Der einzelne – und was die Geschichte lenkt

Wer wird dem Klimawandel entgegentreten? Wer wird das Artensterben und die Bedrohung der Biosphäre aufhalten? – Zu meinen Lebzeiten haben sich nicht nur Ansichten und politische Ideologien geändert, sondern auch grundlegende Kategorien, in denen der Mensch und seine Welt angeschaut werden. Der «einzelne» ist so eine Kategorie, gegenüber der «Menge», das «Individuum» gegenüber der «Masse». Aber wer macht die Geschichte, wer trägt sie? Von wem ist etwas zu erwarten?

Als ich in den 70er Jahren Geschichte studierte, war Sozialgeschichte Trumpf. Die Strukturen interessierten, die Wirtschaft, die grossen sozialen Verbände. Abgeschrieben war eine Geschichtsschreibung, die den einzelnen ins Zentrum stellte, die sich bei Ereignissen aufhielt. Im Zentrum standen «quantitative Methoden», mit denen sich statistisch etwas belegen liess. Das Verstehen des einzelnen und seiner Motive trat in den Hintergrund.

Ich übernahm das selbstverständlich, etwas anderes schien mir gar nicht praktikabel. Doch insgeheim fehlte mir jetzt offenbar doch etwas. Ich erinnere mich, wie ich damals eine Geschichte des Kantons Zürich las. Ich war fasziniert, so brillant war es geschrieben, und bedauerte, es nicht verwenden zu können. Für mein Studium war es nutzlos, weil es in den Arbeiten, die damals verlangt wurden, nicht zitierbar war.

«Entmythologisierung» war damals angesagt: der Blick hinter die Geschichtsmythen einer Aufbauzeit, die das nation building mit legitimierenden Erzählungen unterlegte, dabei aber auch den Klassenstandpunkt vergoldete. (Es wurde als «bürgerliche Geschichtswissenschaft» abgelehnt). Dass man die Geschichte der Schweiz besser versteht, wenn man den Gotthard betrachtet in seiner Verkehrsfunktion, als durch hundert Entscheidungen von historischen Figuren, leuchtete mir ein. Hier ging der Blick auf Fundamentales, es war eine Bedingung, damit Geschichte sich in diesem Raum überhaupt ereignen konnte.

Als ich in den 80er Jahren Theologie studierte, war der «einzelne» wieder eine wichtige Kategorie. Hier lebte der Einspruch von Kierkegaard gegen Hegel weiter. Hegel sprach davon, dass im Lauf der Zeit «Quantität in Qualität umschlagen» könne, so wie Wasser, wenn man es anfeuert, sich in Dampf verwandelt. Aber in der Politik, in der Geschichte, konnte es das nicht geben. Zwischen zwei Haltungen gab es einen «unendlichen qualitativen Unterschied». Kierkegaard protestierte gegen Hegels grosse Versöhnung, die mit dem Geschichtsprozess automatisch voranschritt und den existentiellen Ernst des Lebens einebnete. Gab es nicht die Erfahrung der politischen Mitläufer? Waren da nicht andere, die ihr Leben im Protest gegen Unrecht einsetzten? War es nicht von existentiellem Ernst, wie der einzelne sich entschied?

Das Existentielle
Das galt auch für die Glaubens-Entscheidung. Glaube war nichts, was einem zukam, nur weil die Gegend, in der man lebte, in Römischer Zeit, «christianisiert» worden war. Das brauchte in jedem Fall, ja in jeder Situation, eine eigene Entscheidung. Dieser philosophische Streit (zwischen Hegelscher Dialektik und Kierkegaard’schem Existentialismus) wurde nach dem 1.WK von der Theologie aufgenommen und an die allgemeine Geistesgeschichte vermittelt. Damals besass die Theologie europäische Anerkennung, weil sie Antwort gab auf die Lage der Zeit.

Das Soziale
Der Einzelne oder die Vielen – in der Folge veränderte sich die Wertschätzung oder auch nur Beleuchtung dieser Grössen wieder. Nach der Einsamkeit des Einzelnen, der gegen eine ganze Welt an seiner weltschöpfenden Entscheidung festhielt, kamen wieder andere Zeiten, die das Kollektiv in den Mittelpunkt stellten. Nach dem Einzelnen, interessierte jetzt die Vergesellschaftung, nach dem grossen Handlungssubjekt das Schicksal der grossen Zahl. Man unterteilte die Gesellschaft nach Lage und Interessen. Ein «Subjekt der Geschichte»? Man sah es nicht in den Regenten und grossen Männern, wie früher, allenfalls in einer sozio-ökonomischen Schicht, die ein gemeinsames Schicksal teilte – ein Nachklang auf die Klassenlehre der marxistischen Geschichtstheorie, die in den 60er Jahren intensiv diskutiert worden war.

Das Einzelne und das Allgemeine
Die Theologie sprach noch lange die Sprache der «Entscheidung», weil sie hier ein Refugium gefunden hatte. Mit der Glaubensentscheidung, dem Sprung in den Glauben, besass sie ein Alleinstellungsmerkmal, so wie das Konzept der «Geisteswissenschaften» im 19. Jh. erlaubt hatte, kritische Anfragen abzuwehren, die sich «Wissenschaft» nur nach dem Modell der Naturwissenschaft vorstellen konnten. Mir entsprach das sehr, als ich Theologie studierte, trotzdem fehlte mir das Allgemeine. «Wo ist das Allgemeine, das den einzelnen übersteigt?» fragte ich damals in der Zeitschrift der Theologiestudierenden:

«Dass Glaube eine „persönliche Glaubensantwort“ verlange, eine „Entscheidung“, dass der Mensch allererst im Gegenüber Gottes „Subjekt“ werde, „einzelner“, dass er erst so zu personaler Freiheit finde: diese Einsicht wird heute nicht bestritten. Um das auszudrücken haben viele Traditionen in Frömmigkeit und Theologie eine Sprache gefunden. Eine eigentliche Sprachlosigkeit begegnet aber dort, wo es darum geht, jene Momente des Glaubens zu benennen, die den einzelnen übersteigen.

Wie ist die „Verbindlichkeit“ des Glaubens auszusagen? Was ist seine mögliche „Allgemeinheit“? Zeigt sie sich in dogmatischer „Wahrheit“, in ethischer „Richtigkeit“, in symbolisch-gottesdienstlicher Gemeinschaft? Oder gar im Konsens der akademisch-theologischen „Gelehrten-Republik“?»

Das «historische Subjekt»
Warum erinnere ich mich an diese Parade, an diese Abfolge von Möglichkeiten, das «historische Subjekt» zu denken? Marx hat Hegels Geschichtsdenken durch einen Materialismus unterfüttert, es ist nicht der «Geist», der in seinem Gang durch die Gegensätze die Weltgeschichte vorantreibt, es sind die materiellen Bedingungen. Nach diesem Modell traten in der Folge viele Ideologien auf, die das Schema übernahmen, aber das Subjekt auswechselten: Wer in der Geschichte zu leiden hatte, der war berufen, das «revolutionäre Subjekt» zu werden, das den Umschlag herbeiführen wird. So diente das Schema als Verständigungshilfe für die Emanzipation von Kolonien, Menschengruppen, Geschlechtern.

Neue Ansätze
Der einzelne, das Kollektive, die Klasse, das bürgerliche Subjekt … Weshalb ich an all diese Konzepte erinnere? Mir scheint, dass heute nicht nur neue Themen auftauchen, neue Probleme verhandelt werden, sondern dass neue Kategorien auftauchen, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu denken. Es wundert mich, dass niemand sich getraut, dem Bürger ein anderes Verhalten vorzuschlagen. Offensichtlich sind Klimawandel und Artensterben und andere existentielle Bedrohungen der Biosphäre nicht durch den Verkauf von «Verschmutzungsrechten», durch Preis- und Steuermechanismen rechtzeitig zu beheben. Im Sommer vergisst der Bürger seine Einsichten, die er eben noch auf der Strasse einforderte, und verreist zu Millionen in die Touristenziele auf der ganzen Erde. Mit ein bisschen Zuspitzung, um es deutlich zu machen, könnte man formulieren:

Die soziale Funktion Konsum frisst die soziale Funktion Politik auf. Das politische Subjekt verwandelt sich in einen Konsumenten. Ethik und Politik als eigenständige Traditionen des Nachdenkens scheinen vom Konsum verschlungen zu werden. Der Bürger stellt Erwartungen, noch besser: Er lässt sich nach seinen Erwartungen befragen und der Staat beeilt sich, ihm diese zu erfüllen. War da was von Staatsbürger? Von autonomem Handeln, von Verantwortung für jeden Schritt des eigenen Tuns?

Der Protest
Ich erinnere mich an Kierkegaards Protest gegen Hegel. Kierkegaard protestiert gegen falsche Kollektiv-Subjekte, die dem einzelnen die Last der Entscheidung abnehmen sollen. Wenn die Zumutung an den einzelne verloren geht, verschwindet die Verantwortung überhaupt. Als das Christentum nach langer Verfolgung im 4. Jh. Staatsreligion wurde, kam es zum Protest. Als alle qua Staatsreligion zu «Christen» wurden, gingen einige in die Wüste: ein so billiges Christentum wollten sie nicht, wo das richtige Leben ohne Anstrengung zu haben war und die richtige Politik durch Beitritt zu einer Kirche oder Partei.

Christsein empfanden sie als anspruchsvoll: was zu tun sei, dass das Leben gelingt, dass es richtig gelebt wird in einem Einzelleben und in der Gesellschaft. Das erforderte nach ihrer Erfahrung höchste Anstrengung. Gab es in der Zeit der Verfolgung nicht einzelne, die zum Glauben standen, während andere ihn verleugneten? Gab es nicht einige, die für Wahrheit, Recht und Barmherzigkeit starben, während andere sich anpassten? Es war eine Frage auf Tod und Leben. So war nicht zu verstehen, warum später, als der Staat die Verfolgung aufhob und das Christentum im Gegenteil zur Staatsreligion erhob, alle nun plötzlich «Christen» sein sollten.

Was das Politische verschlingt
Die Parallele zur Politik endet hier, ausser man bezieht die Extrempunkte mit ein: die Herausforderung durch totalitäre Parteien. Das Politische und Ethische wird nicht nur vom Konsum verschlungen, sondern auch von einer totalitären Versuchung, die die Politik als ethische Entscheidung mündiger Staatsbürger durch die Selbst-Hingabe an ein Über-Subjekt auffrisst, an ein Kollektiv wie die marxistische Klasse, aber national gedacht. Man wünschte sich auch hier den Protest von Wüstenvätern, die das richtige Verhalten als eine Frage auf Leben und Tod begreifen und nicht als etwas, das qua Zugehörigkeit zur richtigen Nation schon gegeben sei. Der einzelne, um auch diese Kategorie noch mal aufzugreifen, verschwindet hier in der Ethnie, dem sozialen Herkommen, das aber nicht mehr als gegeben angenommen wird, sondern das mit ideologischem Fanatismus eingefordert und allenfalls «korrigiert» wird.

Wer ist berufen, die Gemeinschaft in die Zukunft zu führen? Ob all dem Staub, der da aufgewirbelt wird, geht etwas vergessen. Die Zukunft wird zeigen, ob Klimawandel und Artensterben durch solch ideologische Kämpfe aufzuhalten sind, ob die Biosphäre erhalten wird.

 

Foto von Clement Dionglay, www.isaac.org

Lesen Sie: Das Allgemeingültige im Glauben

«Geistes- und Naturwissenschaft»: Die Unterscheidung geht zurück auf die Wissenschaftstheorie von Wilhelm Dilthey. «Verstehen» und «Erklären» waren Leitbegriffe für eine Zeit, die den «Geisteswissenschaften» einen eigenen Status neben den «Naturwissenschaften» zubilligen wollte. Wenn der forschende Mensch den erforschten Menschen betrachtet, hat er einen inneren Zugang, anders als wenn er einen Stein betrachtet, der fällt. Den Menschen kann man «verstehen», das Fallen kann man «erklären», falls man über eine entsprechende Theorie verfügt.

Der Autor dieses Blogs: Peter Winiger, Konditor, Abitur durch Fernkurse, breigefächertes Interessestudium, Abschluss in Schweizergeschichte, Sozialökonomie und Staatsrecht, «Bundeshausredaktor» (Berichterstattung aus der Bundeshauptstadt), Theologiestudium, 20 Jahre Pfarrer der Reformierten Zürcher Kirche.