geburt, sondern am „Anfang“. Und ihrem Leben kann man nur gerecht werden, wenn man nicht nur die Zeit bis zum Tod überblickt, sondern bis zum „Ende von allem“, zur Vollendung. Und da hat der einzelne Mensch Teil an den Versöhnungsleistungen Gottes. „Und Gott sah an alles was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut.“
Ich suchte zur Bewältigung der grösseren Infragestellungen im neuen Millennium Erzählhorizonte, die das Machbare und empirisch Überblickbare überschreiten, aber vom Glaubensvertrauen gedeckt sind. Denn im Glauben muss ich mich getragen fühlen auch in Wandlungsphasen des Lebens, die nicht vom Handlungsbewusstsein her gesteuert sind. Sie „ereignen“ sich an mir, ich darf mich ihnen überlassen – und ich kann es, wenn ich denn das nötige Vertrauen aufbringe.
Der Auftrag der Ahnen
Schliesslich wird auf diesem Weg notwendig die Grenze einer individuellen Biographie überschritten. Das „Erbe der Ahnen“ wird sichtbar (Verhaltensweisen und ihre Lebensprägung, die wie ein „Schicksal“ anmuten, weil sie über mehrere Generationen durch eine Familie wandern, so wie Jähzorn, Trunksucht, Übergriffe, sich opfern, „ins Wasser gehen“). Es kann wie ein „Auftrag der Ahnen“ erfahren werden, in dieser Frage, die das Leben von so vielen Generationen verdüstert hat, endlich eine Antwort zu finden, damit der Weg der Kinder und Kindeskinder davon nicht mehr belastet wird.
Postulate des Lebenkönnens
Denk- und lebensnotwendig ist aber auch das Vertrauen, dass der Kosmos erhalten bleibt, trotz des zerstörerischen Handelns der Menschen, und dass der Weg der Menschheit nicht im Dunkeln endet. Es sind Gelingens-Voraussetzungen auch für ein individuelles Leben. Ähnlich ist es ja in der Natur: Dass der Baum zum Blühen und zur Frucht kommt, das ist schon die Voraussetzung für den Keimling, damit überhaupt ein Anfang stattfinden kann. Der Erfolg ist schon vorweggenommen im Samen. Das Gelingen ist eine Anfangs-Voraussetzung für das Leben.
So taucht damals das Wort „Ankommen“ in meinen Texten auf, v.a. bei Beerdigungen. Das meint nicht nur ein Ziel in der Lebens-Geschichte zwischen Geburt und Tod. Es meint das Gelingen von all dem, was hier angebrochen und angesprochen wurde und das weit über das individuelle Leben hinausgeht.
Das ist der Erzählhorizont, den eine Lebens-Geschichte anpeilen muss. Er geht über alles hinaus, was der betreffende Mensch oder seine Gemeinschaft oder selbst die Menschheit als Ganzes verantworten können. Er geht über Geburt und Tod hinaus. Die Erzählung geht vom Ursprung bis zum Ziel, wo das Leben und alles Leben „ankommt“.
Das ist die Art, wie die Bibel seit je das Leben erzählt und also nichts Neues. Wenn alles versöhnt werden soll, ist ein Konzept von allem nötig. Das geschieht nicht spekulativ, das geschieht im praktischen Vollzug des Lebens und in seinen religiösen Handlungen, v.a. im Gebet.
Das Gebet und seine Sicht auf „alles“
Wer betet, findet sich im Gegenwind der kulturellen Strömungen. Seit der Aufklärung wird die Metaphysik „verabschiedet“, die Religionskritik ist zu einem ungeschriebenen Verfassungsgrundsatz geworden. Und doch, wer betet, der setzt „Gott“, eine „Welt“ und ein „ich“ – das sind die Themen der Metaphysik. Aber dieser Blick auf die Totalität von „allem“, das entspringt nicht einem spekulativen Bedürfnis, das folgt der schieren Not des Lebenkönnens.
Denn jetzt, in der Not, muss ich Antwort haben. Und so stelle ich mich vor Gott (auch wenn mir dieser Name in meinem Leben bisher verborgen war, aber die Not des Betens bringt ihn hervor. Und so kann ich selbst in hohem Alter noch zum Glauben kommen). Und „alles“ erscheint mir in neuem Licht. Als ob es so etwas wie Barmherzigkeit gäbe, vor der auch ich bestehen kann.
Einschliessende Geschichten
Die religiöse Tradition leiht ihre Geschichten dazu. Es sind einschliessende Geschichten, wo selbst der Aussätzige dazu gehört, weil Jesus ihn berührt. So lassen mich diese Geschichten besser verstehen, wer ich bin und wer die Menschen sind.
Unter dem Blick dieser Geschichten können wir uns integrieren: als Menschen mit unserer Psyche und mit den disparaten Erfahrungen unseres Lebenslaufes, aber auch in der Gesellschaft, weil niemand ausgeschlossen wird. Darum sind solche integrativen Geschichten lebensnotwendig – für die psychische Gesundheit der Menschen und das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft.
Die Fragen des neuen Millenniums
Und das ist vielleicht das grosse Thema des neuen Millenniums: Integration und Abgrenzung, und in beidem: Selbstbehauptung. Da sind die Millionen Menschen, auf der Flucht vor ökologischen Katastrophen und wirtschaftlicher Verelendung.
Da sind die Erfahrungen von Millionen Menschen, die an der einseitigen Integrationsleistung durch die Globalisierung nicht teilhaben und aussen vor bleiben. Da sind all die Menschen, die sich sozial nicht mehr integrieren können und damit auch psychisch desintegrieren. Sie können kein stabiles Selbstwertgefühl mehr aufbauen, keine stabile Haltung. Es fällt ihnen schwer, eine regelmässige Lebensführung aufrecht zu erhalten. Sie geraten an den Rand und darüber hinaus.
Wohin das neue Jahrtausend steuert, ist ungewiss. Was ist nicht alles geschehen im letzten Millennium? Die Trends zu extrapolieren ist genauso falsch wie auf Gestaltbegriffe zu setzen wie „Katastrophe“, „Fortschritt“ oder „Untergang“.
Die Zukunft ist ungewiss. Gewiss sind die Intuitionen, die wir in uns selber finden und die bestätigt werden durch die Erfahrung der Generationen, wie sie in der Bibel überliefert werden. Dazu gehört die Gerechtigkeit; und die Erfahrung sagt, dass so ein Zusammenleben in Frieden möglich ist. Dazu gehört die Barmherzigkeit, weil Versöhnung die Kraft hat, die Vergangenheit zu ändern. Sie öffnet neue Wege für die Zukunft.
All das ist zusammengefasst im Bild vom „Reich Gottes“. Das ist ein Zukunftsbild für das neue Millennium. Da gibt es für den einzelnen Menschen ein „Ankommen“. Und wir wissen die Welt „gehalten“, trotz unseres Tuns und obwohl wir sie zu zerstören scheinen. Und der Weg der Menschheit verläuft sich nicht im Dunkeln. Es endet im Licht. „Und er sah an alles was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut.“
Aus dem Nachwort zu Der Weg ins neue Millennium. Notizen 2000 – 2002.
Die Welt erzählen
„Wie finde ich eine Glaubenssprache, die Tschernobyl gewachsen ist?“ Das war die Frage meiner Schlussarbeit nach dem Theologie-Studium 1992. Anfangs des Millenniums kamen viele verstörende Erlebnisse dazu: der Anschlag von Nine-Eleven, der Amok-Lauf im Zuger Parlament, das Grounding der Swissair, die Klima-Veränderung… Für mich war es auch privat eine schwierige Zeit. Das löste bei mir eine Suchbewegung aus, die sich vielleicht in die Frage kleiden liesse: Wie kann ich in all diesen Infragestellungen vertrauen, von Gott gehalten zu sein? Wie kann ich unsere Kinder in diese Zukunft hineingehen lassen, die so verstellt scheint?
Die Notizen aus dem Jahr 2003 gehen einen Schritt weiter. Ausgehend von der Erfahrung, dass das Erleben traumatisierter Menschen eine innere Nähe zur Bildsprache mythologischer Erzählungen hat, wollen sie diese mythologische Sprache wieder nutzen für die Seelsorge und die kirchliche Verkündigung.
Die Hindernisse stellen sich weniger bei den angesprochenen Personen ein. Die Sprache der Bibel wird in existenziellen Situationen akzeptiert, auch wenn die Betroffenen sonst weit davon entfernt scheinen. Die Widerstände kommen aus der kirchlichen Praxis. Hat die Theologie die Mythen nicht aus dem Bereich erlaubter Sprache ausgeschieden? Wird die Metaphysik, die da aufscheint, nicht seit 200 Jahren von unserer Kultur verabschiedet? Es wirkt grotesk, in diesem Umfeld eine „neue Mythologie“ zu fordern.
Die Erfahrung zeigt aber, dass die Widerstände letztlich weniger von diesen weltanschaulichen Fragen herrühren als von einem Welt-Erleben, das vielen Menschen fremd ist, die „bodenständig“ im Leben stehen. Menschen mit tiefen Verletzungs-Erfahrungen ist es aber vertraut. Diese finden Ansprache in einer ganzen Fantasy-Kultur, die sich im Windschatten des kirchlichen Mythenverbots breit entfaltet hat. Es hat die Phantasie der Menschen erobert. Und die auf Historie und Moral reduzierte Botschaft der Kirchensprache wirkt nur blutleer auf sie.
Ein theoretisches Buch zur Frage einer „Neuen Mythologie“ würde heute kaum auf Verständnis stossen. Diese Forderung ist aber nicht am Schreibtisch entstanden, sondern in der Seelsorge. In der mythologischen Bildsprache fand ich eine Hilfe für heutige Fragen. Und wer weiss, ob sie nicht eine Zukunft vor sich hat? Denn die Infragestellungen unserer Zeit werden nicht kleiner. So kann auch die Normalsprache etwas von der seelsorgerlichen Sprache aufnehmen, so wie die Normalpädagogik Methoden aufgenommen hat, die früher für die Sonderpädagogik entwickelt wurden. Was „normal“ ist und was „am Rand steht“ – diese Grenzen verschieben sich.
Das Wesentliche der „mythologischen Sprache“ besteht darin, dass sie die Gegenwart Gottes gerade auch im Schwierigen glaubhaft machen kann, dass sie Hoffnung weckt und dazu einlädt, den Weg im Vertrauen zu gehen. Das wünsche ich unseren Kindern und der kommenden Generation.
Aus dem Vorwort zum Buch «Heulen, Zähneklappern und Himmelfahrt. – Für eine Rückgewinnung des mythologischen Erzählens in der reformierten Kirche. Notizen 2003.
Mytho-Poesie
Immer wieder ist es mir ein Bedürfnis, den Weg Christi zu meditieren, nicht nur seinen Weg auf dieser Welt, sondern auch das, was von der Theologie als „Mythologie“ ausgeschieden worden ist. Anders als die Fachtheologen finde ich tiefe Befriedigung darin. Diese Geschichten antworten auf Fragen; sie antworten nicht, wie die Wissenschaft das tut, und nicht, wie die tätige Praxis das tut. Aber sie füllen mit ihrer Erzählung eine Lücke, die die Wissenschaft und die Praxis nicht füllen können. Sie liegen eine Etage tiefer oder höher.
Erzählte Wirklichkeit
Es geht um eine Erschliessung der „Welt“, die diese erst so vor Augen führen, dass Grenzpfähle sichtbar werden und ein Weg sich abzeichnet. Sie geben der Wirklichkeit eine Struktur, entsprechend den Bedürfnissen des Menschen. Sie ordnen, was „es gibt“ so, dass es „begegnet“ auf dem Weg des Lebensvollzugs. Sie geben ihm ein Gesicht, sodass er sich „gegenüber stellen“ kann. Sie bereiten alles, was ist, war und kommt, so auf, dass es „entgegen tritt“ in der Gegenwart.
Sie erlauben die Konzentration auf das Wichtige im Augenblick. (Im Gebet findet der Gläubige eine Haltung, sei es am Morgen zum Aufstehen, sei es am Mittag im hellen Tag, sei es am Abend zum Abschliessen und Anvertrauen.) Sie fassen die Wirklichkeit nicht in eine Formel zu ihrer Berechnung und technischen Ausbeutung – aber in ein „Du“. Das entspricht der menschlichen Selbstwerdung. An diesem Du lernt der Mensch sich selber verstehen.
Himmel- und Höllenfahrt
Hier eröffnet sich ein neues Verstehen für die mythologischen Teile der biblischen Christus-Verkündigung. Sie können rekonstruiert werden nicht nur philosophisch im Sinn einer „neuen Mythologie“, einer Rehabilitierung des symbolischen, narrativen, mythologischen Redens. Der „Abstieg ins Reich des Todes“, die Begegnung mit „Dämonen und Gewalten“, der „Aufstieg zu Gott“, das Überwinden von „Thronen und Mächten“ und das Erhöht-Werden zur Rechten des Vaters, von wo er wiederkommen wird als Richter am Jüngsten Tag – das alles sind Bilder, die unmittelbar verständlich sind, sie entsprechen einem Empfinden, das sich diesen im Körper abgespeicherten Erfahrungen öffnet.
Mythos und Trauma
Die Trauma-Psychologie, die Erfahrung mit den grossen historischen Traumatisierungen des 20. Jahrhunderts, die erst jetzt, mit 50, 60 Jahren Abstand, in grösserem Umfang angeschaut und ausgesprochen werden, das verlangt geradezu nach einer solchen Sprache, die den Schrecken der inneren Erfahrung gewachsen ist.
Woher der gemeinsame Bilderschatz auch stammt, ob aus dem kulturellen Erbe, ob aus atavistischen, biologisch verankerten Erfahrungen, ob durch das Erbe der Kollektivpsyche in ihrer phylogenetischen Entwicklung – er spricht sich heute überall aus, in Comics, in Filmen, in Fantasy-Produkten der Unterhaltungsindustrie – nur in der Theologie nicht, die sich immer noch ans das Verdikt der mythologischen Sprache hält und ans Phantasiebild eines „modernen Menschen“, der nicht gleichzeitig Radio hören und an Mythen glauben könne.
Aus Notizen 2014
Ein Comic aus Hiroshima
Seit vielen Jahren habe ich wieder mal einen Comic gelesen: „Akira“ von Katsuhiro Otomo.
„So ist es!“
Am Anfang steht eine Explosion wie seinerzeit die Atomexplosion über Japan. Und wenn ich sein Buch lese, spüre ich, dass ich seither eigentlich – trotz Ende des Kalten Krieges – immer noch den Kopf eingezogen habe.
Die Japaner leben in dem Land, in dem die Bombe niederging. Sie haben sich in den Trümmern wiedergefunden. Sie mussten die Städte wieder aufbauen. Sie kämpfen mit den Spätfolgen bis heute.
Sie mussten hinsehen. Das macht das Packende dieser Erzählung aus und das Gefühl: hier ist Wahrheit. Sie ist in Comic-Form, aber die Bilder wirken authentisch.
Im Hintergrund steht bei mir auch der neue Konfirmanden-Unterricht. Bald habe ich wieder 30-35 Jugendliche, denen ich die Welt und das Leben aus christlicher Sicht erzählen soll und die genau spüren, wo das Authentische aufhört und „die Mache“ beginnt… Nicht das Unvermögen ist hier schlimm, das kennen sie auch, aber das Unechte, das Sich-nicht-Stellen.
Jugendliche in diesem Alter gibt es auch in diesem Comic. Eine Bande von Jugendlichen lebt in Neu-Tokyo, sie kommen aus Familien, die so zerrüttet sind wie das Land. Sie sind in Gangs organisiert, die ihnen den Schutz geben, den ihnen die desintegrierte Gesellschaft und die desorganisierte öffentliche Gewalt nicht geben können.
Der Wiederaufbau von unten, das „nation-building“, der Aufbau einer neuen Zivilgesellschaft, reproduziert nicht das Alte. Das ist so nicht mehr zu haben. Es organisiert sich um kleine Zellen, die Sicherheit garantieren können. Das sind z.B. Gangs, Banden in den Suburbs, Jugend-Gruppen, die zu allererst mal den Schulweg sichern. (Wir kennen das aus dem Ausland, Ansätze gibt es auch in der Schweiz).
Wir sehen ihre Selbstorganisation, die sich um „die Erwachsenen“ und ihre Welt gar nicht mehr kümmert und die der Schule mit Verachtung und mit Tricks des Sich-Gerade-Noch-Durschummelns begegnet. Wir sehen die Ohnmacht der Lehrer, ihren verbissenen Zorn, der sich bis zu Hass und Verachtung steigert, weil sie mit diesen verlorenen Kindern auch ihr eigenes Leben verlieren an dieser Schule. – Ein Teufelskreis des gegenseitigen Kleinmachens, der ausgerechnet das erzeugt, was er verhindern will. Diese Story, diese Bilder wecken in mir das Gefühl: „So ist es!“
Das grosse Erzählen …
Dazu kommt das grosse Erzählen. Es nimmt die Grunddaten der Weltwerdung auf, beginnt bei der Stunde null, mit dem Einschlag der Bombe, in der zerstörten Welt und spielt „38 Jahre danach“, als der Wiederaufbau erst begonnen hat, aber die Zerstörung überall noch weiterwirkt, auch in der Traumatisierung der Menschen.
… angefangen bei der Stunde null
Das ist auch eine Grundtatsache im subjektiven Erleben der Menschen, dass sie vom „Alten“ immer wieder eingeholt werden, dass das Leben immer wieder in dieselbe Kerbe schlägt. Ihr Leben steht wie unter einem Bann. Und diese Traumatisierung greift jetzt bereits auf die zweite Generation über: auf Jugendliche, die nicht erhalten, was sie brauchen, die bis in die Mimik hinein zeigen, dass sie „kaputt“ sind, die sich mit Jungend-Gangs Umgang und Sicherheit organisieren und mit Tablettenschlucken „Speed“ oder Benebelung „einwerfen“.
Die Bombe hat auch im Erleben der Menschen einen ungeheuren Krater geschlagen, so wie er im Eröffnungs-Bild zu sehen ist, als die Jugendlichen ausbrechen, in die alte Stadt fahren (in unbewusster Suche nach der Ursache ihrer Misere) und plötzlich vor diesem ungeheuren schwarzen Loch stehen.
… entlang dem Suchweg der Seele
Eine solche Art des Erzählens, das beim Donnerschlag ansetzt, bei den Grunddaten des Daseins und Erlebens, eine solche Art des Erzählens, das den Suchweg der Psyche nachzeichnet, die ihre Labyrinth-Wege verstehen will, die sich versichern will, woher sie kommt und wo sie gehalten ist, die spüren will, dass sie auf einem grossen Weg geht, der durch alles hindurch führt, eine solche Erzählung kannte seinerzeit auch die Bibel. Es hat sich durch Wiederholung und Distanz abgeschliffen. Die Bilder reden nicht mehr. Ausser sie werden auf diese Art mit Erfahrungen aus unserer Zeit, aus unserem eigenen Erleben aufgefüllt.
Da sind die grossen «Äonen», wie im apokalyptischen Schema in der zwischen-testamentlichen und früh-neutestamentlichen Zeit. Da ist die „Schöpfung“, der „Untergang“, der Beginn der „Neuen Schöpfung“. Da sind die Bombenschläge und die kosmischen Ereignisse, die das Leben des einzelnen in einen ungeheuren Rahmen spannen.
Da sind aber auch die Kräfte, die aufbauen – nicht spektakulär, aber sie bringen die ganze Geschichte ins Rollen. Da ist das Trotzdem des Lebens, die Kraft, die Leben zeugt auch ohne den Willen des Menschen und die sich selbst gegen seinen Willen durchsetzt.
Da ist die ganze Macht der Sinnlosigkeit. Ihre Argumente sind unwiderleglich. Da ist der Weltkrieg, da ist der Völkermord, da ist die Schoah, da ist Wiederholung um Wiederholung. (Und die Opfer werden Täter. Auch die Hoffnung auf das Besserwissen der Opfer wird enttäuscht.) Aus dieser Kraft erfolgt nichts als Untergang.
Da ist das Faktum des Lebens, ohne Argument. Es geht auf wie die Sonne, und niemand wusste davon, niemand hat sie aus der Tasche gezaubert. Das schlicht Undenkbare und Unmachbare. Und wieder ist es wie bei der Sinnlosigkeit: ihre Argumente sind unleugbar. Es ist licht. Und es bricht sich genauso Bahn im Leben der Protagonisten wie die Schatten der Vergangenheit. Das macht die Geschichte dieser Jugendlichen in Neu-Tokyo aus. Das macht unser Leben aus.
Das ist ein Modell, wie man wieder erzählen kann. Das Neue kommt wie ein Faktum. Wie die Sonne, die aufgeht. Aber erst ist das Hinsehen, das Wahrnehmen von dem, was ist. Erst muss man die Katastrophe wahrnehmen, das Trauma erzählen. Dann ereignet sich der Neubeginn. Nicht aus unserer Kraft.
Im Dunkelraum
Das Erzählen gewinnt seine Gewalt erst wieder, wenn es Himmel und Hölle in Bewegung setzt, und zwar glaubhaft. Wie habe ich als Kind mitgefiebert bei Seereisen, bei der „Schatz-Insel“ von Robert Louis Stevenson! Die Schifffahrt als Modell der Seelenfahrt durch ihre Abgründe, als Bild der Odyssee des Menschen durch sein Leben auf der Suche nach seiner Bestimmung… – die Schifffahrt funktioniert so nicht mehr. Die x-tausend-Bruttoregistertonnen-Schiffe fahren ruhig durch die Brecher, wo die kleinen Segelschiffe früher auf Tod und Leben konfrontiert waren.
Die Satelliten-Navigation weist dem Autopiloten den Weg, wo früher das Dunkel einer sternenlosen Nacht das Erleben in alle Abenteuer der Psyche stürzte, wo aus dem Dunkel archetypische Bilder auftauchten und die Seefahrt zu einem überzeitlichen Ereignis machten.
Aber gehe mit Kindern durch einen Dunkelraum, und sei es nur im Erlebnispfad einer Freizeitanlage. Da ist es wieder zu erleben! Ursprünglich ist das Dunkel (wie der Wald im Märchen, wie die Nacht auf See) die Folie, vor der die Kräfte aus dem eigenen Innern sich bemerkbar machen.
Wegmarken
Im Dunkeln orientiert sich die Psyche wie im Traum. Sie setzt Wegmarken. Sie entfaltet das einmalige, grosse Abenteuer des Menschseins, ja der Menschheit auf ihrem Grossen Weg. Sie weiss nicht, woher sie kommt, sie weiss nicht wohin sie geht.
Sie hat nichts als Ahnungen. Sie hat nichts als die Furcht, die sich immer wieder in Katastrophen-Ängsten konkretisiert, dass ihr Weg im Dunkeln endet. Sie hat nichts als die Hoffnung, die sie immer wieder in Herkunfts-Erzählungen vergewissert, dass sie aus einem anderen Ursprung entstanden ist, einem Ursprung, der die eigene Kraft übersteigt.
Sie hofft in diesen Herkunfts-Erzählungen, dass ihr Weg einem anderen Willen folgt, so dass sie sich dort gehalten weiss – über alle Schwäche menschlicher Kraft hinaus, über all die Böswilligkeit und Unfähigkeit des Menschen hinaus, die immer nur Zerstörung zu bewirken scheinen.
Äussere und innere Welt
Zur Wahrnehmung der äusseren Realität, wie es Katsuhiro Otomo eindrücklich zeigt, gehört die Wahrnehmung der inneren Welt. Das Erzählen gewinnt seine Gewalt erst zurück, wenn die Mechanismen der inneren Welt, ihre Bilder und Mythen, aufgenommen werden. Das ist eigentlich schon ein Gemeinplatz im Zeitalter der Re-Mythologisierung.
Aus Notizen 2003
Mystik zur Zeit der Katastrophen
Die Krisen und Infragestellungen zu Beginn des neuen Millenniums lösten bei mir eine Suchbewegung aus, ich suchte eine Antwort im Glauben. Bei Psychologen fand ich Versuche, die «Seele» neu zu denken und im Konzept des «Ganzen» zu verankern. So finden sich in der Kultur dieser Zeit Ansätze zu einer «neuen Mystik», während die Fachtheologen die Bibel noch «historisch» lesen.
Wenn «Mystik» eine Art der Betrachtung meint, die das Kleine im Grossen und das Grosse im Kleinen anwesend sieht, dann zeigt sich hier vielleicht eine «Mystik für das Zeitalter der Katastrophen». So kann die erschrockene Seele sich vergewissern, dass sie aus aller Wirklichkeit nicht herausfallen wird.
Die Entwürfe der Psychologen driften teils ins Esoterische ab, sie ermutigen aber doch, alte theologische Konzepte neu zu befragen.
Eine reformierte Mystik
Die reformatorische Auffassung von der Bibel, vom biblischen Wort und seiner Verkündigung, ist ein mystisches Konzept. Es handelt von „allem“ und wie der Mensch darin situiert ist.
Das Wort, das verkündigt wird, steht in Beziehung zu jenem „Wort“, das am Uranfang ergangen ist und das die Welt ins Leben gerufen hat. Das ist der „Logos“, wie es der Evangelist Johannes beschreibt. Er ist gegenwärtig und immer neu zu finden. Er ist das «lebendige Wort», das im «gesprochenen Wort» anwesend ist und mithilft, dass dieses auf Glauben stösst. Im glaubenden Aufnehmen des Wortes erhalten die Hörenden Anteil an dem dort ausgesagten Heil, an Vergebung und Versöhnung.
Sie dürfen in neuer Unschuld einen neuen Anfang machen in ihrem Leben und trotz allen Versagens und Zerbrechens alter Hoffnungen wieder das Höchste hoffen: dass ihr Leben nicht verloren geht sondern ans Ziel kommt.
Mystik heute
Die Erneuerung der mystischen Frageweise ist interessant für die Frage, wie sich heute von dem reden lässt, was die Tradition mit «Christus» meinte:
- Da ist die Gegenwart des Ganzen im Augenblick; die Teilhabe des einzelnen am Ziel; sein Hervorgehen aus einem grossen Ursprung und sein unverlierbares Gehalten-Sein.
- Der Weg des Menschen erscheint als Nachfolge auf einem Weg, der uns und dem Sein schon eingeprägt ist, so dass wir darauf Ziele erreichen, die aufgrund unserer Kräfte allein unerreichbar wären, die aber doch unsere Wachsamkeit, Anstrengung und Verantwortung verlangen, von Schritt zu Schritt, von Augenblick zu Augenblick.
- Der Weg kann auch verpasst werden. Aber es gibt immer wieder Hilfen zur Rückkehr.
- Noch im letzten Augenblick kann das Ganze gewonnen werden, wie der «Schächer» am Kreuz zeigt. Aber diese Kraft hat jeder Augenblick, wir können uns ins Ganze stellen, das Tor in der Mauer durchschreiten und in den Garten eintreten.
- Das Ganze ist schon da, und doch müssen wir den Weg gehen, ohne Stellvertretung.
Aus Notizen 2003
Nach dem Hitze-Sommer 2003
Alles, was uns in den letzten Wochen und Monaten beunruhigt hat, scheint wieder im Geleise: Die Hitze ist vorbei, es hat endlich geregnet, Gärten und Kulturen haben wieder Wasser. Die Waldbrände sind gelöscht. Die Temperaturen sind etwa 10 Grad tiefer, man mag wieder hinausgehen. Die Geiseln, die ein halbes Jahr in der Sahara festgehalten wurden, sind frei. Die grösste Katastrophe, die es je in einem Stromnetz gegeben hat, ist ohne schlimme Folgen vorübergegangen. Rund 40 Mio. Menschen in den USA und in Kanada waren ohne Strom. Zuguterletzt hat sich auch die Börse etwas erholt…
Alles scheint wieder gut, wie oft nach den Ferien. Die unwirklichen Bilder, die uns oft während der Ferien erreichen – in den Ferien nehmen wir alles nur von ferne wahr – diese unwirklichen Bilder sind vorbei. Der Alltag hat wieder angefangen mit seinen kleinen Alltagsfragen. Die Nachrichten dieses Sommers wirken aber doch nach. Es ist nicht so leicht, wieder zum Alltag überzugehen. Die Hitzewelle hat uns echt aufgeschreckt.
Gilt das nicht mehr, dass wir von Gott gehalten sind, dass er uns einen guten Weg führt? Zeigt die Wirklichkeit hier ein abgründiges Gesicht? Wird der Boden plötzlich löchrig und abschüssig, auf dem wir bisher standen? Müssen wir schwarzsehen für den Weg der Menschheit? Müssen wir Angst haben für unsere Kinder und Ihre Zukunft?
Aus einem Gottesdienst 2003
Wirkmächtig erzählen
Die Notizen 2003 schliessen sich an die Notizen zum „Katastrophenjahr“ 2001 an und führen die dort begonnenen Suchprozesse fort: Wie können die Infragestellungen des neuen Millenniums im Glauben beantwortet werden?
Im Trauma finde ich eine Wirklichkeitserfahrung, die der mythischen Sprache nahe kommt in ihrer Intensität und in der Verschränkung von objektiver und subjektiver Realität, die „jetzt“ begegnet.
Von Gott erzählen…
Ziel ist nicht eine religiöse Sprache im psychischen „Normal-Zustand“ oder was sich dafür hält. Die gibt es schon in vielfacher Ausprägung. Die Bilder aus jener „Höllen-Region“ helfen, die religiöse Zusage auch dort auszurichten, wo rationale Ansprachen nie hingelangen, bei Menschen, die verletzt und isoliert sind, die sich nicht mehr zuverlässig integrieren können, weder in ihrer Psyche noch in der Gesellschaft, und die somit aus beidem herauszufallen drohen. Ihnen gilt der Zuspruch des Evangeliums zuerst. Die Menschen mit gelungener Integration haben ihre rationalen Sprachen und Kalküle. Jene Menschen aber brauchen Christus, der in ihre „Hölle“ hinabsteigt und sie dort herausführt, der ihre „Füsse auf ein weites Land stellt“ (Ps 31), der ihnen Hoffnung und Motivation zurückgibt.
… in einer Zeit der Krisen
Das betrifft unter „normalen“ Umständen wenige, unter Krisenbedingungen, wie sie das neue Millennium vermehrt verursacht, betrifft das eine grössere Zahl von Menschen, die ohne eine solche Hilfe am Rand bleiben oder darüber hinausfallen.
Die Wiedergewinnung einer mythologischen Sprache, die erfahrungsgesättigt von solchen Erfahrungen sprechen kann, ist somit eine seelsorgerliche Hilfe. Sie ist aber auch ein Gewinn an sich, weil die Sterilität einer entmythologisierten Kirchensprache durchbrochen wird und Menschen sich in den Schilderungen wiedererkennen.
„Mythos“ / „mythologisch“ – diese Begriffe wirken im Zusammenhang mit dem Christentum vielleicht provokativ und unverständlich. Im Prinzip geht es mir um nichts anderes als um die biblische Sprache. Es ist ein Versuch, die mythische Bild-Sprache der Christus-Erzählung und anderer biblischer Texte wieder nachsprechbar zu machen, so, dass es Menschen heute erreicht.
Aus «Heulen, Zähneklappern und Himmelfahrt. Für eine Rückgewinnung des mythologischen Erzählens in der reformierten Kirche. Notizen 2003, Nachwort.
Dieses Buch lässt sich von diesem Blog herunterladen, klicken Sie auf die Menüleiste unter «Downloads».
Stirbt Gott in den Unglücken dieser Welt?
«Stirbt Gott in den Unglücken dieser Welt? – Das KKW-Unglück von Fukushima hatte etwas Demonstratives: «Der praktische Atheismus wird noch eine Schraube weitergedreht: Wir machen die Welt kaputt und wir können es. Es gibt keinen Gott.»
- April 2011
Die grossen Fragen
Zwei grosse Fragen beschäftigen heute die Menschen: Klimawandel und Artensterben. Sie bedrohen das Weiterleben der menschlichen Zivilisation in ihrer heutigen Gestalt. Auf anderer Ebene liegt der Abbruch der christlichen Tradition, aber auch das ist ein Ereignis von säkularer Tragweite. 2000 Jahre lang wurde der Stab im Staffetenlauf der Generationen weitergegeben, erstmals soll das jetzt abbrechen und das Christentum zum Spott und zum Schimpfnamen werden.
Als Vater möchte man die Kinder behüten. Aber man ist selber Teil dieser Welt. Man reproduziert, was sie ausmacht, und gibt weiter, was sie zerstört und uns kaputt macht.
Ist Gott in all dem nur Objekt? Ist er tot, wenn wir nicht mehr von ihm erzählen? Stirbt er mit der Tradition? Haben also all die Kritiker recht, die Religion als Kulturphänomen betrachten, als Projektion, als eine Vorstellung des Menschen, die mit ihm ausstirbt, so wie wir bei Baugruben vor den Artefakten der Pfahlbauer stehen und aus den Grabbeigaben erschliessen, dass sie so etwas wie eine Religion gehabt haben, ein fremdes Gebilde, zu dem wir keinen Zugang mehr haben?
Versagt unser Erzählen von Gott?
Die Menschen der Bibel haben dort nicht nur ihre Erfahrungen festgehalten, auch ihr Nachdenken findet sich dort, über eine lange Zeit. Der Prophet Jeremia lebte zur Zeit der grössten Herausforderung, als nach dem Nordreich auch das Südreich überfallen und ins Exil verschleppt wurde.
Da blieb kein Stein übrig von der alten Herrlichkeit und kein Buchstabe schien noch zu gelten von den alten Verheissungen: auf Eigenstaatlichkeit unter einer Königsynastie, auf Frieden und Wohlstand. Wenn er die Ereignisse darstellen wollte als von Gott gefügt, dann musste er immer Strafe ansagen. Kaum je gab es eine Verschnaufpause in der Kadenz der Unglücksfälle. Vielleicht hat er sein Leiden an einer solchen Aufgabe selber überliefert, vielleicht sind es die Nachkommen, die seine Aufgabe reflektierten und die ihn bei all dem begleiteten mit Berichten und Klagepsalmen, in denen er seinem Leiden Luft macht.
So klagt er vor Gott, dass er immer nur Unglück ansagen muss. Er wird in die Isolation getrieben. Niemand hört auf ihn, er wird verspottet und verfolgt. Schliesslich verflucht er den Tag seiner Geburt – ein Kontrast zu seiner Berufung, wo Gott sagt, dass er ihn schon von Geburt an ausgesondert habe zu seinem Werk.
Versagt etwa Gott in der Katastrophe der Welt?
Die Menschen, die die Bibel überliefern, begleiten Jeremia auf seinem Weg. Und aus der Frage nach dem Schicksal des Propheten wird eine Frage an Gott selbst: Kann er sich denn nicht durchsetzen auf der Welt? Ist sein Wort kraftlos? Lässt er die im Stich, die sein Wort ausrichten?
Und wenn er Untergang und Zerstörung bringt – ist es das, was ihn ausmacht? Weiss er darüber hinaus nichts zu sagen? Ist er ein «zorniger Gott» und nichts darüber hinaus? Ist seine Gnade, sein Erbarmen, von dem die Tradition erzählt, ohnmächtig gegenüber seinem Zorn?
Das Neue Testament schliesst daran an. Gott schickt seine Propheten, heisst es im «Gleichnis von den bösen Weingärtnern», sie töten sie. Da schickt er seinen Sohn, sie bringen ihn um, damit sie den Weinberg allein besitzen. Darauf macht er alle nieder. – Ist das die Souveränität Gottes, zeigt sich so der starke Gott, der den Dingen gewachsen ist?
Ein Nachdenken, an dem das Leben hängt
Das Nachdenken in der Bibel bleibt dabei nicht stehen. Und es ist kein Nachdenken vom Schreibtisch aus, es ist ein Nachdenken, an dem das Leben hängt.
Die Frage nach dem Weg, den die Botschaft nimmt, das ist die Frage nach dem Weg Gottes selber. Welchen Weg nimmt er in der Welt? Kann er sie erlösen oder ist er ohnmächtig? Will er sie erlösen oder ist er gar kein Gott, sondern ein Dämon, der sein Spiel mit den Menschen treibt?
Oder thront er über all diesen Unterscheidungen, die menschliches Gutbefinden hervorbringt, ist er erhaben über Güte, Erbarmen und Vergebung und muss sich der Glaube, wenn er nicht ganz verloren gehen will, einrichten in einer erbarmungslosen Wirklichkeit, die – gemessen an den alten vertrauten Landschaften einer religiösen Geborgenheit – einer gottlosen Welt gleicht, in der Prinzipien herrschen, die vom Menschen mit seinem psychischen Apparat nicht verstanden werden können, allenfalls von einer kalten Vernunft, die nach der Katastrophe den Satz spricht: «Es musste so sein! Es konnte gar nicht anders kommen! Haben sie sich nicht selber ihr Grab gegraben?»
Diesen Weg von Vertrauen und Zweifel bin auch ich im Jahr 2011 gegangen. Ich bin kein Prophet, aber als Pfarrer musste ich jeden Tag vor Menschen hintreten und Antwort geben. Mein Tun ist nicht der Rede wert, aber das Evangelium war mir doch aufgetragen. Was ich denke, interessiert niemanden, aber es war doch die Grundlage, auf der ich die Botschaft ausrichtete, wie ich versuchte, am Glauben an Güte und Barmherzigkeit festzuhalten, aber auch an der Pflicht zu Recht und Gerechtigkeit. Und wie Jeremia wurde es mir bald zu viel, auch wenn ich mich in keiner Weise mit Jeremia vergleichen kann. Der gerechte Gott ist ein starker Gott, aber seine Gerichte sind furchtbar.
Rollenprosa und Propheten
Hilfreich wurde mir auch eine Textsammlung, die ich im Jahr 2011 anlegte: «Rollenprosa und Propheten». Erst trösteten mich die Ereignisse im Leben der Propheten, wo sie auf Widerstand stiessen, kein Gehör fanden. Dann sah ich, dass die Bibel selber darüber ins Nachdenken geriet: warum Gott kein Gehör findet, warum seine Propheten verfolgt werden.
Das geht weiter bis ins Neue Testament, wo selbst Gottes Sohn abgelehnt wird. «Er kam in das Seine und sie nahmen ihn nicht auf», so fasst der Johannes-Prolog es zusammen.
Muss die Rede von Gott scheitern?
Es ist hilfreich und spannend, der Bibel zuzusehen, wie sie diese Erfahrungen verarbeitet und nach Antwort sucht. Die Erfahrungen mit der Botschaft, werden in diese selber eingetragen. Schon bei der Berufung der Propheten klingt es an, dass sie auf Widerstand stossen werden. Die Klagepsalmen Jeremias begleiten ihn auf seinem Weg. Und wenn er bei der Berufung noch «ja» sagen konnte oder «nein» («ach, Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung»), hier zeigt die Erfahrung einen ganzen Stationen-Weg, den sein „Amt“ mit sich bringt. Das hilft und bringt Trost. Und es zeigt, wie Gott seine Sache doch ans Ziel bringen wird.
Die Aussendungsrede im Neuen Testament, die die Berufung der Propheten im Alten Testament aufnimmt, kann den Boten schon einen ganzen Stationen-Weg vor Augen stellen. Sie wird somit wie ein Inbegriff all dieser Szenen und Erfahrungen: Auftrag, Widerstand, Leiden, Zusage des göttlichen Beistandes. Dazu gehört auch die Erfahrung des Versagens der Menschen in diesem Amt. Trotzdem und durch alles Versagen hindurch geht das Wort seinen Weg zu den Menschen und über die Welt.
Das verdeutlicht einen Aspekt aus dem Alten Testament: Die prophetische Rede, die Rede von Gott wird scheitern, das Gericht kommt und Gott hat darin trotzdem nicht versagt! Das war für die frühe Kirche und die Anhänger Jesu von kritischer Bedeutung: Wie den Skandal der Kreuzigung verstehen? Sollte Gott, wenn er in die Welt kommt, diese nicht retten können? Die Soldaten spotten: Wenn du der Erlöser bist, rette dich und uns!
Es liegt nicht an den Menschen, die von Gott reden wollen und nur stammeln können, die nicht sagen können, was nötig wäre, die es nicht so sagen können, dass es gehört würde an den Orten und zu den Zeiten, wo es drauf an käme. –
Es geschieht notwendig so, Gott selber, als er kommt, wird nicht erkannt, man verspottet ihn wie früher die Propheten, man übergeht ihn, wie früher die Weisen, man schlägt ihn, wie früher die Mahner, man bringt ihn um, wie früher die Unbequemen, die keine Ruhe gaben.
Was sollten Menschen da ausrichten? Und trotzdem ist ihre Arbeit gefordert bis zum letzten Atemzug! Trotzdem ist ihre Mühe nicht umsonst, trotzdem braucht es ihre Liebe, und wäre es nur, damit sie über ihrer Berufung nicht verbittern und ihr Amt und ihr Leben nicht verfluchen, wie weiland Jeremia.
Die Zusammenstellung der Texte zu Rollenprosa und Propheten endet mit diesen Worten:
Gott versagt und er siegt, er wird getötet und bringt das Leben zurück. Er stirbt am Kreuz und aufersteht aus der Grabhöhle. Und er stellt sich an den Anfang des Zuges. Und Millionen ordnen sich hinter ihm ein. Und die Trompeten und Fanfaren, die erschallen, das sind die Seligpreisungen: «Selig die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden! Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!»
Aus dem Nachwort zu «Der Starke Gott, Notizen 2011». Der Anhang «Rollenprosa und Propheten» ist auch separat als Broschüre erschienen und kann im Download-Bereich dieses Blogs heruntergeladen werden.
