Rückblick auf den Fortschritt

Die neukonservative Strömung, die neuen Fundamentalismen, die jeden Tag in der Zeitung neue Blüten treiben, lassen uns die Errungenschaften der Aufklärung wieder wertschätzen: Dass jeder Herrschaftsanspruch hinterfragt wird und sich ausweisen soll vor den Normen von Recht und Gerechtigkeit, wozu auch unveräusserliche Menschenrechte gehören. Gleichzeitig haben die Erfahrungen und Diskussionen der letzten Jahrzehnte gezeigt, dass uns die Aufklärung nicht genügen kann. Das kulturelle Kleid, das sie uns gibt, ist zu eng, als dass wir als Menschen wirklich darin leben und atmen könnten.

Als sie die Religion aufhob oder nach ihrem Mass schneiderte, hat sie zu viel abgeschnitten. Viele Bedürfnisse werden nicht mehr bedient und wildern nun herum, man ist seines Lebens nicht mehr sicher. Es braucht eine neue Art des Erzählens, wo auch Bestände rekonstruiert werden, die die alte Metaphysik-Kritik als unsinnig verworfen hat.

Inhaltsverzeichnis

Rückblick auf den Fortschritt 1

Heimfall von falsch aufgehobenen Themen an die Religion. 4

  1. a) Ungenügend rekonstruierte religiöse Traditionen. 4
  2. b) Als unsinnig ausgeschiedene religiöse Traditionen: 5
  3. c) Die befreiten Mythen, Urszenen, Archetypen und ihr Wuchern. 6

 

Elemente für eine neue „Grosse Erzählung“
Die Zeit erfordert ein neues Erzählen, weil die Aufklärung mit ihrem Alternativ-Konzept gescheitert ist. In der Geschichte gab es schon öfters Phasen der Ent- und Re-Mythologisierung. Der Idealismus z.B. suchte eine „Neue Mythologie“, die nach dem Vorbild der antiken Mythologie Anschauung und Verstand befriedigt, das religiöse Gefühl und den verstehenden Intellekt. So überbrückt sie den Graben zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Erkennen und Wollen. Mit dem Gefühl spricht sie auch die vermittelnde Instanz an und entfaltet Motivations-Kraft, so dass das Erkennen nicht mehr ohnmächtig vor dem Sollen steht und das Wollen nicht mehr – vom Erkennen abgespalten – eigene unberechenbare Wege geht. (Sie hilft dem Menschen, dass er kann was er soll.)

Wie ein einzelner wird und eine Kultur entsteht
So kann der einzelne angesprochen werden, er findet die Sprache, die den Ahnungen seines Innersten Ausdruck verleiht. Aber auch das Kollektiv kann wieder eingebunden werden. Es entsteht eine neue Kultur als gemeinsamer Ausdruck für das Ahnen, Fühlen und Wollen der Zeit. Das befreite Handeln gestaltet sich die Institutionen, in denen sich der Mensch nach den Bedingungen der Zeit frei entfalten und seine Aufgaben wahrnehmen kann.

Die Hochachtung vor der Weisheit der antiken Mythologie, die in der Wissenschafts-Sprache nicht adäquat zu heben ist, weil sie eine Sprache der Kunst und der Anschauung erfordert, verbindet sich mit der Einsicht, dass das Weltbild der Griechen so nicht mehr zu reproduzieren ist. Daher das Programm jener Zeit: eine Mythologie, die – „wie damals“ – das Wollen, Sehnen und Ahnen der Zeit zusammenfasst, aber auf der Höhe der Zeit und ihres Wissens steht, nach den Massstäben des Wahrheits-Bewusstseins der Zeit.

Die Entmythologisierung
Dem steht gegenüber eine 200jährige Phase der Entmythologisierung, der Säkularisierung und der Metaphysik-Kritik. Mit der alten Erkenntnis-Methode, wurde auch das Ziel kritisiert. Empirismus, Positivismus, Biologismus, Funktionalismus, Existenzialismus, Marxismus etc. haben Möglichkeit und Sinn von Metaphysik bestritten, Religion „aufgehoben“ und die grossen Fragen und grossen Erzählungen vom Ganzen auf die Stufe eines privaten Meinens oder einer sektiererischen Sonder-Meinung begrenzt. Wenn in ihren Aussagen noch ein Wahrheitsanspruch erkennbar ist, so sei der besser in den anerkannten Wissenschaften, der Technik oder der Kunst aufgehoben.

Aufklärung wird relativiert
Andererseits erodiert diese Behauptung einer Gross-Kultur (als gebe es die eine Kultur, die Gross-Erzählung, die eine Wahrheitsbehauptung, die alles dominiert und den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen regelt) immer mehr. Sie wird selber relativiert und bezogen auf den Bereich abendländischer oder „westlicher“ Kulturen. Dieser Bereich gilt bloss faktisch und kann heute nicht mehr aus Gründen reproduziert werden. Ihre Aussagen können keinen „globalen“ oder „universellen“ Anspruch mehr erheben. Der Pluralismus ist grundsätzlich geworden. Die Begrenzung der Wahrheitsansprüche aufs private Mass ist Verfassungs-Grundsatz geworden (Konstitutioneller Pluralismus).

Remythologisierung
So tauchen konkurrierende Wahrheits-Behauptungen, andere Mega-Erzählungen und neue Mythologien, wieder auf, sei es im globalen Massstab der Welt-Gesellschaft, sei es in der Abbildung der multikulturellen Welt im Innern der Gesellschaften. Das geschieht durch Immigration von fremden Kulturen und Religionen. Es geschieht durch das Auftauchen von „Stammeskulturen“ – das sind abdriftende Subkulturen, die keinen Zugang mehr haben zur dominierenden Meinung, die in ihrer Vielzahl aber immer mehr Fragen des individuellen und kollektiven Lebens durch abweichende Anschauungen regeln. Es geschieht schliesslich im Gefühl, an einer Epochenwende zu stehen: „Post-Moderne“. Abschied von der Moderne.

Moderne auf dem Rückzug
Die ganze Welt, die die Moderne hervorgebracht hat, zeigt immer mehr ihre Kehrseite. Die Nutzniesser ziehen sich immer krasser auf ihre Seite zurück, die Verlierer der Modernisierung werden immer zahlreicher. Der Mittelstand verliert ganze Zonen im Weichbild der europäischen Gesellschaften. Gruppen driften ab in die Kategorie der „Dritten Welt“, wo eine Integration auf lange Sicht nicht machbar scheint.

Die Profiteure der Ordnung sehen sich (seit 1989) nicht mehr in System-Konkurrenz zum Kommunismus oder Sozialismus und verzichten darauf, durch einen sozialen Ausgleich und durch Teilhabe am Wohlstand einen Mittelstand als Bollwerk gegen revolutionäre Verlierer-Gruppen aufzubauen.

Zwischen Mythologie-Feindschaft und Fantasy-Boom
Besonders krass wird das neue kulturelle Klima erfahrbar im Generationenwechsel. Die kirchliche Arbeit mit Erwachsenen krankt heute noch an den Folgen der „Entmythologisierung“ (so gilt z.B. die jungfräuliche Geburt den Erwachsenen von heute entweder als „blosses Märchen“ – also nichts wert, oder als Faktenaussage – dann aber im Widerstreit zum Wahrheitsbewusstsein der dominierenden Kultur – also lächerlich.) Aber die Kinder leben heute selbstverständlich in einer Welt der Mythen.

Diese haben aber die Geltung religiöser Offenbarung eingebüsst und etwas Beliebiges erhalten. Unser Jugendarbeiter schreibt ein Musical, in dem er die Welt der Jugendlichen einfängt und ihrer multikulturellen und multireligiösen Herkunft Rechnung trägt. So entsteht ein konstruierter Mythos, wie das Kunstmärchen der Romantik: Darin tauchen Erlöserfiguren auf. Ähnlich auch in den tausendfachen täglichen Programmen der Kindersendungen am abendlichen TV.

Sie machen die traditionelle Aussage, dass der Mensch erlösungsbedürftig sei, auf unerwartete Art anschaulich. Aber sie sind beliebig, wecken nicht so viel Glaubwürdigkeit, dass man sie sich als „Heiland“ für ein ganzes Leben wählen würde. Denn morgen kommt ja schon wieder eine neue Erlösergestalt…

Die „sinnlosen“ Fragen bleiben
Die Frage nach dem „Ganzen“, dem „Umfassenden“, dem „Ursprung“, dem „Gegenwärtigen“, der „Mitte“, dem „Ziel“ – das ist in der Vergangenheit von Religion und Philosophie beantwortet worden.

Heute nach all den Wellen der Metaphysik- und Religions-Kritik ist das fremd geworden. Heute ist es in der Physik der Spur nach noch vorhanden als Frage nach der universellen Energieformel oder als Urknall-These in der Kosmogonie. Aber die Frage nach dem Menschen und seiner Kultur verschwindet in dieser Frage. Kulturelle Fragen sind nicht mathematisierbar, nicht beschreibbar in naturgesetzlichen Hypothesen. So werden solche Fragen nicht beantwortet, weltanschauliche Antworten erscheinen als sinnlos oder werden negativ bewertet.

Es bleibt aber das Bedürfnis des Menschen, sich „das Ganze“ zu vergegenwärtigen, aus der „Mitte“ zu leben, sich im „Ursprung“ unverlierbar gehalten zu wissen. Der Mensch hat die Bedingung seiner Existenz nicht in der Hand. Und die Welt findet er vor, er macht sie nicht. So vergewissert er sich ihres Bestandes in Herkunfts-Erzählungen. Dort ist Bestand – trotz all der Todesmacht in der menschlichen und historischen Erfahrung, trotz der Verfehlung des Menschen, trotz Selbstverlust…

Aus der Herkunft findet er eine unverlierbare Würde. In der Mitte Orientierung und Gehaltensein. Auf dem Weg zum Ziel findet er Anteil am Ganzen und Rettung aus Verzweiflung.

Phantasie im Untergrund
Dieses Bedürfnis wird von den heute anerkannten Weisen des Erzählens nicht befriedigt. Die Menschen werden auf nicht-anerkannte Formen geworfen: Aberglaube, Sekte, Psychogruppe, „blosse Religion, aber nicht Wissenschaft“…

So entstehen die Phänomene der „gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit“. Menschen im Zeitalter der Weltraumfahrt glauben an Kobolde, Hexen, Gespenster, Teufel, Dämonen, Hölle etc.

Die grosse Erzählung lebt in den „Suchwegen der Seele“. Sie findet keine Entsprechung in der Aussenwelt, findet keine Gestalt, wie sie sich in anerkannter Form intersubjektiv äussern kann, wird auf bloss-subjektives Für-Wahr-Halten zurückgeworfen oder in die Gruppenbildung einer von der Mehrheitskultur verachteten Sekte.

„Metaphysisches Bedürfnis“?
Man mag das Argument des Bedürfnisses verachten, wie schon Schopenhauer mit seinem Begriff des „metaphysischen Bedürfnisses“. Aber der Wildwuchs, der Ersatz der Kultur durch Marktangebote der Konsum-Industrie, der Rückgriff auf alle Formen des Aberglaubens, die Zersplitterung der weltanschaulichen Szene bis zur Auflösung eines kulturellen Minimalkonsenses sind schlechtere Alternativen.

Was nottut
Nötig ist ein neues Erzählen, das den Bedürfnissen entspricht, ganz prosaisch, so wie ein Telefonbuch dem Bedürfnis nach Auskunft im Bereich der Telefonnummern entspricht. Es gibt eben verschiedene Sorten von Literatur, mit eigenen Geltungs-Ansprüchen und eigenen Methoden. Das Kochbuch zeigt Wege zu einer Mahlzeit, das Telefonbuch Wege zur Adresse, der naturwissenschaftliche Zugriff folgt dem Interesse auf technische Verwertung und die Sprache der Religion mit ihren Bildern, Symbolen und Mythen zielt auf das Ganze, die Mitte, den Ursprung, das Ziel, etc. Und das Christentum, als Beispiel, hat 2000 Jahre lang diese Kultur zu integrieren vermocht. Da sind Lebenserfahrungen von Generationen, erprobt in Millionen von Situationen und Lebensläufen.

Geleitet wird diese neue Erzählung von der seelsorgerlichen Erfahrung mit Menschen in allen Lebenslagen. Es ist so vom Weltganzen zu reden, dass es auf ihre Fragen Antwort gibt. Und das ist dann eine gültige Art des Welt-Darstellens neben dem wissenschaftlich-technischen Zugriff.

Verantwortet wird dieses Neue Erzählen aus einer Bilanz der „Aufklärung“. Sie erscheint wie ein Fürst, dem der König ein Lehen zur Verwaltung übergeben hat. Aber er erfüllt die Aufgabe nicht oder er stirbt im Mannesstamm aus, so fällt das Lehen an die Krone zurück. Dort bleibt es und sucht einen neuen Statthalter, der die Aufgabe im Namen des Königs übernehmen kann.

 

Heimfall von falsch aufgehobenen Themen an die Religion

Das war dasVersprechen der Aufklärung: was die Religion nur „dunkel geahnt“ habe, wolle sie auf die Stufe des Wissens und der besseren Praxis „auf-heben“, so dass die Religion und Christentum überflüssig würden. Dieses Versprechen wurde meiner Meinung nach nicht eingelöst, so dass die Themen an die Religion „heimfallen“, die einen besseren Umgang damit hat.

„Heimfall“ von Themen der Aufklärung
Die Aufklärung will Religion aufheben. Ein Teil wird in Form von Wissenschaft, Kunst und Technik rekonstruiert und auf eine „höhere Ebene gehoben“. Ein Teil wird als „unsinnig“ aus dem Kreis möglicher Themen ausgeschieden (Metaphysik-Kritik).

Diese Themen „fallen heim“ wie Lehen im Mittelalter, wenn der Fürst in seinem Geschlecht ausgestorben ist und die Herrschaft im Namen des Königs nicht mehr ausüben kann. Und der König sucht einen neuen Träger, der die Aufgabe wahrnehmen kann.

Kritik an der Aufklärung, ihr Ungenügen
Diese „Aufhebung“ der Religion war ungenügend und muss kritisiert werden.

  1. a) Ungenügend rekonstruierte religiöse Traditionen

Die Säkularisierung von religiösen Themen wurde falsch vollzogen, absolute Geltungsansprüche verbanden sich mit empirischen Gehalten. So wurde die empirische Wirklichkeit aufgeblasen, es entstand ein Totalitarismus anstelle des kritisierten Absolutismus. So entstanden die Gross-Ideologien von Kommunismus, Nationalsozialismus und übersteigertem Liberalismus als säkulare Geschichts-Theologien. Sie entfalteten eine verheerende Wirkung mit Millionen von Toten.

Heute ist eine Säkularisierung der angeblich säkularen Welt in Wirtschaft, Politik und Kultur nötig.

Absolute Erwartungen können nur mit den Mitteln der Religion ohne Schaden gepflegt werden. Sobald sie mit empirischen Gehalten verbunden werden, entsteht ein Heils-Positivismus. Es entstehen „Heilige Länder“, religiös verbrämte Herrschafts-Ansprüche, Heilige Kriege. Gerade die Aufklärung verlangt, dass Geltungs-Ansprüche vor der Vernunft legitimiert werden. Dem widerspricht aber das „Aufheben“ absoluter religiöser Gehalte in empirischen Phänomenen.

Die Religion und ihre Art des Umgangs mit „Absoluta“ muss wieder in ihr Recht eingesetzt werden, auch um die Politik, die Kunst, die Pädagogik, den Strafvollzug, die Psychologie etc. vor übersteigerten Erwartungen zu schützen, welche auf empirischer Ebene nur pseudo-religiöse Chimären erzeugt oder totalitäre Gebilde, die den Menschen versklaven, statt zu befreien.

 

  1. b) Als unsinnig ausgeschiedene religiöse Traditionen:

Neben den rekonstruierten religiösen Gehalten gibt es jene religiösen Traditionen, die als sinnlos abgewiesen wurden, die aber unaufgebbar zum Menschen gehören, wie die Erfahrung der Seelsorge zeigt:

Die Menschen suchen eine Gerechtigkeit nicht nur im Einzelfall (Recht, Staat, Frieden), sondern auch im Lebenslauf, eine Schicksals-Gerechtigkeit. Unaufgebbar ist auch die Frage nach dem Ganzen und unserem Verhältnis dazu. Bilder des Ganzen sind nicht nur die über-individuellen Entitäten: Paare, Familien, Dorf, Stadt, Land. Dazu gehört auch die Menschheit (dass ihr Weg nicht im Dunkeln endet) und der Kosmos (dass er gehalten ist und wir in ihm).

Das neue Erzählen
Hier berühren sich die Themen: die kritische Bilanz der Aufklärung mündet in ein erneuertes Erzählen. Wissenschaft, Kunst und Technik verlieren ihr Monopol, die Wirklichkeit darzustellen und die Vorstellungen über Welt, Mensch und das Ganze als „Wissen“ zu kodifizieren, eine Art des Meinens, dem allein Verbindlichkeit zukommt gegenüber blosser Meinung, subjektivem Geschmack oder individueller Wert-Entscheidung.

Eine Mythologie in praktischer Absicht
So entsteht die Möglichkeit einer neuen Mythologie wie im Idealismus, der – begeistert von der griechischen Antike – eine Welterzählung erneuern wollte, die zugleich auf der Höhe der Wissenschaft sein sollte. Hier aber ohne System-Anspruch. Es ist eine Erzählung wie am Abend um das Lagerfeuer, bevor der Weg am nächsten Morgen weitergeht.

Diese Form der Erzählung hat ihren Sitz im Leben darin, Orientierung zu geben, Schutz gegenüber den Ängsten in der Nacht. Sie will Kräfte erneuern, Hoffnung geben, die rechte Haltung schaffen, aus der der nächste Tag zu bestehen ist. Das ist nicht Resignation im Anspruch. Die Zukunft der Welt besteht aus je nächsten Tagen.

  1. c) Die befreiten Mythen und Urszenen und ihr Wuchern

Befreit aus ihrer Einbindung beginnen die Mythen, Urszenen und Archetypen in der säkularisierten Kultur zu wuchern. „Befreit“ aus der Einbindung in eine Religion, in ein symbolisches Gross-System, das gesellschaftliche Anerkennung geniesst, so dass es Erlebensbestände integrieren kann, indem es ihnen einen anerkannten Ausdruck verschafft.

Jetzt kommen die Impulse hoch, sie sind nicht mehr gedeutet, nicht mehr kanalisiert. Sie haben kein „Kleid“ mehr, in dessen Gewand ein anerkanntes Ausleben möglich ist. Sie wuchern und werden unzureichend wahrgenommen: sie werden skandalisiert und pathologisiert, dem einzelnen zur Last gelegt.

Er wird als Monster behandelt und erlebt sich selber so. Der Zugriff ist moralisch-gesetzlich. Es gibt Polizei-Razzien (wie damals in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts in den USA, als die Sonntagsheiligung polizeilich durchgesetzt wurde.) Aber jetzt sind andere Bestände da, die nicht mehr verstanden und als Skandal und moralischer Untergang erlebt werden, sie sollen mittels Polizeigewalt behoben werden. Es gibt Internet-Überwachungen, es gibt den totalen Zugriff auf die Privatsphäre. Das Übel soll nicht präventiv, aber schon im Anfangsstadium entdeckt und ausgerottet werden. So entsteht das Bild eines moralisch aufgerüsteten Polizeistaats gegen Abgründe der Psyche, die aus Religion und Mythologie nicht mehr verstanden werden.

Dagegen beschleicht manchen Beobachter das Gefühl, dass man das Verhalten dieser „Monster“ besser begreifen würde, wenn man sie nicht wertete, sondern mythologisch lesen würde, als Wiederholung einer Urszene. Eine entfaltetet Religion würde das aufnehmen, ihm einen Ort geben. Es nicht destruktiv abwehren, sondern integrieren.

Die Aufklärung hat die Religion säkularisiert und ihr Erbe dem Staat, den Wissenschaften und Künsten zugeteilt. Heute muss der Staat, das System, die Technik etc. säkularisiert und die Religion wieder in ihr Recht eingesetzt werden. Das verlangt eine recht verstandene Aufklärung.

 

Aus Notizen 2003
Foto pw