Dorfpolitik und Weltpolitik

Mittagsnachrichten. Weltweit sind die Börsen in Talfahrt. Es ist eine Erschütterung zu spüren. Da ist Trump mit seinen Zöllen, sein Zurückschneiden des Staates, seine Freude an Provokationen, seine Verstösse gegen Gesetz und Verfassung, was seinem Inaugurationseid Hohn spricht, wonach er die Verfassung «achten und schützen» wolle.

Da ist China, das er ins Visier nimmt, als ob ein Aufstieg auf der internationalen Bühne ein Kriegsgrund wäre. Da ist Grönland, das sich wiederfindet als Spielball auf der Wiese geopolitischer Spiele, als ob Kinder die Bausteine der Weltpolitik durcheinanderwürfen. Andere Klötzchen liegen neben dem Spielfeld schon bereit, Panama wird an Bedeutung zunehmen, wenn sich das Interesse nach Asien verlagert. Europa wird strategisch uninteressant – eine Gelegenheit, die Angeber mal fühlen zu lassen, wie sie sich früher gegenüber andern aufgeführt haben.

Nach dem Goldrausch
Die Wirtschaft ist auf schwankendem Boden. Die Verlagerung der Produktion nach Fernost nutzte die tieferen Herstellungskosten. Aber dass das nicht nur Preise und Zahlen sind, das erleben wird jetzt. In den alten Herstellungsländern kam es zu einer Deindustrialisierung und das führte zu sozialen Verwerfungen, die erst jetzt so richtig fühlbar werden, wenn ganze soziale Milieus wegbrechen, die bisher die Grundlage für staatstragende politische Parteien waren. Und nicht nur im Parlament fehlen sie – ihren Platz haben neue ideologische Rechtsparteien eingenommen, von denen man noch nicht weiss, ob sie den Staat nicht im Trump-Stil an den Rand fahren werden – sie fehlen auch in der Landschaft. Wenn man hinausfährt in die Natur, wenn man durch Dörfer kommt und Städte, ausserhalb der grossen Zentren, so ist da wie ein Loch, ein gezogener Zahn. Und eine zahnlose soziale Gemeinschaft grinst einen an. Hotels zu, Restaurants geschlossen, Geschäfte weggezogen, Schaufenster abgedeckt, Zivilisationswüsten wie die alten Goldgräberstädte in Alaska, nachdem der Goldrausch verklungen war.

Die Globalisierung, lernen wir jetzt, ist kein anonymer Prozess von Wachsen und Schrumpfen, als ob das nur in Zahlenreihen existierte und auf Graphiken, die dem Güterström über den Globus folgen. Globalisierung hat ein Gesicht, es ist das Gesicht von dichtgebauten Städten, wo alles von einem hohen Rhythmus vorangepeitscht wird, und von abgehängten Städten, die von ihren Schulden eingeholt werden und nicht wissen, wie sie Strassen, Schulen, Spitäler noch sanieren sollen. Im Fernsehen haben sie kürzlich eine solche Stadt gezeigt.

„Ick bün all hier“
«Globalisierung» heisst vielleicht zuerst nur, dass es keine versteckten Ecken mehr gibt, keine verborgenen Täler, unbekannten Hügel, wo noch ein Leben geführt werden könnte, wie es früher war, in einem menschlichen Rhythmus, noch einigermassen vertraut und verbunden mit den hergebrachten Traditionen. Da ist der Immobilienanleger überall schon durch, die Grundstücke sind gesichert. Die letzten Fabrikliegenschaften und noch nicht renovierten Altbauten sind vorgemerkt. Bald beginnt der Umbau für eine Mieterschaft der Zukunft, die offenbar immer mehr Geld aufzubringen vermag – oder als Geldanlage für das Portefeuille reicher Anleger, oder für unsere Pensionskassen, die unser Geld anlegen müssen, und sei es im Konflikt mit unseren eigenen Interessen. Wir rennen wie der Hase im Märchen, aber wenn wir ausgepumpt ankommen, ist da immer schon der Igel und der sagt: „Ick bün all hier.“

Trump neu gesehen
So archaisch ist es gar nicht, was Trump tut. Er folgt den Parolen der Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, er will die Industrie zurück und die Möglichkeit, im eigenen Land Dinge herstellen zu können. Er misstraut den langen Lieferketten, was schon die Covid-Pandemie gelehrt hat. Er wirft wohl mit allen Versatzstücken der alten Welt herum, mit denen man bisher die wirtschaftliche und politische Existenz gebaut hat, aber es hat seine Vorgeschichte. Es ist eine unregulierte Globalisierung, deren «Zwang» man folgte und der in nichts anderem bestand als in billigeren Preisen. Jetzt zeigen sich die Kosten im sozialen und politischen Zusammenleben. Jetzt sollte man neben Preisen auch Werte kennen und wissen, wie man eine Wirtschaft baut, die verträglich ist mit den Lebensbedürfnissen von Menschen.

Gerade eben hat die Wirtschaft versucht, ökologisch verträglich zu werden und den Klimawandel mit wirtschaftlichen Mechanismen zu bekämpfen. Es war viel heisse Luft dabei, Trittbrettfahrer haben sich bereichert und die Parteien, die sich das auf die Fahne schrieben, sind abgewählt und machen den Platz für andere frei.

Wenn wir eine grüne Wirtschaft wollen, müssen wir es noch einmal versuchen. Wenn wir die sozialen Wüstungen vermeiden wollen, die da und dort ins Weichbild unserer Städte und Länder eingezogen sind, müssen wir die Wirtschaft wohl wieder in Gang bringen, aber vielleicht nicht, indem wir alle Lasten «outsourcen» und auf der Spitze der Pyramide Platz nehmen, wo sich all der Nutzen ansammelt und keine Kosten. Das ist kein Platz, auf dem man lange sitzen kann.

Dorfpolitiker
Ich habe über diesen Beitrag das Bild von Wilhelm Leibl gestellt. Heute ist jeder ein «Dorfpolitiker», wie er sie im Jahr 1879 darstellt. Das Dorf ist heute eine Welt geworden und den Fachmann, der überall aus erster Hand berichten kann, gibt es nicht. So ist es etwas lächerlich, wie sie über etwas reden, was sie nicht verstehen. Aber es betrifft sie eben doch. Sie müssen sich eine Meinung bilden. Es kommt drauf an bei den nächsten Wahlen!

 

Bild: Dorfpolitiker von Wilhelm Leibl, 1877, Stiftung Oskar Reinhardt, Winterthur, Foto pw