Eine Trauerfeier für Kriegsopfer?

An Allerseelen gedenkt man der Toten. In die Erinnerung an die eigenen Verstorbenen mischen sich heute die Nachrichten von vielen Toten an den Kriegsfronten und im Hinterland der Städte, die von Drohnen und Raketen heimgesucht werden. Gibt es an Allerseelen auch ein Gedenken an Kriegsopfer? Oder erstirbt das Mitleiden in der Parteinahme für die eine oder andere Seite? Ist der Abstand schon gegeben, der eine solche überparteiliche Trauerfeier erlaubte?

Immer höhere Ziele
Heute ist der Krieg in den Nachrichten allgegenwärtig, wenn nicht der Ukrainekrieg, so der Krieg um Israel. Hier mischt sich die Trauer über den Tod mit dem Unverständnis gegenüber einer Politik, die nicht Halt zu machen versteht, die die «Gunst der Stunde» ausnützen will, den Erfolg auf dem Schlachtfeld ummünzen in immer höher gesteckte Ziele.

Das Unverständnis wächst, weil Israel in diesem Krieg wie nie mehr seit dem Sechstagekrieg auf allen Schlachtfeldern erfolgreich ist. Erst haben sie die Anführer der Hamas ausgeschaltet, dann die der Hisbollah, jetzt greifen sie nach Libanon aus und nach Syrien. Die Golanhöhen bleiben annektiert, die «Rückholung» des Westjordanlands und des Gazastreifens haben die Rechten immer gefordert. Die Welt rätselt immer noch, ob die USA eine Bombardierung des iranischen Atomprogramms zulassen wird.

Immer mehr Fragen
Was ist es also, was uns beschäftigt, bevor wir auch nur fragen, wie wir «der Toten gedenken» können, wie es der Allerseelentag verlangt? Trauer und Wut, Unverständnis und Verzweiflung, Ohnmacht und Schuldgefühl, weil man sich als Zuschauer fühlt und doch täglich seinen kleinen Verpflichtungen nachgeht, seinen kleinen Freuden, seinem Davongekommen-Sein einmal mehr, während die Welt immer mehr den Abgrund runter zu rutschen scheint. Es ist ja nicht so, dass die Ereignisse an den anderen Fronten deshalb stillstünden. Es ist der schönste Herbst, aber die Nachrichten sind voll von aussterbenden Arten, von zerstörten Biotopen, von immer neuen Stürmen und Wetterfronten, die der Klimawandel über unsere Berge und Landschaften treibt.

Schematismus des Siegens
Und die internationale Gemeinschaft, die Kultur, der wir alle angehören, die Wirtschaftsgesellschaft in ihren Funktionsweisen, scheint auch in einem Schematismus des Siegens gefangen zu sein, wie das Land Israel, das als Industrie- und IT-Land die Nachbarn so himmelhoch überragt.

Es ist der Schematismus des Siegens, der uns in den Abgrund reitet. Denn gegen die Belohnungen, die der Sieg nach links und rechts verteilt, kommt niemand an. So wird keine Wahl gewonnen, keine Abstimmung, so findet sich keine Gefolgschaft. Es müssten Asketen sein, Verzicht Leistende, die der besseren Einsicht folgen. Und doch hofft man auf solche, wenn man eine andere Politik fordert. (Ob man selber zu dieser Gattung gehört, ist dabei nicht ausgemacht. An unserem Ort haben wir keinen Krieg, aber Auseinandersetzungen genug. Das sind Zureisende von denen wir uns bedroht fühlen, Menschen, die einen Anspruch erheben, was unsere Position zu schmälern scheint – auf dem Wohnungsmarkt, in der Sozialversicherung, wo immer sie auftauchen.)

Müdigkeit
Müdigkeit ist ein anderes Gefühl, das sich einstellt. Wer kennt sich noch aus, wer hat noch den Überblick, wer könnte hier entscheiden mit dem Anspruch, gerecht zu urteilen? Und ist Gerechtigkeit die letzte Instanz, die hier sprechen muss? Tritt irgendwann nicht auch ihre Gegenspielerin in ihr Recht ein: Vergebung, Versöhnung, Anerkennung, wie sehr auch der andere gelitten und verloren hat?

Das alles lässt sich gut formulieren, wenn man weit vom Schuss sitzt und Worte aneinander reiht. Die Beteiligten sind mitten drin und sie müssen ihren Weg gehen, Schritt für Schritt. Dabei finden sie die Einsicht, die nötig ist und das commitment, das nur der Beteiligte kennt, der mit seiner Existenz, seiner Familie, seinem Herkommen, seiner Zukunft darin verflochten ist.

Totensonntag im Krieg?
Nein, es gibt keinen Anlass, an dem weltweit alle Völker für ihre Toten beten könnten. So lange sie lebten, waren sie Gegner, oder sie mussten für gegnerische Regierungen in den Krieg ziehen, so unbeteiligt sie in ihrem Privatleben auch waren. Sie beten, wenn sie beten, in verschiedenen Sprachen und Religionen. Zwar wäre in jedem Gottesnamen, der angerufen wird, auch eine universelle Grösse zu finden. Götter sind heute keine Nationalgötter mehr, sie stehen für Gerechtigkeit, Gnade, Barmherzigkeit – Werte und Intuitionen des Zusammenlebens, die potentiell jede Grenze und Begrenzung überschreiten. Aber bis das erlebt und in einem Miteinander ausgesprochen werden kann, braucht es Schritte zum Frieden, die ganz real in dieser Welt zurückgelegt werden müssen.

Aber der Zeitgenosse, der zuschauen muss (und sich doch bedankt, dass er nur zuschauen muss), kann für sie beten, für beide Seiten, ohne Ansehen der Person, ohne Anmassung des richtigen Urteils, als ob wir über allem schwebten und die Geschichte zu unseren Füssen ausgebreitet wäre. Es ist ein Anlass, um Demut zu lernen. Es hilft, sich an seine eigenen Lieben zu erinnern, die in den Tod vorausgegangen sind. Vielleicht, auf dem Friedhof, wenn wir Blumen niederlegen, denken wir an die, die weltweit in dieses Verhängnis gezogen werden. Und wir bitten für sie.

 

Foto von Kres Thomas, Pexels
Aus Anlass des Totengedenkens an Allerseelen (kath.) bzw. Totensonntag (prot.)