Die Welt ist in Nervosität getaucht. Es ist wieder soweit, nicht bei uns, aber es gibt Konfliktfelder auf dieser Welt, wo Menschen abgeholt, auf der Strasse erschossen werden. Krieg und Staatsterror. Es ist noch weit entfernt, man kann es ignorieren, sich auf der sicheren Seite fühlen. Und die Regierung reagiert völlig unangemessen. Die Routine-Abläufe mit ihren eingebauten Blockaden, die die Prozesse verlangsamen und Mitsprache ermöglichen sollen, stehen in groteskem Kontrast zu allem, was jetzt nötig wäre. Weiterlesen
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In der Bibel war der Hirte ein Symbol für den Herrscher. Wünsche für einen gute Herrschaft oder Kritik an schlechter Amtsführung wurden mit Hilfe dieses Symbols zum Ausdruck gebracht. Damals gab es keine verbriefte Mitsprache des Volkes und keine Verfassung, an die sich Herrscher halten mussten. Die biblischen Propheten erinnerten darum an Gott, der die Hirten eingesetzt hatte. Und im Notfall konnte man Gott als obersten Hirten anrufen: dass er seine Hirten zur Rechenschaft ziehe, dass er selber als Hirte komme und die Herde hüte.
Im ersten und zweiten Testament gibt es eine Erzählung, die die Erfahrungen mit guten und schlechten Hirten zusammenfassen.
Der Viehhirt und der Menschenhirt
„Josef war 17 Jahre alt und ein Hirte des Viehs.“ (Gen 37,2) Das ist eine der ersten Stellen, an der die Bibel über einen Hirten berichtet. Sie ist spät in die Bibel gekommen. Und sie ist wie eine Zusammenfassung: Die Geschichte von Josef enthält fast alles, was die Bibel über den Hirten aussagt. Josef ist ein Hirte, und er beaufsichtigt seine Brüder. Er wird Herrscher über sein Volk, als dieses später wegen einer Hungersnot nach Ägypten flieht.
Der Hirte ist das Symbol des Herrschers. Und so enthält die Josefs-Geschichte die ganze Erfahrung dieses Volkes, was sie erlebt haben mit guten und schlechten Herrschern, mit Recht und Unrecht, und wie es einem Volk gelingen mag, in Frieden zu leben.
Aufstieg…
Josef wird von seinem Vater Jakob beauftragt, auf seine Brüder zu sehen. Damit macht er sich unbeliebt bei diesen, sie fühlen sich zurückgesetzt. Sie planen einen Anschlag gegen ihn, und eines Tages, als sie auf dem Felde zusammentreffen, werfen sie Josef in einen Brunnen. Als eine Karawane vorbeikommt, verkaufen sie ihn um ein paar Silberstücke an die Händler. Dem Vater sagen sie, er sei gestorben.
So kommt er nach Ägypten, er dient als Sklave in einem Haus. Da er sich bewährt, werden ihm weitere Aufgaben übertragen. Durch seine Tüchtigkeit steigt er auf im Hause Potiphars. „Er setzte ihn über sein Haus, und alles, was er hatte, übergab er ihm“, heisst es in der Bibel (Gen 39,4). – Jetzt ist es soweit: der Sklave ist Herr geworden, der Hirte ist Herrscher. Es zeigt sich, was mit dem Titel Hirte gemeint ist.
…und Fall
Durch einen Anschlag – in diesem Fall ist es die Frau von Potiphar, die Geschichte zeigt tausend Beispiele, wie ein Herrscher zu Fall kommen kann, ob die Anklage berechtigt ist oder nicht – durch einen Anschlag kommt er zu Fall. Er wird zu Unrecht angeklagt, dass er sich an der Frau seines Herrn vergangen habe. Er kommt ins Gefängnis. Zum zweiten Mal sitzt er in dem „Brunnen“, in dem Loch. Er ist gestürzt und scheint von Gott und Mensch verlassen.
Er ist ein Träumer. Er deutet die Träume der Menschen, die mit ihm im Gefängnis sitzen. Er weiss, was sie bewegt. Als andere Gefangene frei werden, erzählen sie von ihm. Sein Ruf verbreitet sich. Und eines Tages wird er vor den Pharao gerufen. Er deutet ihm den Traum von den sieben fetten und den sieben mageren Kühen. Er warnt vor der kommenden Hungernot und empfiehlt, Vorräte anzulegen.
Unten durch
Durch seine Geschichte, die ihn ganz „unten durch“ führte, kennt er sich aus in der Not, und er kann helfen, wenn andere in der Not sind. – „Unten-durch-Geschichten“ sind immer auch Berufungs-Geschichten.
Der Pharao setzt ihn als Verwalter ein. Bald erhält er weitere Aufgaben. „Du sollst über mein Haus gesetzt sein, und deinem Worte soll mein ganzes Volk gehorchen“, sagt der Pharao (Gen 41,40). Jetzt ist der erhöht, der vorher erniedrigt war. Sein Weg und sein Wissen, das er sich auf diesem Weg erworben hat, das wird jetzt gesucht und geschätzt. Und weil er „unten durch“ ging, vergisst er jetzt, wo er „oben“ ist, die Menschen nicht, die er „unten“ kennengelernt hat. Das ist sein ganzes Volk. Das ganze Volk Israel macht im ersten Testament einen Weg „unten durch“.
Erfahrung eines Volkes
Sie hatten auch eine glanzvolle Phase, sie hatten Könige und Herrscher und eine ganze Führungs-Schicht von reichen Adligen, Grundbesitzern und Händlern. Aber das Land ging unter, es wurde von fremden Grossmächten überfallen. Die Führungsschicht wurde „ausgerottet“ oder mit dem Volk ins Exil verschleppt.
Dort erinnerte man sich an die Propheten, die immer wieder gewarnt hatten. Man solle das Recht beachten, die Unterworfenen nicht ausbeuten, die Armen nicht schinden. Alte, Witwen und Waisen solle man unterstützen und die Fremden im Land nicht als Rechtlose behandeln. Ja sogar das Vieh sollte „Sabbat feiern“ dürfen, die Natur soll Ruhepausen haben und geschont werden.
Im Exil, als das ganze Volk wie Josef „im Brunnen sass“, erinnerte man sich an diese Erfahrungen. Und man machte Pläne. Wenn man eines Tages in das Land zurückkehren kann, dann will man die Sache anders angehen.
Pläne für einen Neuanfang
Der Prophet Jesaja formuliert es folgendermassen.
„Lass los, welche du mit Unrecht gebunden hast; lass ledig, welche du beschwerst; gib frei, welche du drängst; reiss weg allerlei Last; brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe ins Haus. Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entziehe dich nicht, wenn dich einer bittet. Alsdann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird wachsen wie der Frühling. Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschliessen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.“ (Jes 58)
Es sind dieselben Werte, dich auch Christus in seinem Gleichnis vom Jüngsten Gericht erwähnt. Am Ende der Zeit wird der Menschensohn auf Wolken wiederkommen. Und die Völker werden vor ihm erscheinen, und er wird die einen zur Rechten, die andern zur Linken hinstellen, wie ein Hirt die Schafe und die Böcke teilt.
Was letztlich zählt
Dieser Hirt der ganzen Menschheit wird das Recht verkünden, und er wird sagen, worauf es letztlich drauf ankommt:
„Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt 25)
Und wenn die Menschen fragen: „Wann haben wir dir zu essen und zu trinken gegeben?“, antwortet er: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
Das ist die Erfahrung, die das alte Volk Israel in seiner Geschichte gemacht hat. So findet ein Volk zum Frieden – wenn einer sich im andern erkennt. Und sie haben ihre Geschichte in die Geschichte des Hirten Josef eingeschrieben.
Er ist nicht umsonst „unten durch“ gegangen. Er hat aus der Krise gelernt. Er war ein Hirte, wie das Volk ihn sich erträumt.
Kritik an den Hirten
Das Volk hat auch andere Erfahrungen gemacht mit Vorgesetzten, Mächtigen, Reichen und Herrschern. Oft gab es keine irdische Instanz, wo man Recht bekommen konnte. Darum haben die Menschen ihr Leiden Gott geklagt. Er hat die Hirten eingesetzt. Er wird sie zur Rechenschaft ziehen.
In seinem Auftrag sind die Propheten gegen Unrecht und Ausbeutung aufgetreten.
„Wehe den Hirten“, sagt der Prophet Ezechiel gegen die Mächtigen, die nur ihre eigenen Interessen verteidigen (34,1ff). „Wehe den Hirten, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr fresst das Fette und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete; aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.
Die Schwachen hütet ihr nicht, und die Kranken heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht und das Verlorene sucht ihr nicht; sondern streng und hart herrscht ihr über sie. Darum, ihr Hirten, hört des Herrn Wort! Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern. Und ich will mit ihnen ein Ende machen. Ich will meine Schafe retten aus ihrem Maul.“
(Die Propheten hatten eine deutliche Sprache. Darum ist es ihnen auch an den Kragen gegangen.)
1000 Jahre Erfahrung
Es ist spannend zu verfolgen, wie das Hirtenthema sich durch die Bibel zieht. Es ist eine über 1000jährige Erfahrung mit Herrschaft und Zusammenleben. Das kleine Volk Israel ist ein Spielball zwischen den Grossmächten des alten Orients. Assyrer, Babylonier, Ägypter, Perser, Griechen, Römer lösen sich ab als Oberherren.
Nachdem das Volk im Lauf der Geschichte immer wieder alles verloren hat – auf wen sollte es noch hoffen? – wurde Gott selber als Hirte angerufen. Und die Hoffnung entstand, dass er einst aus dem alten Königsgeschlecht Davids einen neuen Herrscher berufen werde. Der werde das Volk in Frieden weiden.
Der Prophet Ezechiel tröstet das Volk:
Ich will meiner Herde helfen. Und ich will ihnen einen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der soll ihr Hirte sein. Und sie sollen sicher auf dem Lande wohnen. Sie sollen erfahren, dass ich der Herr bin, denn ich zerbreche das Joch, unter dem sie geknechtet sind, ich rette sie aus der Hand derer, denen sie dienen müssen. Ja, ihr Menschen sollt die Herde meiner Weide sein, und ich will euer Gott sein, spricht der Herr.“
Unten durch
Hier knüpft später das Neue Testament an. Jesus ist der Hirte aus dem Geschlecht Davids. Mit ihm löst Gott sein Versprechen ein. Wie ist es Jesus ergangen? Wie löst er sein Hirtenamt ein? – Sie kennen die Geschichte.
Der Weg hinauf wird hinabgebogen. „Wer unter euch gross sein will, der sei der Diener von allen.“ Er selber bückt sich zum Dienst. Er schickt seine Jünger in die Welt und wäscht ihnen vorher die Füsse. „Wer unter euch gross sein will, der sei der Diener von allen. Wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.“ (Mk 10,14)
Kraft und Weisheit
Es geht Jesus gleich wie Josef. Er geht „unten durch“. (Aber was er sicher nicht ist: ein Schwächling. Es braucht alles, was ein Mensch aufbieten kann an Weisheit, Stärke, Lebensmut und Vertrauen, um auf diesem Weg zu gehen.) In die Geschichte von Josef hat das Volk seine ganze Erfahrung hineingeschrieben. Diese Erfahrung bestätigt sich auch jetzt wieder.
Vieles an der Jesus-Geschichte erinnert an die Josefs-Geschichte, bis zu den Silberlingen, um die er verkauft wird. Auch er wird in einen Brunnen geworfen, wo er drei Tage begraben ist. Auch er wird von Gott aus dem Grab gezogen und befreit.
Er wird auferweckt. Das ist jetzt keine „harte Erfahrungs-Tatsache“, wie wir sie gerne hätten. Und doch ist das der Grund warum wir hier sind. Und doch ist das der Grund, warum wir Kirche sind. Man kann nicht mit dem Finger darauf zeigen. Wir würden gern dem Auferstandenen begegnen wie der „ungläubige Thomas“. Der steckte seinen Finger in die Wunde an der Seite. Erst als er es fühlte, glaubte er. Und er warf sich vor Jesus nieder und sagte: mein Herr und mein Gott (mein Hirte). Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben, gibt ihm Christus zur Antwort.
Untendurch-Geschichten sind Berufungs-Geschichten
Er, der unten durch gegangen ist, weiss, was es braucht. Er weiss wie es den Menschen dort „unten“ geht. Wenn wir das beachten, leben wir in Frieden. „Lass los, welche du mit Unrecht gebunden hast; lass ledig, welche du beschwerst; gib frei, welche du drängst; reiss weg allerlei Last; brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe ins Haus. Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entziehe dich nicht, wenn dich einer bittet.“
An Auffahrt erinnern wir uns, wie der Auferstandene in den Himmel gefahren ist. Der der ganz unten war, steigt in die Höhe. Jesus lenkt unsern Blick auf die Erde und auf die Menschen an unserer Seite. „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ So findet ein Volk zum Frieden. So findet ein Mensch für sich selbst zum Frieden – wenn einer sich im andern erkennt.
Vor der Kirche steht ein Brunnen mit der Statue des Guten Hirten. Es ist nicht nur ein Bild des Vertrauens, weil Gott unser Hirte ist. Es ist auch eine Mahnung zu verantwortlicher Herrschaft. Von da her hätte man den Brunnen nicht unbedingt vor der Kirche aufstellen müssen. Man hätte ihn auch vor dem Rathaus aufstellen können. Oder vor eine Bank, vor ein Unternehmen, vor die Türe irgendeines Hauses, wo wir aus und eingehen. Uns allen ist der gute Hirte als Symbol gegeben. Wir haben die Texte noch im Ohr: Wehe den Hirten, die nur sich selber weiden! Und: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts fehlen.
Aus einem Gottesdienst zum Guthirt-Sonntag 2010
Bild: Ehaan Deva, Pexels
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