Verkehrte Welt

Der Aufstieg Chinas und der Kampf um weltweite Vorherrschaft bringt viele Vorstellungen ins Wanken und lässt neue Bilder aufsteigen von einer Welt, wie sie auch sein könnte. Es beginnt bei der Vorstellung, was ein Staat sei und wie er eingerichtet werden müsse, und endet bei einer neuen Aufteilung der Welt. Auch der Weltbürger sieht sich in neuer Rolle.

Der Lorbeerkranz
Schon vor seiner Einsetzung ins Amt hat Donald Trump viel Besuch erhalten. Die Zeitung berichtete heute von einem Besuch von Giorgia Meloni, der italienischen Regierungschefin. Noch während des Fluges habe der Vertreter der Plattform X in Italien ein KI-generiertes Bild publiziert, das Meloni, Trump und Elon Musk in antikisierenden Kostümen zeige. «Trump trägt einen Lorbeerkranz.» Der Lorbeerkranz erinnert an den antiken Cäsar, an Kaiser und Imperator – an das Stadium der Geschichte, als die römische Republik in ein Imperium überging.

Daran wird man auch erinnert durch die Äusserungen des noch nicht ins Amt eingesetzten Präsidenten: wie er die Kontrolle über Grönland und den Panamakanal verlangt. «Der Panamakanal sei einst «mit enormen Kosten für die USA» gebaut und dann »törichterweise weggegeben» worden. Zeit also, sich das zurückzuholen, was den USA ohnehin zustehe, findet er.» Auf Twitter schrieb er ausserdem, die USA seien davon überzeugt, «dass der Besitz und die Kontrolle über Grönland von grösster Bedeutung» seien.

Es ist transparent, dass er damit das geopolitische Vordringen von China mit seinem Seidenstrassenprojekt anvisiert, der Ton aber ist der von Imperien, während man vor nicht allzu langer Zeit noch glaubte, dass die internationale Politik dem Völkerrecht gehorche.

Die Mehrheit
Dau passt ein Zeitungs-Bericht vom selben Tag: Der österreichische Bundespräsident empfängt Herbert Kickl in der Hofburg. Neben einer Europaflagge und unter dem Bild von Maria Theresia bittet er ihn ins Innere. Die als rechtsextrem geltende FPÖ hat zwar in den Nationalrats-Wahlen vom September nur 29 Prozent der Stimmen erhalten. Da die übrigen Parteien diese Sitzzahl im Fall einer Koalition zwar übertrafen, sich aber nicht auf eine gemeinsame Politik verständigen konnten, vertritt Kickl jetzt die «Mehrheit» und muss mit der Regierungsbildung betraut werden.

In der Residenz
Während die europäische Politik der ehemaligen Grossmächte immer noch in der imperialen Architektur der grossen Vergangenheit spielt (so zieht Kickl unter dem Blick von Kaiserin Maria Theresia in die Hofburg ein, in die Residenz der Habsburger in Wien), findet die Weltpolitik der USA zu einer imperialen Sprache, nachdem diese lange als Republik unter Republiken auftrat.

Dass die USA zu einem Imperium werden musste, ist wohl in der Geographie schon angelegt. Ein Staat, der einen ganzen Kontinent abdeckt, der von Küste zu Küste reicht, muss im Zeitalter der Hochseeschifffahrt auch die gegenüberliegenden Küsten im Auge haben, um sicher zu sein. Der Atlantik und der Pazifik werden tendenziell zu Binnenmeeren. Schon die Geographie zwingt den USA eine Weltmachtrolle auf.

Regieren mit Allgegenwart
Diesen Zwang zum Imperium gab es schon früher, aber jetzt ist es verwaltungstechnisch in ganz anderer Dimension machbar. Die elektronischen Kommunikationsmedien erlauben eine unmittelbare Präsenz, die an die göttliche Allgegenwärtigkeit erinnert. (Auch wenn es nur eine technische Analogie ist, ohne die göttlichen Eigenschaften von Wahrheit, Recht und Barmherzigkeit unter einem allweisen Herrscher.) Die Herrschaft lässt sich in Echtzeit ausüben, kaum wird ein Gesetz erlassen, ja sogar vorher: sogar Gedanken, Ideen, noch bevor sie zu einem Gesetz werden, sind auf der ganzen Welt wirksam. So regiert Donald Trump bereits vor seiner Inauguration. Darum ist Elon Musk Teilhaber dieser Macht geworden, die nicht erst über Institutionen funktioniert, sondern schon über Andeutungen und Gedankenspiele.

Zivilgesellschaft
Schwebt der Lorbeerkranz jetzt unabwendbar über der staatlichen Zukunft der Welt? Müssen die heutigen Republiken jetzt einen Herrschaftswandel befürchte wie damals an der Wende der römischen Geschichte, als Cäsar sich zum Imperator aufwarf und den Senat entmachtete? Aus einer Republik war ein Imperium geworden, innenpolitisch eine Diktatur.

Die elektronischen Medien erlauben eine Präsenz in Imitation der göttlichen Allgegenwart, aber das muss nicht zwangsläufig einer Diktatur zudienen, das kann auch von einer Demokratie genutzt werden. Der kritische Punkt wird wohl sein, ob es gelingt, eine gebildete und informierte Zivilgesellschaft aufrecht zu erhalten.

Verkehrte Welt
Trump verlangt die Kontrolle über Grönland und den Panamakanal, so möchte er dem Anspruch Chinas entgegentreten. Das wirkt wie ein imperialer Anspruch und bringt Europa in eine ungewohnte Rolle – als Kolonie eines fremden Imperiums. Die ehemaligen europäischen Kolonialmächte, die in verschiedenen Verträgen die Herrschaft über die Welt unter sich aufgeteilt hatten, sehen sich jetzt selbst als mögliche Kolonien.

Über Neujahr ass man in Zürich die traditionellen «Honig-Tirggel». Um sie herzustellen, presst man den Teig in Holz-Model, die aus alter und ältester Zeit stammen. Die Tradition ist seit dem 15. Jh. belegt. Ein Bild zeigt eine «verkehrte Welt», wo ein Fisch einen Fischer aus dem Wasser angelt und ein Hase mit einem Gewehr auf einen Jäger schiesst. Solche Entwicklungen, die das oberste zu unterst kehrten, kannte man schon früher. Wenn man in den Tirggel beisst, erinnert man sich gar nicht mehr an die Kämpfe, die das kostete.

 

Die Zitate zu Grönland und dem Panamakanal aus «Zürcher Unterländer», 24.12.24

Zum Bild, vgl. Verkehrte Welt: Hasen fangen und braten den Jäger, https://archivalia.hypotheses.org/114945