Die Zeitung berichtet über den Wahlsieg der Rechtsextremen in Österreich. Darunter gross das Bild des amtierenden Kanzlers und von Herbert Kickl, dem Chef der FPÖ. Kaum gerät er in die Nähe eines Regierungsamtes, trägt er schon diesen blauen Anzug, denke ich. Diese Farbe, die Ruhe, Harmonie und Seriosität vermittelt, hat in den letzten Jahrzehnten einen regelrechten Siegeszug angetreten. Als ob es eine Kompensation wäre für das abnehmende Vertrauen, das den Politikern von Seiten der Wähler entgegengebracht wird.

Die Wirkung der Farbe habe ich als Pfarrer erlebt. Den schwarzen Talar mit Beffchen der Pfarrer wollte ich nach meinem Amtsantritt nicht tragen. Ich kam von einem anderen Beruf her und hätte mich darin nicht wohl gefühlt. So amtete ich in weltlichen Anzügen. Und die Gemeinde akzeptierte es.

Die Farbe des Vertrauens…
Im Pfarramt steht man in steter Interaktion mit den Menschen, man handelt und kriegt Echo. So lernte ich schnell, dass die graue Farbe meiner ersten Anzüge nicht geschätzt wurde. Aber ein blaues Jackett, das wurde angenommen. Im Lauf der Jahre hat sich die Farbe meiner Kleidung auf diese Weise verändert und ich begriff, dass das Blau, das sich schliesslich durchsetzte, das ausstrahlt, was Menschen bei einem Pfarrer suchen. Es hat mit Spiritualität zu tun, mit Ruhe, mit Verbundenheit. So zu einem Gespräch zu kommen, schafft eine Vertrauensbasis. Seelsorge kann so besser gelingen, aber diesem Vertrauen muss Sorge getragen werden. Es ist das Einzige, was ein Pfarrer hat.

…in der Politik
Später sah ich, wie diese Farbe immer mehr die Kleidung der Politiker eroberte. Merkel trug es, Medwedjew trug es, Trump, Biden, Kamala Harris tragen es. Als ich die Zeitung aufschlug und nun auch die Rechtsparteien in diesem Sakral-Blau daherkommen sah, verursachte es mir Widerstand.

Die Farbe der Kirche, was sie ausdrücken will, wofür sie steht, das wurde damit billig, jeder konnte so daherkommen, ob er sich auf eine solide Werte-Basis bezog oder nicht, ob er sich von einer spirituellen Beziehung in Pflicht genommen fühlte oder nicht. Und das Politische schien mir ebenfalls verraten. Von einem Politiker will ich keinen Trost, er soll die Infrastruktur instand setzen. Von einem Wahlsieger will ich nicht seelsorglich begleitet werden, er soll sich für bezahlbare Mieten, für Schulen und für den Gesundheitsdienst einsetzen.

So löste das Bild der beiden blau gewandeten Politiker keine Befriedigung bei mir aus, weil jetzt alle aussahen wie Seelsorger. Es beunruhigte mich. Was ist das für eine Zeit, dachte ich, wo Politiker den Wählern die Hand halten und Brücken einfach zusammenkrachen? Hat Kirche keinen eigenen Bereich mehr, den sie mit Kompetenz vertreten kann? Wird nach dem Grundbesitz der Kirchen und Klöster nun auch noch der Anschein von spiritueller Kompetenz säkularisiert und in den Dienst der Politik gestellt? Trump, so heisst es, werde von Anhängern als «Messias» verehrt.

 

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