Durch den Garten

Ich wollte mich wieder mal an die Schreib-Maschine setzen, da ich in der Randstunde doch nichts Sinnvolles mehr zustande gebracht hätte. Jetzt ist die Zeit noch weiter fortgeschritten, und ich zweifle, ob es jetzt noch sinnvoll ist, an die Maschine zu sitzen. Nicht wegen der Zeit, sondern wegen der Offenheit.

Offenheit
An die Maschine zu sitzen bedeutet, den Mechanismen der Verdrängung zu entfliehen, mich meiner Situation zu stellen, offen, ohne im Voraus zu wissen, was daraus werden wird. An die Maschine zu sitzen, so ist mir vorher ein eingefallen, war für mein früheres Leben eine Art von „Frömmigkeit“, eine Seel-Sorge, eine Lebensgestaltung aus dem Wissen, dass es nur gestaltet werden kann, wenn der Anspruch auf Gestaltung durchbrochen wird, wenn es offenbleibt, wenn die Zukunft nicht nur aus der Vergangenheit gestaltet wird. Wenn es Patz gibt für Hoffnung.

Gott beginnt sein Gespräch
Und es fiel mir ein, was ich kürzlich in einer Einführung zum Talmud gelesen habe:  Gott begann sein Gespräch mit dem Menschen, indem er ihn aufforderte: „Ziehe hinweg aus deinem Vaterlande und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause…“ (1. Mose 12f).

An die Maschine zu sitzen bedeutet Offenheit, bedeutet, den Zwang der Angstabwehr-Mechanismen schon etwas durchbrochen zu haben. Schon das Sitzen an der Maschine ist Einsamkeit, Freiheit, Reinheit, Weihe, Begeisterung, Begegnung, neu Erschaffen-Werden.

Nach einer Wegbiegung im Garten
Ich bin wieder bereit für das Unvorbereitete, offen für das Offene. Auch in der Beziehung sind wir auf Mauern gestossen, habe ich mich verschlossen. Es war schwer, diese Situation nicht an Normen zu messen und zu verurteilen («Was ist das für eine Beziehung, in der…? Was ist das…?)

Wir mussten es akzeptieren lernen, integrieren, wozu uns ein Bild geholfen hat: dass wir mit der „Beziehung“ einen Garten betreten haben, dass wir durch ihn hindurchgehen und nicht wissen, was er uns bringt. Aber alles, was begegnet, gehört zum Garten. Es ist im Bild des Gartens gar nicht möglich, etwas auszugrenzen. Es ist unser Weg. Alles was zum Garten gehört, ist gut und richtig, denn alles hat einen Grund, warum es ist.

Es ist möglich
Unausgesprochen sind alle, die den Garten durchstreifen, doch von einer Intuition geleitet, dass das „Ganze“ möglich und zugehörig ist. In gewisser Weise „vertraut“ der Magen auf die Sättigung; die Erfüllung seiner Funktion ist seine Möglichkeit.

So vertrauen auch die Grund-Intuitionen des Menschen auf ihre Möglichkeit und Wirklichkeit. So gehört es zum Bild, dass wir heute nach langer Zeit wieder füreinander offen waren, uns nahe fühlten, uns in die Augen schauten und – völlig ungeplant, unvorbereitet, nach einer Wegbiegung im Garten.

Die Offenheit, die sich einstellt, wenn ich an die Maschine sitze, meint nicht nur die Offenheit, durch die Blendwirkung von Ängsten und zwanghaften Reaktionsmustern hindurch zu schauen, so dass ich mich der Situation wieder stellen kann. Es meint auch, den Zwang zu lockern, seinen Zugriff zu lösen, seine Klammerhände aufzumachen und das, was er in Händen festhält, frei zu lassen. Es meint eine Befreiung von allem, dessen Verlust man befürchtet, weshalb man es festhält und sich dadurch fest macht.

Das Richtige – falsch gedacht
Es meint eine Befreiung von inneren Ansprüchen und inneren Bildern von dem, was „richtig“ ist, und wie das Leben seinen Gang zu gehen habe, damit es gelinge… Es meint ein Sich-Ausliefern (die Wortwahl ist noch von der Aussensicht bestimmt, welche Freiheit mit Angstgefühlen begleitet). Es ist eine Befreiung, die das Leben gerade dadurch zur Verfügung in die Hände erhält, weil sie auf Verfügen-Wollen verzichtet und auf alte Bilder und Zwangsvorstellungen von richtigem und gelingendem Leben.

Indem ich das Leben in die Schanze schlage, habe ich es. Indem ich es weggebe und als Ganzes verschenke, geht es durch meine Hände und ich verfüge wirklich über es. Indem ich es aber festhalte und daran herumfeile, ohne es als Ganzes behandeln zu wollen, meine ich zwar, es sicher und fest in Händen zu halten, aber es liegt dann nicht in meiner Verfügung, sondern die Sicherheits-Mechanismen verfügen über mich. Es ist der reiche Jüngling vor Jesus; es ist die Ähre, die erst fallen muss, sich der Erde übergeben muss, bevor sie Leben hervorbringen kann…

Zieh hinaus!
Es ist das Ganze, das ins Blickfeld gerät, sobald man es weggibt, es loslässt. Wie im Märchen, das anfängt mit dem Jungen, der von zu Hause weggeht und „ins Leben hinauszieht“. Wie im Beginn des Dialoges Gottes mit den Menschen, als er den Stammvater Abraham auffordert, hinauszuziehen und alles hinter sich zu lassen, alle Sicherheiten und selbstgemachten Lösungen.

 

In Deckung

Es ist Abend, neun Uhr. Ich bin nach Hause gekommen, habe unterwegs noch eingekauft. Dann habe ich Resten aufgewärmt, die Nachrichten gesehen… Ich zähle es auf, wie um mich zu rechtfertigen, dass ich der Verdrängung keinen Raum gelassen habe.

Warum kann ich nicht einfach dasein?
Und doch habe ich mich während der Nachrichten gefragt, warum ich mich heute und seit einiger Zeit wieder in diese Abendstrukturen flüchte, statt offen und frei für den Abend zu sein. Warum kommen denn alte Ängste (Verlassenheitsängste?) wieder hoch, da ich doch nicht verlassen bin, da ich eine Freundin habe, mit ihr zusammenlebe? Was habe ich denn vom Abend zu fürchten? Warum kann ich nicht da-sein, mit einem warmen, ruhigen, besonnenen, ausgeglichenen Gefühl im Bauch?

Mein Gegenspieler
Und doch bin ich froh um die Ängste, oder was es ist. Das ist mein Gegenspieler. Wir müssen beide ziehen, wie Gegenspieler an einer alten Baumsäge, wenn wir etwas hervorbringen wollen. Hier ist mein Bezug, alles andere ist Palaver. Das ist die Situation, das ist die Atmosphäre. Ich versuche, sie mir zu vergegenwärtigen. Hier ist Dichte, Authentizität – so etwas wie „gelingendes Leben“, aber nicht, weil ich ein Ziel verwirklicht hätte – vielleicht nur, weil ich für einen kleinen Moment in meinen eigenen Fussstapfen stehe, statt hinter mir her oder von mir fort zu laufen. Hier ist die „Feier des Augenblicks“, und sei das auch ein Augenblick der Angst.

Wovor sollte ich denn Angst haben? – Vor der Verantwortung, der Freiheit, dass ich in mir selber drinstehe. “Dann müsste ich ja…!“ Dann wäre ich Adressat von Forderungen, vor denen ich mich immunisiert habe, die ich entschärft habe, indem ich mich zum Nicht-Ich erklärte? Ich bin ja gar nicht ich, nur ein Opfer? Ich verfüge ja gar nicht über dieses Ich, bin von aussen bestimmt?

Ich will nicht frei und verantwortlich und erwachsen sein, denn dann muss ich einstehen, dann gilt es ernst, dann wird mein Tun und Lassen an den Zielen und Massstäben gemessen, dann wird ein Urteil und ein Verdikt über mich gefällt, dann genüge ich nicht, dann wird der Stab über mich gebrochen, dann stehe ich als Versager da, dann will niemand mehr etwas mit mir zu tun haben, nicht einmal ich selber…

Ich will nicht frei sein
Also laufe ich vor mir selber davon, vor dem Wahrnehmen meiner Situation, auch wenn es bei bewusster Betrachtung nichts gäbe, vor dem ich mich zu fürchten hätte. Ein solches Missverhältnis zwischen aktuellen Infragestellungen und Verdrängungs-Verhalten – muss ich da nicht vermuten, dass es alte Infragestellungen sind, die hochkommen? Dass da innere Repräsentanzen miteinander kommunizieren. Dass alte Wertmassstäbe auftauchen, alte Selbsteinschätzungen, alte Bilder der Welt und des Lebens? Und dass alle diese symbolischen Entitäten ein lustiges Spiel miteinander treiben und die aktuelle Situation daran null beteiligt ist?

Dass innere Kasperle-Spiel
In diesem Spiel taucht eine Selbst-Repräsentanz auf (eine Figur in diesem Kasperletheater) und sagt: Ich bin klein und schwach. Warum, darüber haben wir als Zuschauer erst Vermutungen. Und da taucht ein Krokodil auf, schrecken-erregend. „Ich bin das Leben, in dem man sich zu bewähren hat. Das frisst dich auf. Ich fresse dich auf. Ich bin übermächtig.“ Und da ist der Polizist mit dem grossen Knüppel, den der Polizist nur halten kann, indem er ihn umarmt; und wenn er damit zuschlagen will, muss er mit dem ganzen Oberkörper wippen. „Ich bin der Vater“, oder das Über-Ich oder… der Wertmassstab, der mich dem Krokodil in den Schlund treibt: Ich muss hinaus „ins Leben“, obwohl ich weiss, dass ich das nicht schaffe.

Entweder ich geh hinaus, dann werde ich gefressen, ich habe aber die Achtung des Polizisten, oder ich rette meine Haut vor dem Krokodil und stehe als Versager da, dann gehe ich auch zugrunde. So fühle ich mich lieber als Opfer. Das entschuldigt mich: Ich bin gar nicht dieses Ich, ich bin gar nicht der, den ihr meint, ich bin ein anderer. Ich bin nicht ich-fähig, kann nicht hinaus, kann die Aufgabe nicht übernehmen.

Das ist keine richtige Lösung, weder habe ich mich vor dem Krokodil behauptet, noch habe ich die Achtung des Polizisten. Aber da das ohnehin nicht zu haben war, habe ich jetzt wenigstens die negativen Alternativen umgangen: Ich wurde vom Krokodil nicht gefressen und stehe vor dem Polizisten nicht als offenkundiger Versager da. So habe ich mich um die Offenbarungssituation gedrückt.

In Deckung
Nun ist der Verdacht zwar da, aber er ist nicht offensichtlich: der Polizist vermutet zwar, dass ich ein Versager wäre, wenn ich hinausträte, aber er weiss es nicht genau (und ich auch nicht). Alle denken zwar, dass ich dem Krokodil zum Frass fallen würde, wenn ich mich aus der Deckung hinauswagte, aber ohne Beweis ist das nicht eindeutig zu bejahen (und der Zweifel bleibt auch in mir selbst).

So lebe ich in Deckung, wage mich nie hinaus, habe Angst vor jeder Offenbarungs-Situation und lebe unter dem Selbstverdacht, im Falle eines Falles ein Versager zu sein und von der Verantwortungs-Situation überwältigt zu werden.

 

 

Die Jakobsleiter

(Zum Verständnis des folgenden Textes: Er stammt aus der Zeit anfangs meines Theologiestudiums, als ich noch kaum die zeitgenössische Theologie aufgenommen hatte. Viele Leseeinflüsse zeigen sich, hier ein platonisierendes Denken, das alles in ein Ganzes fasst. So ergibt sich eine Dialektik von Teil und Ganzem. Es zeigt sich, wie das Teil zum Ganzen kommen kann: auf einem ethischen Weg der Verwirklichung und auf einem Glaubensweg, der sich der Teilhabe versichert an einem Ganzen, das von Gott gestiftet wird. Der ethische Weg ist ohne den religiösen nicht möglich. Das absolute Subjekt, das Sein und Sollen versöhnt, ist in Gott gedacht. Der Mensch hat die Bedingungen seines Daseins nicht in der Hand. Er findet sich und sein Leben vor und alles, was er dazu braucht. So ist die Versöhnung von idealen Normen und gebrochenen Erfahrungen nicht in seine Hand gelegt. Er hat teil im Glauben.)

Die Jakobsleiter
Ich habe eingesehen, dass das Leben unter absoluten Normen steht, dass die Verantwortung daher ebenfalls unerbittlich und absolut gilt: entweder entspreche ich ihr, oder ich muss das Verdikt tragen. Denn das Ganze, das in Zeit und Raum zersplittert ist, repräsentiert sich dem Individuum in der Zeit als Sollen, fordert ihn zum Tun auf, zum verantworteten Tun.

Und stösst das Tun auf Grenzen der Tat-Freiheit, so erhebt sich hinter der Tat-Ethik eine Ethik der Grenzen, eine Seins-Ethik, die die Grenzen verantwortet: Wenn ich nicht so bin, um zu tun, was ich soll, so soll ich werden, dass ich dem Sollen entsprechen kann. Gleichzeitig repräsentiert sich das Ganze dem Individuum in der Zeit auf eine zweite Weise, als Repräsentation des Ganzen im Teil, oder umgekehrt, als Teilhabe des Teils am Ganzen: das Ganze ist immer auch im Teil.

Doppelter Blick auf das Leben
Das Teil ist ein Bruchstück des Ganzen. Wenn man die Bruchstücke aneinanderreiht, ergibt sich ein Ganzes. Die Grenzen der Teile lassen sich also doppelt betrachten. Nach Aussen schreien die Grenzen nach Ergänzung, nach Fortsetzung, nach Herstellung des Ganzen; sie fordern auf, sie erklären den Teil als fehlerhaft: als blossen Teil, dem das Ganze fehlt.

Nach Innen geben sie dem Teil Ergänzung, beruhigen ihn, versichern ihn der Fortsetzung, die nicht in seine Hände gelegt ist, sondern schon besteht, denn ein Teil ist per definitionem ein Teil eines Ganzen, jenes ist schon festgestellt. Nach innen fordert die Grenze nicht auf, sondern sie beruhigt, erklärt den Teil als wertvoll, als teil-haftig am Ganzen, das schon in ihm ruht.

So repräsentiert sich ein im Modus des Seins gedachtes Ganzes in der Zeit als Teil, das über die Zeit hinweg ergänzt werden muss; und das jedem Teil im Modus der Zeit doch die Würde der Teilhabe am Ganzen gibt.

So repräsentiert sich ein im Modus des Einen gedachtes Ganzes im Vielen als Teil, dessen Teilsein und Vielheit zum Einen überbrückt werden muss, wenn die Ganzheit wieder zustande kommen soll. Und doch repräsentiert sich das Ganze und Eine auch in jedem seiner Teile.

Die Jakobsleiter
Die Jakobsleiter hat zwei Wege, sie kann deduktiv hinabgestiegen werden oder induktiv hinauf. Das Sollen zieht das Zeitliche und Viele hinauf und erklärt es in seinem Modus des Zeitlichen und Vielen als mangelhaft, d.h. als eben nicht im Modus des Seins und Einen befindlich.

Das Vertrauen lässt das Ganze auf der Leiter zum Kletternden hinab und erklärt ihn als ganz, als am Ganzen teil-haftig, da das Ewige und Eine sich in Zeitliches und Vieles brechen muss, wenn es die Leiter hinabsteigen will.

Das Sollen überbrückt Zeit und Sein, Vieles und Eines in der Bewegung des Hinaufkletterns, wenn das Zeitliche und Viele zum Ganzen hinaufschaut und seine Aufgabe wahrnimmt.

Das Vertrauen überbrückt die Klüfte im Moment des Innehaltens, Betrachtens, wenn deutlich wird, dass die Lösung nicht nur die Aufgabe voraussetzt, sondernd die Aufgabe auch die Lösung; wenn also bewusst wird, dass die Leiter ja irgendwo festgemacht ist, dass das Gewicht an diesem Fundament zieht, dass dem Hinaufklettern ein Herabkommen entspricht. Kommt der Zug nicht hinab, kann der Kletterer nicht hinauf.

Der indische Seiltrick
So entsprechen sich Ethik und Glaube, Verantwortung und Vertrauen. Und das Gelingen des Lebens spielt sich in beiden Dimensionen ab, wird in beiden Intuitionen erfasst.

Verantwortung allein ist wie eine Jakobsleiter ohne obere Verankerung: der indische Seiltrick. An einem solchen Seil klettert niemand hinauf. Wenn ich, einäugig, allein durch das Brillenglas der Verantwortung sehe, muss ich am Leben als Aufgabe verzweifeln, da ist nur Misslingen sichtbar. Ich stecke im Dilemma: So wie ich bin, kann ich nicht. Also bin ich nicht richtig, wie ich kann. Diese Grenzen sind von mir allein nicht zu vermitteln.

Aber wenn ich aufgefordert werde, mich als Teil zu begreifen und ein Ganzes zu erreichen, dann muss ich früher oder später auch die Dialektik dieses Teil-Seins begreifen: Dass es zwar auf ein Ganzes hinweist und als solches eine unerbittliche Aufgabe hat, dass es aber als „Teil“ schon von einem Ganzen her gedacht ist. Dass vor ihm oder zumindest mit ihm schon ein Ganzes besteht, denn das Ganze ist konstituierende Bedingung des Teils mindestens ebenso sehr wie das Teil eine konstituierende Bedingung des Ganzen ist.

Schon bevor du Gott erkanntest, hat dich Gott erkannt, bevor Du seinen Namen lerntest, hat er dich schon bei deinem Namen gerufen; so heisst das in religiöser Wendung.

Im Aufbruch ist schon Ankunft
So unerbittlich die Aufforderung vom Ganzen an das Teil ist, so unzerstörbar ist der Zuspruch des Ganzen an das Teil, Und Teil und Ganzes können nur zusammen kommen, wenn das Brückenschlagen von beiden Ufern her begonnen wird.

Denn bevor ich im Sinn einer ethischen Aufgabe eine Brücke zum Ziel schlagen und darüber gehen kann, muss ich den gegenüberliegenden Uferpunkt schon erreicht haben, um das Widerlager dort zu verankern, die Brücke abzustützen.

(Ein Beispiel: Ohne ein ganzheitliches Erfassen des Sinnes von dem, was ich sagen will, kann ich den Mund nicht einmal öffnen, um das erste Wort zu sagen. Ohne Ende kein Anfang, weder logisch noch psychologisch.)

Der Kasperle
Sollte es nun nicht möglich sein, diesen Menschen in seinem Versteck zu überzeugen? Ihn hervorzulocken, damit er die Angst vor der Offenbarungssituation verliert, sich hinausbegibt und die Erfahrung macht: ES IST NICHT SO, WIE IHM SEINE ANGST VORGESPIEGELT HAT. Die Welt ist kein übermächtiger Feind. Der Wächter über der Norm ist kein Richter, der nur Verurteilungssätze kennt.

Freilich, dazu genügt es nicht, Erkenntnis-Sätze noch so oft zu wiederholen. Dazu muss ich diesen Menschen im Versteck ernst nehmen, mit ihm Umgang pflegen, mich jeden Abend mit ihm einlassen. Mit ihm reden. Ihn ernst nehmen und annehmen. Bevor ich ihm etwas geben kann, muss ich etwas nehmen, etwas annehmen von ihm. Das Geben, das nicht zuerst hinhört, verachtet den, dem es etwas geben will. Es ist damit schon entlarvt. Damit verabschiede ich mich für heute von dem Kasperle.

 

Foto Sergio Zhukov, Pexels

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Aus Notizen 1987