Gott an allen Fronten
Nachts, als ich nicht schlafen kann, höre ich einen Podcast. Von «Gott» soll er handeln. Ich steige bald aus. Gott erscheint als Gummi, den man nach Belieben kneten kann, als Knetmasse in den Händen von Philosophen, die das Deute-Monopol über alles beanspruchen. Am Morgen lese ich die Zeitung. Es ist Krieg. Und auch hier erscheint Gott an allen Fronten.
Er rechtfertigt Gebietsansprüche. V.a. erscheint er in dem Bild, das er in Zeiten grosser Not für die Völker angenommen hat: als Erwartung eines endzeitlichen Messias, der die Not wendet und das Gottesreich nahe bringt. So wird der Krieg in Israel religiös untermauert, so beim Gegner Iran, so bei den Evangelikalen in den USA. Christentum, Judentum, Schiitischer Islam kennen die apokalyptische Wendung, die in Zeiten der Not wiederbelebt werden kann.
Die Bibel redet anders. Eilfertige Interpretationen stehen im Dienst von Interessen, das ist nicht Originalton. Die Bibel ist vorsichtig in der Deutung Gottes und seines Willens, aber deutlich in der Verurteilung des Unrechts.
Wie Hunger, wie Durst
Während Philosophen Gott gerade wieder zu einer Gestalt zurechtkneten, die sich heute verkaufen lässt, während er billig zu haben ist auf allen Märkten, liegt das Problem vielleicht gerade beim Gegenteil: dass das Wissen von Gott ausgestorben ist. Und die Menschen suchen ihn wie die Gerechtigkeit, wie das Erbarmen, wie den neuen Anfang, der Leben ermöglicht, und sie finden ihn nicht.
„Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da sende ich Hunger ins Land, nicht einen Hunger nach Brot und nicht einen Durst nach Wasser, sondern danach, die Worte des Herrn zu hören. Und sie werden wanken von Meer zu Meer und von Norden bis zum Osten, sie werden umherschweifen, um das Wort des Herrn zu suchen und werden es nicht finden.» (Amos 8, 11ff)
Zuerst müssen wir wohl Ernst machen mit dem, was uns von Gott bewusst ist: Gerechtigkeit, Erbarmen, Friede. Dann ist vielleicht auch wieder anderes von Gott zu hören.
Ganz nahe
Oder sollte Gott schlafen, ist er tot? Sind wir zu dumm, um ihn in den letzten Wendungen des arrivierten Bewusstseins zu verstehen? Vielleicht redet er, vielleicht wäre es zu wissen, was er sagt – aber unser Gerede bringt ihn zum Schweigen, unsere Klugheit verbirgt ihn, unser verdrehtes und verbogenes Leben macht uns taub für ihn. Gerade, dass wir immer schon wissen, was Gott will, verbirgt ihn vor uns. Dass wir das auf dem Markt verkaufen, in der Politik verwenden und Krieg und Gewalt damit rechtfertigen, das macht ihn stumm für unsere Ohren. Er aber sagt:
«Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.» (Dtn 30,11ff)
Was will Gott denn? Muss man ihn philosophisch zerlegen? Der Prophet Amos – an der Stelle, als er das Schweigen Gottes ankündigt – hat ganz konkrete Aussagen:
«Hört dieses Wort, die ihr die Armen verfolgt / und die Gebeugten im Land unterdrückt! Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei, dass wir Getreide verkaufen, / und der Sabbat, dass wir den Kornspeicher öffnen können? Wir wollen das Hohlmass kleiner und das Silbergewicht grösser machen, / wir fälschen die Waage zum Betrug, um für Geld die Geringen zu kaufen / und den Armen wegen eines Paars Sandalen. / Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld.» (Amos 8,4ff)
Das ist eine prophetische Stimme in der Bibel. Man wird es nicht eilfertig auf die Gegenwart anwenden, so wenig wie die Botschaft vom apokalyptischen Endreich, aber es gibt doch eine Vorstellung vom biblischen Gottesbild, gegen philosophische Auslegungen und politische Vereinnahmungen. Es geht auch um Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Frieden.
Foto aus dem Film They Shall Not Grow Old
Für das Fest Dreifaltigkeit 2026









