Das Reich verlieren, das Reich retten
Für den Zug nehme ich mir zwei Taschenbücher mit, die sich leicht verstauen lassen. Das eine ist eine Erzählung von Wilhelm Raabe, das andere ein Buch von Karl-Heinz Deschner.
Deschner („Der gefälschte Glaube“) ist kirchenkritisch und herrschaftskritisch – und die Kirche kritisiert er v.a. auch, weil er die Herrschaft kritisiert. Er hat ein positives Bild der ersten Christenheit und verwirft die Veränderungen, die nach der Etablierung des Christentums zur Staatsreligion kamen. (Er wirkt wie ein enttäuschter Anhänger des Jesus von Nazareth, obwohl er seine Historizität anzweifelt.)
Es gibt zwei Traditionslinien im Christentum, die herrschafts-kritische und die herrschafts-freundliche Linie. Die zweite setzte sich ein erstes Mal durch nach der Etablierung zur Staatsreligion. Die andere findet man in den Anfängen und immer wieder in der Geschichte, wenn die biblischen Zeugnisse jener Zeit entdeckt und für die Formulierung von Widerstand und Alternativentwürfen verwendet werden.
Die einen verurteilen alles, was nachher kam, die andern alles, was vorher war. Noch Nietzsche spottete über die „Sklavenmoral“ und die Aufwertung des Schwachen im Christentum. Dahinter stand ursprünglich aber die Parteinahme „für Witwen und Waisen“, das prophetische Eintreten für Gerechtigkeit. Die Propheten hatten nichts mit Sklavenmoral im Sinn. Sie wandten sich im Gegenteil gegen die Ansätze zu einer Sklavenwirtschaft im alten Israel. Die bürgerliche Religionskritik auf der anderen Seite verwarf das „Bündnis von Thron und Altar“. Die beiden Pole haben sich immer wieder konstelliert.
Das Reich verlieren
Heute taucht in unsern Breiten eher ein kritisches Christentum wieder auf, wenn überhaupt, obwohl die Kirchenoberen die alten Bestände einer gesellschaftlich etablierten Kirche retten wollen. Aber nachdem die christliche Tradition in den europäischen Ländern praktisch eingebrochen ist, ist damit kein Staat mehr zu machen. Diesen Fahnen folgt niemand mehr, weder an die Urnen noch in die Fabriken noch in die Schlacht. Somit fehlt für das Projekt eines in Staat und Wirtschaft etablierten Christentums der Partner.
Das Reich retten
Das zweite Büchlein, das ich mir für die Reise mitgenommen habe, stammt von Wilhelm Raabe. Seine Erzählung „Des Reiches Krone“ spielt in der Zeit der Hussiten-Kriege.
Der Held versucht, in den Wirren des Krieges die Reichskleinodien zu retten, die von Karl dem Grossen herstammen (samt der Heiligen Lanze, mit der Jesus Christus getötet wurde) und die bisher das „Heilge Römsche Reich deutscher Nation“ aufrechterhalten haben. Aber sie gehen verloren – und damit die Symbole der Herrschaft und der Einheit.
Das Feuer, das man in Konstanz an den „Ketzer“ Jan Hus gelegt hat, verbrennt das ganze Reich. Es wird durch Hass und Unversöhnlichkeit in Schutt und Asche gelegt, durch Spaltung und durch die Unfähigkeit zur Integration.
Der Held holt sich die Pest, sein Schwert ist nutzlos, es dient ihm jetzt als Krücke. Er ist derart entstellt, dass ihn nicht mal die Mutter erkennen würde. Die Menschheit hat in diesem Krieg ihr Gesicht verloren. Da ist kein Ebenbild Gottes mehr zu erkennen. Nur die Geliebte des Ritters, die auf ihn gewartet hat, wendet sich nicht ab. Sie pflegt ihn und die Seuchenkranken. Sie wird die Nachfolgerin der Pest-Fürsorgerin, der „mater leprosorum“.
Die Krone des Reiches
Sie wird vom Volk „Des Reiches Krone“ genannt. – Es ist eine neue Auslegung dessen, was ein Reichs-Kleinod heissen kann: Die Liebe heilt, was der Hass zerstört. Die liebende Zuwendung ist die Antwort auf die rauchenden Trümmer des Konfessions-Krieges. Die Lanze, mit der Jesus getötet wurde, kann man nicht mehr den Truppen vorantragen, damit sie siegen sollen.
Mit Christus ist kein Machtstaat mehr zu bauen. Er selber kniete sich vor die Jünger hin und wusch ihnen die Füsse. Wo ist da der Triumph? Und doch ist es das, was langfristig siegen wird. Das zeigt Wilhelm Raabe mit seiner Erinnerung an den Krieg. Die Frau, die in der Seuche die Kranken pflegt, sie wird vom Volk «des Reiches Krone» genannt. Das ist das Kleinod von Karl dem Grossen her, so lässt es sich heute verstehen, wenn gefragt wird, wie man Gemeinschaft baut und welche Rolle der Glaube dabei spielen könnte.
Aus Notizen 2013
Bild: Reichskleinodien. Dazu Wikipedia: «Die Reichskleinodien (auch: Reichsschatz) sind die Herrschaftsinsignien der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches und der einzige fast vollständig erhaltene Kronschatz aus dem Mittelalter. Ihre wichtigsten Bestandteile sind die Reichskrone, die Heilige Lanze, das Reichsschwert und der Krönungsmantel. Sie wurden vom Hochmittelalter bis 1792 bei fast bei allen Krönungen der römisch-deutschen Könige und Kaiser in Aachen und Frankfurt am Main verwendet. Ihr Besitz galt als wichtiges Kennzeichen der Legitimität des Herrschers.









