Schlagwortarchiv für: Gesellschaft

Ein unscheinbares Märchen: Es handelt von einem demütigen Kind, das sich seine Rechte aus der Hand nehmen lässt. Schweigend beugt es sich dem Unrecht. Dafür redet ein Pferd, dafür sprechen die Blutstropfen, ob es nicht einer höre. Ein unscheinbares Märchen, und doch, wieviel Geschichte steckt darin! Es erzählt, wie Herrschaft durch Unrecht verloren geht, wie Recht gestohlen und ein Thron usurpiert wird. Im Märchen geht es gut aus: Der alte König deckt den Betrug auf. Und das Volk kommt zu einer legitimen Herrschaft. Weiterlesen

Die Familie war schon totgesagt, doch sie kehrt zurück, in verwandelter Form. Verabschiedet wurde sie von Vertretern der «Modernisierungsthese»: Was historisch gewachsen und in Rollenbildern für Eltern und Kindern, Mann und Frau verankert war, sollte ersetzt werden durch neu entworfene Institutionen, die nicht der Tradition, sondern der Vernunft und dem modernen Rechtsempfinden verpflichtet waren. Weiterlesen

Nach dem Attentat in Norwegen: Neu war offenbar, dass er nicht, wie die Rechtsnationalen, eine „Nation“ verteidigen wollte, sondern „Europa“. Die konservative Gesinnung verband sich mit der Ideologie vom „Abendland“, mit der Tempelritter-Esoterik, mit der Kreuzzugs-Ideologie. Das richtet sich gegen den „Islam“, „die Ungläubigen“, die Feinde, „Asien“. Weiterlesen

Wahrheit – schon oft totgesagt, meldet sie sich heute wieder zurück. Aber auch ihre Leugnung im sog. Nihilismus beschäftigt heute wieder die Menschen. Es ist nicht nur ein Schulstreit, es geht um das Vertrauen in die Entwicklung von Zivilisation und Demokratie. Nicht nur zweifeln heute viele Menschen an der Entwicklung, es geht manchmal schon Richtung Verzweiflung. Doch die Wahrheit ist unverzichtbar. Ohne sie funktioniert nicht mal die russische Kriegführung, wie ein Beispiel zeigt.

Unverständliche Gewalt
«Eine neue Form des Extremismus bereitet den Schweizer Behörden Sorgen. Der gewalttätige Nihilismus verherrlicht Gewalt um der Gewalt willen – ohne zugrunde liegende Ideologie.» So schreibt die Journalistin Juliette Jeannet in RTS (19.07.2026). «Im Gegensatz zu herkömmlichen Radikalisierungsformen vertritt diese Bewegung weder eine politische noch eine religiöse Sache.»

«Beim extremistischen Nihilismus ist Gewalt nicht nur ein Mittel, sondern auch ein Selbstzweck», zitiert sie Géraldine Casutt, von der Fachstelle für Radikalisierungs-Prävention des Kantons Waadt. «Die Menschen, die in diese Szene geraten, suchen nach etwas», sagt Casutt. «Man verspürt ein Unbehagen, ein Fragezeichen im Herzen und im Kopf.»

Als ob nichts mehr einen Sinn hätte
Der Nihilismus (von lat. nihil = nichts) war im späten 19. JH und nach den Weltkriegen ein Konzept, um die Entwicklung in Kultur und Politik zu deuten. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche erwartete, dass nach dem «Tod Gottes» und nach dem Ende der Metaphysik moralische Werte und das Konzept von Wahrheit ihr Fundament verlören. Er unterschied einen passiven von einem aktiven Nihilismus, welch letzterer nicht nur in Resignation verharre, sondern als destruktive Kraft die bestehenden Werte und Strukturen zerstöre, um Platz zu schaffen.

In der Folgezeit ist der Nihilismus immer wieder aufgetaucht, nicht nur als Deutungsmuster, sondern auch als Impulsgeber für verzweifelte Aktionen. Vor der Revolution von 1917 gab es in Russland eine starke nihilistische Bewegung, aus der radikale Gruppen der Revolutionszeit hervorgingen.

Krieg und Krisen
Kriege und Krisen schufen immer wieder einen Boden, auf dem nihilistische Ideen aufkamen. Der Erste Weltkrieg zerstörte das Vertrauen in Fortschritt, Vernunft und Humanität. Die Erfahrung von Massensterben und Sinnlosigkeit liess nihilistische Ideen wieder aufkommen. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust führten zu einer erneuten Infragestellung von Moral, Geschichte und Fortschrittsglauben. Die Krisen der Gegenwart reihen sich in diese Geschichte ein.

Neuer Nihilismus
Heute stellen Digitalisierung, Klimakrise und politische Polarisierung neue Anlässe dar, an Sinn und Zukunft zu verzweifeln. Eine KI-Übersicht unterscheidet drei Formen:

Technologischer Nihilismus: Er entzündet sich an der Frage, ob Fortschritt (z. B. durch KI oder Gentechnik) noch menschliche Werte respektiert.

Ökologischer Nihilismus: Die Erkenntnis, dass der Mensch die Erde zerstört, führt zu einer Haltung der Resignation oder der radikalen Veränderung.

Politischer Nihilismus: Der Verlust von Vertrauen in Institutionen (Demokratie, Medien, Wissenschaft) führt zu Zynismus und Apathie.

Auferstehung der totgesagten Wahrheit
Sollte es immer so weiter gehen? Eine seltsame Nachricht kommt aus Russland und aus dem russischen Krieg. Der russische Präsident Wladimir Putin sucht immer wieder, mit Phantasie-Erfolgen Siegesstimmung zu verbreiten. Wer den Frontverlauf aber über Satellitenbilder nachzeichnet, kommt zu anderen Ergebnissen. So scheibt die NZZ:

«Die Russen wurden Opfer ihrer eigenen Propaganda und der systematischen Beschönigungen in ihrer Befehlskette. Das Phänomen ist seit Längerem bekannt: Lokale Offiziere werden von ihren Vorgesetzten mit unerreichbaren Vorgaben unter Druck gesetzt und melden fiktive Eroberungen, bei denen es sich bestenfalls um Infiltrationen einiger weniger Soldaten handelt. In der Generalität schenkt man solchen Berichten nur zu gerne Glauben, weil von oben rasche Erfolge eingefordert werden. So verzerrt sich das Lagebild immer weiter, je höher man in der Hierarchie geht.» (NZZ 17.9.26. «Die Ukrainer erobern Gebiete im Donbass zurück.»)

Die zynisch in Dienst genommene Wahrheit meldet sich zurück. Auch eine Welt, die nur der Macht gehorcht, kommt ohne den Wahrheitsanspruch nicht aus. Trotz allem Zynismus, trotz Gewaltherrschaft und Lügenpropaganda ist das Festhalten an Wahrheit unersetzlich. Selbst Diktaturen, die «Wirklichkeit» scheinbar nach ihrem Gutdünken herstellen können, sind der Wahrheit unterworfen.

So wird diese Meldung von der Kriegsfront für mich zu einem Kommentar auf alle nihilistischen Ansagen, die Wert und Wahrheit aufheben wollen.

 

Foto Vika Glitter, Pexels  

Lesen Sie „Verteidiger der Wahrheit„. Die Suche nach dem Absoluten und die Angst vor Radikalisierung.

Schon wieder eine neue Woche. Ich hab mich noch gar nicht eingefunden in der neuen, alten Welt nach dem Knall der letzten Tage. Das ist das Wahlergebnis in Deutschland, aber auch der Hagel-Zug, der in unserer Gegend Verwüstung angerichtet hat. Ich schüttle mich und kneife mich, damit ich mich spüre. Ich richte das Zimmer her, lasse die Rollladen wieder herunter, die ich beim Sturm hochgezogen hatte. In der Nachbarschaft wurden sie zerfetzt. Weiterlesen

Gestern Abend vor dem Fernsehgerät bin ich zwei Mal erschrocken. Und ich habe mich noch nicht wieder beruhigt. Es wird vielen so gehen, die das gesehen haben. So wird der Abend wohl etwas bewegen. Man kann darüber nicht einfach schlafen gehen. – Ein grosses Erschrecken und ein nachträglicher Widerruf! Weiterlesen

Wenn ich vor das Haus gehe, ist es, wie wenn ich die Hand in den Backofen halte. Seit Mitte Juni löst eine Hitzewelle die andere ab, seit zwei Monaten ohne Unterbruch. Wann gibt das politische System ein Zeichen das es die Situation wahrnimmt? Wann zeigt es, dass es reagiert und den einzelnen nicht allein lässt? Wann hört es auf, zu beschwichtigen und hinauszuschieben: «In Zukunft könnten solche Lagen wegen des Klimawandels häufiger werden.» Das ist das Maximum an Besorgnis, was man hört. Weiterlesen

Wer wird dem Klimawandel entgegentreten? Wer wird das Artensterben und die Bedrohung der Biosphäre aufhalten? – Zu meinen Lebzeiten haben sich nicht nur Ansichten und politische Ideologien geändert, sondern auch grundlegende Kategorien, in denen der Mensch und seine Welt angeschaut werden. Der «einzelne» ist so eine Kategorie, gegenüber der «Menge», das «Individuum» gegenüber der «Masse». Aber wer macht die Geschichte, wer trägt sie? Von wem ist etwas zu erwarten? Weiterlesen

Wenn es die Schweiz nicht schon gäbe, warum müsste man sie gründen? – Wegen des Übergangs über die Alpen! So fällt mir zuerst ein. Ein Gebirgsübergang mitten in Europa müsste offen sein und neutral verwaltet, damit keiner von einer Passage ausgeschlossen wäre. Dann gäbe es keinen Grund, diesen Übergang zu besetzen und für andere unpassierbar zu machen. Das wird mir heute schlagend bewusst, wo die Strasse von Hormus durch Kriegsparteien gesperrt ist, was Schockwellen durch die internationale Wirtschaft treibt. Weiterlesen