Lasst uns einen Staat gründen!

Wenn es die Schweiz nicht schon gäbe, warum müsste man sie gründen? – Wegen des Übergangs über die Alpen! So fällt mir zuerst ein. Ein Gebirgsübergang mitten in Europa müsste offen sein und neutral verwaltet, damit keiner von einer Passage ausgeschlossen wäre. Dann gäbe es keinen Grund, diesen Übergang zu besetzen und für andere unpassierbar zu machen. Das wird mir heute schlagend bewusst, wo die Strasse von Hormus durch Kriegsparteien gesperrt ist, was Schockwellen durch die internationale Wirtschaft treibt.

Hormus
Ein Staat aber, der die Alpenübergänge auf diese Weise sicherte, fände Anerkennung und Schutz durch die internationale Gemeinschaft. Es würde der lokalen Wirtschaft viele Möglichkeiten eröffnen – wenn auch keine Zollwirtschaft, die die Lage am lebenswichtigen Durchgang für den Handel erpresserisch ausnutzt. Ob solche Versuche in Hormus lange Bestand haben, wird man sehen.

Die lokale Bevölkerung – wenn man die Phantasie dieser Staatsgründung weiterspinnt – würde den Kulturen aus den umliegenden Staaten angehören und könnte auch damit eine Brückenfunktion übernehmen. Es wäre ein multikultureller Staat, keine Sprach-Nation mit homogener Staatsbürgerschaft. Auch das würde die Verwaltung dieses wichtigen Überganges neutral halten. Eine Parteinahme zugunsten einzelner Nationen, wenn diese im Krieg wären, würde den lokalen Staat selber auseinanderreissen.

«Ursprungrechte»
Da ein solcher Staat «auf der Grenze der Kulturen» keine Mehrheitssprache kennt, würde er sich nicht auf «historische Ursprungsrechte der Nation» berufen, sondern auf vertragliche Vereinbarungen und die Geltung des Rechts. Das würde seine Politik berechenbar machen und zur internationalen Akzeptanz beitragen. Er wäre kein Unruheherd im Hexenkessel verschiedener Nationen, die mit ihren territorialen Forderungen immer wieder für Spannungen sorgen.

So könnte ich mir einen Staat vorstellen, der anstelle der Schweiz auf dessen Gebiet existiert. – Aber einen solchen Staat gibt es bereits, es ist die Schweiz, wie sie heute besteht!

Geschichte: Statistik oder Mythen?
Die Handelswege spielen hier eine grosse Rolle. So wundert es nicht, dass die Geschichtsschreibung einmal konstatierte, dass der Gotthard für die Entstehung der Schweiz wichtiger war als alle möglichen Bundeschwüre, von denen die alten Mythen berichten.

Am «ersten August», wenn die Schweiz sich an ihre Gründung erinnert und die Motive beschwört, die Staat und Gesellschaft bis heute zusammenhalten, erwähnt aber niemand den Gotthardpass, man feiert die Gründung der Schweiz durch drei legendäre Gestalten. In einem sagenhaften Geschehen, das noch heute jedes Jahr in verschiedenen Tell-Spielen inszeniert wird, verbünden sich Vertreter der drei Urkantone, um sich gegen die Unterdrückung durch den habsburgischen Landvogt Gessler zu verteidigen. Der Schwur, in Schillers Fassung, wird immer wieder in politischen Ansprachen zitiert:

“Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, / in keiner Not uns trennen und Gefahr./ Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, / eher den Tod als in der Knechtschaft leben!”

Eid-Genossenschaft
Während die Gottharderzählung die wirtschaftliche Basis der Schweiz vor Augen führt, lädt die Bundes-Feier dazu ein, in den sagenhaften Rütli-Schwur einzustimmen, und sei es auch nur im Absingen der Nationalhymne. Das will keine Hypothesen aufstellen über den Verlauf der Geschichte, der Schwur will eine Haltung einschwören, das Festhalten an den Werten von Freiheit, Einheit und Widerstand gegen jede Form von Tyrannei.

Ein Schwur ist auch ein religiöser Akt, damit wurde in alten Zeiten eine übernatürliche Macht als Zeuge aufgerufen, zur Gewährleistung der darin ausgedrückten Selbstverpflichtung. Diesen religiösen Bezug findet man auch in der Landeshymne. Hier wird der Name Gottes so oft angerufen, dass es manchen Festteilnehmern heute zu viel wird, sie bewegen die Lippen und singen die Melodie. So führt es nach Fussballspielen immer wieder zu Diskussionen, warum die Spieler im Unterschied zu anderen Nationen, die Worte nicht mitsingen. Mit Gott hat man heute nicht mehr so viel am Hut wie 1840, als die Hymne komponiert wurde. Trotzdem ist Gott auch im modernen Denken präsent, auf eine Weise, die schwer zu fassen ist.

Im Himmel verankert?
Seit ich selber alt bin, lese ich ab und zu Bücher von alten und sehr alten Menschen. Es ist eigenartig, darin Gott zu finden, auch wenn er meist nicht genannt wird. Und doch nimmt er eine Stelle ein, die offenbar unverzichtbar ist. Ohne Gott zu nennen machen die meisten Bücher gegen Schluss doch einen Schlenker, der die Position der Transzendenz markiert. «Was uns heute bewegt: es ist mehr als das, was uns vor Augen liegt.» So will das sagen. Es geht um Werte, die nicht zu unserer Verfügung stehen. Und wir respektieren sie.

Der Gott in der Landeshymne nimmt diese Stelle ein. Er steht für Transzendenz, für die Ahnung, dass das Leben von weiter her kommt, für das Bedürfnis, dass es gehalten und geborgen sei, für die Empfindung, für das Allerteuerste, das die Menschen kennen, einen Ort zu wissen, wo es nicht mit der Geschichte verrauscht. Wo es Bestand hat und auch für Kinder und Enkel noch eine Heimat ist.

«Fährst im wilden Sturm daher, / Bist du selbst uns Hort und Wehr, / Du, allmächtig Waltender, Rettender! / In Gewitternacht und Grauen / Lasst uns kindlich ihm vertrauen! / Ja, die fromme Seele ahnt, / Ja, die fromme Seele ahnt / Gott im hehren Vaterland.“

Es sind letztlich die Menschen, die die Werte weitertragen und eine Gemeinschaft gegen Gewalt und Terror schützen. Das Wissen hilft dabei, dass Freiheit, Recht und Demokratie nicht nur Ideen sind, sondern in einer langen Geschichte gefundene Prinzipien eines guten Lebens, einer guten Staatsverfassung. Das religiös zu verstehen ist heute ins Belieben des einzelnen gestellt. Die alten Leute, so habe ich gesehen, entdecken wieder die Transzendenz. Da ist etwas Unverfügbares – wer müsste das besser wissen als jemand, der versucht, einen Staat zu gründen, der Kindern und Enkeln eine Heimat gibt und alle Menschen achtet.

 

Foto Corinna Widmer, Pexels

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