Drei, vier Dinge
Bevor sich die Erinnerung verflüchtigt und alle Dinge sich ins Dingsda-Land zurückziehen, gehe ich nochmal durch meinen Garten. Da gibt es Kartoffeln, Sellerie und Karotten. Und diese kleinen Blümchen, die eingewandert sind. Wie heissen sie noch gleich?
Inhalt
Die Schönheit
Eine meiner ältesten Erinnerungen ist das „Nina-Nina-Machen“. So nannte es meine Mutter. Offenbar wälzte ich mich als kleines Kind im Bett hin und her, wenn ich aufwachte und mich alleine fand. Die Mutter war in jener Zeit viel im Geschäft. „Machst Du Nina-Nina?“ fragte sie mich, wenn sie kam. Und dann war alles wieder gut. Meine Mutter war da. Und das, was gewesen war, hatte einen Namen bekommen.
Später im Leben erinnerte ich mich daran. Ich wiegte mich nicht mehr im Bett, aber das Gefühl kam mir bekannt vor: dass ich den Kontakt zu mir selber verloren hatte, dass ich wie aus meinem Körper gefallen war. Es war ein Stück von Ekstase. Die wiederum hatte ihre eigene Schönheit. Es war ein anderer Bewusstseins-Zustand. Mal konnte ich von oben auf mich heruntersehen, wie ich als Kind am Tisch sass und Schul-Aufgaben machte. Mal floh ich in diesen Zustand, wenn ich es im gewöhnlichen Leben nicht mehr aushielt. Ich floh in das Grenzgebiet, befahl meinen Räubern und war dort König.
Schönheit
Es war reine Schönheit. Glück ist etwas für das normale Leben, das stellt sich ein, wenn Wünsche sich erfüllen. Schönheit ist anders. Das denkende und wollende „Ich“, das im Streben nach Glück ganz lebendig wird, löst sich hier auf. Es geht über ins „andere“. Es verschmilzt mit dem Betrachteten. Und alles ist „schön“. Die Dinge verlieren ihre Preisschilder, die sie für das handelnde Bewusstsein haben, da gibt es kein gut und kein schlecht mehr, kein höher und tiefer. Da ist nichts Hässliches mehr. Gerade in den hässlichsten Ecken, wo das Verlassenheitsgefühl am grössten ist, ist es am schönsten. Man muss nur durch das Tor gehen.
Damals hat mich die Schönheit überfallen. Es war der halb-krankhafte Eskapismus eines Kindes, das nie ganz im Körper Platz genommen hat. Es war ein „Aus sich hinausfallen“, aber auch ein Hineingehen in ein Reich der Schönheit. Doch ich verbot es mir, immer wieder, definitiv im Alter um die 25. Ich legte die Gedichte beiseite, die ich geschrieben hatte. Ich verpflichtete mich auf einen Weg „unten“ auf dem Boden. Ich misstraute mir und allem, was ich liebte und was ich gut kannte. So wollte immer auf das zugehen, was mir nicht lag. Ich wollte mir immer das auferlegen, was ich von mir aus nie gesucht hätte. Weil ich spürte, dass der Weg da hindurchführen musste.
Die Burg
Ich erinnere mich an ein Bild, das ich als kleiner Junge gemalt habe. Damals, ich weiss nicht, wie alt ich war, habe ich mir unter der Treppe, in einer vergessenen Besenkammer, einen Raum eingerichtet, wo ich malte, bastelte, schnitzte. Es war ein Refugium, herausgelöst aus dem Alltag.
Ich musste nur die Tür aufmachen und war in einem anderen Land. Im Dunkel dieser Kammer – sie hatte nur ein kleines Licht – stiegen aus dem Dunkel der Ahnungen Bilder auf, Visionen, wo sich mein Leben verdichtete, wo meine Zukunft Bild-Form annahm, während meine Herkunft mich begleitete wie ein Segen aus einem Ursprung, der in seinem Werk präsent ist, der mitläuft auf seinem Weg.
Auf dem Bild – ich habe es Jahre später wiedergefunden, sieht man ein Heerlager, viele Zelte im Kreis, in der Mitte ein Berg und darauf eine Burg. Der Berg ist gespalten, aus der Spalte fliesst ein Bach. Er gibt das Wasser für das Lager. Aus der Quelle fliesst es bis zu uns.
Das Hemd
Der Traum ist nur in Stichworten erhalten, er hat mich lange beschäftigt. Noch Jahre später habe ich mich in Gedanken dort eingefunden und mich den Bildern überlassen. Schon das Eintreten war von grossem Frieden begleitet, weil dort all der Lärm der Kämpfenden verhallte.
Ich trat ein – waren es Gärten, Palastanlagen? Im Innern war ein Ei, das musste man mit dem Schwert zerschlagen. Es war eine Aufgabe auf Leben und Tod. Viele versuchten es, kannten Ticks und Machtspiele. Sie blieben in den Vorhallen zurück, wo ihr Lärm verhallte.
Einer will die Aufgabe lösen. Da wird deutlich: Er trägt nur ein Hemd! Er schüttelt es, da erscheint sein Sohn. Ihm gehört dieses Kleidungsstück. Er zerschlägt das Ei. In diesem Augenblick erschallt ein Satz: „Ein innerer Friede und wir können, was wir sollen.“
Der Schatz
Mitte der 80er Jahre habe ich angefangen, „in die Maschine“ zu schreiben. Es war eine schwierige Zeit und ich hatte Angst, mich zu verlieren. Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause kam, setzte ich mich an die Schreibmaschine und schrieb auf, was mir durch den Sinn ging. So sind viele Notizen entstanden. Ich habe den Sinn nicht hineingelegt, als ob ich ihn vor dem Schreiben schon gehabt hätte. Ich habe ihn beim Schreiben gefunden.
Vieles aus meiner Kindheit ist auf diesem Weg aufgetaucht. Was ich als undeutliche Erinnerung in mir trug, bekam jetzt einen Namen. Was mir später zu einem wertvollen Besitz geworden ist – hier fand ich Anfänge. Oft war es alles andere als schön, es waren Verletzungen, Verluste, es war Unverstandenes, das mich erst mal stumm werden liess.
Da bin ich als kleines Kind schon in den „Jadetempel“ geraten. Jadetempel – dieses Wort kam mir später in den Sinn. Es sind Erfahrungen von grosser Schönheit und Kostbarkeit, aber sie liegen im Dreck, wie ein vergessener und von der Zeit vergrabener Tempel. Sie sind von Schmutz umgeben, wie Goldflitter im Geröll eines Bachbetts. Im tiefsten Schlamm kann man sie finden. Und aus Verlust wird Reichtum, aus Elend Schönheit. Es ist der Schatz, der in Dreck und Schlamm liegt.
Diese Funde haben mich zu einem Schatzsucher gemacht. Sie haben mir einen Weg eröffnet neben dem offiziellen Weg, den mir Schule und Gesellschaft wiesen. Ich wurde ein Autodidakt, nicht nur im Nachholen der Schulbildung, die ich im ersten Anlauf verpasst hatte. Es war, als ob ich Lunte gerochen hätte. Und ich folgte der Spur. Da war ein innerer Weg neben dem äusseren.
Klar wollte ich mich angleichen, klar wollte ich anerkannt sein in der Welt der andern. Und ich suchte das Glück mit allen Fibern. Aber da gab es auch eine Leidenschaft, die sich trotzig stellte und die sich der anderen Welt verweigerte. Manchmal war mir der Schmerz lieber als die Heilung, die ich mir doch auch ersehnte, die Gewalt der Gefühle lieber als der Frieden, den ich suchte. Manchmal liebte ich diese Verlorenheit mehr als das Ankommen am Ziel und ich warf mich ihr in die Arme.
Das war die Landschaft, die ich kannte. Ich suchte den Weg nicht mehr zurück, obschon ich es mir auf die Fahne geschrieben hatte als einen Weg, der vorwärts führt: das Gleichmass, die Mitte, die Ausgeglichenheit, das Streben nach Heilen und Wachsen. Aber der Schmerz hat auch seine Schönheit. Und er hat seinen Stolz.
Dann wollte ich gerade nicht sein wie andere. Und wenn ich sie sonst beneidete, dann trug ich es in diesen Momenten wie eine Auszeichnung. Dieser Schmerz war das, was mich aussonderte, das war „ich“, das war mein Leben. Und ich wollte nicht um Entschuldigung oder um Erlaubnis dafür bitten.
Darin steckte ein Stück Elitarismus, der von der Umwelt nicht geduldet wurde. Und oft haben sie mich gedemütigt dafür, haben mir die Schnauze hineingedrückt, wie meine Mutter den kleinen Katzen, wenn sie „ins Wohnzimmer gemacht“ hatten. So würden bei ihnen zuhause Katzen stubenrein gemacht, meinte sie. Auf der anderen Seite hat mir dieser Charakter-Zug Dinge zugänglich gemacht, die im Alltagsverkehr verborgen bleiben. Er hat Vorhänge aufgezogen vor einer neuen Welt, die mir sonst unbekannt geblieben wäre.
Bis in meine allerletzte Pfarrerzeit wollte ich Texte schreiben, Feste feiern, die aus dieser Leidenschaft lebten, die aber im wohltemperierten Geschäftsverkehr einer Kirchgemeinde keinen Platz haben. Erst dann aber, meinte ich, hätte ich meine Berufung als Pfarrer voll eingelöst: wenn ich diese Leidenschaft mit andern teilen könnte.
Die Quelle
Wer glaubt, ist wie ein Wanderer in der Natur.
Vor sich sieht er den Berg, er macht ihn nicht,
er steht da, mächtig und wunderbar, wie eine Achse im Kosmos.
Wer sich den Berg zum Ziel nimmt, der ist schon mit dem ersten Schritt in der Landschaft, die zu diesem Berg gehört:
Er lässt die Häuser und Strassen hinter sich, den Lärm.
Er tritt in die Stille ein, Vögel singen, Blumen blühen am Weg.
Und vom Berg her kommt uns der Fluss entgegen.
Erst ist es nur eine Quelle, dann wird sie grösser.
Sie bringt das Wasser bis zu uns, die wir noch auf dem Weg sind.
So können wir jetzt schon unseren Durst stillen,
an dieser Quelle, auch wenn wir noch unterwegs sind.
Im Gebet, im Glauben, erfahren wir immer neue Kraft.
Wir können uns anschliessen an die Quelle.
So finden wir unsern Weg.
Die Mitte
In der Stadt bin ich ziellos hin und her gelaufen. Wo sollte ich hingehen? Für die Besuche, die ich machen sollte, hatte ich keine Energie. Und mir wirklich frei zu nehmen, dafür spürte ich keine Erlaubnis. Dann stand ich auf dem Bahnhof und stieg in den Zug nach Hause. Ich war ganz verhetzt und wusste nicht warum. Ich konnte über alles selbst bestimmen und hatte keine Erlaubnis.
Da stieg ein Gegenbild in mir auf: Ich möchte jederzeit in meiner Mitte wohnen, dort wo es ruhig ist, von wo die Wärme ausgeht. – Ich finde die treffenden Worte nicht.
Damals hatte es die Klarheit einer Offenbarung. Ich hatte nichts zum Schreiben und merkte mir nur diesen Satz: „Ich möchte jederzeit in meiner Mitte wohnen.“ Aber als ich ihn zuhause notierte, schien er schal und ohne Kraft. Ich fand die Begeisterung, die Klarheit und Ruhe der Vision nicht mehr. Und jetzt zweifle ich, ob das tatsächlich der Wortlaut war, so kraftlos scheint er mir jetzt.
Das Tal
Hier steige ich immer ab. Da vorne verengt sich der Feldweg, Bäume treten näher heran und markieren so etwas wie einen Durchgang. Hier halte ich immer an und spreche ein Gebet.
Beim Wandern durch die Landschaft, beim Alleinsein überhaupt, kann sich leicht das Gefühl der Einsamkeit einstellen, wenn die Erinnerung an das Dunkle mich überkommen will, die Verlassenheit, das «Loch», das alles aufsaugt… Auf einem lebenslangen Weg habe ich das Gegenteil empfinden gelernt: die Mitte. Das Gebet hat mir geholfen, der Panik zu widerstehen, mich aufzumachen, in die Gegenwart einzutreten, Gott zu begegnen, mein Vertrauen zu öffnen und «da» zu sein.
So ist es auch, wenn ich durch das Täli gehe, ich spüre ein Wechselbad der Empfindungen. Es ist wie beim Wandern im Sommer, wenn ich an einer Bergflanke entlang gehe. Nach einer kühlen Strecke, durchquere ich plötzlich eine «Wanne» von warmer Luft, dann wieder kommt eine kalte Strömung. So ist es auf dem Weg durchs Täli. Eine Zeitlang spüre ich – oder meine zu spüren – wie alles gehalten ist in der Gegenwart Gottes. Dann wieder holt mich das Alte ein, ein kühler Schauer zieht mir über die Schulter, das Leben will eisig werden und grau. Das Loch will sich schon öffnen und ich meine, mich grauenhaft allein zu fühlen.
Meistens ist es schön im Täli, die Faszination hat dieser Weg aber daher, dass er am Abgrund entlang geht, dass da ein Hain ist, in dem «das andere» spürbar ist, dass es ein Weg ist wie der Lebensweg überhaupt, der hin und her zittert zwischen Verlorenheit und glücklicher Gegenwart.
Da ist keine Gewissheit, es ist nicht festzumachen an der Landschaft, am Ort, an irgendwelchen äusseren Bedingungen, obwohl es mich ja hier einholt in diesem Tal. Es kommt von innen. Aber es ist nicht nur innerlich, nicht nur Phantasieren und Spintisieren. Was mir von innen her entgegenkommt, das war früher aussen, das ist der Bodensatz eines langen Lebens. Es ist, als ob mir ein Becher Wein gereicht würde, der eingefärbt ist vom Alter, von der Reifung. Kristalle haben sich am Boden gesammelt. Es ist bitter, man verzieht den Mund. Ja, da ist Leben, ja das ist Tod.
Darum bete ich, wenn ich durch das «Täli» (das kleine Tal) gehe. Ich gehe heute freiwillig hindurch, niemand zwingt mich, wie ich als Kind gezwungen war, jene Wege zu gehen. Die Wirklichkeit ist nichts Dunkles mehr, was alles anzieht und verschlingt. Ich habe gelernt, hier eine «Mitte» zu erkennen, die Bilder des Evangeliums hier einzusetzen. Wo das «Loch» war, ist jetzt eine Mitte. Die Wirklichkeit ist gefüllt. Die Wirklichkeit hat ein Gesicht bekommen. «Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, ich fürchte kein Unglück, denn Du bist bei mir.» (Ps 23)
Das Glück
Vielleicht reisen Männer nach der Pensionierung auch deshalb so gern im Land herum, weil sie ihr Leben besichtigen. Es ist nicht einfach Tourismus, es ist das vergangene Leben, das gelebte und das ungelebte. So geht es auch mir, als ich den Stätten meines Lebens nachreise.
Jede Entscheidung hinterlässt auch ungenutzte Möglichkeiten. Und es ist reizvoll, sich diese auszumalen. So wie beim Kartenspiel – manchmal spiele ich aus und bedaure den Zug schon im Spielen. Ich hätte es auch anders machen können. Es wäre reizvoll, alle möglichen Varianten zu wissen, die das Spiel hätte nehmen können…
Meine Art, das Leben anzugehen, zeigte sich auch bei diesem Rundgang durch die Stadt, wo ich früher mal eine Stelle hatte.
Aussen herum
Ich entscheide, dass ich erst aussen herum gehe. Das ist meine Art. Ich hätte sonst das Gefühl, ich hätte es mir zu leicht gemacht, wenn ich gleich ins Zentrum gehe, wenn ich dort weitergehe, wo es schön ist und wo es gleich ins Ziel zu führen scheint. Ich würde es dann büssen, meine ich, denn das, was mir gefällt, das kenne ich schon, das kann ich. Aber dort aussen werde ich vielleicht mit Aufgaben konfrontiert, die mir nicht liegen, die ich nicht lösen kann. Und die muss ich doch vielleicht bestehen?
Lebenswege
So gehe ich mein Leben lang in Gassen, die ich nicht kenne, konfrontiere mich mit Aufgaben, die ich noch nicht lösen kann, lade mir Dinge auf, die mir schwer werden und die ich nicht einmal gerne tue. Und ich lasse liegen, was ich gerne habe, was mir leichtfällt, wo ich Erfolge erringen könnte. Wo es mich hinzieht. So kann man auch einen Weg gehen, das ist auch eine Regel für ein Labyrinth: Wähle immer das, was dich abstösst. Aber ist das ein Weg zum Glücklich-Werden? Entfaltet man so seine Talente, für sich oder zum Wohl von andern? Ist das überhaupt ein Weg zu irgendetwas? Oder ist es nur die Verbohrtheit einer kindlichen Psyche?
Vorschnelle Mitte
Ich bin älter geworden. Jetzt kann ich nicht mehr alles von aussen und von unten aufdröseln. Jetzt ist es dringlicher, ins Zentrum vorzustossen. Führt nicht jedes Labyrinth schon nach den ersten Durchgängen mitten hinein? Man sieht die Mitte schon, man ahnt es schon, und es gibt Kraft und Freude zum Weitergehen. Aber gleich darauf führt der Weg wieder fort, er geht aussen herum. Es wäre eine Enttäuschung, wenn ich mich gefreut hätte, schon jetzt ins Zentrum vorstossen zu können.
Innen und aussen
Meine Psyche enthält das Labyrinth in sich. Darum ist nichts verloren, egal, ob ich zuerst ins Zentrum vorstosse oder aussen herum gehe. Ich muss wohl alle Wege in diesem Labyrinth abschreiten. Denn das Leben ist labyrinthisch strukturiert. Es gleicht dem Birnbaum, der seine Form im Blatt zeigt aber auch im Ganzen. Diese Baumstruktur hat es im Äussern, aber sie ist auch in unser Inneres eingebildet. Darum steckt es auch in meiner Psyche.
Also ärgere Dich nicht um ein vertanes Leben. Es ist immer ganz und eins. Auch wenn ich nur die Bruchstücke sehe, auch wenn es mir in der Mitte zerbricht. Aber die Mitte ist da, und ich kann mich hineinstellen. Und dort erfahre ich das Ganze. Dort ist Gegenwart und Schauen. Dort zeigt Gott dem Moses das gelobte Land.
Das Tor
Vor einigen Tagen fuhr ich zur Endstation des Zweier-Trams am See und stieg dann den Hügel empor. Ich kam an den Villen vorbei und stand plötzlich, unvorbereitet, vor diesem Haus. Es war wie ein Schlag, auch weil sich die Villen vorher hinter dicken Mauern und Gehölzen verbargen. Diese ist aber öffentlich, der Garten ist unverschlossen. Ich stand baff und staunte mit offenem Mund.
Es gab viel Kitsch, orientalische Zitate. Sie gehören zum Leben des damaligen Bauherrn, der als Kaufmann in Asien lebte. Darunter aber, kaum verborgen, ein Baukörper…. Ich fühlte mich wie ertappt. Etwas Inneres steht plötzlich wie ein Äusseres vor mir. Als ob man in einem Traum herumgehen könnte. „Das kenne ich!“ wollte ich sagen. Und ich war glücklich.
Die Bibel erzählt vom Traum Jakobs: „Hier ist das Haus Gottes und ich wusste es nicht.“ Und er richtet seinen Schlafstein auf, als Erinnerung, damit er den Ort wieder findet, wenn er seine Frau heimführt und einen Ort sucht, wo er sich mit seiner Familie niederlassen kann. Hier soll die Mitte sein, hier will er einen Tempel bauen. Da ist der Ort, wo Gott hört und Antwort gibt. Hier ist die Mitte des Lebens, was auch immer geschieht. Hier ist der Eingang zur inneren Welt, wo die Grenzen aufgehoben sind.
Es ist ein starkes Erlebnis – darum wird immer wieder versucht, es festzuhalten. Man baut Tempelanlagen, die es nachbilden sollen: den Weg, das Eintreten, das Hinübergehen, die Begegnung. Dann – es scheint wie eine Ewigkeit, denn dort ist die Zeit aufgehoben – dann das Hinaustreten in die Welt. Und das Leben beginnt, wie es gemeint ist…
Foto yoldakocayanlaar, Pexels









