Darum ist es auch mein Leben

Ich bin noch nicht gewohnt, von seinem Tod zu erzählen. Gestern war ein Besuch da, da habe ich Formulierungen erprobt. Bei seinem Tod habe ich etwas erfahren, was mich nicht traurig machte, sondern mir Mut und Lebensfreude gab, die Einsicht: Das ist mein Tod, darum ist es auch mein Leben.

Am Schluss steht niemand da, der Rechenschaft verlangen könnte, weil er mir das Leben geschenkt hätte (ausser Gott). Da ist keine Firma, keine Behörde, kein «Prominenter» und keiner von denen, die ewig vorne stehen. Es ist ein Fehler, wenn ich mich immer nach ihnen umsehe, wenn ich ein «Ja», eine Erlaubnis von ihnen erwarte. Das ist mein Fehler, nicht der ihre. Ich mach sie zu einem Popanz und Pseudogott. Gott gibt mir das Leben, er hat es gegeben, Menschen können keine Bedingung daran knüpfen. Ja, sie können mir das Leben nehmen, aber geben können sie es nicht. Darum gehört es mir, ich entscheide, was ich damit mache.

So schenkt der Tod Freiheit, nicht eine Freiheit von den Übeln des Lebens, von denen man im Tod endlich befreit wäre, nicht eine Freiheit vom Leben, sondern eine Freiheit zum Leben, mit all den Übeln des Lebens, die mir darin zustossen können. Aber es ist mein Leben. Ich werde zu etwas Ungeheurem und Einzigartigem, zu einem Individuum, zu einem Wesen mit eigenem Lebensrecht.

Die Kunst, sechs Mandeln aus der Büchse zu nehmen
Es ist ungeheuer und auch banal, das Leben ist derart reich. Von den Myriaden von Sternen ist keiner gleich, von den unendlich vielen Sandkörnern ist keines gleich, soll ich noch die Schneeflocken aufzählen?

Kürzlich ist mir aufgefallen, dass es auch ungeheuer viele Möglichkeiten gibt, sechs Mandeln aus einer Büchse zu nehmen. Wir essen jeden Morgen drei Mandeln. Früher habe ich sie herausgeschüttelt: einmal schütteln, drei Mandeln. Ich dachte, das sei die einzige Art, wie man sie herausnehmen könne. Jetzt aber, vielleicht aus Unachtsamkeit, habe ich sie anders herausgenommen. Und da ist mir aufgefallen, es gab keinen Tag, an dem ich sie gleich herausgenommen hätte wie am Vortag.

Es würde mich nicht wundern, wenn ein Mathematiker ausrechnete, dass es bei all den Parametern, die da im Spiel sind, unendlich viele Möglichkeiten gibt, sechs Mandeln aus einer Büchse mit vielleicht 80 andere Mandeln zu nehmen.

Er hat seinen Tod und darum sein Leben
Die Vielzahl deutet nicht auf Masse, sie entwertet nicht. Sie deutet auf Reichtum. Sie deutet auf Individualität und Einzigartigkeit. So ist es nichts Besonderes, dass auch ich als Mensch einzigartig bin. Und doch steckt da die Würde drin.

Ich bin kein technisches Produkt. Und sogar, wenn ich ein technisches Produkt wäre, dieses müsste für seine Existenz doch in die Dingwelt eintreten, in die Natur, in diese Wirklichkeit, wo unendlich viele Dinge rundherum nicht technisch hergestellt und kontrolliert sind, sondern sich jede Mikrosekunde verändern. So ist alles individuell. Das Machwerk wird den Technikern entzogen, der Unterworfene seinen Bedrängern. Der Untertan im Machtstaat, der kontrolliert und erzogen ist und bei Bedarf gefoltert werden kann – er ist den Tätern nicht einfach ausgeliefert. Er hat seinen Tod und darum sein Leben. Und dieses ist bei Gott.

 

Zum Jahrestag seines Todes
Aus Notizen 2022
Foto Kindel Media, pexels