Der Heiden Heiland

Frühmorgens höre ich einen Bach-Choral: Nun komm, der Heiden Heiland. Das passt in die kommende Adventzeit, aber es widerspricht so vielem, was heute gängig ist. Gerade darum reizt es mich, dabei zu verweilen. «Heiden» – ist das nicht ein abwertender Ausdruck für ungetaufte Völker? «Heiland» – ein Erlöser wird da versprochen für alle Völker – ist das nicht der universelle Anspruch der christlichen Religion, der andere Kulturen und Religionen überfährt?

Die Welt hat den universellen Ehrgeiz verloren. Die UNO als wichtigste übernationale Institution schwächelt. Die Menschenrechte, die universelle Geltung beanspruchen, haben an Attraktivität verloren. Viele Staaten lehnen sie ab und anerkennen den internationalen Gerichtshof nicht, der sie auf der ganzen Welt durchsetzen soll. Sie folgen ihrer eigenen Kultur, nicht den «westlichen Werten», die als dekadent gelten. Eine politische Weltmacht, die ihre Werte auf dem ganzen Globus durchsetzen könnte, gibt es auch nicht mehr. Die USA, China und Russland konkurrenzieren um die Vormacht und lehnen Übergriffe auf ihre Souveränität im Namen universeller Rechte ab.

Die Herrschaft der Vernunft
Die Kritik geht bis in die geistigen Grundlagen eines Denkens, das universelle Geltung behauptet. Die Aufklärung sprach von einer universellen Vernunft und wollte so die Gegnerschaft von Herrschern und Beherrschten versöhnen. Wenn Normen postuliert und Gesetze erlassen werden, sollte ihr Geltungsanspruch vor dem Richtstuhl der Vernunft geprüft werden. Jeder Vernunftbegabte konnte sich davon überzeugen. Er war somit dem Recht nicht nur unterworfen, nicht nur «Untertan», sondern auch Gesetzgeber, «Souverän», der das Recht erlässt.

So hob der vernünftige Staat «die Herrschaft von Menschen über Menschen» auf. Das Recht hatte seine Herrschaft angetreten. (Der Überschuss an Verheissung in diesem Konzept zeigt den religiösen Einfluss. Die biblische Heilserwartung spricht von einem endzeitlichen Reich, wo Gott selbst oder sein Messias die Herrschaft ausübt. Der Rechtsstaat ist eine Annäherung an das biblische Konzept vom «Reich Gottes». Dass er faktisch oft hinter dem Ideal herhinkt, kann an seiner Entlegitimation mitwirken, weil das Versprechen, das er mit sich führt, einen idealen Überschuss enthält, der im biblischen Rechtsdenken erst in einer Endzeit eingelöst wird.)

Vernunft und Volksgeist
Die menschliche Vernunft, die eine neue Form von Zivilisation begründen sollte, wurde in den Gewaltorgien der Französischen Revolution diskreditiert. Das Konzept bekam auch Schlagseite durch Napoleon und seine Besetzung von halb Europa. Er berief sich für sein imperiales Ausgreifen auf universelle Werte. Faktisch waren es aber Interessen der französischen Nation, die auch seine positiven Reformen wie das Zivilrecht kontaminierten.

So ging die Abwehr Napoleons einher mit einer Kritik des Universalismus. Der Kant-Schüler Johann Gottfried Herder hat sie in seinen «Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit» vorgetragen. Nach Herder fällt die Geschichte nicht einfach mit einem Aufstieg grosser Reiche zusammen. Der Weltgeist sei zerteilt in die verschiedenen Kulturen, er mache sich als «Volksgeist» bemerkbar und bringe überall eigenständige Kulturen und politischen Gebilde hervor, die einen Eigenwert hätten. So wurde der Zentralismus Frankreichs und der Universalismus der Aufklärung in der deutschen Romantik durch ein Konzept der Vielheit bekämpft.

Entartung auf beiden Seiten
Aber so, wie der Universalismus entarten kann zu einer totalitären Ideologie (die «Schreckens-Herrschaft» der Revolutionszeit zeigte es ein erstes Mal), kann der Pluralismus entarten zu einem Relativismus. Als Grundlage für eine Kultur und ein politisches Leben ist er so ungeeignet wir sein totalitäres Gegenteil. Wenn die eine Position Werte absolut setzt, wird hier alles angezweifelt. Während dort kein Widerspruch geduldet wird, weil man sich im Besitz der Wahrheit glaubt, gibt es hier keine unwidersprochene Geltung mehr. Die Möglichkeit von wahren Aussagen wird überhaupt skeptizistisch bestritten.

Die Kritik an der Aufklärung und ihrem Universalismus ist auch heute lebendig. Er lebt in den verschiedenen Spielarten der «Identitätspolitik» weiter. Im Mittelpunkt der Debatten steht nicht die «Gesellschaft» oder das «System» wie noch vor 50 Jahren, sondern die Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen. «Um die Mitglieder einer solchen Gruppe zu identifizieren, werden kulturelle, ethnische, soziale oder sexuelle Merkmale verwendet.» (Wikipedia)

Flucht in die kleine Gruppe
Diese Hinwendung zu kleinen Gruppen findet sich auf der rechten und linken Seite des politischen Spektrums. «Für Francis Fukuyama fiel die Krise der Linken in den letzten Jahrzehnten mit ihrer Hinwendung zu Identitätspolitik und Multikulturalismus zusammen. Die Forderung nach Gleichheit sei für die Linke weiterhin kennzeichnend, doch ihr Programm legte nicht mehr wie einst den Nachdruck auf die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft, sondern auf die Wünsche eines ständig grösser werdenden Kreises ausgegrenzter Gruppen.»

Rückkehr zu den Stämmen
Diese geistigen Tendenzen decken sich mit der grossen Politik dieser Zeit. Es gibt keine globale Führungsmacht mehr. Das Geschehen dreht sich um mehrere Pole, die miteinander konkurrenzieren. Auch die Debatte auf nationaler Ebene wird herabgebrochen. Sie dreht sich um kleine Einheiten, um Gruppen mit gemeinsamer Identität. Es wirkt wie eine Selbst-Verzwergung, gepaart mit einem Skeptizismus, der bestreitet, dass überhaupt grosse Begriffe gebildet werden können. Man möchte von einer Retribalisierung sprechen: einem Verschwinden in den Kategorien von Stämmen und lokalen Zugehörigkeiten, über die gar nichts mehr ausgesagt werden kann, was über die Beschreibung hinausgeht.

Wie anders klingt der Adventschoral! Die Botschaft gilt jedem Menschen in allen Völkern. «Nun komm, der Heiden Heiland!» Das stammt aus der apokalyptischen Wurzel dieses Textes. Er handelt von einem kosmischen Geschehen. Hier geht es um Weltgeschichte.

Der Träger der Verheissung 
Wer ist denn der Träger der Verheissung? Ist es der Stamm, das Königreich, das Weltreich? Das sind die «Wachstumsringe» der Heilsverheissung, die in der Bibel heute noch abzulesen sind. Die Zusprache des Heils ist gewachsen mit der historischen Ausbreitung der Hörer. Und Gott war ein Berg- und Gewitter-Gott, ein Nationalgott, ein Schöpfergott.

Die Verkündigung von Advent überbietet alle diese Kategorien aus der Religionsgeschichte. Sie ist mit der Apokalyptik universell geworden und radikal, sie verortet Jesus Christus ontologisch, in den allerersten Kategorien, in denen von Welt, Seele und Gott gesprochen wird. Der Erlöser, dessen Kommen erwartet wird, war schon «am Anfang» an der Schöpfung beteiligt. Er spielte als Weisheit zu Füssen des Schöpfers (Weisheitschristologie, Sprüche 8,22ff). Er ist als erstes Wort aus dem Mund des Schöpfers gekommen, er ist Schöpfungsmittler und Erlösungsmittler (Logos-Christologie, Johannes 1). Er ist das Wort, der «Logos», der in die Wirklichkeit selbst eingeschrieben ist, die «Logik», die alles Sein umfasst.

Advent
Die alten Adventslieder speichern noch eine universelle Sicht auf die Welt und den Menschen, sie sind entstanden vor dem Rückzug in Gruppen und Teilmengen, die sich weltanschaulich als Identität begreifen. Es zeigt eine Weise, wie auch heute das Heil universell gedacht werden kann. Das nicht, um den modernen Empfindlichkeiten alte philosophische Konzepte aufs Auge zu drücken. Die moderne Krisenhaftigkeit, die sich im Rückzug aus grossen Begriffen zeigt, findet in der geistigen Lage jener Zeit eine Parallele und kann ähnliche Antworten anregen.

Das Adventslied (es geht auf das 4. Jh. zurück) spricht eine apokalyptische Sprache. In dieser Formulierung, in den allerersten Kategorien des Redens und Denkens, der Welt und des Menschen, der Geschichte und all dessen, was die Leidensmacht dieser Welt ausmacht, der die Hörer des neuen Evangeliums entfliehen wollen, ist es sinnlos, das von irgendwelchen Positionen aus kritisieren zu wollen, die einem weniger fundamentalen Seinsbereich angehören: der blossen Geschichte, dem blossen Recht, der blossen Macht in diesem Diesseits, denn über dem Diesseits erscheint der Himmel, macht die Offenbarung etwas sichtbar, was die zufällige Existenz in Zeit und Raum übersteigt.

Es ist wie der Blick in einen Himmlischen Thronsaal, wo die Kategorien von Recht und Gerechtigkeit blinken wie Edelsteine, das Erbarmen wie Silber und die Liebe wie Gold. Was der Seher Johannes in seiner Apokalypse beschreibt, das ist die höhere Welt jener Fundamente, wo die Welt aufliegt, der Ströme, die das Wasser des Lebens geben, des Lichtes, das den Menschen erleuchtet. Es ist ein philosophisch geschulter Blick in die Geisteswelt des Glaubens. Es ist eine Weise, in der Krise des spätrömischen Reiches etwas vor Augen zu halten, was Heil und Recht und Erbarmen und Gerechtigkeit zeigt, ein Zuspruch des Heils in aller Not.

Heute wie damals?
Das ist auch gesucht in der heutigen Zeit, in der Menschen sich gleichermassen bedroht fühlen, wie damals, als das Evangelium vom kommenden Gott ein erstes Mal erging. Verschiedene Wirkmächte reichen sich heute die Hand in dem gemeinsamen Werk der Zerstörung: das Vordringen disruptiver Technologien, der Zerfall der alten sozio-ökonomischen Grossgruppen, die parlamentarische Mehrheiten möglich machten, und politische Versuche, die alte Ordnung festzuhalten oder wiederherzustellen, sei es in der Gesellschaft, wo alte Besitzansprüche verloren gehen, sie es in der internationalen Politik, wo der geopolitische Einfluss neu verteilt wird.

Leben
Eine gleichermassen verunsicherte Welt ist wieder offen für eine Sprache, die die Wirklichkeit radikal denkt, die die Menschheitsgeschichte nicht ausblendet und vom Kosmos zu reden weiss. In den Kategorien heutiger Debatten ist alles «bloss historisch», wovon die Bibel erzählt. So verblasst das «Reich Gottes» zu einer «Idee» und aus dem erwarteten Christus wird ein Wanderprediger. Das ist keine Antwort auf die Fragen der Zeit.

Auch wenn das Interesse sich auf die eigene Gruppe, Hautfarbe, Geschlechts-Identität zurückzieht, die grossen Probleme bleiben und suchen Antwort: Klima-Kollaps, Artensterben, neue geopolitische Aufteilung des Globus, Flüchtlingselend untere Millionen von Vertriebenen. In der kosmischen Umschreibung Gottes ist Antwort, auch für das Lebensinteresse der kommenden Generationen.

Wie sollte von Gott gesprochen werden ohne Einbezug der Sorge um die Kinder, der Freude am Leben, ohne Einbezug jener Grösse, die Leben schafft und Zukunft schenkt? Der Advent erzählt vom Kommen Gottes in die Nacht, es ist der Gott, der alles geschaffen hat und Antwort weiss. Es ist der Gott, der am Anfang sagte «Es werde!» und der am Schluss sagt «Siehe, es ist alles gut».

 

Bild Ikone Pantokrator 13. Jh.

Das Fukuyama-Zitat findet sich in: Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernd Rullkötter, Hoffmann und Campe, Hamburg 2019, ISBN 978-3-455-00528-8, S. 139. – Zitiert nach dem Artikel Identitätspolitik in Wikipedia

«Nun komm, der Heiden Heiland» ist ein Adventslied Martin Luthers (1483–1546), das auf den altkirchlichen Hymnus Veni redemptor gentium des Ambrosius von Mailand (339–397) zurückgeht. Ambrosius betont mit zahlreichen Psalm-Zitaten die gott-menschliche Doppelnatur des Erlösers. Das 4. Jh. war eine Zeit intensiver christologischer Auseinandersetzungen.