Das Abwarten der heissen Zeit
Dienstag. Ich muss das Datum nachschlagen. Wegen der Hitze bleiben wir den ganzen Tag zuhause. Heute bin ich am Morgen nicht mit dem Fahrrad raus, um die frühe Zeit zu nützen. Unsere Tochter mit dem Enkelkind kommt zu Besuch. Was zu tun wäre, das wartet, das steht auf der To-do-Liste und wird nicht abgestrichen, weil wir nicht hinaus gehen.
Das Decamerone der Klimakrise
Dieses Abwarten der heissen Zeit, das erinnerte mich an das berühmte Abwarten der Pest in Florenz, das Boccacio beschreibt. Wenn es auch keine Pest ist, ist es doch ein klimatisches Ereignis, ein Teil der Klimakrise, die unser Leben und unsere Zivilisation mehr und mehr herausfordern wird, auch wenn sie von manchen Menschen immer noch nicht ganz ernst genommen wird. Auch das politische System reagiert noch nicht angemessen. Der einzelne verdrängt, so lang es geht. Das System zieht Fragen vor, die etwas versprechen, wo eine Gelegenheit besteht, einen Vorteil herauszuholen. So warten wir auf einem Landsitz ausserhalb Florenz, bis die Pest sich beruhigt. Die Klimakrise wird sich aber nicht so schnell beruhigen.
Das gute Leben
Am Tag in der Wohnung zu verweilen, wenn alle Läden zu sind – das weckt auch schöne Erinnerungen. Sommerzeiten tauchen auf aus meinem Leben, die nicht durch ein ausser Rand geratenes Klima aufgeheizt wurden. Es waren einfach heisse Sommer, wie Sommer früher heiss waren. Man richtete sich darauf ein, stand früh auf, verlängerte die Pause über Mittag und arbeitete dann am Abend wieder. «Südliche Lebensweise» nannte man das, «Siesta».
Das Leben verlagerte sich in den Abend hinein. Ich erinnere mich an ein Platten-Cover mit Musik von Francis Poulenc, zwei junge Frauen waren da zu sehen, eine spielte auf einem Flügel, eine andere sang. Es war ein Gemälde und transportierte eine Atmosphäre von Kultur und Bien-Vivre. Eine spielerische Erotik lag in der Luft. Die Sehnsucht nach dem guten Leben, die einen so lange vorwärts getragen hatte – hier war sie abgebildet. Hier trat sie ins Bewusstsein. Später hat man sich dafür verlacht, für die Naivität eines Jünglings, der glaubte, sozial höher stehende Familien müssten auch eine höhere Kultur haben. Das hatte man aus Lese-Eindrücken destilliert, aus der französischen Literatur des 19. Jh., als das Bürgertum den Adel imitierte und um Anerkennung rang, indem es einen luxuriösen Lebenswandel pflegte und Salons unterhielt mit berühmten Persönlichkeiten.
Im Alter
Die Nachmittage, die ich heute erlebe, sind nicht aufgeladen mit sozialer Bedeutung, sie empfangen einen Wert, wenn die Kinder mit den Enkeln zu Besuch kommen. Sie haben Wert in sich, wenn meine Frau die Zeit mit mir teilt. Sie fallen aber tief im Erlebniswert, wenn ich alleine aushalten muss. Dann spüre ich, dass vorne an meinem Gefährt keine Rosse mehr ziehen, wie Platon die gute Lebensführung in seinem Gleichnis vom Wagenlenker beschreibt. (Die Gerechtigkeit sitzt auf dem Kutschbock und sorgt für einen ausgeglichene Lebensführung.) Da zieht kein Ehrgeiz mehr, da sind keine Pläne für ein Leben, wie es weitergehen könnte. Da ist kein Versprechen des Erwachsenwerdens und der Belohnungen, die das verspricht. Was früher lockte und Versprechen machte, ist vorbei. Und ich bin glücklich, wenn nicht etwa Bitterkeit daraus aufsteigt, wenn nicht schlechte Erinnerungen diese Zeit begleiten.
Der Schuster und der Schneider
Vorhin habe ich ein Märchen gelesen: «Die zwei Wanderer». Ein Schneider und ein Schustern wandern und suchen sich Arbeit in der Stadt. Sie sind nicht nur von Gemüt verschieden, sie folgen auch verschiedenen Lebenswegen. Der eine geht mit Gottvertrauen, der andere bringt das nicht auf. Er neidet dem Schneider seinen Erfolg und rächt sich am Schicksal, indem er dem andern zu Leide werkt.
Die tiefe Überzeugung der Märchen, dass es «am Ende» gut kommt, dass eine gute Ordnung über dem Dasein herrscht, wird auch hier deutlich. So werden die Guttaten des Schneiders, die er andern erwiesen hat, vergolten, zwar nicht von Menschen, aber doch von Tieren.
«Und es war alles, alles gut»
Dieses Gefühl von «Richtigkeit», die man mit seinem Leben treffen oder verfehlen kann, das ist der «logos» der altorientalischen Weisheit, der über dem Dasein herrscht. Er durchzieht die ganze Schöpfung. Wer ihm folgt, findet ins Ziel. Es ist also nicht nur eine «Logik», eine stimmige Weltordnung, es ist ein «Weg», wie spirituelle Konzepte der alten Weisheit und vieler Religionen ihn beschreiben.
Dazu passt der letzte Satz von Eichedorffs Taugenichts: «Und es war alles, alles gut!» Das ist nicht nur Gefühlsromantik, das ist das Konzept der alten Weisheit, das auch den Schöpfungsbericht der Bibel durchzieht. Dieser endet mit diesem Satz: «Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!» (Gen 1,31)
Foto: Krystian Baranm, Pexels









