«Christliches Europa» im Konzert der Weltmächte
Es ist eine aufgeregte Zeit. Unter dem Pulverdampf von Krieg und Bombardements werden Einflusslinien gezogen, Bündnisse erprobt und Strategien entworfen auf dem Schachbrett der Mächte. Wo steht Europa? Ist es übertrieben, sich an die Zeit der Reformation und der Französischen Revolution zu erinnern, als die alte, gewohnte Welt versank und eine neue Zukunft skizziert werden wollte?
Alt und neu begegnen sich
Ich lese die Europa-Rede des Dichters Novalis von 1799. Die Rede, obwohl sie aus der Zeit der Französischen Revolution stammt, ist aktuell, weil Europa heute im Spiel der grossen geopolitischen Mächte eine neue Rolle sucht. Das europäische Zeitalter ist vorbei, es ist seit dem Ersten Weltkrieg ein amerikanisches Zeitalter, und jetzt drängt China nach vorn. Im Mittelbereich ist ein Drängeln von Mächten, die ihren Platz behaupten oder einen neuen Platz an der Sonne erobern wollen. Das hat das Zeug, zu einem grossen Krieg auszuwachsen, z.B. im Konflikt Russland-Ukraine (Russland würde wohl am liebsten den «cordon sanitaire» von Satellitenstaaten aus der Zeit der Sowjetunion wiederherstellen) und in den Kriegen um Israel. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches ist immer noch die Frage offen, welche Mittelmächte sich behaupten und wie die globalen Einfluss-Sphären gezogen werden.
Novalis’ Europarede ist aktuell auch von seiner Haltung her. Ausgehend von den Hoffnungen und vom Schock der Französischen Revolution versucht er eine grosse Periodisierung der Geschichte und verbindet das mit der Religionsfrage. Nach der dialektischen Trias von These, Antithese und Synthese sieht er einen goldenen Urzustand im «Christlichen Abendland», eine Verfallszeit, wozu er auch die Reformation zählt mit den ganzen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft, durch welche die Neuzeit sich abgrenzt von einem als «finster» diffamierten Mittelalter, das für ihn aber golden aufleuchtet angesichts der Uebel der gegenwärtigen Zeit, die er anmahnt.
Eine unerhörte Wendung
Die Französische Revolution lerne ich hier sehen mit den Augen der Zeitgenossen. Heute ist das Grundstürzende der Ereignisse abgeflacht und eingeebnet von anderen grossen geschichtlichen Ereignissen. Damals war es unerhört. Alle Kategorien, in denen man Geschichte dachte, waren eingerissen, ersetzt von neuen Begriffen, die den alten diametral entgegengesetzt waren. So waren die Hinrichtung des französischen Königs und die Erstürmung der Bastille für die Sachgeschichte vielleicht nicht so zentral, symbolisch war es ein unerhörter Akt, der den diametralen Gegensatz betont: dass Legitimation nicht mehr von oben ausgeht, dass Herrschaft nicht mehr von Gott verliehen wird, sondern von unten, vom Volk, das sich in der Ständeversammlung artikuliert. Die Bindungen in feudalen Abhängigkeiten und Leibeigenschaft waren abgeschafft, die Ständeordnung durch eine Freiheit ersetzt, die bisher erst in Städten und ihrer bürgerlichen Welt erprobt worden war.
Die Rolle der Religion
Mit der Aufhebung der göttlichen Legitimation im «Bündnis von Thron und Altar» war auch in der Religionsgeschichte ein neues Zeitalter eingeläutet. Mit der Reformation hatten die Territorialherren die Herrschaft über die Kirche anstelle des Papstes übernommen, was die Ausbildung der Landeshoheit entscheidend stärkte. (Frankreich war mit seiner Staatskirche schon vorausgegangen.) So entwickelten sich neue Gebilde, es entstanden moderne «Staaten», die ein «Staatsvolk» in einem umgrenzten «Staatsgebiet» unter einer einheitlichen «Staatsgewalt» umfassten.
Der Grundbesitz von Kirchen und Klöstern wurde «säkularisiert», «verweltlicht», d.h. eingezogen. Die Klöster wurden als Gefängnisse, Irrenanstalten oder Zeughäuser verwendet. Dass der Begriff Säkularisation mehr meint als Enteignung von Grundbesitz ist hier aber schon sichtbar, er reicht bis zum obrigkeitlichen «Kult der Vernunft» anstelle des Christentums, zu einer Abwendung von Kirche und Religion auch in der Kultur und in allen Feldern des gesellschaftlichen Zusammenlebens, von der Geburt bis zur Bestattung, vom Zivilrecht bis zum Öffentlichen Recht.
Ein Bild der Zukunft
Die Revolution trieb die Entwicklung auf die Spitze und war für Novalis damit bereits der Anfang des neuen, dritten Zeitalters, in der die Harmonie des Zusammenlebens, des gesellschaftlichen Vertrauens, des Glaubens, zurückkehren würde, aber nicht mehr in Unfreiheit, sondern in Freiheit, nicht mehr gebunden an partikulare Träger, sondern als universelle christliche Religion.
Was waren die Merkmale der neuen Religion? Was warf er der alten vor? Es ist für mich als reformierten Pfarrer interessant zu lesen, weil hier die üblichen Jubelreden auf die Reformation nicht wiederholt werden, es werden ihre Fehler, ihre überschiessenden Reformen, ihre Zeitgebundenheit hervorgehoben. Das Wichtigste war wohl die Kollaboration bei der Enteignung von Kirchen und Klöstern, das Sich-Andienen an die neuen Herren, der Bildersturm, der Kulturkampf gegen grosse Teile der gewachsenen Religiosität.
Bildersturm und Kulturkampf
Was das bedeutete, kann man heute vielleicht nachempfinden, wo die «westliche» Kultur wieder Objekt eines Kulturkampfes ist, der elementarste Dinge in Frage stellt, der Denkmäler stürzt, Bücher verbrennt, missliebige Personen von ihren Lehrstühlen und öffentlichen Funktionen entfernt. Dieser Kampf im Innern geschieht, während der «Westen» von aussen bis in seine Grundfesten infrage gestellt wird durch Rückkehr ehemaliger Kolonien zum Islam (die Selbstinszenierung als «sozialistische» Staaten war nur ein Zwischenspiel im Kalten Krieg).
Dazu gehört ein militanter anti-westlichen Terror, wo Jihadisten auf ihren Trucks mit Maschinengewehren durch die Gegend fahren und Gegner vor laufender Kamers enthaupten, wo sie alte Kulturschätze plündern und Buddha-Statuen stürzen – ein Bildersturm, wie ihn die Reformation seinerzeit vorgemacht hatte und wie es die Französische Revolution weiterführte. Wer den islamischen Terror kritisiert, sollte sich auch an den «terreur» in der Französischen Revolution unter Robespierre erinnern, wo das Enthaupten industrialisiert wurde. Weil es mit einem Schwert zu lange ging, erfand man die Guillotine als Enthauptungsmaschine.
Und heute?
Was kann es für einen Sinn haben, Novalis’ Europarede heute zu lesen? Heute gibt es wie damals eine Zäsur. Damals war es die Französische Revolution, die eine neue Idee des Staatsaufbaus aufbrachte, heute ist es der Umbruch der geopolitischen Grosswetterlage, die Frage um die Führerschaft von China oder den USA und darin eingebettet, die Positionierung von Mittelmächten, was in Osteuropa und im Nahen Osten gewalttätige Auseinandersetzungen generiert. Novalis nahm die Zäsur nicht nur als einen Einbruch wahr, sondern als Kairos, als einen Moment in der Geschichte, in der Entscheidungen zu treffen sind, wo Bilder formuliert werden müssen, in welche Richtung es weitergehen soll. Eingebettet war das in eine Analyse der Mängel, des Versäumten, der falschen Wege und in Bilder des Ersehnten, wohin die Reise gehen müsste.
Novalis folgt hier einem Dreischritt von These, Antithese und Synthese. Er spricht von einer goldenen Urzeit, von Degeneration und einer neuen Hoffnungszeit. Das wäre leicht abzutun als Schematismus, der der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Solche Entgegensetzungen gibt es nur im idealen Beriech, nicht in einer lebendigen Wirklichkeit. Aber in der Hauptschlagrichtung, die die Französische Revolution vorgegeben hat, stimmt es: die Legitimation der Herrschaft erfolgte von hier und heute an nicht mehr von oben, sondern von unten. Herrschaft wurde nicht mehr von Gottes Gnaden begründet, sondern aus der Zustimmung des Volkes. Das war eine scharfe Absage an das Bisherige (was sich in der Enthauptung des alten Souveräns zeigte, des Königs, der auf Geheiss des neuen Souveräns, des Volkes, verurteilt wurde). Es war ein scharfer Bruch mit der öffentlichen Rolle und Bedeutung von Religion.
Von Novalis lernen?
Die Rolle von Religion und Kirche, auch von den neuen Gemeinschaften der Immigrantenkultur, ist heute geklärt, könnte man sagen. Kein Anlass, sich darüber Gedanken zu machen.
Aber vielleicht lässt sich doch von Novalis etwas lernen. Der Mechanismus von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ist geölt, er läuft seinen Gang. Aber die Widerstände nehmen zu, die Komplexität steigt im selben Tempo, wie internationale Verflechtung, kulturelle Pluralisierung und die «schöpferische Zerstörung» durch friedliche Investitionen zunehmen. Für die Schule ist gesorgt, aber sind die Inhalte noch von jener Art, dass sie junge Menschen faszinieren und in eine kulturelle Nachfolge berufen, dass sie ihre Leben an diesen Werten ausrichten, ihr Wahrheitsstreben diesen Fragen widmen wollen?
Hat Religion ausgedient?
Das sind die «weichen» kulturellen Faktoren der Entwicklung, die man gerne ausnimmt. Novalis stellt sie ins Zentrum. Er stellt sogar die Religion ins Zentrum, was heute kaum noch vorstellbar scheint. Und es war nicht nur das Ende der Legitimationsfunktion, was der religiösen Frage damals eine entscheidende Rolle gab. Novalis erwähnt genuin religiöse Leistungen, die es brauche für einen neuen Staatsaufbau, für einen gedeihlichen Weg in die Zukunft, für die Harmonie, die er sich für die Zukunft erhoffte, so wie sie früher einmal die Gesellschaft zusammengehalten hatte.
Vergebung ist eine solche Leistung, die er zitiert. Das ist eine elementar religiöse Funktion, sie gehört zu den unabdinglichen Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben, aber auch für ein friedliches Leben in sich selbst. In der Vergebung findet ein Mensch Frieden in sich selbst und mit anderen Menschen. Es ist Teil einer Trauma-Verarbeitung und wichtig in einer Zeit, in der zunehmend mehr Menschen von Krieg und Elend traumatisiert werden. Nur auf die Grundwerte zu pochen, reicht hier nicht. Menschen müssen erst wieder instandgesetzt werden, Forderungen zu akzeptieren und befolgen zu können.
Das kann man alles lächerlich finden. Novalis ist es ernst damit, so ernst, dass ihm seine Dichter-Kollegen von einer Publikation abraten. Dennoch endet er seine Rede wie ein Evangelium mit dem Ruf in die Nachfolge: «Seid heiter und mutig in den Gefahren der Zeit, Genossen meines Glaubens, verkündigt mit Wort und Tat das göttliche Evangelium, und bleibt dem wahrhaften, unendlichen Glauben treu bis in den Tod.»
Wo keine Götter sind, walten Gespenster
Er verkennt die konflikt-verschärfende Rolle nicht, die Religion in den Auseinandersetzungen spielen kann. Aber ein «Religionsschlaf» kann noch viel tiefer in Verhängnisse hineinführen. Schon in der Revolutionszeit zeigte sich die totalitäre Tendenz von Ideologien, die den Platz der Religion einnehmen. Das erfordert eine neue Beschäftigung mit Religion. «Erst durch genauere Kenntnis der Religion wird man jene fürchterlichen Erzeugnisse eines Religionsschlafs, jene Träume und Deliria des heiligen Organs besser beurteilen und dann erst die Wichtigkeit jenes Geschenks recht einsehen lernen. Wo keine Götter sind, walten Gespenster.»
«Wer weiss ob des Kriegs genug ist, aber er wird nie aufhören, wenn man nicht den Palmenzweig ergreift, den allein eine geistliche Macht darreichen kann. (…) Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und die Völker sichern.» So fordert er eine «Religionserweckung». «Die Christenheit muss wieder lebendig und wirksam werden, und sich wieder eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf Landesgrenzen bilden.»
Damals stand man wie heute an einem Scheideweg. Wie wollte «Europa» sich verstehen? Wo sich positionieren? Welche Rolle sollte das Erbe dabei spielen? Wollte man sich allein der einen Richtung anvertrauen? Die Revolution legitimierte Entscheidungen durch Vernunft und Mehrheitsprinzip, die Restauration – erschreckt durch die gewalttätigen Entartungen der Revolutionszeit – fragte nach Bleibendem in der Tradition. Es erinnert an den heutigen System-Wettbewerb. Dabei spielten Kultur und «weiche» Faktoren eine grosse Rolle. So ist es auch heute, der Kulturkampf durch Niederreissen von Denkmälern, Berufsverboten, Sprachregelungen und der Freiheit, sein Geschlecht zu wählen, reichen nicht aus, um Köpfe und Herzen zu gewinnen.
Zum Reformationstag
Bild: Caspar David Friedrich, Kreidefelsen auf Rügen
Naiv? Eine Nachschrift
Eine Religion, die erwachen könnte aus ihrem «Schlaf»? Eine Religion, die sogar eine Rolle spielen könnte in der Formierung eines neuen Europa? Ob das nicht allzu naiv ist? Der Lagebericht des Bundes über die Sicherheitslage, über den die NZZ heute berichtet, zeigt auch die «weichen Faktoren» und weist auf die Jugendlichen hin, die gewonnen oder verloren werden. Die «globale Weltordnung erodiere» nicht nur in den Kriegen der Zeit. Mittlerweile stellen Minderjährige beim Terror eine echte Bedrohung dar. Im ersten Halbjahr 2024 wurden elf Jugendliche wegen Verdachtes auf terroristische Aktivitäten festgenommen. Obwohl sie im jihadistischen und rechtsextremen Bereich tätig waren, sei es nicht um Ideologie, sondern um Faszination und Sinnsuche gegangen. Diese Jugendlichen, die sich Rat von online-Predigern holten, suchten «nach Antworten auf Religions- und Alltagsfragen». – Sollte Religion, die Deutung der Zeit, der Welt und unserer Existenz darin, noch eine Rolle spielen?
(Zitiert nach dem Bericht der NZZ, «Erhöhte Terrorbedrohung und getarnte Spionagestützpunkte. Der Nachrichtendienst des Bunds warnt vor eine schlechteren globalen Sicherheitslage.» Von Selina Berner, 23.10.24, S. 7)
Die Schrift von Novalis wird zitiert nach «Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment.» Novalis Schriften. Herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel. Vierte vermehrte Auflage. Erster Theil. Berlin, 1826. Gedruckt und verlegt bei G. Reimer. (Geschrieben im Jahre 1799.) https://www.deutschestextarchiv.de/book/show/novalis_christenheit_1826









