Verzauberung
Der Zauber ist weg, der über dem Leben lag. So scheint es im Alter, wenn man sich an die Jugend erinnert. Darin steckt eine «optische Täuschung», sie verzerrt das Bild der Zeit, die uns gegeben ist. In der Jugend ist die Gegenwart nie nur Gegenwart, sie ist aufgeladen mit Zukunft: all die Hoffnungen, die man hat, die Pläne, die Aufwärtstreppe, auf die man gestellt ist.
Man ist so neugierig, dies und das möchte man verstehen, man ist ehrgeizig. Und dann die Liebe, da gibt es vieles, was man ahnt und auch erleben möchte. Die Zukunft wird es bringen. – Im Alter ist Gegenwart nur noch Gegenwart, sie wird nicht von Zukunftshoffnungen überformt.
Zauber
Zauber – so zeigt sich – ist ein «Plus», das über den Dingen liegt, so wie die Zukunftshoffnung die Gegenwart vergoldet. Zauber ist ein Mehrwert, den die Zeit in sich trägt. Die Dinge erscheinen nicht nach ihrem Nennwert, sie haben einen Erwartungswert. So wird die erlebte Gegenwart in der Jugend von Zukunftshoffnung überformt und aufgewertet.
Einen solchen Zauber erleben nicht nur Individuen, das erfährt auch eine ganze Gesellschaft. Das zeigen die Arbeiten der Nobelpreisträger über den Ursprung des Wohlstandes (vgl. NZZ 7.11.24). Wichtig sind Institutionen, die Rechtssicherheit und Verlässlichkeit gewährleisten. Effizienz ist wichtig, dass die Dinge funktionieren, wichtig ist auch die Möglichkeit, sozial aufzusteigen. Soziale Unterschiede sind in modernen Gesellschaften legitimiert durch vertikale Mobilität. Fehlt sie, werden Unterschiede diskreditiert. Systeme, die Partizipation erlauben, wo Machtablösung regelhaft abläuft, sind «resistenter gegen Missbrauch und Degeneration».
Vertrauen ist wichtig. Vertrauen ist die Währung, mit der man Zukunft schon in der Gegenwart erwerben kann. Vertrauen und Wohlstand hängen zusammen, nicht nur theoretisch, die Autoren zeigen das auch empirisch. «Fehlt es an Vertrauen, werden auch Demokratien instabil und können sich autokratisch gesinnte Politiker versucht sehen, Macht zurückzuholen und das System zu ändern.» Die Autoren weisen darauf hin, «wie beunruhigend hoch das Misstrauen gegenüber den Regierungen in vielen demokratischen westlichen Ländern geworden ist.»
Reparatur am politischen System
Die Folgen des Misstrauens, die Folgen von abblätternder Legitimation, zeigen sich schon jetzt. Die Klimawirkungen, vor denen lange gewarnt wurde, sind da, wie die fast täglichen Katastrophen-Meldungen belegen. (2024 wird den bisherigen Rekord für «das heisseste Jahr seit Messbeginn» wieder übertreffen.)
Die Behörden müssen glaubhaft machen, dass sie alles Nötige vorbereiten für die Ereignisse, die zu erwarten sind. Die Flutkatastrophe in Spanien hat nicht nur eine ungeheure Hilfsbereitschaft ausgelöst, sondern auch eine riesige Wut. Können die Institutionen die Dynamik nicht mehr einfangen, drohen schwer kontrollierbare Massen-Phänomene und autokratische Regime. Es braucht ein neues Vertrauen in die Zukunft.
Zukunft
Jugend braucht Hoffnung, um sich nach den Intuitionen dieser Altersgruppe entfalten zu können. Die Alten wollen ihre Renten gesichert sehen. Das ist ein Erfordernis für die Zeitspanne ihres Lebens, die sie vor sich sehen. Menschen brauchen Zukunft, nicht nur die unmittelbare Zeit, in der sie leben. Ihr Leben erstreckt sich über einen ganzen Zeitraum, in dem sich auch das Umfeld verändert. Das Leben soll darin eingebettet sein. Die Form, in der «Zukunft» für die Gegenwart Gestalt annimmt, ist «Vertrauen». Die Wirklichkeit des noch nicht Verwirklichten in der Gegenwart ist Hoffnung.
Der grösste Zukunfts-Raum ist die Religion. Sie umschreibt das Leben und Dasein nicht nur für eine Wahlperiode, für ein Berufsleben, für die Zeit von Geburt bis zum Tod, sondern von «Anfang» an bis zum «Ende». Sie bettet den einzelnen ein in die grösste Geschichte, die Menschen erzählen, die Schöpfung. Dazu gehört die Erzählung, wie das Gute zu Bruch gehen konnte und wie es von Gott her geheilt wird. So findet sich der Hörer wieder in seinen Leiderfahrungen und in den Zukunftshoffnungen, die er notwendig haben muss, wenn er sein Leben führen will. Zerstörtes Vertrauen kann heilen. Verlorener Zauber kann neu entstehen.
Verzauberung
So ist Vertrauen nicht nur eine zentrale Kategorie in der historischen Ökonomie und in der Erklärung, warum gewisse Konstellationen Wohlstand in einer Gesellschaft hervorbrachten und andere nicht. Vertrauen ist auch eine zentrale Kategorie im Glauben, in der Religion, und wie sie das Zusammenleben einer Gemeinschaft anleitet. Das Wort für «Glauben» im Neuen Testament, das ursprünglich auf Griechisch geschrieben wurde, ist «pistis», was wörtlich «Vertrauen» heisst. Es meint nicht ein Set von Aussagesätzen wie in der späteren Dogmatik, sondern eine Haltung, die der zum Glauben Gekommene erwirbt.
Das unterscheidet ihn von Nicht-Gläubigen, dass er vertraut auf das Geheimnis, das ihm bei der Taufe gezeigt wurde: dass ihm von Gott her, aus der Mitte der Wirklichkeit, jemand entgegenkommt, wo er angenommen ist und von wo er nicht verloren gehen kann. Mit solchem Vertrauen zu leben, macht einen Unterschied. Und Menschen, die so leben, werden verlässlich, sie werden selber vertrauenswürdig für andere Menschen, für ihre Kinder, für die Generationen, die kommen.
Vertrauen ist für Wirtschaft und Gesellschaft unerlässlich. Es stellt sich nicht nur als Resultante ein, wenn alles funktioniert. Es geht den Dingen auch voraus und ermöglicht sie. Vertrauen ist eine Haltung, die vom Leben gestiftet wird, vom Glauben kultiviert. Es ist eine Quelle, die im Voraus sprudelt. So ermöglicht sie, was ohne Vertrauen nicht aufzubauen ist. Es ist ein Kredit, wenn die politische und wirtschaftliche Kreditwürdigkeit schon eingebüsst ist. Es lohnt sich, diese Quelle zu pflegen.
Foto von Alexander Mass, Pexels
Lesen Sie den Beitrag «Achtung und Respekt»
Zitate: Der Artikel über den Ursprung des Wohlstandes und die Arbeiten der Preisträger des Wirtschaftsnobelpreises Daron Acemoğlu, Simon Johnson und James A. erschien am 7. November 2024 in der «Neuen Zürcher Zeitung» unter dem Titel «Demokratie in der Defensive».









