Zoll und Wegelagerei

Präsident Trump hat neue Zollbriefe verschickt. Die EU wird mit 15% und die Schweiz mit 39 % belastet. Ein Geschenk, rechtzeitig zum Nationalfeiertag. Bei mir setzt es Erinnerungen in Gang an das ausgehende Mittelalter, als der niedere Adel durch die aufkommende Geldwirtschaft und das Söldnerwesen seine Funktion verlor und sich als Wegelagerer versuchte. Sie erhöhten willkürlich die Zölle, von denen sie einen Teil als Einnehmer für sich behalten konnten.

Ritter und Burgfräulein
Von ihren Burgen aus machten sie Raubzüge ins Umland, bis die Bauern die Geduld verloren und diese Raubnester ausräucherten. Das geschah im 14. Jh., als auch die Handwerker in den Städten die Vormacht des Adels und der Stadtherren brachen, so dass das 14. Jh. als eine Zeit demokratischer Umgestaltungen in Erinnerung bleibt.

Aus dieser Zeit stammen die Burgruinen, die zahlreich in der Schweizer Landschaft stehen. Sie wecken Vorstellungen von Rittern und Burgfräulein, die man aus Disney-Filmen kennt. Dass so viele dieser Burgen nur als Ruinen überlebten, liegt nicht nur am Zahn der Zeit, sondern an den Untertanen, die genug hatten von einem Adel, der zu Raubrittertum degeneriert war. Sie brachen ihre Wehranlagen auf und legten die Burgen in Schutt und Asche.

Vom Zoll zum Raub
Das Recht, Zölle zu erheben, lag ursprünglich in der Hand des Königtums. Es wurde aber bald als Lehen an die Landesherren vergeben. «Die Strassenzölle fanden ihre Begründung in der Verpflichtung der Zollherren, für den Unterhalt der Wege und Brücken sowie für den Schutz vor Wegelagerern zu sorgen. Beim Erheben des Wegzolls gab es aber keine bindenden Vorschriften, die beauftragten Ministerialen (Beamten) entschieden oft selbständig über die Höhe der Zölle und des von ihnen einbehaltenen Entgelts, wodurch Willkür herrschte. Der Übergang vom Zoll zum Raub war daher gleitend.» (Aus Wikipedia, Artikel «Raubritter»)

Vom Adel zur Wegelagerei
Im 14. Jh. verschlechterte sich die wirtschaftliche Grundlage des niederen Adels, als bezahlte Söldnerheere aufkamen und der auf gegenseitige Treue basierende Vasallendienst seine Bedeutung verlor. Der Feudalismus wurde von der Geldwirtschaft abgelöst. Der Abstieg des Adels ging einher mit einem Aufschwung des Handels und steigendem Wohlstand der Städte.

«Burgen, von denen aus man – erforderlichenfalls durch Gewalt – Zölle erhob, die von den Städten für unrechtmässig gehalten wurden, galten als Raubhäuser. Da die Wegnahme von Kaufmannsgut aufgrund unberechtigter oder zumindest umstrittener Zollschranken als Verletzung des Landfriedens galt, kam es häufig zu Strafmassnahmen. Die Raubhäuser der Landadligen wurden dann strafweise belagert und oft gebrochen.»

Ein Aufsteiger aus dem Spätmittelalter
Die Zeit des Niedergangs war auch eine Zeit des Aufstiegs, an dem viele teilhaben wollten. Eine spätmittelalterliche Novelle («Meier Helmbrecht» aus dem 13. Jh.) erzählt von einem Bauernsohn, den es nicht mehr auf der Scholle hält. Er schliesst sich Spiessgesellen aus dem niederen Adel an und zieht raubend und mordend durch das Land. Wie die Abkömmlinge vom Adel, die ihre Funktion verloren haben und sich als Raubritter und Wegelagerer versuchen, möchte er zu schnellem Reichtum kommen. Bis die Bauern genug davon haben und dem ein Ende machen.

So steht schon am Anfang der Neuzeit die Erfahrung, wie Zoll in Wegelagerei entarten kann und wie Kaufleute und Bauern sich dagegen wehren.

 

Foto von Jean-Paul Wettstein, Pexels

Verwendetes Material:

  • Wernher der Gärtner, Meier Helmbrecht. «Versnovelle aus der Zeit des niedergehenden Rittertums in neuem Reime dargeboten von Johannes Ninck, Winterthur 1929, Philipp Reclam Jun, Stuttgart 1969.» Zitat: Verse 1728 – 1732
  • Stichwort Raubritter, Wikipedia