Der Sturm der Geschichte
Religion scheint heute etwas Privates zu sein. Doch gibt es Schicksale, die ein ganzes Volk, einen ganzen Kontinent, betreffen. Die Kirchen wurden zutiefst herausgefordert in ihrem Feiern, Beten und im praktischen Handeln. Die Feiern im Kirchenjahr zeugen heute noch von solchen Einschlägen der Geschichte. Bevor mit dem Advent ein neues Kirchenjahr beginnt, schalten die Kirchen eine Besinnung ein. Der Blick geht weit hinaus auf die Geschichte, was sie trägt und gefährdet. Die Rede ist gar von einem Ende der Geschichte und von einer Wirklichkeit, die der Zerstörung widersteht.
Christkönig
«Christkönigstag» heisst der Sonntag in der Katholischen Kirche. Es klingt wie ein frommer Brauch, erinnert an die «heiligen drei Könige», aber hier stellt sich die Kirche der historischen Erfahrung. Der Erste Weltkrieg hat Europa als Trümmerfeld hinterlassen. Er hat auf der ganzen Welt Millionen von Toten gefordert, in Europa sind alle grossen Reiche der alten Zeit untergegangen. Die Vielvölkerstaaten sind zerfallen, die Monarchien wurden von Revolutionen weggefegt. So ging das Kaiserreich in Deutschland unter, die Habsburgermonarchie in Österreich-Ungarn, das zaristische Russland und das Osmanenreich. Im Nahen Osten und im Grenzbereich zu Russland sucht die Welt noch heute nach einer neuen Ordnung.
2025 sind es hundert Jahre her, seit die Katholiken den letzten Sonntag im Kirchenjahr als «Christkönigsfest» begehen. Die Einführung dieses Festes 1925 war eine Antwort auf die Erschütterung der Ordnung durch den Untergang der grossen europäischen Reiche, erinnerte aber auch an die 1600 Jahre seit dem Konzil von Nicäa (das dieses Jahr in 1700-Jahr-Feiern erinnert wird).
Gegen den Führerkult
Der Feiertag half aber auch dabei, den Weg in grossen Infragestellungen zu finden: «In der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus spielte die Christkönigsverehrung bei der katholischen Jugend eine grosse Rolle. Entgegen dem Führerkult der säkularen Gesellschaft in den 1930er-Jahren setzten junge Katholiken mit Prozessionen und Feiern ein Zeichen gegen die Ideologie des Nationalsozialismus.» (Wikipedia)
Totensonntag
Auch bei den Reformierten ist die Feier zum Ende des Kirchenjahres von der Geschichte beeinflusst. Der letzte Sonntag vor dem Advent heisst hier Toten- oder Ewigkeits-Sonntag. Die Reformierten erinnern sich an diesem Tag an die Verstorbenen, wie es die Katholiken an Allerseelen tun. Als König Friedrich Wilhelm III. von Preussen diesen Gedenktag 1816 einführte, geschah das auch zur Erinnerung an die Gefallenen der gegen Napoleon gerichteten Befreiungskriege.
Was in Frankreich als Revolution gegen die alte Vorherrschaft begonnen hatte und zur Intervention der europäischen Mächte führte, wurde unter Napoleon zu einer Besetzung und Neuordnung von ganz Europa. Es waren geopolitische Auseinandersetzungen, wie sie auch unsere Zeit in Ansätzen wieder kennt.
Der Sturm der Geschichte
So ist der Glaube heute wohl privatisiert, er hat sich zurückgezogen ins Gebet und in die private Frömmigkeit. Seine historische Gestalt, die Überlieferung, bewahrt in sich aber die Erinnerungen an grosse kollektive Herausforderungen. Vielleicht kann es auch heute helfen, sich diese Wurzeln bewusst zu machen. Denn grosse Herausforderungen von europäischer und globaler Dimension gibt es auch heute wieder. Die kollektive Feier, eine gemeinsame Erinnerung, entfaltet grosse Kraft, wie es heute in vielen Konfliktfeldern zu beobachten ist.
Lesen Sie zu diesem Thema das Streiflicht «Anfang und Ende»
Bild: La Liberté guidant le peuple, von Eugène Delacroix, Musée du Louvre Paris









