Sie spuckten ihm ins Angesicht

Sturm kommt auf, ich war kurz draussen. Nach Wetterbericht geht es nochmal tief runter. Nächste Woche beginnt die Karwoche, dann ist Ostern. Die Nachrichten sind disparat, die Welt scheint zerrissen. Bevor noch etwas gelöst ist, werden zwei neue Problem-Felder aufgerissen.

Für einen Gläubigen ist es die Frage – so denke ich, als, ich unterwegs bin -, ob es gelingt, im Töten, Vertreiben und Berauben, das auf allen Kriegsschauplätzen stattfindet, die Passion Christi sichtbar zu machen. Und das ist ohne Gericht und Apokalypse wohl nicht zu haben.

Paradox
Denk ich weiter bis Karfreitag, so wird es zur Aufgabe, hinter dem Töten, Vertreiben und Berauben die paradoxe Passion Christi sichtbar zu machen, der das Unrecht aufnimmt, das Recht schützt, die Verfolgten ins Recht setzt, die Gedemütigten tröstet – aber den Zorn paradox gegen sich selbst wendet.

Er nimmt die Last auf die eigenen Schultern, die ungeheure Arbeit, die Verfehlungen der Geschichte zu ertragen und auszugleichen, indem alles vor ein grosses Gericht gerufen wird, indem der Schuldige benannt, indem die Strafe ausgefällt wird – und indem er das selber trägt: ein Gott, der das Recht kennt, aber die Barmherzigkeit übt; der die Gerechtigkeit fordert, aber dem Fehlerhaften entgegenkommt; der will, dass das Rechte geschieht und der das Krumme annimmt, das Verlorene zu seiner Sache macht.

Sie spucken ihm ins Gesicht
Heute Morgen, nach den üblich gewordenen Kriegs-Nachrichten, fiel mir ein Bild ein zu ihrem frechen Zynismus: dass sie damit Gott ins Angesicht spucken. Erst erschrecke ich, aber die Passion erzählt davon. Auch das hat Christus ertragen, als die Gegner ihn vor die Machthaber schleppen, als die Richter ihn verurteilen, weil die Gegner drohen, sie in Rom zu verklagen und weil es besser sei, dass ein Mensch umkomme für alle, statt dass es alle treffe. Auch hier war das Spucken nicht weit. Nach der Verurteilung verhüllten sie sein Gesicht, spukten ihn an und höhnten: Weissage uns, wer das getan hat, da du doch ein Prophet bist.

Ja, unsere Zeit ist in der Passion abgebildet. Das ungeheure Unrecht derer, die töten, vertreiben und berauben, das ist Gott nicht unbekannt. Die Frechheit, mit der man Wasser predigt und Wein säuft, der Zynismus, mit dem man den Friedensnobelpreis fordert und Kriege anzettelt, die Kriege, die man verurteilt und an denen man verdient, kurz: die Unverfrorenheit, mit der man Gott ins Angesicht spuckt – das ist hier wahrgenommen. Gott lässt sich mit Zynismus nicht besiegen, mit Frechheit nicht aus dem Weg räumen. Seine Forderung nach Gerechtigkeit bleibt und wird den Zynismus, die Frechheit und die Gotteslästerung in die Schranken fordern.

Kann man Gott die Augen verbinden?
Der Evangelist Matthäus berichtet von dieser Geschichte. «Wer ist es, der dich schlug?», fragen sie. Sollte man Gott die Augen verbinden können?

«Sie sprachen: Er ist des Todes schuldig. Da spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten. Einige aber schlugen ihn ins Angesicht und sprachen: Weissage uns, Christus, wer ist’s, der dich schlug?» (Mt 26, 65ff)

 

Bild: Frau Angelico, Verspottung Christi

Die in obigem Text angezogenen Bibelstellen:
«Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser.» (Joh 19,12)

«Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. (…) Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.» (Joh 11,51.53)