Schön- und Schlechtwetter-Modelle für die Kirche

Bin ich geeignet für die berufliche Tätigkeit eines Pfarrers? – Ein Pfarrer kann seine Arbeit nicht mit einer distanzierten Sach-Kompetenz ausfüllen, er ist mit seiner ganzen Persönlichkeit in seine Arbeit involviert. So wird er sich nie wohlfühlen, wenn er sich seiner Gemeinde nicht auch mit seinen Schattenseiten „zumuten“ kann.

Ausserdem erfordert das breite pfarramtliche Arbeitsfeld unterschiedlichste Kompetenzen: Für die Seelsorge sollte er sich einfühlen können, hier ist eher ein „introvertierter“ Typ gefragt. Für das Auftreten vor Grossgruppen hätte eine „extravertierte Persönlichkeitsstruktur“ die besseren Voraussetzungen. Das Beispiel ist etwas plump, zeigt aber doch, dass ein Pfarrer unterschiedlichste Persönlichkeitsmerkmale in sich vereinigen sollte – er hat aber nur eine Persönlichkeit.

Biographisch lernen
Die von ihm geforderten Kompetenzen lassen sich nicht in einem Jahr erlernen, die wachsen lebensgeschichtlich. Er hat aber nur eine Lebensgeschichte. Zwar gibt es auch ein „biographisches Lernen“, einen Weg des Heilens und Wachsens über die Grenzen einer bestimmten Prägung hinaus – und dieses Wachsen gehört auch wesentlich zu jener Faszination, die Glaube und Spiritualität auf mich ausüben -, doch haben wir diese Entwicklungsschritte nicht im Griff, sie lassen sich nicht planen. So wird die Formel für meinen beruflichen Weg in der Kirche ebenfalls „Spezialisierung und Ausbildung“ heissen.

Schön- und Schlechtwetter-Modelle für die Kirche
Ich bin mir aber bewusst, dass die Professionalisierung der Kirchendienste eine Grenze hat. Denn diese Professionalisierung setzt ja ein bestimmtes Modell von Kirche und Gesellschaft voraus: eine Kirche, die sich in relativer Harmonie zu der sie umgebenden Kultur fühlt und die ihre Sendung in die Welt in vielfältige Tätigkeiten entfaltet. Sie beteiligt sich an der Erziehung, betreut Alters- und Schicksals-Gruppen, fängt Probleme der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung durch karitative Tätigkeit auf. Für all das braucht sie gut ausgebildete Berufsleute.

Die „Bekennende Kirche“ der 30er Jahre erinnert aber an ein anderes Modell: Dort sah sich die Kirche (oder ein Teil von ihr) im Konflikt zur umgebenden Kultur. So betonte sie in ihrer Verkündigung weniger das „Ja“ des Evangeliums als das „Nein“. Sie gab sich ein „prophetisches Mandat“ und opponierte gegen Fehlläufe der politisch-sozialen Ordnung, weil sie sich offensichtlich nicht mehr karitativ reparieren liessen. Im Gegenzug wurde sie verfolgt. Das benahm ihr die Möglichkeit, ihre Sendung in immer weiter gespannten Tätigkeitsfeldern zu entfalten und immer mehr Arbeitsbereiche zu professionalisieren.

Die Zeit der Harmonie
Sie verliess sich nicht auf Ausbildung und psychologische Eignung zu dieser oder jener Tätigkeit. Entscheidend waren das „Ja“ oder „Nein“ ihrer Angehörigen und das Vertrauen in die „Sache“, die sie vertrat. Diese Erinnerung soll mich davor bewahren, mich allzu sehr in Spezialisierung und Fachausbildung zu verlieren. Es ist nicht gesagt, dass die Zeit der Harmonie zwischen Kirche und Gesellschaft immer andauern muss. Es ist wohl nur eine Interpretationsfrage, ob das heute überhaupt der Fall ist. In manchen Bereichen scheint das „Nein“ der Kirche heute mehr gefordert als ihr „Ja“, der Protest mehr als ein dienstfertig-professionelles Zudienen.

Das gehört zu den gesellschaftspolitischen Dimensionen des Christ-Seins und Kirche-Seins – wohl das schwierigste und anspruchsvollste auf meinem Weg, wenn ich es denn ernst damit meine, immer mehr Lebensbereiche auf den Glauben hin leben zu wollen.

 

Foto Sarah Craenhals, Pexels
Aus Notizen 1993