Vermische Nachrichten

Das Sturmtief „Maria“, das über der Karibik gewütet hat, als vielleicht vierter oder fünfter Hurrikan dieser Saison, hat es über den Atlantik geschafft und bringt Regen zu uns und eine Sturmwarnung des Wetterdienstes. Gestern haben wir den Film „Adams Äpfel“ geschaut. Vorher in den Nachrichten zeigten sie den Amokschützen von Las Vegas.

Groteske Realität
Der hat von seinem Hotelzimmer aus auf die Besucher einer Musikveranstaltung geschossen. Am Fernsehen hörte man die Musik und dazwischen immer wieder das «Taktaktak» der Maschinengewehrsalven, bis es zum grössten Tötungsdelikt der USA herangewachsen ist. Der amerikanische Präsident, der in den Vorwahlen versprochen hatte, das Waffen-Geschäft nicht einzuschränken, sagte den Angehörigen, er würde für sie beten. Ein Kommentator meinte, er habe gesprochen wie ein Pfarrer, erwartet hätte man einen Präsidenten.

Grotesker Film
Der Film „Adams Äpfel“ wirkt grotesk in seinen Überzeichnungen, aber nach diesen Nachrichten hatten wir das Gefühl, dass er diese Zeit sehr gut ins Bild fasse. Mich erinnerte er auch an Schillers „Räuber“, das ich in den letzten Tagen gelesen habe. Der fünfte Akt erinnert mich an Adams Äpfel. Da versucht der Übeltäter einen Gläubigen davon zu überzeugen, dass kein Gott sei.

Die Argumentations-Figur stammt aus der Antike, aus dem Alten Testament. Schon in der Weisheit Salomos und in den Psalmen berufen sich die Übeltäter darauf, dass ja kein Gott sei, darum sei alles erlaubt und sie nähmen das Recht in ihre eigene Hand. Und wer sich auf Gott beruft, wer behauptet, dass er an ihn glaube und darum an das Recht, der reizt ihre Wut. So kommt es zur Verfolgung der Gläubigen, was im Alten Testament zu einer eigenen Tradition heranwächst („der leidende Gerechte“) und im Neuen Testament zitiert wird zur Deutung des Todes Jesu – bis zum Hohn und Spott, der ihm am Kreuz entgegengehalten wird. „Er glaubt doch an Gott, jetzt wollen wir sehen, ob der ihm hilft“, so heisst es in Ps 22.

Ein europäisches Experiment
„Die Räuber“ wurden 1781 gedruckt, acht Jahre vor der Französischen Revolution. Das Drama mag zur Epoche des „Sturm und Drang“ gehören, Schiller zeigt sich aber jetzt schon auf Ausgleich bedacht. Der „Terreur“ der Revolution, die Ausrottung aller echten oder vermeintlichen Gegner durch die Guillotine, hat später ganz Europa vor Augen geführt, dass die Vernunft nicht Herr ist des Handelns und man das Freiheitsprojekt nicht ohne Einbettung durchführen kann. Wie das geschehen kann, das war die Frage der Generation, die das miterlebte. Das hat die Romantik erfragt.

Der „Räuber“ zieht das Fazit der Revolution schon vor dieser Erfahrung:

„Räuber Moor: O über mich Narren, der ich wähnete die Welt durch Greuel zu verschönern und die Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu erhalten.
Ich nannte es Rache und Recht – ich masste mir an, o Vorsehung, die Scharten deines Schwertes auszuwetzen und deine Parteilichkeit gutzumachen – aber – o eitle Kinderei – da steh ich am Rand eines entsetzlichen Lebens, und erfahre nun mit Zähneklappern und Heulen, dass zwei Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde richten würden.“ (Kursivschrift im Original)

Eine Antwort auf Krieg und Revolution
Da ist die Suche nach der „schönen Seele“ schon angelegt, von der Schiller später handeln wird. Wie kann der Mensch richtig handeln? Er weiss, was er soll und er will es auch, aber er kann es nicht verwirklichen. Pflicht und Neigung stehen sich feindlich gegenüber und die Vernunft ist ohnmächtig vor ihrem Ziel.

Wie kann ich, was ich soll? Ich tue, was ich nicht will, und was ich nicht will, das tue ich, formulierte schon Paulus im Römerbrief. Die „schöne Seele“ aber tut, was sie soll. Sie hat die Widerstände in der Psyche, in den Institutionen des individuellen und kollektiven Lebens so umgeformt, dass diese nicht mehr als Feinde erlebt werden, sondern das rechte Tun jetzt fördern.

So tut der Mensch das Rechte, aber er muss sich nicht mehr zwingen. Er muss keine Widerstände und gegensätzlichen Bestrebungen mehr überwinden, die ihm durch die Gewohnheit zur zweiten Natur geworden sind und sein Handeln immer wieder auf Nebengeleise leiten. Er tut das Rechte, das was er will und soll, als ob er nur seiner Lust folgte. Er tut, was die Pflicht gebietet, aus lauter Neigung. Er ist eine „Schöne Seele“, ein mit sich versöhnter Mensch in einer mit sich versöhnten Gesellschaft.

Religiöse Einbettung
Das ist das Projekt. Es ist wie andere Projekte aus der Zeit von Aufklärung und Idealismus die säkularisierte Version eines religiösen Gedankens: schon bei den alttestamentlichen Propheten klagt Gott über den Menschen, er sei «wie ein verzogener Pfeilbogen». Man könnte noch so genau mit ihm zielen und treffe doch nicht ins Schwarze.

Es hilft nichts, sich anzustrengen, es ist keine Frage des Willens. Die Quellen des falschen Verhaltens haben sich zu tief eingegraben. Gott wird uns ein neues Gesetz geben, sagen die Propheten, resigniert nach vielen Jahrhunderten von Gewalt und Unrecht. Und dieses Gesetz wird nicht auf Stein geschrieben, sondern in die Herzen der Menschen. Gott schafft einen „neuen Menschen“, eine neue Schöpfung, die mit sich versöhnt ist, wo der Konflikt von Sein und Sollen durch Gott vermittelt ist.

Der Mensch ist davon überfordert. Darum braucht er nicht nur eine Ethik, die ihm sagt, was er soll, sondern auch eine Religion, die ihm hilft gegen die Verzweiflung, wenn er an seinen Grenzen ansteht. Da ist ein Gott, der Konflikte versöhnt, der Brüche heilt, der vergangene Schuld vergibt und so eine neue Zukunft schafft. Das ist eine aktuelle Debatte auch in der heutigen Zeit.

 

Foto von Vlad Chețan, Pexels
Aus Notizen 2017
«Adams Äpfel» ist ein Film des dänischen Regisseurs Anders Thomas Jensen aus dem Jahr 2005.