Was ist das für eine Zeit?
Was ist das für eine Zeit, wenn man bei den Nachrichten aus vielen Ländern nicht an Politik denkt, sondern an Verbrechen? – Dieser Satz erregt Anstoss, aber er beruhigt auch, er nimmt die Empörung auf, das Unverständnis über so viel Grausamkeit, die gegenüber tausenden und zehntausenden von Menschen begangen wird.
Aber, ist der Satz gesagt, muss man gleich hinzufügen: Wo stehe ich? Wo steht der Staat, dem ich angehöre? Es ist nicht so, dass gute Politik und Verbrechen sich einfach gegenüberstünden, hier der gute Staat, dort die Verbrecher.
Unerträglich
Und es gibt viel von Schlaumeierei, von halbseidenen Geschäften, von Absprachen in Hinterzimmern, auch von Kriegsgewinnen, absichtlich oder unabsichtlich, ja, auch von Grausamkeit im Tun und Nicht-tun. Hunderttausende bluten, hungern, dürsten, werden von einem Ort zum andern vertrieben und wieder zurück. Sie sind zu viel, man will das Land, auf dem sie leben, die Bodenschätze im Untergrund, das Wasser aus ihren Flüssen und Quellen. Und selbst, wenn man nichts davon will, gibt es doch strategische Interessen, die es angezeigt sein lassen, sich dieses Land anzueignen. Denn man ist der «eigenen Bevölkerung» gegenüber verantwortlich. Und es gibt Sachzwänge, die jeder begreift, der ein bisschen militärisch denken kann.
Verstecke Kriegführung
Die Siedler im Westjordanland werden von der Regierung unterstützt. Sie eignen sich fremdes Land an, vernichten Ernten, zerstören Häuser. Sie erinnern an die Freibeuter des 17. Jh., die mit Erlaubnis und Unterstützung ihrer Regierungen wie Piraten fremde Schiffe angriffen, um Beute zu machen, Konkurrenten zu schwächen, um die Vormacht auf den Weltmeeren herauszufordern und zu erobern. Eine Form von versteckter, nicht deklarierter Kriegführung.
Gibt es ein «Pfui» für Staaten?
Aber sollten Recht und Moral auch auf Staaten anwendbar sein? Sie definieren mit ihren Gesetzen doch, was «Recht» ist! Die Geschichte hat Antwort gegeben im Menschenrechtkatalog der UNO, in dem Versuch der Staatengemeinschaft, sich ein «Völkerrecht» zu geben. Selbst der Krieg soll in einem «Kriegsrecht» gebändigt werden.
Das biblische Israel hat sich dem Recht unterstellt, auch als Volk, auch in Fragen von Krieg und Frieden. Siege wurden wohl als Bestätigung empfunden. Aber Niederlagen und Katastrophen wurden als Folge von Verfehlungen angesehen. Auch die ganz grosse Katastrophe, der Untergang des Nordreiches Israel und des Südreiches Juda, wurde in den Königsbüchern und bei den Propheten als Strafe Gottes verarbeitet. Das Volk übernahm die Schuld.
Kein militärischer Weg
Darauf folgte wohl eine neue Segenszusage für eine letzte, eschatologische Zeit, wenn Gott einen Herrscher aus dem Geschlecht Davids senden oder selber eine ewige Herrschaft aufrichten werde. Doch dieses Reich wurde nicht militärisch errungen, sondern von Gott als Beginn einer ewigen Heilszeit heraufgeführt.
Dass in dieser Welt kein endgültiger Friede zu finden sei, wurde in einer Beispielgeschichte erzählt. Ausgerechnet David, der Reichseiniger und das Vorbild für den erwarteten endzeitlichen Messias, begeht eine Sünde, die das Scheitern des Menschen vor diesen höchsten Zielen offenbart. Er hat die Frau seines Nachbarn verführt und diesen an die Front geschickt, damit er dort umkomme. Darauf sucht ihn der Prophet Nathan auf. Er nimmt die Herrschafts-Zusage für das Geschlecht David zwar nicht zurück, doch der Friede bleibt unerreichbar, denn «das Schwert wird nicht von seinem Hause lassen». (2. Samuelbuch Kapitel 12, Vers 10).
Recht
Recht ist nicht parteilich. Gott kann nicht vereinnahmt werden. Er verlangt Rechenschaft, auch von der eigenen Partei. Er schützt auch den Fremdling und den Schwachen. So lauten einige wichtige Aussagen des ersten Testamentes.
Damit steht Recht über Erfolg und Nützlichkeit. Das Recht kann sich auch gegen einen selbst richten. Gott lässt sich nicht vereinnahmen. Und «das Gelobte Land», das Land des Friedens, wird nicht durch das Schwert erkämpft, sondern durch das Recht. Und selbst das Recht bringt es nicht, wenn Gott es nicht fügt. Denn welchem Menschen, welchem Staat, könnte das gelingen: gerecht zu sein? Wenn sogar David schuldig wurde – wer kann dann überhaupt gerecht sein? „Wenn Du die Schuld anrechnest, Herr, wer kann bestehen?“ So fragt ein Beter in einem Psalm (PS 130,3).
Politik ohne Massstab?
«Was ist das für eine Zeit, wenn man bei den Nachrichten aus vielen Ländern nicht an Politik denkt, sondern an Verbrechen?» So empfand ich es heute beim Zeitungslesen. Ich bin froh, dass die Zeugnisse der Nationen daran festhalten: dass sie nicht auch noch das Recht umkippen und den Zynismus zur letzten Weltanschauung erklären.
Foto von CP Khanal, Pexels









