Anfang und Ende

Wenn ich unseren neugeborenen Enkel durch die Wohnung trage und mit ihm zur Ruhe komme, spüre ich eine tiefe Gewissheit, dass das Leben gehalten und getragen ist. Gleichzeitig sind die Medien voll von Krieg und Krise. Selbst ein «Ende der Menschheit in heutiger Form» wird nicht ausgeschlossen. Es sind gegensätzliche Signale. Wie soll das zusammen gehen?

Heute Morgen habe ich den Kleinen gehütet, er ist vier Wochen alt. Ich habe ihn gewiegt, ihn durch die Wohnung getragen. Es war ein Gefühl von tiefem Frieden. Gestern aber, die Nachrichten, die haben mich aufgewühlt. Es sind gegensätzliche Erfahrungen und Gedanken in dieser Zeit.

Getragen und geborgen
Da ist, ganz stark, die Erfahrung der kommenden Generationen: in diesen Tagen kommt unser drittes Grosskind zur Welt. Seine Schwester ist vier Jahre alt, der erste Enkel vier Wochen. Ich habe ihn gestern «gehütet». Ich habe mit ihm getanzt, ihn gehalten und am Körper getragen. Und ich habe mit ihm Ruhe gefunden im «ewigen Gebet». Es war eine tiefe Erfahrung von Gehaltensein. Er wurde ruhig und ist bald eingeschlafen.

Was niemand mehr hören will
Eine solche Ruhe ist immer wieder im Gebet zu erfahren. Da ist Gott für den Beter gegenwärtig. Eine völlig andere Erfahrung machte ich gestern bei den Nachrichten, als ein Fachmann die neuste Studie zum Klimawandel präsentierte. Da gab es verschiedene Szenarien, je nach den Mengen von CO2, die man weniger ausstossen würde. Eine dieser Kurven versah er mit dem Kommentar: Eine solche Entwicklung wäre «nicht mehr kontrollierbar». Das würde die Menschheit nicht überleben, etwas in dieser Art – sehr krass, aber doch im Rahmen der Warnungen, die wir von Naturwissenschaftlern seit Jahrzehnten hören.

Sie werden nicht mehr aufgenommen, viele verdrängen es wohl, verweigern überhaupt die Lektüre von Nachrichten, die auch sonst unbekömmlich sind. (So sagt eine Studie, die kürzlich publiziert wurde.) In der institutionellen Politik laufen die Räder und Maschinen wie sie in dieser Frage einjustiert worden sind. Nach dem grossen Aufbruch, zusammen mit dem Wahlerfolg der Grünen, kamen Krieg und Krise. Die Ampelregierung in Deutschland musste zurückrudern, man musste wieder Oel und Gas verheizen, weil ein kalter Winter drohte. Jetzt geht die Politik ihren langsamen Gang, hü und hott, ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück.

Jetzt, wo die Welt sich scheinbar eingerichtet hat, mit der Zurücknahme der ehrgeizigen Ziele, wo man wieder Verbrenner-Autos fördert, weil sonst Arbeitsplätze gestrichen werden. Jetzt stören die Fachleute die Harmonie mit erneuerten Warnrufen.

Zwei Szenarien
Das ist das dunkle Szenario: dass die Entwicklung schon in wenigen Jahrzehnten unsteuerbar werden kann. Dagegen das Erlebnis mit dem Kind. Das sind zwei Szenarien und das ist die Frage, der ich nachgehen will: wie wir heute vorwärts gehen können, wie wir den guten Glauben bewahren, das Nötige nicht verpassen. Es heisst, der Angst nicht auszuweichen, sich gleichzeitig aber auch an die Glaubenserfahrung zu erinnern, an die Wirklichkeit, wie sie im Glauben geschildert wird.

Da öffnet sich auf dem dunkelsten Weg eine Türe, durch die wir hindurchgehen können. Da ist ein Garten, da ist Ruhe, Frieden, da ist die Gegenwart Gottes zu erfahren. Und bald geht es wieder hinaus, es ist nicht ein finales Einkehren in diesem Garten, es geht nicht darum, den Tod annehmbar zu machen. Es ist ein rituelles Einkehren, im Gottesdienst, es ist eine Ermutigung wie bei einer Taufe, bei der man durch das Wasser hindurch, durch den Tod hindurch schreitet zu neuem Leben.

Zweimal «Ende»
Das Ende, wie es die Bibel schildert, ist in Ostern erzählt, nicht in der der Sintflut. Und wenn apokalyptische Texte beigezogen werden wie bei der Sintflut-Geschichte, dann ist es der Ausblick auf die letzte Heilszeit: das «Ende», wenn Christus als König herrscht. Wenn er seine Herrschaft über alles aufgerichtet hat, übergibt er alles Gott, damit Gott «alles in allem» sei. (1. Kor 15) Das ist die Antwort der Bibel auf die Frage nach dem Ende: Es ist Gnade, Frieden, Vergebung, neue Schöpfung.

Doch verständlich wird es nur, wenn ich auch das andere Szenario anschaue. Wenn keine wirksamen Massnahmen gegen die Klimaerwärmung gefunden werden, zeigen sich die Folgen in Dürre, Hitze, Regen, Sturmflut. Das Wasser kommt in solchen Mengen – die Bilder haben sich eingeprägt -, dass eine ganze Stadt wie Valencia in wenigen Minuten unter Wasser steht. Reissende Flüsse suchen sich einen Weg durch die Strassen und reissen Autos und alles mit sich.

Was es bei Menschen auslöst, ist oft noch verheerender als die Naturgefahr. Es gibt Panik, Abwehr, Konflikte, Kampf um vermeintlich bessere Positionen – die ganze Palette historisch bekannter Verhaltensweisen, wie Meschen sich gegenseitig malträtieren.

Frage am Christkönigstag
Am diesjährigen Christkönigstag erinnert die Kirche sich an das «Ende der Geschichte». Als das Fest vor 100 Jahren eingesetzt wurde, war die Katastrophe des Ersten Weltkrieges noch nahe. Wieder ist die Frage: Was ist das Ende der Geschichte? Ist es das, was die Angst vor Augen malt: der Untergang, die Klimakatastrophe, die soziale und politische Unrast, die die ökologischen Krisen begleiten? Oder ist es das, was wir spüren und ahnen, wenn wir ein Kind in den Armen halten?

Wir «wissen» um diese Ruhe und das Vertrauen, aber es ist kein historisches Wissen, es äussert sich nicht in Szenarien für die politische und soziale Entwicklung, aber in einem tätigen Vertrauen, dass wir gehalten sind, dass wir aus der Wirklichkeit nicht herausfallen, dass diese ganze Wirklichkeit einen Zug hat auf ein Ende zu, und dieses ist nicht schwarz, sondern hell, nicht unglücklich, sondern glücklich. Und wir dürfen unsere Kinder auf diesem Weg gehen lassen. Wir können es gar nicht verhindern, wir müssen uns aber auch nicht anklagen, weil wir überhaupt Kinder in die Welt setzen.

Das Ende nach den Klimaszenarien ist schwarz, das Ende nach dem Glauben ist ein Weg durch das Schwarze hindurch wie durch eine Taufe. Und aus dem Wasser steigt eine neue Schöpfung. Und der Baum, der in der Mitte steht, den Christus uns als Gleichnis vor Augen stellt, reicht mit seinen Wurzeln tief hinab und verbindet uns mit den Quellen des Lebens. Er hat einen Stamm, an dem auch wir wachsen, und Blüten treiben sollen für unsere Zeit, und eine Krone, die dem Himmel entgegenwächst, weil alles eingezogen wird in diesen Weg, der zu Versöhnung und neuem Leben führt.

Die Naivität der Frommen
Naiv könnte man sagen, diese Frommen! Was vor uns liegt, das wird uns durch die Klima-Szenarien vor Augen gestellt, das erfordert unser Hinschauen und Handeln. Es verlangt, dass wir den ersten Reaktionen widerstehen, die in uns aufsteigen, die zu Auseinandersetzungen und Gewalt führen. Wir müssen unseren guten Glauben bewahren und vorwärts gehen und das Nötige tun. Dann finden wir einen Weg und er wird weniger blutig sein als ohne diese Naivität der Frommen.

So wollen wir uns nicht entziehen und das Nötige tun und dabei vertrauen, dass es auch für unsere Kinder und Enkel eine Zukunft gibt.

 

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Foto von Quyển Phạm Xuân, Pexels