Widerlich und unnütz
Damals wollte ich nur noch widerlich und unnütz sein – als Gegenkraft zu dem „Braven Kind, das ich war. Dieses will sich die Anerkennung anderer Menschen holen, indem es ihre Erwartungen errät und vorauseilend befolgt. Widerlich sein zu können, das war eine Qualität, die mir fehlte. Wie bewundernswürdig ruht ein Mensch in sich selbst, der sich um die Meinung der andern nicht kümmert! Unnütz sein zu können, dazu musste man schon das Selbstwertgefühl eines Königs haben oder die Selbstverständlichkeit einer Katze.
Das Leben verdienen?
Ich begriff es damals bereits, dass ich mein Leben nicht verdienen konnte. Dass ich die Tatsache, am Leben zu sein, nur dankbar annehmen kann. Aber ich konnte es nicht annehmen. Ich wollte das Recht, am Leben zu sein, verdienen. Ich wollte den Platz, den ich einnehme, mit Recht einnehmen, die Luft, die ich atme, mit Anspruch atmen, mein Vorhandensein wenigstens ein Stück weit mir selber verdanken.
Aber das geschah nicht aus einer Selbstverständlichkeit des Daseins heraus, nicht aus der Grösse meines Lebensanspruchs, nicht aus einem Grandiositäts-Gefühl heraus, dass mir das alles einfach zustehe. Im Gegenteil: Ich empfand so wenig ein Recht, da zu sein, dass ich nur einem Menschen begegnen musste, der seinen Platz mit Selbstverständlichkeit ausfüllt, so wurde ich nichts neben ihm. Ich hatte so viel Zweifel an mir und meinem Daseinsrecht, dass mir nur jemand auf der Strasse meinen Gruss nicht zurückgeben musste – und schon fühlte ich mich wie Luft und wollte mich in den Arm kneifen, ob ich auch tatsächlich vorhanden sei.
Überheblich
So war ich ein Heide nicht aus „Hybris“, sondern aus Verzweiflung, wenn nicht beides ohnehin dasselbe ist. Ich muss es akzeptieren, ich habe die Demütigung verdient. Es steckt Überheblichkeit darin, sich nur sich selbst verdanken zu wollen, auch wenn die Wurzel noch so sehr die Verzweiflung ist. Auch wenn ich noch so sehr die Erfahrung gemacht hatte, dass Menschen nicht verlässlich sind, dass Bindungen brechen und Beziehungen unter Druck geopfert werden. Ich war ein Münchhausen, der im Sumpf steckte und der sich am eigenen Zopf aus dem Schlammassel ziehen wollte. Aber da ist kein fester Punkt ausserhalb der Welt, mit dem ich die Welt aus den Angeln heben könnte. Besser: Es ist ein Punkt – aber nicht um die Welt auszuhebeln, sondern um mich zu verankern, was immer auch geschieht in der Welt.
Im Kopf habe ich es eingesehen. Die Erfahrungen haben es mich gelehrt, ich habe den „Weg des Glaubens“ eingeschlagen. Aber die alten Gefühle waren noch da, und so hing ich noch den alten Evidenzen an. Sich abhängig zu machen von andern – das ist unsicher. Das führt zu Verletzungen. Nur das nicht. Lieber allein sein, keine Bedürfnisse haben und sich selber helfen! Und wenn der leiseste Anflug einer Kritik ertönt, dieser den Wind aus den Segeln nehmen und selber zerstören, was mir wichtig ist, bevor es andere tun. Die Folge ist dieselbe, aber dann wahre ich wenigstens den Schein von Autonomie.
Aus dem Ja Gottes leben
Ich war ein Heide aus Verzweiflung. Ich wollte aus eigener Macht, aus eigener Kraft leben, weil mir das „Ja“ der Mitmenschen fehlte, weil ich dort keinen Grund und keine Zustimmung fand. Und die andere Kraft kannte ich noch nicht, oder sie war mir zu wenig lebbar, zu sehr von Angst eingeschüchtert: aus dem „Ja“ Gottes zu leben. Auf den Urgrund vertrauen, der mich schliesslich hervorgebracht hat. Denn nicht die Menschen stehen an meinem Anfang, sie repräsentieren ihn nur, sie sind das letzte Glied der Kette, das zu mir heranreicht durch die Zeit. Und heute ist es an mir, die Hand weiterzureichen, die Stafette weitergehen zu lassen und hoffentlich den andern spüren zu lassen: Es kommt nicht von mir, es kommt von weiter her, was durch meine Hand geht, durch mein Leben und Geben.
Und so kann ich auch etwas widerlich sein und unnütz. Ich muss ja weder mich selber retten noch die Menschheit. Ich bin nur ein Glied in der Kette. Und wenn ich das annehme, dann heisst das, die Gnade annehmen. Dann heisst das, Gott anerkennen und ihm danken. Dann heisst das, seinen Namen ehren und selber nichts als Mensch zu sein.
Foto Julio Menéndez, Pexels
Aus Notizen 2005









