Es geht aufwärts
Bevor die Temperaturen wieder in die Höhe klettern, fahre ich frühmorgens oft mit dem Fahrrad hinaus. Direkt vor unserer Agglo-Gemeinde gibt es noch einen grünen Streifen, wo ein Hof Getreide, Sonnenblumen, Mais und Raps anbaut. Auch Reitpferde sind immer wieder zu sehen. Der Grünstreifen verdankt sich der Einflugschneise des Flughafens und der Panzerpiste des Militärübungsplatzes, das hat das Land vor Überbauung bewahrt.
Ich vergesse das immer wieder und schwelge in den Eindrücken: am Waldrand entlang, im Schatten der Bäume, neben einem Getreidefeld dahinfahren… Weiter vorn sehe ich eine Frau im Getreidefeld stehen, sie jätet von Hand. Sie entfernt offenbar jene langen grünen Stängel einer mir unbekannten Pflanze, die mir schon gestern aufgefallen ist. Jäten, von Hand! Bilder einer vergangenen Landwirtschaft fallen mir ein und mir wird mit einem Male bewusst: Mit der Landwirtschaft ist es wie mit der Kirche. Es ist eine vergangene Kultur und es hängt zusammen.
Landflucht
Kirche, Religion und Christentum sind in der städtischen Kultur so vergessen wie die alte, bäuerlich geprägte Landwirtschaft, der meine Grosseltern noch angehörten. Ich habe sie nie kennengelernt, weil meine Eltern vom Land in die Stadt zogen, Berufe erlernten, ein Geschäft zum Laufen brachte, was ihre ganze Zeit in Anspruch nahm. Wie fern liegt das! Ich kann niemanden dafür kritisieren, die Landflucht-Generation, die das Alte abgestreift hat – dazu gehöre ich selber, wenn ich es mir auch nicht ausgesucht habe. Es war die «Geschichte», die da ihre Finger im Spiel hatte.
Sie hat die bäuerliche Landwirtschaft dezimiert, so dass ihr heute nur noch wenige Prozent der Erwerbsbevölkerung angehören. Sie hat die Grossfamilien aufgelöst, so dass die zwölf, dreizehn Kinder meiner Grosseltern sich anhören wie Berichte aus dem «globalen Süden». Schon lange sind die Wohnungen in unseren Städten von einer einzigen Person bewohnt. Trotzdem tauchen jeden Sommer von Neuem Berichte in den Medien auf und man wundert sich, dass die Menschen „einsam“ seien und Professoren werden dazu befragt. Wir waren noch zu fünft in der Familie und meine Eltern zu zwölft. Alle wohnten zusammen und alle halfen im Betrieb mit.
Alte Nistplätze
Mit der Religion ist es wie mit der bäuerlichen Landwirtschaft, es ist vergangenes Kulturgut. Wer kann sich denn noch an eine Siedlungsweise erinnern, wo Menschen zwischen grünen Hügeln in Dörfern zusammenwohnten und in jedem Dort erhob sich ein Kirchturm, so dass man bei der Ernte von einem Dorf zum andern schauen konnte? Sichel, Pflug und Egge – die Gerätschaften der alten Landwirtschaft sind den Bewohnern der Agglomerationen so unbekannt wie die Handlungen der alten Religion mit Beten, Segnen, Danken.
Dieser Hof, an dem ich entlangfahre, diese Felder, an denen ich mich freue, sie sind eine Nische, ausgespart von der modernen Wirtschaft, weil die Armee hier eine Panzerpiste unterhält, weil die Flugzeuge hier zur Landung ansetzen und das Bauen hier verboten ist. So hat auch die Religion noch alte Nistplätze. Aber ich will das Alte nicht glorifizieren, das wäre kitschig. Und ich will das Neue nicht schlecht machen, das sich unter meiner Nase schon lange breitmacht.
Das Neue hat schon begonnen
Da sind junge Leute, die aufbrechen, wie wir damals. Auch heute gibt es Aufgaben und Herausforderungen, und nicht zu knapp. Da wird auch die Hilfe der Religion wieder entdeckt werden, wenn es nicht schon lange geschieht, an Orten, von denen ich keine Ahnung habe, von Menschen, denen ich wohl nie begegnen werde. Aber ich wünsche ihnen alles Gute und den Segen von jenem Gott, den man früher um Regen gebeten hat, dem man für die gute Ernte dankte, den man anrief, wenn der Kriegslärm näher rückte.
Es ist nicht viel anders, früher wie heute. Da wird man auch das Gebet wieder entdecken, auch wenn der Kirchturm im alten dörflichen Siedlungskern nicht mehr zu sehen ist hinter den Hochbauten, auch wenn das Läuten wegen Lärmklagen verboten ist, auch wenn die Kirchgebäude wegen fehlender Besucher geräumt und verkauft worden sind.
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Foto von Mark Stebnicki, Pexels









