Von Gottes Gnaden?
Jeden Morgen erwachen wir mit neuen Schlagzeilen, als ob die Geschichte sich beschleunigt hätte. Da bricht ein Regime zusammen, dort werden Fundamente eingerissen, die für ewig bestimmt schienen.
Das Gefühl, auf einem Karussell zu sitzen, das sich immer schneller dreht, rührt vielleicht daher, dass ein fallender Stein ein ganzes Domino-Spiel mit sich reisst. Mit der Schwächung von Russland und Iran im Krieg um Israel und die Ukraine hat das Regime in Syrien seine Stützen verloren und ist implodiert. Die syrische Armee wollte gar nicht mehr kämpfen oder ist zum Gegner übergelaufen.
Neue Freude
Das geistige Klima verändert sich. Man sieht jetzt wieder lachende Gesichter, entspannte Gesichter, freudige Gesichter. Es ist eine grosse Befreiung in Syrien, die Menschen fallen sich in die Arme. Und die Bilder bekommen einen neuen Text, der unter den Pressebildern steht. Da sieht man junge Männer auf einem Truck mit Gewehren, junge Leute sitzen auf einem Panzer, ein bärtiger Mann tritt mit einem Fuss auf den Kopf einer gestürzten Büste des Diktators…
Männer
Schon lange nicht mehr habe ich junge Männer abgebildet gesehen in so positiver Würdigung. Vor etwa zehn Jahren waren es ebenso gekleidete Männer auf ihren Trucks mit Maschinengewehren, die den «Islamischen Staat» in Irak und Syrien ausriefen und eine Terrorherrschaft mit Enthauptungen vor laufender Kamera errichteten. Der Abscheu richtete sich gegen den Terror, aber auch gegen die jungen Männer. Männer überhaupt hatten einen schweren Stand, von «Männlichkeit» war fast nur noch die Rede mit dem Beiwort «toxisch». Jetzt werden sie als Befreier begrüsst, als vermisste Söhne und Brüder willkommen geheissen, die aus den Foltergefängnissen auftauchen und zu den Familien heimkehren.
Gewalt?
Und Deutschland, das den Gedanken an Gewalt nach dem zweiten Weltkrieg völlig verbannt hatte, versucht, sich wieder wehrhaft zu machen gegen Bedrohungen, die mit dem Ukraine-Krieg plausibel werden. In den Front-Staaten des Nahen Ostens wird spürbar, was es heisst, keine Staats-Gewalt zu haben und bewaffneten Gruppen ausgeliefert zu sein. Gleich intervenieren die Nachbarstaaten, die verhindern wollen, dass sich an ihrer Grenze etwas einnistet, was zum Problem werden könnte. Mit den Drogen etablieren sich Grossbanden auch in westlichen Staaten, die sich Territorialkämpfe liefern, wie man das bisher nur aus dem Dschungel Südamerikas kannte.
Untertan?
Lange hatte ich Mühe mit dem Satz in Römer 13: «Jedermann sei untertan der Obrigkeit. Denn es ist keine Obrigkeit ausser von Gott.» Wurde da nicht die faktische Gewalt vorschnell geadelt? So kann man es empfinden, wenn man die Bibel rückwärts liest und von der Befreiungsgeschichte ausgeht, die mit der Französischen Revolution angefangen hat. Da wird eine Herrschaft gestürzt, die sich gerade auf Gott berief. Damit begann die Volkssouveränität ihren Siegeszug als Legitimationsgrundlage im Staat.
Man kann den Satz Römer 13 aber auch in einem anderen Zusammenhang lesen, z.B. vor dem Hintergrund einer entfesselten Gewalt, wo marodierende Warlords sich bekämpfen und in Massakern gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen im 30jährigen Krieg und im Bürgerkrieg in England forderte der Staats-Theoretiker Thomas Hobbes einen starken Staat, der wie das urtümliche Ungeheuer Leviathan die Kontrahenten in Schach zu halten versteht. Friede, so lernen wir heute, ist ein grosses Gut. Es ist eine Voraussetzung für fast alles, was eine Zivilisation ausmacht.
Der grosse Umbruch?
Wie lang hat es in Syrien gedauert!? Russland und China blockierten den UNO-Sicherheitsrat, machtlos und hilflos musste die Weltöffentlichkeit zuschauen, wie Assad sein eigenes Volk bekämpfte und mit Giftgas bombardierte. Jetzt ist er geflohen, es ging in einem Augenblick. Dass ein brutales Regime so schnell kollabiert, weckt Phantasien und der Zeitungsleser blickt auf andere Kandidaten für eine solche Entwicklung. Doch möchte man nicht übermütig werden.
Die Zerschlagung der Herrschaft von Saddam Hussein durch die Amerikaner hat den Nahen Osten für Jahrzehnte in einen Unruheherd verwandelt, desgleichen der Sturz Gaddafis in Libyen. Der arabische Frühling wurde in der ganzen Welt begrüsst und ist überall zurückgeschlagen worden. Der Sturz eines Diktators, der divergente Kräfte unter dem Deckel hält, führt oft zu einem Hexenkessel oder einem noch schlimmeren Unrechtsregime. Und es braucht oft einen zweiten und dritten Anlauf, bis eine friedliche Ordnung aufgebaut werden kann.
Advent
Für mich gehören diese Geschichten in den Advent. Denn um Weihnachten herum erinnert man sich an die grossen Umbrüche in der Geschichte und gerade im vorderen Orient, wo eine Herrschaft die andere ablöste (Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer), wo unter der römischen Herrschaft der zweite Tempel in Jerusalem zerstört wurde und das Volk über die ganze Welt zerstreut. Es war ein traumatisches Ereignis auch für die frühen Christen, das sich ihrem Erleben in Hoffen und Erleiden tief eingeprägt hat, wie die Markus-Apokalypse (Mk 13) zeigt. Hier wurden Bilder geformt, die Kultur und Politik für Jahrhunderte beeinflusst haben. Und wenn die christliche Überlieferung vom Hirten spricht, vom Kind und vom Friedensfürsten, dann ist die Hoffnung gemeint, dass in der grossen Geschichte der Friede einziehen möge, weil die Menschen in Gerechtigkeit zusammenwohnen.
Viele Menschen verbinden die Zeit um Weihnachten eher mit Kerzen und Sternsingern als mit Politik – aber der Stern, der aufgeht, weist in der Antike auf einen neuen König hin, einen König des Friedens.
Foto Sternsinger, freie Verwendung









