Ein neuer Gesellschaftsvertrag?
Die Familie war schon totgesagt, doch sie kehrt zurück, in verwandelter Form. Verabschiedet wurde sie von Vertretern der «Modernisierungsthese»: Was historisch gewachsen und in Rollenbildern für Eltern und Kindern, Mann und Frau verankert war, sollte ersetzt werden durch neu entworfene Institutionen, die nicht der Tradition, sondern der Vernunft und dem modernen Rechtsempfinden verpflichtet waren.
Nun kehren heute aber Familien und Clans zurück, sie zeigen die Unausrottbarkeit von familialen Bindungen. Oft sind sie aber auch Hilfsnetze und Notanker bei Ausgrenzung oder Staatsversagen. Und angesichts seiner Geldklemme versucht heute sogar der Staat, die Familie wieder in Dienst zu nehmen.
Neue Dynastien und Immigrantennetzwerke
Heute Morgen berichtet die Zeitung über den Bolsonaro Clan in Brasilien – die auf Verwandtschaft beruhenden Beziehungen überlagern hier die staatlichen. (Die Familienmitglieder besetzen Schlüsselpositionen auf Bundes- und Staatsebene. Dies ermöglicht es ihnen, Gesetze zu beeinflusse und Ressourcen zu steuern.)
Ähnlich wie hier an der Spitze der Gesellschaft verhält es sich auf der anderen Seite der gesellschaftlichen Skala beim Clan der Immigrantenfamilien in europäischen Grossstädten. Hier ist es nicht eine Familien-Struktur über der staatlichen Struktur, die diese aufsaugt wie bei der Dynastie der Bolsonaros, hier ist es eine Struktur anstelle des Staates. Der Immigranten-Status verwehrt den Familien den regulären Zugang zum Arbeitsmarkt. So entsteht eine Schattenwirtschaft unter Umgehung von Gesetzen. Der Rückgriff auf eine historisch alte, vorstaatliche Absicherung im Verwandtschaftssystem erfolgt hier wegen fehlender staatlicher Absicherung.
Die Familie kehrt zurück
Die Familie ist also nicht tot, die Verwandtschaft entfaltet auch heute grosse Kräfte, die im Krisenfall sogar den Staat mit seiner Existenzsicherung ersetzen kann. Die im Namen der «Modernisierung» vorgetragene Erwartung eines Absterbens familistische Strukturen zugunsten von neuen professionellen Organisationen, trifft nicht zu. Sie ist in Teilbereichen eingetroffen, was das Gefühl am Leben erhält, in einer «modernen westlichen Gesellschaft» zu leben. Aber in vielen Bereichen trifft es nicht zu, und das sind gerade die elementaren.
Familie und Verwandtschaft sind vielleicht nicht die wichtigsten Faktoren neben Wirtschaft, Politik etc., im Erleben der Menschen ist es aber das nächstliegende und es ist daher der Bereich, der Modernisierungsvorstellungen und Reformversuchen vielleicht am meisten Widerstand entgegensetzt. Es sind nicht nur die Immigranten die ein altes Familienmodell mit sich bringen. Es gibt autochthone Widerstände gegen den Versuch einer immer weitergehenden Durchrationalisierung und Durchtechnisierung, Verstaatlichung und Verrechlichung.
Der Staat hat zu kurze Hände
Der Staat, im Versuch, die Funktion der familistischen Gesellschaft, z.B. die Sorge für Kinder, Alte und Kranke, in staatliche Organisationen auszulagern, scheitert oft schon an den fehlenden Mitteln. Glaubt man den täglichen Nachrichten, so ist die Pflege kaum noch zu finanzieren, die Alterssicherung läuft auf eine Krise zu und auch die Bildung stösst heute auf finanzielle Grenzen. In diesen Tagen demonstrieren die Schüler und Lehrer in ganz Frankreich gegen Versäumnisse im Bildungswesen. Es kommt zu regelmässigen Zusammenstössen mit der Polizei und zu Gewaltakten. Doch der Staat ist hilflos: Seit Jahren verfolgt die internationale Öffentlichkeit, wie Frankreich versucht, ein Budget durchs Parlament zu bringen (statt in einer Notlösung am Parlament vorbei). Man müsste eigentlich sparen und hat kein Geld für Erneuerungen in Bildung, Pflege, Rente. Das Geld geht immer mehr in den Schuldendienst, der inzwischen mehr Geld verlangt als die Verteidigung und andere elementare Staatsaufgaben. So wird der Staat handlungsunfähig, nicht nur in Frankreich.
Bezahlte Verwandtschaft?
Der in Finanznot geratene Staat greift selber wieder auf die Lösung einer vormodernen, familistischen Gesellschaft zurück, die nicht über einen Markt von Dienstleistungen vermittelt ist, sondern über die Solidarität in Familie und Verwandtschaft. Bei fehlendem Pflegepersonal versucht er, Angehörige einzusetzen, wobei sie für Pflegeleistungen bezahlt werden, die sie in einer familistischen Gesellschaft ohne merkantile Entschädigung erfüllen. Diese «Umarmung» der Familie kostet aber und erhöht den Finanzbedarf.
Modernisierung?
Die Gesellschaft entwickelt sich nicht wirklich nach dem Modell der «Modernisierung», die Familie hat nicht ausgedient, der Staat braucht sie sogar, wenn er wesentliche Funktionen aufrechterhalten will für Gesundheit, Pflege und Schulung der Generationen. Viele Reformen, die sich gegen die Familie richten, scheitern, den Alternativen fehlt es an Geld und Know-How. Den rational entworfenen Institutionen fehlt es auch an der zwischenmenschlichen Bindung, die für die nahen Interaktionsräume im gesellschaftlichen Leben nötig sind.
Ein neuer Gesellschaftsvertrag?
Was bleibt? Ich schliesse mit einigen Sätzen aus der KI-Recherche:
«Die Frage, wie familistische Systeme (in denen die Familie als primäre Sicherheits- und Versorgungsinstanz agiert) und der moderne Staat (der auf Universalismus, Bürokratie und individuelle Rechte setzt) neu kooperieren können, ist eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
In vielen Kulturen (z. B. Südeuropa, Lateinamerika, Teile Asiens) ist die Familie noch immer der „Notanker“. In anderen (z. B. Nordeuropa) hat der Staat diese Funktion weitgehend übernommen. Eine neue Kooperation muss diese Realitäten anerkennen, ohne in Klientelismus oder Ungleichheit abzugleiten.»
Die Zukunft (die KI spricht von einem *neuen Gesellschaftsvertrag») liege nicht im Wettstreit zwischen „Staat“ und „Familie“, sondern in einer Mischung der Möglichkeiten. «Der Staat wird zum „Katalysator“, der familiäre Netzwerke stärkt, statt sie zu ersetzen. Es ist ein Wechselspiel aus Hoheitsgewalt (Gesetze, Sicherheit) und kooperativer Selbstorganisation (Nachbarschaft, Familie, Vereine).»
Foto Yan Krukau, Pexels
Eine Theorie des sozialen Wandels: In seinem Werk „Die Arbeitsteilung in der Gesellschaft“ (1893) analysiert der französischen Soziologen Émile Durkheim die gesellschaftliche Entwicklung. Der Wandel führe dazu, dass Organisationen und Institutionen (wie Unternehmen, Verwaltungen und Verbände) eine immer größere Rolle in der sozialen Ordnung spielen – während die Familie als primäre soziale Einheit an Bedeutung verliere. Spätere Soziologen wie Talcott Parsons oder Ralf Dahrendorf haben diese Ideen weiterentwickelt.








