Achtung und Respekt

Es gibt keinen Respekt mehr. Die Achtung ist verloren gegangen. So hört man. Auch Ämter und Aufgaben, die früher grösste Reputation genossen, sind von diesem Verlust betroffen. Ja, möchte man sagen. Aber früher funktionierten die Dinge auch! Es ist nicht nur Misswirtschaft, es sind nicht nur Skandale, was die Menschen von den Trägern alter Autorität entfremdet, es ist auch das Erlebnis, dass vieles schlicht nicht funktioniert.

Das Versprechen
Die Warnung vor der Flutkatastrophe in Valencia wurde zu spät ausgegeben, die nationalen und regionalen Behörden schieben sich die Schuld zu. Eine Brücke stürzt einfach ein. Auf einen Platz im Kindergarten hat man zwar einen Rechtsanspruch, aber er kann nicht eingelöst werden. Die Eisenbahn ist derart störanfällig, dass man sich auf Verspätungen und Ausfälle eingestellt hat.

Dass das Versprechen, niemanden aus den VW-Werken bis 2029 zu entlassen, vielleicht nicht eingehalten werden könnte, ist verständlich. Das war ein nicht einlösbares Versprechen in die Zukunft und das Versagen des Managements, den Umbau zu Elektrofahrzeugen rechtzeitig wahrzunehmen, hat den ganzen Standort in Verzug gebracht. Man hofft, dass er das Land nicht in eine Rezession reissen wird.

Die grossen Fragen
Und vor allem: der Erdenbürger macht sich heute ernsthafte Sorgen um das Leben auf diesem Planeten. Zwar wurden überall grüne Parteien gewählt, aber der Umbau auf ökologische Wirtschaft und Politik ist (noch) nicht gelungen. Jetzt hat sich der Krieg wieder in den Vordergrund gedrängt, seine Bedürfnisse bestimmen die politische Agenda. So hebt man die ökologischen Beschlüsse wieder auf, beschliesst das Gegenteil und hofft, dass sich das wieder legen wird.

Aber die Kulisse hat sich verändert, es gibt wohl keine Rückkehr ins Alte. Die ganze politische Architektur auf diesem Globus wird umgebaut. Europa sieht sich abgehängt. Jetzt, mit den Wahlen in den USA, rückt auch die Aussicht näher, dass die USA aus der Nato austreten könnte. Der Pazifik ist ihr näher, die Auseinandersetzung mit China und Ostasien wird akuter. Dann wird sich Europa mit Russland arrangieren müssen oder sich in die Seidenstrasse nach China einreihen.

Entzauberung
Es ist nicht nur ein Ärger über Dinge, die nicht mehr funktionieren, nicht nur ein Missbehagen im Lebensstandard, den man erworben hat und auf den man ein Recht zu haben meint. Es ist nicht nur ein moralisches oder staatsbürgerliches Missbehagen über Skandale, Egoismus, Korruption, das man mit einer Änderung seines Wahlverhaltens beantworten könnte. Es ist das Erlebnis einer tiefen Entlegitimation, was verstört, weil es in eine Leere führt und der Ausweg nicht schon sichtbar wäre.  Ein wirtschaftlicher Aufschwung löst es nicht, eine Rückkehr auf den Wachstums-Pfad, eine Abwahl der alten Amtsträger bringt es nicht, die Politik mit ihren Mitteln scheint überhaupt ohnmächtig vor den Aufgaben, die da auftauchen wie ein Eisberg vor der Titanic, die in der Nacht aus der alten in die neue Welt zu fahren meint.

Man kann versuchen, das Legitimationsloch zu füllen. Das kannte man schon früher. Hier tauchte ein begabter Redner auf und riss die Massen mit sich. Dort setzte man auf die alten Tugenden. Aber weder Autorität noch Verlockung, weder Tradition noch Charisma vermag die Menschen in dieser Situation noch zu überzeugen: dass sie einen Weg weisen könnten, der aus der Infragestellung hinausführt, die sich vor der Titanic aufbaut wie ein gigantischer Eisberg in der Nacht und es gelingt nicht mehr, das Steuer herumzureissen. Es scheint eine Kollisionsfahrt zu geben.

Der Besuch des Königspaars
So ist der Lehm, der dem spanischen Königspaar ins Gesicht geschleudert wurde, als es die Katastrophengebiete besuchte, ein Symbol. Der Lehm lässt sich leicht abwaschen, die Kränkung überwinden. Aber etwas geht tiefer. Die Geste ist hilflos und unerhört: Das System mit all seinen Repräsentanten hat an Zauber verloren.

Autorität gilt nicht mehr, selbst Kinder und Jugendliche lassen sich nicht mehr bändigen. Sie können und wollen ihre Zukunft diesem Weg nicht mehr anvertrauen. Man hat es über all den Kriegen vergessen, aber sie sind in der Tiefe erschrocken, sie begreifen sich als «letzte Generation». Scheinbar ist das abgetan, die Medien haben das kritisiert und zurückgewiesen, man findet keine Beachtung mehr mit solchen Manifestationen, es scheint erledigt. Und doch ist dieser Kaiser nackt, der hier auf der Strasse steht und Huldigung verlangt. Die Menschen können ihre Hoffnungen nicht mehr in dem erkennen, was er verspricht und zu leisten vermag. Das Nicht-Funktionieren gehört allzu sehr zum Alltag. (Das Pariser Klimaziel wird überschritten. «Die Klimawirkungen sind da», sagte ein Berichterstatter von der Weltklimakonferenz in Aserbeidschan.)

Von unten her
Es braucht wohl eine grosse Anstrengung, bis die Dinge wieder funktionieren. Dann wird vielleicht – auf ganz bescheidene Weise – ein neuer Zauber auf die Dinge gelegt. Der Zauberstab ist nicht das Getöse rechtspopulistischer Parteien, nicht die Heilsversrechen von charismatischen Rednern. Der Zauberstab liegt vielleicht in einer Demut, die von den Dingen verlangt wird. Es ist der Zwang, den uns der Alltag auferlegt. Vielleicht gelingen uns dann wieder Dinge, die unsere Vorfahren einst vollbracht haben. Sie haben den Krieg beendet und das Land aufgebaut.

 

Foto von Diva Plavalaguna, Pexels
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