Taugenichts
Wieder ist ein Mensch aus unserem Kreis gestorben. Ich schau nach, was für ein Tag heute ist: Dienstag. Ich war beim Coiffeur, habe ein Brot gekauft, Geld geholt von der Bank. Dann habe ich den Hausarzt gefragt, ob ich mich für den Ohrenarzt überweisen lassen muss. (Die Assistentin ruft zurück.) Schwerhörigkeit ist fast etwas Schönes, weil es allmählich kommt, ohne eine dieser einbrechenden Katastrophen-Nachrichten wie eine Krankheits-Diagnose, die man im Alter fast erwartet. Ich selber war bisher davon verschont, aber was heisst verschont, wenn liebe Menschen wegsterben?
Das Tor
Heute hatte ich irgendwann, im Halbschlaf, ein Bild, als ob ein Tor offen stünde und die Gestalten hin und her gingen zwischen Tod und Leben. Jetzt ist das Tor wieder zu, ich bin wieder angelangt, das Leben geht weiter.
Ich gehe durch die Stadt, auf dem Weg zur Bank, zum Coiffeur. Ich begegne andern Menschen. Ihre Haltung erzählt viel, ihr Gang. Sie sind nicht nur «fester» geworden im Alter, sie laufen auch schwer, man kann die Schmerzen fast spüren, wenn man ihnen beim Gehen zuschaut. Auf dem Weg bitte ich (und bete) für die Kinder und Enkel. Der kleine Leo hatte vorgestern plötzlich 39 Grad Fieber, es war eine schwierige Rückreise von München. Aber heute ist es wieder gut, Gott sei Dank!
Was sich zeigen wird
Ich schwebe irgendwie im All. Mein Weg geht nirgends mehr hin, die grossen Aufgaben sind, wenn nicht abgeschlossen, so doch auf einem Stand, dass ich äusserlich nicht mehr viel daran ändern werde. Ich bin froh, wenn ich gut über die Runden komme und wenn es der Familie gut geht. Es ist fast eine Art von Leichtsinn, der mich überkommt. Ich bin wieder freigestellt zu einem Abenteuer. Ich kann das Leben – das Stück Leben, das noch vor mir liegt – wie ein Abenteuer beginnen und meinen Sinn auf das stellen, was sich zeigen wird.
Viele Kameraden fallen mir ein, die auf dieser Landstrasse unterwegs sind:
Da ist der Reisende von Goethe, der nochmals einen Aufbruch wagt und jetzt setzt er seien Sinn auf nichts, denn das andere, was er sich erträumte, das hat nichts gebracht: «Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt. / Juchhe! / Drum ist’s so wohl mir in der Welt. / Juchhe! / Und wer will mein Kamerade sein, / Der stosse mit an, der stimme mit ein / Bei dieser Neige Wein.»
Da ist der Taugenichts von Eichendorff: «Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig.» (…) «Ich sass auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen; mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine. Da trat der Vater aus dem Hause; er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: »Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde, und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.« So macht er sich auf den Weg. Und bald packt er seine Fiedel aus und singt:
»Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt.
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.»
Zukunft
Das erinnert an Abraham, der im hohen Alter nochmals aufbricht und der eine Verheissung bekommt für viele Nachkommen und für das Bestehen der ganzen Welt. Das ist wohl das Höchste, was man sich wünschen kann im Alter, davon erzählt auch das Lied von Simeon im Neuen Testament. Der wartet auf das Heil Israels. Er hat die Zusage bekommen, er werde nicht eher sterben, als dass er das erfahren habe. Als die Eltern den neugeborenen Jesus in den Tempel bringen, nimmt er ihn in die Arme und ruft:
«Nun Herr, lässt Du Deinen Diener in Frieden gehen nach deinem Wort! Denn meine Augen haben Dein Heil gesehen.»
Neuer Aufbruch
Da ist das ganze Spektrum abgebildet, die Vielfalt von Motiven, Gefühlen, Anlässen und Hoffnungen, mit denen man aufbricht, vom Zurücklassen des Alten, der Freude aufs Neue, vom mühseligen Auswandern-Müssen noch im höchsten Alter, weil das Alte unter der Hand zerbrochen ist, vom Schelten des Vaters, der das Kind in die Welt schickt bis zum fröhlichen Einverstanden-Sein, das den Weg mit Liedern spickt.
«Den lieben Gott lass ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel will erhalten,
Hat auch mein‘ Sach‘ aufs best bestellt!«
Wenn der Taugenichts zu einer neuen Reise aufbricht, wird er wohl immer noch von seiner Sehnsucht geleitet. Und er vertraut, dass er schon ans Ziel kommen wird, wenn er nur unverfälscht dem folgt, was die Liebe ihm als Bild vorhält, was die Sehnsucht ihn fühlen lässt, während er erst auf dem Weg ist und noch nichts erreicht hat. Aber die Liebe hat eine eigene Art, auf einem Weg zu führen, sie gibt schon heute etwas davon ab, so dass die Adepten, die diesem Glauben folgen, auch die Kraft empfangen, auf diesem Weg ans Ziel zu kommen.
Der Taugenichts reist durch Europa
Der Taugenichts, wenn er heute zu einer Reise aufbricht, wird wohl immer noch von seiner Sehnsucht geleitet, sagte ich. Seine Gegenspieler sind aber nicht mehr Adlige, die ihm, dem Bürgerlichen, widerstehen und ihn doch auch fördern auf seinem Weg nach oben. So jedenfalls die Sehnsucht der Romantik, die durch den Widerstand noch nicht verbittert war und eine harte Prosa sprach wie die spätere Literatur.
Der Taugenichts hat also wohl geträumt, ist enttäuscht worden. Er stieg auf die Barrikaden der Pariser Kommune, wurde niedergehalten, er versuchte sich in den ungeheuren Anstrengungen einer Revolution – und/oder er kuschte, duckte sich, verbarg sich in Familie und Garten, gab die Revolution auf und richtete sich ein in Biedermeier und Innerlichkeit. (In Eichendorfs Roman hat er eine Einnehmer-Stelle ergattert, sitzt auf dem Bänkchen vor dem Haus im Schlafrock und steht in Versuchung, das Leben an sich vorüberziehen zu lassen.)
Die grosse Geschichte
Der Taugenichts hat jedenfalls gezeigt, dass er zu den grossen Phantasien nicht taugt, dass ihm die Gewalt-Exzesse, die er von Paris her zu sehen bekommt, widerstehen, dass er von den kriegerischen Entwicklungen, in die er gerät, traumatisiert und verstört wird. Sein Land, in der Mitte Europas, ist zu gross geworden, als dass er sich verstecken könnte. Und es ist nicht gross genug, es ist nicht früh genug, gross geworden, dass es wie die übrigen Mächte als Schlachtschiff voran fahren könnte. So folgt es auch heute den grossen Mächten und versteckt sich gleichzeitig vor ihnen. Soll er eine Rolle in Europa spielen oder doch eher nicht? Haben solche Abenteuer nicht ungeheures Elend über das Volk gebracht?
Heimat und wo sie zu finden ist
Der Taugenichts im Buch zieht immer weiter. Er findet nirgends Genügen. Wer mit ihm unterwegs ist, wird solch absolute Ziele nicht von der Politik erwarten. Seine Sehnsucht ist nur im Glauben zu stillen, wie die folgende Stelle zeigen mag:
«Ich stand auf einem Hügel und blickte in die weite, duftende Welt hinaus. Die Sonne war schon hinter den Bergen versunken, und die Wolken zogen so rot und golden über den Himmel, dass sie wie flüssiges Feuer aussahen. Da überkam mich eine unbeschreibliche Sehnsucht, ich breitete die Arme aus und rief mit lauter Stimme: ‚Oh Deutschland! wie bist du schön!‘ Die Worte klangen so frei und froh in der stillen Abendluft, dass ich mich noch mehr danach sehnte, weiterzuziehen. Ich nahm meinen Hut ab, schwang ihn in der Luft und sang leise vor mich hin:
‚Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt,
dem will er seine Wunder weisen
in Berg und Tal und Strom und Feld.‘
Es war das alte Lied meiner Mutter, das sie mir oft vorgesungen hatte, wenn ich noch ein kleiner Junge war. Und während ich so sang, fühlte ich mich, als würde mich eine unsichtbare Hand weiter und weiter führen – fort von allem, was mich hielt, und hinein in die weite, unbekannte Welt. Dann packte ich meinen Wanderstab fester und ging weiter, ohne recht zu wissen, wohin – nur fort, immer fort, als könnte mich nichts mehr halten.»
Das ist keine Absage an die reale Welt und an die Politik. Es ist eine Besinnung auf die Wirklichkeit, in der absolute Ziele gefunden werden. In diesem Vertrauen geht der Taugenichts auf seine Reise. Das Buch endet mit dem Satz: «Und es war alles, alles gut!»
Lesen Sie: «Christliches Europa» im Konzert der Weltmächte
Foto: Ornán Rodríguez Velázquez, Pexels
Quellen:
Joseph von Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts, bei zeno.org
Johann Wolfgang von Goethe: Vanitas. Vanitatum. Vanitas. Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Band 1, Berlin 1960 ff, S. 92-93, bei zeno.org
Biblische Texte:
Die Verheissung an Abraham, Genesis 12, 1-4
Das Lied von Simeon: Lukas 2.21 -32









