Die Wirklichkeit der Zahlen und der Glaube

Der Reformationstag ist ein Anlass zur Besinnung: Was ist die Herausforderung heute? Gelingt es, die Welt auf eine Weise zu verstehen, dass die Glaubensbotschaft daran anschliessen kann? Kann der Glaube so verstanden und gelebt werden, dass er als Antwort auf die Fragen dieser Zeit hörbar wird? Die folgende Besinnung setzt bei etwas Äusserem an, das heute aber doch fast als Hauptbeitrag der Reformation verstanden wird, wenn es um das Verständnis und die Gestaltung der Welt geht: beim Individualismus.

Individualismus

Der Individualismus ist ein zentrales Merkmal moderner Gesellschaften und hat viele positive Aspekte, wie persönliche Freiheit, Selbstentfaltung und Kreativität. Heute werden aber negative Folgen deutlich, wenn soziale Bindungen, gemeinsamer Zusammenhalt und langfristige Verantwortung in den Hintergrund treten. Traditionelle Institutionen, die das Kollektiv schützen, werden von der Entwicklung ausgehöhlt, was viele Menschen von Staat und Gesellschaft entfremdet. Auch das Recht hat in unserer Kultur eine «Neigung zum Individualismus» und entwertet damit kollektive Traditionen.

Die Neigung zum einzelnen
Das klassische liberale Rechtsverständnis geht davon aus, dass der Mensch ein autonomes, vernunftbegabtes Individuum ist, das frei von staatlicher oder kollektiver Bevormundung sein Leben gestaltet. Die Sozialwissenschaften (Soziologie, Anthropologie, Psychologie) zeigen aber: Der Mensch ist kein isoliertes Ich, sondern ein soziales Wesen, das in Gemeinschaften lebt und von ihnen geprägt wird. Identität, Sicherheit und Wohlstand entstehen durch kollektive Strukturen.

Das Recht kann nicht nur aus individuellen Rechten bestehen, sondern muss auch kollektive Strukturen berücksichtigen. Einige Rechtswissenschaftler fordern heute daher ein neues Rechtsprinzip, das soziale Entitäten (Familien, Clans, Genossenschaften) als Rechtssubjekte anerkennt. Nur so könne das Recht der Wirklichkeit menschlichen Zusammenlebens gerecht werden und legitim sein, meint etwa der deutsche Jurist Uwe Volkmann.

 

Reformation und Individualismus

Die Reformation hat das moderne Rechtsverständnis massgeblich geprägt, indem sie die Autorität der Kirche und der scholastischen Tradition durch die unmittelbare Beziehung des Individuums zu Gott ersetzte. Dies förderte eine Vorstellung des autonomen, vernunftbegabten Subjekts, das seine Gewissensfreiheit und seine Rechte nicht mehr nur aus der Einbindung in die Gemeinschaft, sondern aus sich selbst ableitet.

Was ist «wirklich»?
Die geistesgeschichtlichen Wurzeln dieser Denkweise liegen im Nominalismus und seiner theologischen Anwendung durch die Reformatoren: Wilhelm von Ockham und andere Nominalisten leugneten die reale Existenz allgemeiner Begriffe (Universalien) und betonten die individuelle, konkrete Entität. In der Rechtstheorie führte dies dazu, dass soziale Gebilde nicht mehr als reale, vorstaatliche Entitäten, sondern als blosse Namen oder Konstruktionen betrachtet wurden.

Die Reformation knüpfte an diese nominalistischen Tendenzen an, indem sie die Autorität der Kirche und der Tradition durch die individuelle Gewissensfreiheit ersetzte. Martin Luther betonte die Freiheit des Christenmenschen, was den Weg für eine Individualisierung des Glaubens und später des Rechts ebnete. (Christiane Tietz, «Entwurf» Nr. 1 / 2022 Individuum und Gemeinschaft)

Das Wirkliche ist weltlich, das Weltliche ist wirklich
Der nominalistische Grundgedanke, dass nur das Individuelle real ist, trug zur Genese der säkularen Normativität bei, in der das Recht nicht mehr auf einer übernatürlichen oder natürlichen Ordnung, sondern auf dem Willen des Individuums oder des Souveräns beruht. («Ockham, Hobbes und die Geburt der säkularen Normativität: Zur Genese von Säkularität, Individualität und Rationalität» in: Felix Ekardt und Cornelia Richter, Recht und Moral, Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie Vol. 92, No. 4, 2006)

Neo-Realismus und Digitale Welt

Die Reformation steht in der Tradition des Nominalismus, wonach nur individuellen Entitäten Wirklichkeit zukommt. Kollektive Begriffe gelten hier als blosse Namen. Das setzt den Individualismus absolut.

Nur Namen! – Stimmt das überhaupt?
Aber stimmt es? «Baum» ist ein Allgemeinbegriff, «Esche» auch. Hat aber nur die einzelne Esche hier im Garten Realität, weil sie sinnlich wahrnehmbar ist? Biologen können heute den genetischen Code dieser Art angeben, sie hat also dingliche Realität, der Code ist physisch niedergelegt in jeder Zelle des Baums. Darüber hinaus ist der Code eine Information, er lässt sich auch nicht-materiell verstehen, als Idee. Daher müsste schon wegen der Genetik eine Renaissance von Platon und Pythagoras stattfinden. Das gilt umso mehr für die heutige digitalisierte Welt, die wesentlich auf Information beruht. Und niemand würde die Realität dieser Codes bezweifeln.

Gibt es heute eine neue Wahrnehmung überindividueller Entitäten in der Philosophie? Können die Kirchen der Reformation von ihrem Individualismus abrücken, weil er nicht zum Kernbestand der reformatorischen Theologie gehört und nur eine philosophische Einkleidung im Stil der damaligen Zeit darstellt?

Die Auffassung von Wirklichkeit wird auf den Kopf gestellt
Digitale Informationstheorien – insbesondere der «Informationsrealismus» (z. B. Luciano Floridi, John Collier) und «Netzwerkontologien» (Manuel DeLanda, Gilbert Simondon) – stellen das traditionelle Verhältnis von Individuum und Kollektiv radikal infrage. Sie argumentieren, dass Information und relationale Strukturen die primäre Wirklichkeitsebene bilden, während das “Individuum” oft nur ein emergentes Phänomen ist. Das traditionelle Verhältnis wird hier auf den Kopf gestellt! («Emergente» Eigenschaften sind Eigenschaften eines Systems, die sich nicht auf die Elemente zurückführen lassen, sondern durch das Zusammenwirken auftauchen. Aristoteles: «Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.»)

Diese Theorien berühren sich mit der Pythagoreische Tradition: Die Idee, dass Zahlen oder Muster die Grundstruktur der Realität bilden (wie in der Genetik oder Quantenphysik), wird hier technologisch konkretisiert. Der genetische Code ist ein solches Muster – und damit “realer” als das physische Individuum, das ihn trägt.

Das Internet ist in dieser Sicht kein Werkzeug, sondern eine neue ontologische Schicht, in der Daten, Nutzer und Algorithmen untrennbar verschränkt sind. Hier gibt es keine “Individuen” im klassischen Sinn, sondern Datenströme und Knoten.

Digitale Theorien zeigen, dass der Mensch schon immer «hybrid» ist – eine Mischung aus Biologie, Kultur und Technologie. «Der Individualismus der Aufklärung ignoriert diese Verwobenheit», setzt KI zu dieser Auskunft hinzu.

In diesen Theorien ist Information die neue Grundkategorie der Wirklichkeits-Deutung. Da Kategorien die Wahrnehmung lenken, besteht die Gefahr, dass alles aus der Beachtung fällt, das dem nicht entsprich.

 

Ontologische Blindheit

Wenn die reformierte Tradition derart mit dem Individualismus verbunden ist, führt das nicht dazu, dass man überindividuelle Gegebenheiten leicht übersieht? Der Individualismus scheint ein kategorialer Rahmen, innerhalb dessen gewisse Dinge gar nicht mehr gedacht und wahrgenommen werden können, wenn sie eben nicht als empirisches Einzelding daherkommen. Selbst Gott entzieht sich einer Wahrnehmung unter solchen Kategorien. So fehlt etwas im Weltbild und man merkt es nicht einmal, weil man die Kategorien dafür nicht hat.

Der reformatorische Individualismus führt dazu, dass überindividuelle Gegebenheiten unsichtbar werden – nicht, weil sie nicht existieren, sondern weil die Kategorien fehlen, um sie zu denken. Das ist kein Zufall, sondern Folge einer Theologie, die sich am empirischen Einzelnen orientiert. Eine Renaissance platonischer oder pythagoreischer Ideen wäre hier kein Rückschritt, sondern eine Korrektur: Denn wenn Information, Code und Struktur Wirklichkeit konstituieren, dann sind überindividuelle Entitäten wie Arten, Sprachen oder eben auch die Kirche mehr als blosse Namen.

 

Fazit

Dieser Artikel fasst ein Gespräch mit der KI zusammen. Diese macht Reformvorschläge für die Kirche, die leicht über KI abzurufen sind. Ich möchte hier einige Punkte zusammenfassen, die mir deutlich geworden sind:

Der Individualismus ist kein Naturgesetz, sondern ruht auf einer Rechtsauffassung, die von ihrer geistesgeschichtlichen Herkunft her eine Schlagseite zum Individualismus hat. Wegen der negativen Folgen, die mehr und mehr zutage treten, werden Alternativen diskutiert, selbst in der Rechtswissenschaft. Die Kirche kann politischen Reformen, die den einzelnen als isoliertes Individuum ansprechen und aus seinen realen Bindungen lösen, kritisieren, ohne als «ewig-gestrig» dazustehen. Der Einsatz zugunsten von überindividuellen Lebensformen ist eher ein neuer Trend, mit dem man vorangehen kann.

Seine philosophische Grundlage hat der Individualismus im Nominalismus (der sich im Empirismus fortsetzt und anderen modernen Folgegestalten, die nur sinnlich wahrnehmbare Grössen für wirklich halten und Allgemeinbegriffe für blosse «Namen»). Das verliert seine selbstverständliche Überzeugungskraft in einer Zeit, in der Algorithmen, Internet und KI das tägliche Leben begleiten und alle Abläufe in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat am Laufen halten. Nicht nur wird Plato neu verstehbar, wenn der philosophische «Realismus» neue Wertschätzung erfährt. Das Verdikt von Metaphysik und Religion wird obsolet. Die «Verabschiedung» solcher Fragen in verschiedenen philosophischen Schulen hat seine Gültigkeit verloren. Selbst Gott taucht wieder als ernsthaftes Thema auf, nachdem die Diskussionslage lange Zeit darüber hinweggegangen ist.

Im «Informationsrealismus» (Floridi) besteht die «Wirklichkeit» nicht aus Dingen, sondern aus Datenmustern; Information ist «die neue ontologische Grundlage» der Weltdeutung. Der Physiker John Archibald Wheeler schlug vor, die grundlegendste Einheit des Universums nicht in Materie oder Energie zu sehen, sondern in der Information. Dieses Konzept stellt die klassische Sichtweise auf den Kopf, dass Materie und Energie die Bausteine der Realität sind, und schlägt stattdessen vor, Information als fundamentalen Baustein zu sehen.

Sich bereit halten
Es ist nicht egal, in welches philosophische Kleid sich der Glaube hüllt. Im Individualismus wird nicht die letzte Wahrheit über den Menschen ausgesagt. Die Bibel hält geeignete Bilder bereit. Die christliche Kirche hat wichtige Traditionen einzubringen, gerade in einer Zeit grosser Herausforderungen. Im Glauben endet das Gespräch nicht beim Ende der Machbarkeit. Das Evangelium hat Worte, auch wo das Kontrollierbare aufhört. Was nottut ist ein Glaube, mit dem wir den kommenden Herausforderungen entgegen gehen können.

 

Foto: Özkan Keklik, Pexels

Weitere Beiträge zu diesen Themen: «Ein neuer Gesellschaftsvertrag?»

 

Literatur:

Uwe Volkmann, „Grundlagen des Privatrechts. Eine rechtstheoretische Untersuchung“. München 2001.

Informationsrealismus, einschlägige Werke: Luciano Floridi, „The Philosophy of Information“ (2011) und „The Ethics of Information“ (2013); John Collier, „Information, Causation and Computation“ (1996) sowie „The Dynamical Basis of Information and the Origins of Semiosis“ (2008).

Netzwerkontologien, einschlägige Werke: Gilbert Simondons, „Das Individuum und seine Genese“ und „Die Existenzweise technischer Objekte“; Manuel DeLanda, “A New Philosophy of Society: Assemblage Theory and Social Complexity” (2006) (DeLanda entwickelt hier die Assemblage-Theorie als Werkzeug, um soziale Komplexität zu verstehen.)

Die Recherche für diesen Beitrag wurde durch KI erleichtert. Die KI bibliographiert und exzipiert Beiträge aus Büchern und Zeitschriften, die anders nicht so schnell zu beschaffen wären. So finden sich zahlreiche Zitate im Text, die möglichst mit Quellenangabe versehen werden, nicht aber der Lauftext der KI, wo sie auf eine Frage antwortet.