Halloween
Heute Abend, an Halloween, am Vorabend von Allerheiligen (All Saints Eve), grüssen die Skelette und Gespenster wieder aus allen Vorgärten. Halloween hat einen frivolen und respektlosen Umgang mit dem Tod. Man muss sich wehren gegen zu viel schwarze Gedanken. Das Lachen weckt das Leben. Und doch klappern die Skelette mit den Knochen. Und die Geister können einen manchmal auch schaudern lassen. Daran muss ich denken, wenn ich von «ghosting» lese.
Ghosting
«Ghosting» – auf sozialen Plattformen kann man lesen, wie schwierig es für Betroffene ist, wenn eine Kontaktperson plötzlich verschwindet. Das kann geschehen beim «Dating», wo auf ein kurzes Kennenlernen plötzlich Schweigen folgt. Als «Ghosting» kann man es aber auch empfinden, wenn ein Bekannter oder sogar ein Verwandter den Kontakt abbricht, ohne Begründung, ohne Möglichkeit, nachzufragen. Es ist schwierig, damit umzugehen. Es ist, als ob man es, statt mit einem Menschen, mit einem Geist zu tun hätte. Er ist nirgends zu greifen, geistert aber doch überall herum.
Ohne Abschied
Im Älterwerden lese ich in der Zeitung immer auch die Todesanzeigen. Oft finde ich dort den Hinweis, die Familie habe «im engsten Familienkreis Abschied genommen». Da ist die Todesanzeige mit der Danksagung zusammengenommen. Der Kontakt wird übersprungen. Wer will, kann immerhin noch eine Karte schreiben. Aber Abschied nehmen? Wie hilfreich und tröstlich habe ich es gestern erfahren, als ich auf einem Friedhof und in einer Kirche Abschied nehmen konnte. Man sah die Menschen, mit denen der Verstorbene verkehrte, mit einzelnen war man selber verbunden. Es gab Begegnungen, es hilft beim Weitergehen.
Vielleicht hilft es den Angehörigen, eine öffentliche Beerdigung auszulassen, vielleicht hat es die Verstorbene selber gewünscht. Aber mich erinnert es an «Ghosting» und an die Schwierigkeiten, die man beim unerklärten Verschwinden eines Menschen hat. Nicht nur das Abschiednehmen wird erschwert, es ist auch schwieriger, sein eigenes Leben wieder zu integrieren, das durch einen Todesfall immer etwas aus dem Gleichgewicht gerät.
Ohne Namen
Ist das Leben «billig» geworden, dass man es so ohne Form abschliessen kann? Oder sind das umgekehrt Luxusprobleme, die ich habe? Wie viele sterben heute namenlos – in neuen Kriegen und in neuen Naturkatastrophen. Bei einem Erdbeben gehen die Opferzahlen in die Zehntausende. Sollten wir die einzigen sein, die noch ein Grab mit einem Namen haben?
Vor zwei Tagen war ich in einer Kirche in Basel. An der Wand war eine Inschrift zu lesen:
«Christlich glaubt, gläbt, gestorben ist,
Din Tochter, gut Herr Jesus Christ,
Ir Seel in Himmel ward getragen,
der Lib ruht hier und ward begraben,
Sieben Kind truren und der Mann,
o Gott, lass fröhlich uferstan!»
Anno 1570, 5. November
Es war ein grosser Verlust, als die Frau und Mutter von sieben Kindern von ihrer Familie und ihrem Mann weggestorben ist. Der Mann liess es in die Wand schreiben. Und die Inschrift erzählt nach bald 600 Jahren noch davon.
Leben und Sterben, das macht heute grosse Veränderungen durch. Ich kann es nicht beurteilen, aber mich freut diese Inschrift, die auch irgendwie zu Halloween gehört. Mich freut dieser Ausblick und die Bitte – mitten in all dem Traurigen – um eine fröhliche Auferstehung!
Bild: Inschrift in der Peterskirche Basel









