Der Tod Gottes

Dieser Blog bringt Glaubens-Texte aus 40 Jahren. 1985 suchte ich nach dem Glauben und ich meinte, mir diesen Schritt leichter machen zu können, wenn ich ihn als «Paradigmenwechsel» im Sinn Thomas Kuhns verstand. Sein Buch («Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen», Ffm 1976) war damals in aller Leute Mund. Konnte so nicht auch der Wechsel von einer nicht-religiösen zu einer religiösen Haltung verstanden werden?

Die Kulturgeschichte zeigt viele Erfahrungen, wo Lebensbewältigungs-Muster auf neue Erfahrungen stiessen und in eine Krise gerieten, bis sie diese in sich aufhoben (Paradigmenwechsel nach T. S. Kuhn).

Die Rede vom Tod Gottes
Im Hinblick auf die Stufen dieser Herausforderung (von Kritik, Gegenposition und dialektischer Aufhebung in einer Synthese) erscheint auch die Rede vom „Tod Gottes“ als vorläufig, als eine Sinnkrise unter anderen. Sie ereignete sich, als ein „Paradigma“ des Redens von Gott auf eine Grenze stiess, auf Erlebens-Bestände, die es nicht mehr sinnstiftend verarbeiten konnte, so dass es in seiner bisherigen Form zugrunde gehen musste, was den Betroffenen als absolute Sinnlosigkeit, als die Aufhebung des Sinns überhaupt erscheinen musste, was den Nachgeborenen vielleicht aber nur als eine Stufe, vielleicht die vorläufig letzte erscheint.

Neue Art, von Gott zu reden
War einer, der nach Nietzsche noch vom Glauben sprach, wirklich ein Romantiker, der hinter die historisch erreichte Stufe der Glaubenssituation zurückgefallen ist, indem er die Kritik einfach leugnete? Oder hat er eine neue Synthese gefunden, eine neue Art, von Gott zu reden, so dass er ein neues Paradigma des Glaubens gefunden hat, das auch für andere ein Angebot bildet, das sie übernehmen können, weil sie sich darin gerade auch mit ihren Zweifeln und Widerständen wiedererkennen – Widerständen, die sie vielleicht erst jetzt voll zur Wahrnehmung zulassen können, weil ihnen jetzt auch eine Möglichkeit geboten wird, damit umzugehen?

Der durch das Christentum herangebildete Sinn für Wahrhaftigkeit und Redlichkeit wendet sich gegen das Christentum selber, meint Nietzsche; das Christentum bringt selber sein Gegenteil hervor und löst sich in „Nihilismus“ auf. Der Glaube dankt ab, wenn der Verdacht auftaucht, dass er nur einem „metaphysischen Bedürfnis“ dient, das sich psychologischen Motiven verdankt, das sich aber nicht vor diesem Sinn von Wahrhaftigkeit rechtfertigen kann. Das Stichwort gibt Freud: Das Gewahrwerden von unbewussten Motiven, Abwehrmechanismen, Rationalisierungen etc., all das muss den Glaubensbestand ja in eine Krise stürzen.

Hiobs Arbeit am Gottesbegriff
Dieser Gott ist tot, genauso wie der erste Gott Hiobs getötet wird, denn mit dem Glauben Hiobs wandelt sich auch sein Gottesbegriff. Der in einer ersten Annäherung naiv gesetzte Buchalter über Sünden und Verdienste Hiobs geht zugrunde, er hält dem Zorn und der Verbitterung Hiobs nicht stand, der ihn anklagt: Wie kannst du meine Kinder sterben lassen, nachdem ich dir immer treu gedient habe? Dieser Gottesbegriff verschwindet in der Absurdität einer neuer Welterfahrung, oder genauer: Erst vor dem Hintergrund dieses buchhalterischen Gottesbegriffs wird seine Welterfahrung absurd: sinnlos in ihrem Leid, widersprüchlich, nicht zu begreifen, in Einzelteile auseinanderfallend wie ein surrealistisches Bild, auf dem eine Rasierseife neben einer Wolke im Himmel schwebt.

Neuer Glaubensakt
Nach Nietzsche ist Gott tot, zweifellos, aber Gott war schon oft vor Nietzsche tot, nicht nur in der Kulturgeschichte, in der die Möglichkeiten des Gottes-Sterbens exemplarisch entfaltet wird, auch millionenfach in der Biographie der Einzelmenschen, die diese Kulturgeschichte getragen haben, die ihren Sinnhorizont zusammenbrechen sahen und mit ihrem Gott gehadert haben. Oder sie haben sich für areligiös gehalten, wie die Zeitgenossen unserer Dekade. „Den Glauben habe ich verloren, als ich 14 war“, meinen sie, wenn man sie fragt, und so glauben sie, eine mehrtausendjahre Entwicklung abschliessen, eine Frage, die den Menschen seit dem Erwachen seines Bewusstseins begleitet hat, lösen zu können. Aber diese Antwort ist so vorläufig und vorübergehend wie alle vorherigen Antworten auf diese Frage.

Aber was ist dieser Glaubensakt?
Je nach historischer Situation kann der Glaubensakt unwillkürlich erfolgen, im Gefälle der Tendenzen liegen, oder – wie in einer Vernunftkultur – es muss ein Fell gegen den Strich gebürstet werden. Dann erscheint er als ein „Bewältigungs-System“ der zweiten Linie, das aktiviert wird, wenn die erste Front sinnstiftender Institutionen den Dienst versagt. Die Vernunft resigniert nicht ohne Not, aber die Grenze dieser Not ist schnell erreicht da die Vernunft auf einer schmalen Basis historisch gewordener Konstitutions-Bedingungen ruht, im dauernden Spannungsverhältnis mit der „Un-Vernunft“, der Heteronomie.

Resignation und Hingabe
Das Individuum erlebt es in der Überforderung einer solchen Grenzerfahrung immer wieder, dass es resigniert und an der Möglichkeit einer solchen vernünftigen Lebensführung verzweifelt. Und dann ist es nur ein Schritt, die Ohnmachtserfahrung bis zu ihrem absoluten Endpunkt weiterzutreiben: ich bin überhaupt ohnmächtig. Wenn ich meinte, etwas ausrichten zu können, so war das die Illusion günstiger Umstände – Mittagszeit, Mannesalter, Gesundheit, soziale Integration – , was mich glauben liess, mein Leben erfolgreich zu einem selbstverdienten Glück führen zu können. Jetzt sehe ich aber, dass ich überhaupt nichts vermag.

Dieses Eingeständnis ist aber mit der Aufgabe des ganzen bisherigen Paradigmas der Lebensbewältigung verbunden; es bedeutet eine derart fundamentale Krise und Infragestellung, dass es schlechterdings ohne Selbstmord-Gefahr nicht gemacht werden kann, wenn keine Alternative angeboten wird. Das ist der Glaube.

Im Akt des Glaubens (wie ihn etwas Kierkegaard beschreibt) „resigniert“ das Selbst. (Das Wort Resignation wird hier nicht im Sinn von Enttäuschung verstanden, sondern im Sinn des Rücktritts von einer Amtsposition.) Es stiftet eine Beziehung zu einem Gott; die eigene Ohnmacht wird ergänzt durch den Glauben an ein allmächtiges Wesen, an das sich der einzelne im Glaubensakt vertrauensvoll hingibt. Das Modell der Vermittlung und Versöhnung (über die autonome Tat) wird abgelöst durch das Modell der Erlösung (durch die Gnade Gottes). So wird auf verschiedene Weise eine Versöhnung der Gegensätze angestrebt, was im Glaubensweg selbst Gegensätze wie den Tod umfasst.

Die Urszene des Glaubens
Durch den „Unterwerfungsakt“ ist eine Beziehung, ein Selbst und ein Gott gestiftet worden und eine Welt, in der dieses Selbst sich zu verwirklichen hat, wo es als „Mitarbeiter Gottes“ an sich selber arbeitet. (Das Wort „Unterwerfung“ ist missverständlich, es meint hier nicht eine Unterwerfung im Sinn einer verlorenen Schlacht, sondern im Sinn eines Lehensverhältnisses. Das ist der Grundakt im Feudalismus, durch den in der Kommendation eine Beziehung, ein Vasall und ein Lehensherr gestiftet wird.)

Das ist der Gründungsakt nicht nur für den Glauben, sondern für alle Grössen, die in diesem Glauben eine Rolle spielen. Der einzelne wird im Gegenüber Gottes zu einem Subjekt. Er konstituiert sich an dem weltüberlegenen Gott als ein Wesen, das in den Bestimmungen dieser Welt nicht aufgeht und darum aus diesen nicht voll abgeleitet werden kann.

Die Einheit, die die Welt bewältigt
Hier sieht es so aus, als „mache“ er einen Gott – das ist der Vorwurf aller Religionskritik seit dem 18. Jh. und zurück bis in die Götzenkritik das Alten Testamentes.  In einem Akt konstituiert sich ein Ich und Du, ein Du und  Ich, ein Subjekt und sein Gegenüber, der Inbegriff aller Welt, der dieser aber frei gegenübersteht, so dass auch das Subjekt, das in eine Beziehung tritt, der Welt frei gegenüberstehen kann. Es kann im Glauben „die Welt überwinden“, wie Christus, der sagte: „In der Welt habt ihr Angst, aber ich habe die Welt überwunden. Glaubt an mich, vertraut auf mich.“ (Joh 16,33)

 

Foto von Steve Johnson, Pexels
Aus Lesenotizen zu Hiob, 17. April 1985
Der Text ist ein Auszug aus einer grösseren Arbeit, die in Vorbereitung ist unter dem Titel «Einige Texte zum Erzählen»