Bevor sich die Erinnerung verflüchtigt und alle Dinge sich ins Dingsda-Land zurückziehen, gehe ich nochmal durch meinen Garten. Da gibt es Kartoffeln, Sellerie und Karotten. Und diese kleinen Blümchen, die eingewandert sind. Wie heissen sie noch gleich? Weiterlesen
Schlagwortarchiv für: Lebensbilanz
Kürzlich sassen wir bei einer Klassen-Zusammenkunft beieinander. Es war die erste seit vielen Jahren und wir waren neugierig, voneinander zu hören. Der eine war Koch geworden und er erzählte, wie er als Lehrling im Souterrain arbeiten musste. Das hat ihm damals zu schaffen gemacht. „Da oben“ sagte er, „da sitzen die feinen Leute. Die gehen ins Restaurant. Und hier unten bin ich und mache die ganze Arbeit. Ich kann nicht mal Gast sein in dem Restaurant, wo ich arbeite. Ich kann es mir nicht leisten.“ Oft habe er in seiner Lehrlingszeit gedacht: „Könnte ich doch zu denen da oben gehören!“ Weiterlesen
Der Löwenzahn blüht gelb im Garten, die Kinder machen Ketten daraus und Armbänder und „verkaufen“ sie auf der Strasse. Ich habe keine Augen dafür. Ich will arbeiten. Ich suche ein Wort, dass es wert ist, aufgeschrieben und gelesen zu werden. Aber ich bin leer. Nach der strengen Arbeitswoche bin ich einfach leer. So mache ich einen Spaziergang. Ob ich unterwegs etwas finde? Weiterlesen
Zur Einstimmung
Gerade dort lässt sich die Erfahrung einer Mitte machen: einer Gegenwart, die den Menschen aushalten lässt, dass er nicht mehr davoneilt, sodass ihn die Angst von hinten im Nacken packt. Nein, jetzt hat das Vertrauen so viel Boden gewonnen, dass er aushalten kann, dass er «dableiben» kann, dass er hinsehen kann.
Und er empfindet eine Gegenwart, als ob die Mitte der Wirklichkeit anwesend wäre, aus der er nicht mehr herausfallen kann, in der er geborgen ist und angeschlossen an eine Quelle, aus der ihm immer neue Kraft zufliesst.
Dieser Mensch, diese erschrockene Seele, die so lange auf der Flucht war, kann standhalten, sie selber ist gegenwärtig und damit offen für die Empfindung einer Gegenwart, die er nicht anders als religiös beschreiben kann. Wo das «Loch» war, der Abgrund, wo Dämonen hausten, die ihn in die Tiefe zogen, da ist jetzt die Mitte. Da erfährt er den Inbegriff aller Wirklichkeit, wo Zeit und Ewigkeit zusammen kommen, wo die Vergangenheit umgeschrieben und die Zukunft eröffnet wird: dass er aufbrechen kann, dass er hinausgehen kann, dass er das Leben neu beginnen kann, das ihm zugesagt ist in Fülle.
Inhalt
Das Ganze, die Mitte, das Trauma. 5
Die Scherben und das Ganze
Was sollen uns Tonscherben? Wenn in der Schweiz Überreste einer versunkenen Zeit ausgegraben werden, interessieren sich oft nur Fachleute dafür. Anders ist es bei Auslandreisen, nach Ägypten oder Mittelamerika. Die Pyramiden und Tempelanlagen zeugen von einer ganz anderen Zeit, die Pracht der Pharaonen-Gräber überwältigt. Da wird Archäologie fast zu einer Schatzsuche, es wird zu einem spannenden Abenteuer.
Oft stösst man dabei auf Bilder, als Relief eingelassen in Tempelwände oder eingegraben in ein Siegel. Die Bilder stellen oft die Welt dar, wie sie als Ganzes ist. Da ist mit wenigen Strichen alles dargestellt, von dem die Kultur damals lebte: der Fluss, der jährlich das Tal überschwemmt, der die Felder bewässert aber auch eine Bedrohung darstellt. Daher trägt er die Gestalt einer Schlange oder eines Drachens. Und man sieht göttliche Gestalten, die den Drachen bändigen, damit er nicht ausbleibt und Dürre das Leben bedroht. Ebenso wenig aber soll er als Überschwemmung kommen und Verderben bringen statt Leben.
Um solche Bilder zu verstehen, muss man umdenken. Wir sind nicht mehr gewohnt, „das Ganze“ zu denken. Ein „realistisches“ Bild ist für uns ein Bild, das darstellt, was man sieht. Bilder der alten Zeit zeigen aber auch das, was man nicht sieht, aber weiss.
So sieht man auf christlichen Ikonen einen Berg, aber er ist aufgeschnitten, und darin wird sichtbar, was Augen eben gerade nicht sehen, was nur der Glaube weiss. In unserer westlichen Kultur wurde die Ikonenmalerei im 14. Jahrhundert von der perspektivischen Darstellung abgelöst. Wir malen auf Bildern nicht mehr das Ganze, sondern das, was die Augen sehen. Und ein Foto ist für uns heute der Inbegriff eines dokumentarischen Beweises: „So, genauso ist es gewesen. Da sieht man es ja, wie es war!“
So verwundert es nicht, dass wir Mühe haben mit den Festen des christlichen Kalenders. Wir feiern sie, weil sie den Rhythmus des Arbeitslebens (noch) bestimmen, aber das Verstehen macht uns oft Mühe. Sie stammen aus einer Zeit, als der Inbegriff der Realität nicht der Schnappschuss war, sondern das „Ganze“.
Von der Auffahrt z.B. gibt es aber keinen Schnappschuss. Christi Himmelfahrt in den Kategorien des fotografischen Wirklichkeits-Denkens zu begreifen, macht daraus eine absurde Wunder-Erzählung. Als ob man „Das Ganze“ fotografieren könnte. Das Ganze „zeigt sich“ immer mal wieder im Leben, aber es ist nie als Ganzes handgreiflich da. Im kleinen Kind ist der erwachsene Mensch schon angelegt, aber der Erwachsene ist nicht auf eine Weise da, dass man ihn im Gesicht des Kindes fotografieren könnte. Der Blick der Eltern oder Grosseltern ahnt ihn vielleicht in seinen Zügen, und sie sehen auch die Verwandtschaft zu den Vorfahren. Der Kleine gleicht seinem Grossvater. Der ist im Kind auch vorhanden. Aber das ist Realität, die man weiss; fotografieren kann man sie nicht.
Auffahrt ist das Gegenstück von Weihnachten. Gott kommt zu uns herab und er kehrt wieder zurück, als Hinweis auf unseren eigenen Weg. Das Ganze unserer Welt und unseres Lebens ist hier so gemalt, wie wir es wissen, nicht wie wir es sehen. Wir wissen, dass wir uns nicht selbst gemacht haben. Sogar meine sechsjährige Tochter hat kürzlich festgestellt, dass der Mensch eigentlich „nichts machen“ kann. Er verwandelt nur, was er vorfindet. Das Metall, das aus Fabriken kommt – es lag vorher als Erz in den Bergen. Die Früchte, die wir im Markt kaufen, sie sind auf einem Baum gewachsen. Der Bauer hat ihn gepflanzt, aber der Jungbaum, den er setzte, stammt aus einem Kern, und den haben Menschen nicht hergestellt, sondern einer anderen Frucht entnommen.
Unsere Herkunft kommt nicht aus eigener Hand. Damit liegt auch das Ziel nicht in eigener Hand. Das ist das Bild, das Weihnacht und Auffahrt malen. Und es ist noch weit schöner ausgeschmückt. Da ist noch viel mehr über unsere Herkunft zu erfahren und über das, was unser Ziel sein könnte, was unser Leben ausmacht.
Die Bibel ist ein riesiges Gemälde. Wenn Sie eintreten, ist es, wie wenn Sie in Ihren Ferien durch die Tempelanlage einer versunkenen Zeit wandern. Bild auf Bild ist auf die Wände gemalt. Und je mehr sie sich darauf einlassen, desto mehr schwindet die Distanz der Zeit. Sie lernen das Bild lesen und sich aus dem Ganzen heraus verstehen, wie es hier dargestellt ist. Da wird Archäologie zu einer Schatzsuche. Es wird zu einem spannenden Abenteuer.
Aus Notizen 1. Juni 2000
Durch den Garten
Ich wollte mich wieder mal an die Maschine setzen, da ich in der Randstunde doch nichts Sinnvolles mehr zustande gebracht hätte. Jetzt ist die Zeit noch weiter fortgeschritten, und ich zweifle, ob es jetzt noch sinnvoll ist, an die Maschine zu sitzen. Nicht wegen der Zeit, sondern wegen der Offenheit.
Offenheit
An die Maschine zu sitzen bedeutet, den Mechanismen der Verdrängung zu entfliehen, mich meiner Situation zu stellen, offen, ohne im Voraus zu wissen, was daraus werden wird. An die Maschine zu sitzen, so ist mir vorher ein eingefallen, war für mein früheres Leben eine Art von „Frömmigkeit“, eine Seel-Sorge, eine Lebensgestaltung aus dem Wissen, dass es nur gestaltet werden kann, wenn der Anspruch auf Gestaltung durchrochen wird, wenn es offenbleibt, wenn die Zukunft nicht nur aus der Vergangenheit gestaltet wird…
Gott beginnt sein Gespräch
Und es fiel mir ein, was ich kürzlich in einer Einführung zum Talmud gelesen habe: Gott begann sein Gespräch mit dem Menschen, indem er ihn aufforderte: „Ziehe hinweg aus deinem Vaterlande und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause…“ (1. Mose 12f).
An die Maschine zu sitzen bedeutet Offenheit, bedeutet, den Zwang der Angstabwehr-Mechanismen schon etwas durchbrochen zu haben. Schon das Sitzen an der Maschine ist Einsamkeit, Freiheit, Reinheit, Weihe, Begeisterung, Begegnung, neu Erschaffen-Werden.
Nach einer Wegbiegung im Garten
Ich bin wieder bereit für das Unvorbereitete, offen für das Offene. Auch in der Beziehung sind wir auf Mauern gestossen, habe ich mich verschlossen. Es war schwer, diese Situation nicht an Normen zu messen und zu verurteilen («Was ist das für eine Beziehung, in der…»).
Wir mussten es akzeptieren lernen, wozu uns ein Bild geholfen hat: dass wir mit der „Beziehung“ einen Garten betreten haben, dass wir durch ihn hindurchgehen und nicht wissen, was er uns bringt. Aber alles, was begegnet, gehört zum Garten. Es ist im Bild des Gartens gar nicht möglich, etwas auszugrenzen. Es ist unser Weg. Alles was zum Garten gehört, ist gut und richtig, denn alles hat einen Grund, warum es ist.
Unausgesprochen sind alle, die den Garten durchstreifen, doch von einer Intuition geleitet, dass das „Ganze“ möglich und zugehörig ist. In gewisser Weise „vertraut“ der Magen auf die Sättigung. Die Erfüllung seiner Funktion ist seine Möglichkeit. So vertrauen wir Menschen auf unsere Grund-Intuitionen, dass sie möglich und wirklich sind. So gehört es zum Bild, dass wir heute nach langer Zeit wieder füreinander offen waren, uns nahe fühlten, uns in die Augen schauten – völlig ungeplant, unvorbereitet, nach einer Wegbiegung im Garten.
Auswanderung aus den Zwängen
Die Offenheit, die ich beim Schreiben an der Maschine erlebe, meint nicht nur die Offenheit, durch die Blendwirkung von Ängsten und zwanghaften Reaktionsmustern hindurchzuschauen, mich der Situation wieder zu stellen. Es meint auch, den Zwang zu lockern, seinen Zugriff zu lockern, seine Klammerhände aufzumachen und das, was er in Händen festhält, frei zu lassen. Es meint auch eine Befreiung von allem, dessen Verlust man befürchtet, weshalb man es festhält und sich dadurch fest macht.
Es meint eine Befreiung von inneren Ansprüchen und inneren Bildern dessen, was „richtig“ ist, und wie das Leben seinen Gang zu gehen habe, damit es gelinge… Es meint ein Sich-Ausliefern (die Wortwahl ist noch von der Aussensicht bestimmt, welche Freiheit mit Angstgefühlen begleitet). Es ist eine Befreiung, die sich und ihr Leben gerade dadurch zur Verfügung in die Hände erhält, weil sie auf Verfügen-Wollen verzichtet und alte Bilder und Zwangsvorstellungen von richtigem und gelingendem Leben hinter sich lässt.
Paradox
Indem ich das Leben in die Schanze schlage, habe ich es. Indem ich es weggebe und als Ganzes verschenke, geht es durch meine Hände und ich verfüge wirklich autonom über es.
Indem ich es aber festhalte und daran herumfeile, ohne es als Ganzes behandeln zu wollen, meine ich zwar, es sicher und fest in Händen zu halten, aber es liegt dann nicht in meiner Verfügung, sondern die Sicherheits-Mechanismen verfügen über mich. Es ist der reiche Jüngling vor Jesus; es ist die Ähre, die erst fallen muss, sich der Erde übergeben muss, bevor sie Leben hervorbringen kann…
Zieh hinaus!
Es ist das Ganze, das ins Blickfeld gerät, sobald man es weggibt, es loslässt. Wie im Märchen, das anfängt mit dem Jungen, der von zu Hause weggeht und „ins Leben hinauszieht“. Wie beim Dialog, den Gott mit den Menschen beginnt, als er den Stammvater Abraham auffordert, auch im Alter noch hinauszuziehen und alles hinter sich zu lassen, alle Sicherheiten und selbstgemachten Lösungen.
10. November 1987
Wie erzählen?
Die Frage nach dem „Ganzen“, dem „Umfassenden“, dem „Ursprung“, dem „Gegenwärtigen“, der „Mitte“, dem „Ziel“ – das ist in der Vergangenheit von Religion und Philosophie beantwortet worden. Heute, nach all den Wellen der Metaphysik- und Religions-Kritik, ist das fremd geworden. Heute ist es in der Physik rudimentär noch da als Frage nach der universellen Energieformel oder in der Kosmogonie als Urknall-These. Aber die Frage nach dem Menschen, seiner Kultur, seinem Leben-Können verschwindet hinter der Physik. Kulturelle Fragen sind nicht mathematisierbar, nicht beschreibbar in naturgesetzlichen Hypothesen. So werden solche Fragen nicht beantwortet. Weltanschauliche Antworten erscheinen als sinnlos oder werden negativ bewertet.
Es bleibt das Bedürfnis des Menschen, sich „das Ganze“ zu vergegenwärtigen, aus der „Mitte“ zu leben, sich im „Ursprung“ unverlierbar gehalten zu wissen. Der Mensch hat die Bedingung seiner Existenz nicht in der Hand. Und die Welt findet er vor, er macht sie nicht. So vergewissert er sich ihres Bestandes in Herkunfts-Erzählungen. Dort ist Bestand – trotz all der Todesmacht in der individuellen und historischen Erfahrung, trotz der Verfehlung des Menschen, trotz Selbstverlust. In seiner Herkunft findet er eine unverlierbare Würde. In der Mitte Orientierung und Gehaltensein. Auf dem Weg zum Ziel Anteil am Ganzen und Rettung aus Verzweiflung.
Dieses Bedürfnis wird von den heute anerkannten Weisen des Erzählens nicht befriedigt. Die Menschen werden auf nicht-anerkannte Formen geworfen: Aberglaube, Sekte, Psychogruppe, „blosse Religion, aber nicht Wissenschaft“.
So entstehen die Phänomene der „gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit“: Menschen im Zeitalter der Weltraumfahrt glauben an Kobolde, Hexen, Gespenster und Dämonen.
Die „grosse Erzählung“ lebt in den Suchwegen der Seele. Sie findet heute keine Entsprechung mehr in der Aussenwelt, keine Gestalt, wie sie sich in anerkannter Form intersubjektiv äussern könnte. Sie wird auf ein bloss-subjektives Für-Wahr-Halten zurückgeworfen oder in die Gruppenbildung einer von der Mehrheitskultur verachteten Sekte gedrängt.
Nötig ist ein neues Erzählen, das den Bedürfnissen entspricht, ganz prosaisch, so wie ein Telefonbuch dem Bedürfnis nach Auskunft im Bereich der Telefonnummern entspricht. Es gibt eben verschiedene Sorten von Literatur, mit eigenen Geltungs-Ansprüchen und eigenen Methoden. Das Kochbuch zeigt Wege zu einer Mahlzeit, das Telefonbuch Wege zur Adresse. Der naturwissenschaftliche Zugriff folgt dem Interesse auf technische Verwertung und die Sprache der Religion mit ihren Bildern, Symbolen und Mythen zielt auf das Ganze, die Mitte, den Ursprung, das Ziel. Und das Christentum, als Beispiel, hat 2000 Jahre lang diese Kultur zu integrieren vermocht. Da sind Lebenserfahrungen von Generationen, erprobt in Millionen von Situationen und Lebensläufen.
Geleitet wird diese neue Erzählung von der seelsorgerlichen Erfahrung mit Menschen in allen Lebenslagen. Es ist so vom Weltganzen zu reden, dass es auf ihre Fragen Antwort gibt. Und das ist dann eine „gültige“ Art des Welt-Darstellens neben dem wissenschaftlich-technischen Zugriff.
Aus Notizen 2003
Das Ganze, die Mitte, das Trauma
Das Ganze scheint auf das Ende abzuzielen. Dort erhebt sich ja die Frage, wenn die Angst auftaucht, dass etwas dem «Ende» entgegengeht: Was ist das Ganze? Es zielt aber auf Gegenwart. Ist das Ganze repräsentiert, kann man sich dort einfinden, man kann es sich gegenüberstellen, religiös im Gebet. Man kann sich verhalten. Man durchbricht die Lähmung. Man kann sich in ein Verhältnis setzen. Und alle Mittel werden frei, die menschliches Denken, Fühlen und Handeln zur Verfügung hat.
Es ist also keine spekulative, sondern eine praktische Frage, sie zielt auf das rechte Leben, auch in schwierigen Situationen, wenn der Horizont bisheriger Lebens-bewältigung verschwindet. Das erfordert als Verhaltens-Typ kein Handeln und Kontrollieren, es erfordert, gegen den Drang der Angst und der von ihr eingegebenen Abwehrmassnahmen, die in eine Spirale von Kontrolle und Gewalt führen würden, zunächst ein Vorwärtsgehen im Vertrauen. So rettet sich die bedrohte Identität, die verletzte «Ganzheit» bisheriger Lebensentwürfe.
Die «Mitte», die hier auftaucht, im Reden vom Ganzen, vom Anfang und vom Ende, ist keine Durchschnittsgrösse wie in der Politik, wo eine Partei sich als «Partei der Mitte» neu positionieren will, weil in der Mitte der politischen Bestrebungen sich am meisten Linien kreuzen und eine Positionierung dort am meisten Erfolg verspricht. Die Mitte, von der hier die Rede ist, gehört zur Erfahrung eines Traumas. Es gehört zu der langen Verarbeitungsgeschichte tiefer Verletzungen, wo die Erfahrung gemacht wird, dass sich allmählich, sehr langsam, wenn das Vertrauen Boden gewinnt, gerade im tiefsten «Loch» traumatischer Erfahrungen etwas Neues konstelliert.
Gerade dort lässt sich die Erfahrung einer Mitte machen: einer Gegenwart, die den Menschen aushalten lässt, dass er nicht mehr davoneilt, sodass ihn die Angst von hinten im Nacken packt. Nein, jetzt hat das Vertrauen so viel Boden gewonnen, dass er aushalten kann, dass er «dableiben» kann, dass er hinsehen kann. Und er empfindet eine Gegenwart, als ob die Mitte der Wirklichkeit anwesend wäre, aus der er nicht mehr herausfallen kann, in der er geborgen ist und angeschlossen an eine Quelle, aus der ihm immer neue Kraft zufliesst.
Dieser Mensch, diese erschrockene Seele, die so lange auf der Flucht war, kann standhalten, sie selber ist gegenwärtig und damit offen für die Empfindung einer Gegenwart, die er nicht anders als religiös beschreiben kann. Wo das «Loch» war, der Abgrund, wo Dämonen hausten, die ihn in die Tiefe zogen, da ist jetzt die Mitte, da erfährt er den Inbegriff aller Wirklichkeit, wo Zeit und Ewigkeit zusammenkommen, wo die Vergangenheit umgeschrieben und die Zukunft eröffnet wird: dass er aufbrechen kann, dass er hinausgehen kann, dass er das Leben neu beginnen kann, das ihm zugesagt ist in Fülle. Es ist eine neue Unschuld, ein neuer Ausgang aus dem Paradies. Nüchterner könnte man es vielleicht einfach als Gesundung beschreiben. Dass ein langer Leidensweg zu Ende geht. Und dass die Bedingungen geschaffen sind zu einem neuen, guten Anfang im Leben.
Aus Notizen 2013
«Wozu das ganze?»
Das Ganze
„Das Ganze“ – unverhofft und ungeplant taucht dieser Begriff wieder auf. Diesmal aber nicht nur funktionell als Verstehens-Horizont, sondern als eine faktische Totalität, die unterstellt wird. Der Ausgangspunkt ist nicht spekulativ, sondern folgt aus dem Lebensvollzug. Es geht um praktische Interessen, nicht um Spekulation.
Es taucht auf bei einer Beerdigung. An der Lebensgrenze, da wird eine faktische Totalität unterstellt, von der sich Begriffe ableiten wie „Ursprung“, „Ziel“, „Ankommen“. Und im Lebensvollzug, in der „Lebensmitte“ (auch diese ist nur von einer Totalität her abzuleiten) taucht die Vorstellung auf vom „Weg“. Das ist „die“ Kategorie der Lebens-Leitung in allen Religionen.
Der Weg
Durch das Verständnis, auf einem Weg zu sein, wird jedes Tun und Denken zu einem „Schritt“, es ist orientiert auf ein Ziel. Es weiss sich begleitet von einem Ursprung, der mitgeht. Es hat jederzeit Zugang zum Ganzen, es kann im Gebet durch das „Tor“ gehen und sich „vor Gott stellen“.
Der „Weg“ fügt die Spanne zwischen Geburt und Tod ein in das grosse Geschehen zwischen Ursprung und Vollendung. Es fügt sie ein in die Erzählung von „allem“, von „Schöpfung“ und „Vollendung“.
Der Fuss auf dem Boden
In der Verstehens-Lehre ist das bekannt als „hermeneutischer Zirkel“ zwischen Teil und Ganzem. Vom Satz her verstehe ich das Kapitel, von Kapitel her das Buch, und umgekehrt vom Buch her das kleinste Teil bis zum Wort und zum Satzzeichen. Im Selbstverstehen des Menschen geht es aber nicht nur um virtuelle Grössen. Wer am Morgen aufsteht, setzt den Fuss auf den Boden. Er arbeitet sich ab an der harten Wirklichkeit.
Auch der „Geistes-Arbeiter“ kann von seiner Arbeit so gestresst sein, dass er echte Magengeschwüre bekommt und einen echten Herzinfarkt. Und er wird in einen echten Holzsarg beerdigt. (Aber selbst, wenn er zu Asche verbrannt wird – der Anschein, dass alles nur Wind und Vorstellung sei, scheitert an der Urne, die physisch da ist und für die ein Platz gefunden werden muss. Wer sie in die Bücherwand stellt, macht unliebsame Erlebnisse, weil sie mahnt, dass da etwas noch offen ist, dass da noch etwas abgeschlossen werden will.)
Denknotwendig und lebensnotwendig
Klar kann man jetzt wieder die Funktion „Vorstellung“ abgrenzen. Ob Mensch oder Buch, es mache keinen Unterschied, es gehe um Verstehen. Es macht aber doch einen Unterschied. Das Ganze, das im Leben-Können unterstellt wird, ist denk- und lebensnotwendig.
Dass ich eine Sinn-Grösse nur verstehe von seinem hermeneutischen Umfeld her, das zeigt denknotwendige Beziehungen. Lebensnotwendig für einen Menschen sind aber Vorstellungen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Dazu alles was nötig ist zu einem Zusammenleben in Frieden und Gerechtigkeit (die christliche Tradition fasst das in das Bild vom „Reich Gottes“). Dazu gehört auch das Gelingen des individuellen Lebens („ankommen“) und dass der Weg der Menschheit insgesamt sich nicht im Dunkeln verliert.
Hinterwelt?
Also geht es um mehr als um eine Verstehens-Lehre. Wer lebt, macht Unterstellungen im Sinn der Metaphysik, ob das unsere Philosophie jetzt wahrnimmt oder nicht. Damit wird aber nicht irgendeine Hinterwelt hypostasiert, von der her alle möglichen priesterlichen Interessen abgeleitet werden können. Es nimmt nur die Erfahrung auf, dass ich mein Leben nicht gesund leben kann, wenn ich mir kein Lebensrecht zubillige, wenn ich nicht überhaupt als Ziel für das Zusammenleben Gerechtigkeit unterstelle. Ich kann meine psychische Gesundheit nicht erhalten ohne ein Minimum von Daseinsbedingungen.
In einer Grabrede steht man schnell an diesem Punkt. Nach der Liste der Verdienste kommen all die Dinge, die das Leben ausmachen, die man aber nicht selber herstellt. Sie sind geschenkt, sie gehören zum „andern“. Sie bilden die condition humaine, mit der man sich in ein Verhältnis setzen muss. Und das besteht nicht in Herstellen und Kontrolle. Es hat zu tun mit Danken und Feiern. Anders kann man damit nicht umgehen und scheitert schon an den nächsten Lebensaufgaben, wenn man die Plattform, von der her man das bisherige Leben „gemanaged“ hat, verlassen muss.
Lebenswenden
Solche Wandlungsphasen, die nicht nur einen Teil des bisherigen Lebens verändern, sondern die ganze Totalität des Lebens und Selbst-Verstehens umfassen, können nicht gemanaged werden, da gibt es gar keinen archimedischen Punkt, der ausserhalb stünde. Man muss sich voll und ganz anvertrauen, mit allem, was einen ausmacht. Man muss ins Wasser springen, in den Tod gehen von allem, was die bisherige Identität ausmachte. Und man wird sehen, was geschieht. Man hat kein Wissen davon im Vornherein. Allenfalls, wenn man mit den Traditionen vertraut ist, hat man Bilder der Wandlung, die einem Vertrauen geben, sodass man sich selber aufgeben kann. Dass man sich selber hingeben kann. Das ist verlangt, mit weniger gelingt es nicht.
Das erlebt man am Grab, man kann es aber auch an jedem „Kreuzpunkt“ erleben. Es wiederholt sich, was die Jünger unter dem Kreuz erlebten, als der Lärm des Tuns und Tötens verebbte und in der Stille das „andere“ wahrnehmbar wurde: was immer schon da ist, was unser Leben trägt. (Biographisch finden wir es vor, wenn unser Bewusstsein in der Jugend erwacht.)
„Das Ganze“
Das alles kann man, bloss vom Verstehen her, als Sinntotalität ansprechen. Es ist aber ein faktischer Lebenshorizont, der nicht zu überschreiten ist. Er umgrenzt unser Leben, er ist „das Ganze“, von dem her unser Leben einen Ursprung bekommt (einen Anfang), ein Ziel (ein Ankommen), eine Mitte. Und die Erfahrung der Generationen, wie man lebt in diesem Sinnganzen, kann Schritt für Schritt weitergegeben werden in einem „Weg“. So tun das die asiatischen Religionen, so die vorderasiatischen, so irgendeine Religion, der es überhaupt um das rechte Leben zu tun ist. So auch das Christentum. Es erkennt den Weg als verkörpert in Jesus Christus.
So erwächst aus der Grabesruhe eine neue Welt, aus dem Wasser eine neue Schöpfung. So wird es Ostern in einer Welt, die sich „ohne Gott“ verstehen will und ohne „Metaphysik“.
„Neue Metaphysik“
Neue Metaphysik: ist das erlaubt, wenn alle vom „nachmetaphysischen Zeitalter“ sprechen? Es scheint mir einfach phantasielos, sich nicht „alle Wirklichkeit“ in ein Bild zu fassen. Physiker tun es mit ihren kosmogonischen Modellen und Energieformeln, Naturwissenschaftler mit ihren Grosstheorien. (Sie erzählen die Genese der Arten, des Lebens überhaupt. Sie erzählen die Genese der Stoffe in der astrophysikalischen Nukleosynthese.) Die Erkenntnisinteressen dort sind technologisch, auf Naturbeherrschung ausgerichtet. Religiöse Bilder sind auf Lebenspraxis ausgerichtet. Die einen „bewähren“ sich im Labor, in der technischen Anwendung (dazu wurden sie ja erzeugt), die andern in der Anleitung zu einem guten und richtigen Leben (dazu werden sie weitergegeben).
Ein Beispiel ist das Bild von Christus als Lebensbaum (Gleichnis vom Rebstock): Er ist die Wurzel. Durch ihn sind wir verbunden mit der Quelle des Lebens: Bei ihm finden wir immer neue Kraft. Er ist der Stamm, der uns hält. Wir sind die Austriebe für diese Vegetationsperiode. Wir sollen blühen und Frucht bringen, so blüht das Ganze in uns, für unsere Zeit. Aber wir tragen nicht alles, sondern sind getragen. Vom Stamm sind wir gehalten, unverlierbar in aller Wirklichkeit. Danach „verholzen“ auch wir, wir tragen die nächste Generation, so wie wir von den Voreltern getragen wurden. So verzweigt sich dieser Lebensbaum. Er ist die Krone. Er wächst dem Himmel entgegen, bringt alles zur Vollendung. So dürfen wir vertrauen, dass unser Leben „ankommt“, dass sich auch an uns erfüllt, was der Sinn des Ganzen ist.
Praxis, nicht Spekulation
Das Bild vom Rebstock, vom Lebensbaum – das richtet sich nicht v.a. an die Spekulation (für spekulative Geister ist es naiv, sie spotten darüber). Es ist ein Bild für den Lebensvollzug. (Und wer hinausgeht, wer sich hinauswagt aus alten Sicherheiten, der findet hier, was er braucht.). Er kann es betrachten (Kontemplation), er kann es tanzen (Körper und Geist vereinen), er kann es feiern mit andern und es sich vergegenwärtigen (im Gottesdienst).
Es hilft ihm auf dem Lebensweg. Er kann sich wiederfinden, wenn er sich verloren hat. Er kann Trost finden im Verlust. Er findet hier neue Kraft, Motivation, Freude und Fröhlichkeit, um in den Tag zu gehen und die Aufgaben anzugehen, die vor ihm stehen – Tag für Tag, in diesem konkreten Leben, nicht in einer spekulativen Überwelt.
Aus Notizen 2016
Neues Jenseits?
Ich lese in der Baruch-Apokalypse (einer antiken jüdischen Schrift aus biblischer Zeit). Hier wird der Schritt getan, von einer messianischen Hoffnung zu einer Jenseits-Welt, die in einer Endzeit kommt, aber jetzt schon erfahrbar ist, wo man sich hin fliehen kann.
Ein Strom trennt diese und die andere Welt und niemand kann ihn überschreiten. Es ist die Lebensgrenze, die nur im Tod überschritten wird. Was in der mythologischen Erzählung eine Grenze zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod darstellt, ist in der Erkenntnis-Theorie die Grenze zwischen dem sinnlich und geistig Erkennbaren. Das kann man nicht „erleben“, aber man kann davon „wissen“. Man findet es in den Intuitionen, die wir zum Leben-Können brauchen.
Wo Handeln versagt
Ich erinnere mich als mir die Ahnung aufging, der Schritt Platons von der sinnlichen zur geistigen Erkenntnis, von der empirischen zur intelligiblen Welt entspreche dem Schritt der Religion vom Diesseits zum Jenseits. Platon habe etwas zu tun mit diesem Überschreiten der Erfahrungsgrenze im Erkennen und Handeln, weil dem Handeln nicht mehr zugetraut wurde, die Leidensbestände versöhnen zu können, sodass eine religiöse Vermittlung in Anspruch genommen wurde. Das Leben, wie es in dieser Religion betrachtet wurde, z.B. bei einer Beerdigung, konnte in der diesseitigen Welt nicht mehr an ein Ziel kommen. Man musste auf die Vollendung der Welt schauen, auf den Weg allen Seins, das an einen Uranfang begonnen hatte (ein Mensch war nicht dabei) und das zu einem Ziel unterwegs ist (der Mensch wird es nicht herbeiführen).
In der Geschichte des Ersten Testamentes lässt sich das verfolgen, wie dieses Überschreiten der Erfahrungsgrenze zustande kam In der Zeit des späten Alten Testamentes kamen Apokalypsen auf, die teils Eingang fanden in das Alte und Neue Testament, aber auch in jüdischen Schriften dieser Zeit.
Die griechische Kultur war zuvor schon mit der ägyptischen Religion bekannt geworden. Platon nimmt vieles davon auf, auch von der Religion, und säkularisiert es in seiner Philosophie. Es gab eine «interpretatio graeca» der ägyptischen Kultur. Hier lässt sich verfolgen, wie vieles aufgenommen und «übersetzt» wurde.
An der Grenze
Baruch erzählt vom Grenzfluss, an dem der Weg angekommen ist. Wer hinüber will muss sich wandeln, es ist die Grenze von Leben und Tod. Von der Grenze her kommt Kunde, doch die Sprache, die davon erzählt, ist eine andere. Wie es dort drüben aussieht, hat niemand erlebt, das Wissen davon stammt aus anderen Quellen. Es sind Denknotwendigkeiten, die dazu nötigen, blosses Erleben weiss nichts davon. Das Reich dieser Welt wird hier verlassen, es ist die Welt der Götter, von der die Mythen erzählen.
Die frühe griechische Philosophie war vertraut mit solchen Mythen, sie hat sie auch kopiert. Ich denke an Parmenides, der eine Offenbarungs-Erzählung einer Mysterienreligion zitiert und an die Stelle, wo die Göttin sich dem Mysten zeigt und ihre Wahrheit offenbart, seine Lehre vom unveränderlichen Sein einträgt. Hier ist der Mythos nur noch Kleid und Form. Die Erkenntnis wird nicht von einer Göttin offenbart, das hat der Philosoph durch Nachdenken gewonnen. Aber das «unveränderliche Sein», das ist ein Blick auf die Wirklichkeit, die die empirische Grenze überschritten hat. Das ist Jenseits-Religion in philosophischer Gestalt.
Revolution der Kultur
Bewegt man sich im antiken Umfeld, so ist das vielleicht nicht erstaunlich, weil man dort vieles findet in dieser Art. Man muss sich erinnern, wie man heute auf solche Fragen reagiert, dann realisiert man das Gewaltige und Umstürzende, was mit diesem Schritt verbunden war: das Heil wird nicht mehr in dieser Geschichte erwartet, sondern jenseits dieser Zeit, in einer anderen Wirklichkeit. Diese ist zwar mit dieser Erfahrungswelt verbunden, aber doch auch getrennt, so dass sie Güter bewahren kann, so dass Menschen (Seelen) dort geborgen sind und von den Übeln, von Gewalt, Krieg und Unrecht dieser Welt nicht mehr gefährdet werden können.
Man muss sich nur erinnern, wie Nietzsche sich ereifert über die «Hinterwelten» im Christentum, wo das Diesseits verraten werde, wo das Leben betrogen statt gefeiert werde. In diesem Stil findet sich vieles in 200 Jahren Metaphysik-Kritik. Man feiert die sinnlich erkennbare und gestaltbare Welt, was vielleicht die Essenz der «Moderne» gegenüber ihren Vorepochen ausmacht.
Wohlfühlen im Diesseits
Heute kommen wir von einer anderen Seite her. Die Menschen, die heute alt sind, waren jung in den 60er Jahren. Sie haben diese «empirische Wende» mitgemacht, die Wende zum Diesseits, die Verabschiedung der Religion, die Feier der Sinne, etc. Sie haben die Weltkriege nicht mehr erlebt, wie ihre Eltern. Sie haben das Abwandern des Wohlstandes nach Ostasien noch nicht erlebt. Es war eine behütete Zwischenphase, eine Insel von Frieden und Prosperität in Europa. Sie lebten in der Wachstumsphase nach dem Zweiten Weltkrieg, als es beruflich immer aufwärts ging. Und Staat und Gesellschaft stützten den einzelnen. Der System-Wettbewerb im Kalten Krieg führte zu einer «Sozialen Marktwirtschaft». Man korrigierte die negativen Systemfolgen, stützte jene, die hinauszufallen drohten, weil ja immer die Gefahr bestand, dass die Menschen zum anderen System überliefen, das die Hälfte der Welt besetzt hielt.
Neue Revolution im Denken?
Heute, 2022, ist der Krieg wieder eingezogen in Europa. Das Klimaproblem droht, ausser Kontrolle zu geraten. Der Optimismus, die Probleme angehen und lösen zu können, ist weitherum verschwunden. Da geht der Blick wieder hinaus über die Grenzen des Machbaren. Da kann wieder ein Prophet auftreten mit einer Vision oder ein Reisender, der ans Ende der Welt reist, von wo er Nachricht bringt: „Er nahm mich und brachte mich dahin, wo der Himmel befestigt ist und wo ein Strom war, den niemand zu überschreiten vermag“ wie es heisst in der Baruch-Apokalypse.
Und er erzählt von einem Land des Friedens und der Gerechtigkeit, das jenseits des Stromes beginne. Man könne nicht einfach hinüberfahren, aber wir könnten schon hier und heute Früchte davon essen, bis wir eines Tages, wenn unser Leben zu Ende geht und die Kraft uns verlässt, über diesen Strom getragen werden und in dieses Land des Friedens eingehen. Dort können wir unsere Lieben aufgehoben wissen, die der Unfriede dieser Welt von unserer Seite gerissen hat. Dort ist alles Leid aufgehoben und Gott wischt alle Tränen ab.
Der Tatbeweis
Das mag vielen bekannt vorkommen. Kommt man aber nicht von einer religiösen «Subkultur» her, sondern von der dominierenden Deutung von Welt und Leben, die Metaphysik verabschiedet und Religion aufgehoben hat, so ist es eine Revolution, die an die elementarsten Motive der Moderne rührt und sie in Frage stellt.
Der Tatbeweis steht ja noch aus: dass diese Welt aus blosser Vernunft verstanden werden kann, dass die Leidensbestände dieser Welt durch Handeln versöhnt werden können. Wenn es so ist, muss niemand mehr am Grenzfluss stehen, muss niemand mehr an den Gitterstäben rütteln, die den Tod von Leben trennen. Denn die Menschen gelangen hier zur Entfaltung. Und Recht und Gerechtigkeit finden hier eine Heimstatt. Da bleibt kein Rest, der eine religiösen Traum inspirieren könnte von einer besseren Welt.
20. April 2022
(Die griechische Baruch-Apokalypse gehört zu den so genannten Pseudepigraphen des Alten Testaments. Die Schrift wird dem biblischen Baruch zugeschrieben, der im Buch Jeremia als Schreiber erwähnt wird (um 600 v. Chr.). Die Schrift ist aber nach der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) verfasst.)
Das Leben besichtigen
Vielleicht reisen Männer nach der Pensionierung auch deshalb so gern im Land herum, weil sie ihr Leben besichtigen. Es ist nicht einfach Tourismus, es ist das vergangene Leben, das gelebte und das ungelebte. So geht es auch mir, als ich den Stätten meines Lebens nachreise.
Jede Entscheidung hinterlässt auch ungenutzte Möglichkeiten. Und es ist reizvoll, sich diese auszumalen. So wie beim Kartenspiel – manchmal spiele ich aus und bedaure den Zug schon im Spielen. Ich hätte es auch anders machen können. Es wäre reizvoll, alle möglichen Varianten zu wissen, die das Spiel hätte nehmen können…
Meine Art, das Leben anzugehen, zeigte sich auch bei diesem Rundgang durch die Stadt, wo ich früher mal eine Stelle hatte.
Aussen herum
Ich entscheide, dass ich erst aussen herum gehe. Das ist meine Art. Ich hätte sonst das Gefühl, ich hätte es mir zu leicht gemacht, wenn ich gleich ins Zentrum gehe, wenn ich dort weitergehe, wo es schön ist und wo es gleich ins Ziel zu führen scheint. Ich würde es dann büssen, meine ich, denn das, was mir gefällt, das kenne ich schon, das kann ich. Aber dort aussen werde ich vielleicht mit Aufgaben konfrontiert, die mir nicht liegen, die ich nicht lösen kann. Und die muss ich doch vielleicht bestehen?
Lebenswege
So gehe ich mein Leben lang in Gassen, die ich nicht kenne, konfrontiere mich mit Aufgaben, die ich noch nicht lösen kann, lade mir Dinge auf, die mir schwer werden und die ich nicht einmal gerne tue. Und ich lasse liegen, was ich gerne habe, was mir leichtfällt, wo ich Erfolge erringen könnte. Wo es mich hinzieht. So kann man auch einen Weg gehen, das ist auch eine Regel für ein Labyrinth: Wähle immer das, was dich abstösst. Aber ist das ein Weg zum Glücklich-Werden? Entfaltet man so seine Talente, für sich oder zum Wohl von andern? Ist das überhaupt ein Weg zu irgendetwas? Oder ist es nur die Verbohrtheit einer kindlichen Psyche?
Vorschnelle Mitte
Ich bin älter geworden. Jetzt kann ich nicht mehr alles von aussen und von unten aufdröseln. Jetzt ist es dringlicher, ins Zentrum vorzustossen. Führt nicht jedes Labyrinth schon nach den ersten Durchgängen mitten hinein? Man sieht die Mitte schon, man ahnt es schon, und es gibt Kraft und Freude zum Weitergehen. Aber gleich darauf führt der Weg wieder fort, er geht aussen herum. Es wäre eine Enttäuschung, wenn ich mich gefreut hätte, schon jetzt ins Zentrum vorstossen zu können.
Innen und aussen
Meine Psyche enthält das Labyrinth in sich. Darum ist nichts verloren, egal, ob ich zuerst ins Zentrum vorstosse oder aussen herum gehe. Ich muss wohl alle Wege in diesem Labyrinth abschreiten. Denn das Leben ist labyrinthisch strukturiert. Es gleicht dem Birnbaum, der seine Form im Blatt zeigt aber auch im Ganzen. Diese Baumstruktur hat es im Äussern, aber sie ist auch in unser Inneres eingebildet. Darum steckt es auch in meiner Psyche.
Also ärgere Dich nicht um ein vertanes Leben. Es ist immer ganz und eins. Auch wenn ich nur die Bruchstücke sehe, auch wenn es mir in der Mitte zerbricht. Aber die Mitte ist da, und ich kann mich hineinstellen. Und dort erfahre ich das Ganze. Dort ist Gegenwart und Schauen. Dort zeigt Gott dem Moses das gelobte Land.
10. Januar 2014
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Foto: Zerbrochener antiker Krug, Getty-Museum
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