Grosses Erschrecken
Gestern Abend vor dem Fernsehgerät bin ich zwei Mal erschrocken. Und ich habe mich noch nicht wieder beruhigt. Es wird vielen so gehen, die das gesehen haben. So wird der Abend wohl etwas bewegen. Man kann darüber nicht einfach schlafen gehen.
Die Lawine
Die Nachrichten zeigen Bilder: ein riesiger Platz in Nepal vor einem grossen Gebäude, Menschen klein wie schwarze Punkte, so weit entfernt ist das Geschehen. Plötzlich beginnen sie zu rennen, sie sehen aus wie Ameisen. Da plötzlich, von aussen, von oben, etwas wie eine riesige schwarze Hand, die alles auswischt – eine gigantische Schlammlawine, die alles überzieht und mit sich reisst.
Die kleinen Punkte, die Menschen darstellen, die grosse schwarze Hand – das stand in einem gigantischen Missverhältnis. Man dachte an antike Tragödien und biblische Bilder, an den Zorn der Götter – und die Menschen hilflos ausgeliefert, wie Ameisen, die man wegwischt. Es war wie eine Antwort an jene, die den Klimawandel für ein politisches Problem halten, etwas, das mit Methoden der Politik zu bewältigen sei. Aber wird es hier Kompromisse geben? Ist da einer, der sich auf einen Deal einlässt? Reicht es vielleicht, wenn man symbolisch auf die Gegner zugeht und ein Ritual zelebriert? Die schwarze Lawine hat solche Gedanken einfach weggewischt.
Die Wahl
Was mich gestern in den Nachrichten auch erschreckte: ein Interview mit dem AfD-Politiker, der in den kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt voraussichtlich gewählt wird. Er sprach erregt, klagte die bestehende Regierung an, den Staat, das System, bald würden sie radikal einfahren…
Die EU, so habe ich gelernt, ist auch ein Projekt der «deutsch-französischen Aussöhnung» nach den beiden Weltkriegen. Auch in der NATO gehe es nicht nur um den kollektiven Schutz des Westens. Vom ersten Generalsekretär, Lord Ismay, ist das Bonmot überliefert, der Sinn der NATO sei „to keep the Americans in, the Russians out and Germany down“.
Wenn Rechtsradikale die Regierung von Bundesländern übernehmen, wenn Deutschland die leerstehenden Produktionsanlagen der Automobilindustrie verwendet, um die Rüstung aufzubauen, dann taucht plötzlich die «Angst vor Deutschland» wieder auf, die man viele Jahre für überwunden glaubte. Müssen wir uns vor einem starken Deutschland fürchten?
Deutschland hat den Nationalsozialismus nicht von sich aus abgelegt, es wurde im Krieg bezwungen. Wer garantiert, dass mit dem alten Gedankengut nicht Revisionismus und Revanchismus zurückkehren? Die Abkehr vom Gedankengut wurde im Nachhinein vollzogen, es äusserte sich auch in der Erinnerungskultur, im Gedenken an den Holocaust, in der Scham angesichts des Zivilisationsbruchs durch den Versuch der industriellen Tötung von Menschen in Vernichtungslagern.
Wenn das relativiert wird, wer sagt, dass es so etwas geben wird wie Bündnistreue, Bindung an Recht und Verfassung, Respekt vor Minderheiten und Menschenrechten? Es scheint grotesk, solche Fragen zu stellen. Ich wäre bis vor kurzem nicht auf die Idee gekommen. Aber gestern vor dem TV bin ich erschrocken, vor der Schlammlawine in Nepal, die mit ungeheurer Gewalt alles ausgewischt hat und vor dem Kandidaten der AfD und seinem Programm.
Foto: Dajana Reçi, Pexels








