Karwoche und Ostern

Karwoche. Ein grosser Anspruch. Kann ich mich dem stellen? Die Karwoche ist das Grösste im Kirchenjahr. Es ist das Allergrösste an Kunst und Frömmigkeit, was in dieser Zeit begegnet. Durch die Säkularisierung ist man aber auch freigestellt. Man kann die Zeit verbringen, ohne einen Gedanken an sie zu verwenden.

Gongschläge der Erfahrung
Die Passion ist ein Schwerpunkt im realen und kulturellen Leben des Menschen, vielleicht von jedem Menschen, egal ob christlich oder nicht, und ob die Passion nun religiös betrachtet wird oder nicht. Ein anderer Schwerpunkt, der mit dem ersten korrespondiert, ist Gerechtigkeit, Hoffnung, Aufbruch, Selbstverantwortung.

Es ist eine Annäherung an die Karwoche vom Erleben und Erleiden her, vom Kämpfen und Verarbeiten. Eine Annäherung von traumatischen Erfahrungen her und was diese in einem Menschen und in einem Kollektiv auslösen.

Durchgang
Das Christentum ist angelegt rund um die traumatische Erfahrung einer Gemeinschaft. So wie das Judentum einen Quellpunkt hat im Exil und in der Aufarbeitung dieser Geschichte, so geht das Christentum aus von der Kreuzigung, von der Zerschlagung, von der Verfolgung, vom Martyrium, von einer Welt die auf ein Loch zuzusteuern scheint und darin verschlungen wird. Es ist der Durchgang, nicht nur die Befürchtung. Es ist das Schlimmstmögliche, was eine traumatisierte Lebenserfahrung sich vorstellen kann und wogegen sie sich immer wehrt.

«Nicht mehr kontrollierbar»
Es trifft tatsächlich ein und die Kontrolle hört auf. Es ist der Eintritt in eine Zone, die nicht mehr gesteuert werden kann von all den Mechanismen, die wir uns einzeln und kollektiv angeeignet haben, wo autonomes Verhalten drin vorkommt aber auch reaktives, angstgesteuertes Verhalten, wo kollektive Vernunft abgerufen wird aber auch kollektive Panik eintreten kann und ein Zusammenbruch aller Steuerung.

Von aussen scheint es nicht so himmelstürzend: da ist jemand, der im Wasser ertrinkt. Aber von innen ist es ein Durchgang durch alles, was ein Leben aufbaut, prägt, bedroht und beschützt und was an psychischen und kulturellen Leitlinien aufgebaut wird, um die negative Grunderfahrung eines Lebens fernzuhalten – «dass nur das nicht noch einmal geschieht!» Aber es reicht nicht, es kommt und der Weg geht hindurch.

Der Tunnel
Daran erinnert das Bild von Breughel mit dem Tunnel. Es sei die Visualisierung eines «Nahtoderlebnisses», so hiess es vor Jahren, als man sich für solche Dinge interessierte. Es scheint mir eher die bildhafte Erinnerung an eine traumatische Verletzung, an die Begegnung mit einer solchen Verletzung, an den Durchgang durch das «Allerschlimmste», was dieser Mensch, diese Gruppe, diese Kultur erlebt hatte und das als «emotionales Apriori» in die Konstitution der individuellen und kollektiven Subjekte eingegangen ist. In Zukunft – so meint die Rede vom Apriori – wird alle Erfahrung in den Kategorien dieses Erlebnisses geprägt und beantwortet, oder jedenfalls mitgeprägt und beeinflusst vor allem Tun.

Der Weg hindurch
Da ist Abwehr, sagte ich oben, eine ungeheure Aufbietung aller Kräfte, damit sich «das» nicht mehr wiederholt. Aber der Weg geht hindurch. Und er ist von unerhörter Eindringlichkeit. – Das ist nicht vorstellbar, so lange man nie darin verweilt hat. Ist man aber einmal eingetaucht, ist es nicht fremd, sondern seltsam vertraut. Ist man als Kind vielleicht schon mal hierher gelangt? Da sind Bilder wie aus einem Traum. Da sind Gesprächsfetzen wie aus einem vertrauten Dialog. Wer später Äusserungen liest oder hört von Menschen, die durch ein Trauma hindurchgegangen sind, erkennt sich in ihnen und es entsteht ein Gefühl von Gemeinschaft, einer Gemeinschaft wie von Urzeiten an.

Annäherung
Eine solche Annährung an Passion und Ostern geht «von unten her», nicht «von oben», auf die Frage zu, vom Menschen her und was er erlebt, nicht von Gott und wie er sich zeigt.

Beides schliesst sich nicht aus, wenn der zweite Teil nur nicht vergessen wird. Die Rede, die nur von der Offenbarung her erfolgt, erreicht heute die Menschen fast nicht mehr, ausser sie ist von seltener poetischer Schönheit. Die Rede von unten her, vergisst oft den Anschluss an die Gottesrede, wie sie im Evangelium begegnet. Das «Untere» ist den Menschen bekannt, so könnten sie vielleicht für die Passion interessiert werden, aber das kennen sie schon von so viel weltlichen Passionen her, von Krieg und Krise, die sich Schlag auf Schlag folgen. Dazu brauchen die Menschen keine Erinnerung mehr an eine Gruppe von Menschen, die vor 2000 Jahren ähnliches erlebte.

Wenn es interessieren soll, wenn es der Tradition der Verkündigung von Passion und Ostern treu bleiben soll, muss es beides umfassen, den Weg von unten und von oben her, das Leiden und die Freude, die Verzweiflung und das Glück, den dunkeln Tunnel und den hellen Garten, in den der Weg hinausführt. Hilde Domin hat es beschrieben in einem Gedicht:

«Stehenbleiben und sich Umdrehn
hilft nicht. Es muss
gegangen sein.
Nimm eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben,
das kleine Licht atmet kaum.

Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne die Gnade nicht leben können:

die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,
du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne trittst
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt.»

 

Lesen Sie das Streiflicht «Geschichtsprägende Traumatisierungen» und den Blogbeitrag «UNAUSSPRECHLlCH».

Foto von Leeloo The First, Pexels

Das Gedicht stammt von Hilde Domin, der ganze Text findet sich unter https://www.harald-klein.koeln/christi-himmelfahrt-hilde-domin-die-schwersten-wege/

Aus Gesammelte Gedichte, Frankfurt/Main, S. 116f.