Lass mich durchschlupfen!

Ich will das Foto löschen. Es ist ein «schlechtes Bild». So gefalle ich mir nicht. Aber es ist ein Bild von mir. Man kann mich so sehen. Ich kann mich so sehen, wenn ich mich getraue.

Das Bild zeugt gegen mich. Da ist nichts von «Fortschritt» oder Stufe oder Kultur oder was weiss ich. Es ist ein bitterer Zug um den Mund und in den Augen – ja das ist Trauer. Der auf dem Bild – das ist kein Mensch auf der Höhe seines Daseins, der hinkt sich selber noch nach. Der denkt anders, redet anders als er empfindet, das beweist dieses Foto. Wie hängen die Mundwinkel herab!

Weiss er etwas von seiner Bitterkeit? Gefragt, würde er sagen, das sei ein Zeichen verfehlter Versöhnung, von Resignation, von Zügeln, die losgelassen werden, von einem Leben, das im Rinnstein läuft statt auf der Strasse. Das sei das Bild von einem, der seinen Weg verloren hat.

Weiss er etwas von seiner Trauer? Die Augen sind für einmal nicht schwarz – so sehen sie aus, seit ich immer wieder Spritzen bekomme. Die Augen sind nicht schwarz, sie sind zu sehen. Und sie sehen traurig aus. Sie bilden zusammen mit dem Mund einen Gesichtsausdruck, und der ist traurig.

«Gemischt». Das Wort fällt mir ein. Wir sind alle «gemischt», ich, meine Freunde und die ich für meine Gegner halte. Da ist ein Anteil an Liebenswertem, da ist ein Anteil an Widerlichem und Unnützem. Es gibt uns nicht in reinen Sorten, es gibt uns nur «gemischt», als Durcheinander von guten Absichten und schlechten Taten, von dunkeln Gefühlen und dann doch hilfreichen Wegen.

Kann ich mich so akzeptieren? Ich bin nicht der Held meines Lebens. Ich bin kein Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Mir macht der Bekennermut von Luther Eindruck und hilft mir, es ihm gleich zu tun, wenn er sagt: Wenn alles nichts mehr helfe, wolle er sich einfach an den Rockzipfel von Christus klammern und so mit ihm ins Paradies eingehen.

«Dieses Anhängsel muss auch durch.
Es hat zwar nichts gehalten
und alle deine Gebote übertreten,
Vater, aber er hängt sich an mich.
Was will’s! Ich starb für ihn.
Lass ihn durchschlupfen.»

 

Zum Sonntag Judica

Foto von SHVETS production, Pexels

Der Text von Luther lautet:
«Mir ist es bisher wegen / angeborener Bosheit und Schwachheit
unmöglich gewesen, / den Forderungen Gottes zu genügen

Wenn ich nicht glauben darf, / dass Gott mir um Christi willen
dies täglich beweinte Zurückbleiben vergebe, / so ist’s aus mit mir.
Ich muss verzweifeln. / Aber das lass ich bleiben.

Wie Judas an den Baum mich hängen, / das tu ich nicht.
Ich hänge mich an den Hals / oder Fuss Christi wie die Sünderin.

Dann spricht er zum Vater: / Dieses Anhängsel muss auch durch.
Es hat zwar nichts gehalten / und alle deine Gebote übertreten.

Vater, aber er hängt sich an mich. / Was will’s! Ich starb für ihn.
Lass ihn durchschlupfen. Das soll mein Glaube sein.»

(Zitiert nach http://www.scherf1.de/pg006.html)