Sollte das Wasser nicht aufwärts fliessen?
Die Welt scheint ein unsicherer Ort geworden zu sein. Nachrichten berichten von der Bedrückung, die selbst die Kinder heute heimsucht. Sollte ausgerechnet die Passion hier helfen: dass man in der Betrachtung Trost findet, dass man stille steht und das Leid vor Gott bringt?
Die Rettung soll herabregnen!
Aus einer Zeit grosser Not stammt das Kirchenlied: Tauet ihr Himmel den Gerechten. Wenn Hoffnung sich aus Geschichte zurückzieht, wenn diese nicht mehr transparent ist auf Gerechtigkeit hin, kann sie sich an Gott richten, dass er als Schöpfer eingreife. Er soll den gerechten Richter schicken wie den Tau am Morgen, wie den Regen, der Linderung bringt, wie die Sonne, die neues Leben schafft. Es sind verzweifelte Töne, und dennoch voller Hoffnung, weil sie sich an Gott richten.
Daran wurde ich erinnert, als ich kürzlich beim Wandern in eine alte, mittelalterliche Kirche trat. Eine alte Inschrift stand schwarz an der Wand. Gott wird da aufgerufen, einzugreifen. Nicht mit dem Tau wollen sie den Retter kommen sehen, aber sie erinnern sich an ein Erlebnis: bei starken Stürmen kann es geschehen, dass der Druck des Sturms dem Gewicht des Wassers entgegenwirkt und das Wasser aufwärts fliesst.
Das Wasser soll aufwärts fliessen!
In ihrer Not, wo nichts zu helfen scheint, erinnern sich diese Menschen an dieses Ereignis und sie bitten Gott, er solle doch das Wasser aufwärts fliessen lassen und den Menschen beistehen, die auf ihn hoffen.
«Wüssend, dies Läben ein Ellend sin, nit ein Säligkeit:
Herr, kehr um unsere Gefängnuss wie die Bäch im Föhnen.»
Der Text ist kurz, weiss man’s doch, dass das Leben keine Seligkeit ist. Eine Bitte nur, eine Zeile des Gebets: Kehr um den Lauf der Welt, so wie du die Bäche im Föhnsturm aufwärts fliessen lässt! Dir ist nichts unmöglich. Kehr es um!
Das Wasser in der Wüste
Es erinnert an das Wasser in der Wüste, das Gott zurückbringt und das zu einem Bild für seine Schöpferkraft wird, die auch in der Geschichte wirkt:
„Wenn der Herr wendet unser Geschick, da sind wie Träumende.
Da ist unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Jubels.
Da spricht man unter den Völkern: Der Herr hat Grosses an ihnen getan!
Ja, der Herr hat Grosses an uns getan. Darum sind wir fröhlich.
Wende, Herr, unser Geschick, versiegten Bächen im Südland gleich.
Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.
Weinend geht hin, der den Saatbeutel trägt,
doch mit Jubel kommt heim, der seine Garben trägt.“ (Psalm 126)
So kann die alte Kirche heute noch Trost spenden. In dieser alten Inschrift ist der Glaube der Menschen spürbar über die Jahrhunderte hinweg.
Bild: Inschrift in der alten Kirche Greifensee, Kanton Zürich: «Wüssend, dies Läben ein Ellend sin, nit ein Säligkeit: / Herr, kehr um unsere Gefängnuss wie die Bäch im Föhnen.» («Wir bitten Dich, da unser Leben doch ein Elend ist und keine Seligkeit: / Kehr um unsere Gefängnisse wie die Bäche, die Du im Föhnsturm aufwärts fliessen lässt!») Die Kirche Greifensee stammt aus dem 14. Jh., die Inschrift vielleicht aus dem 17. Jh.
Zum Palmsonntag, der die Hoffnung von Advent einlöst.









