Der Rückfall nach Ostern

Es braucht nur einen Auslöser, eine bestimmte Begegnung, die Art, wie ein Mensch sich uns gegenüber benimmt, und es weckt alte Erinnerungen wieder auf an vergangene Zeiten. Und ohne dass wir es wollen, rutschen wir wieder zurück in jene Zeit. Da sind die Gefühle wieder, die wir damals hatten. Schon am Morgen beim Aufstehen überfallen sie uns. Und wir sehen an unserem Verhalten, dass wir eingeholt wurden von alten Mustern.

Das alte Leben steckt uns überall noch in den Knochen. Wie lang haben wir so gelebt! Das hat sich niedergeschlagen in allen Gewohnheiten. Es zeigt sich am Tag in den Gedanken, und in der Nacht in unseren Träumen.

Eine Bise im Frühling
Draussen ist Frühling, aber es ist kalt, eine hartnäckige Bise geht. Man getraut sich gar nicht richtig hinaus, um sich anzusehen, wie das Leben überall zurückkommt. So wird es Frühling, und beim nächsten Hinausgehen ist schon alles grün. Und diesmal wollten wir doch genau verfolgen, wie alles sich entfaltet!

Im Kirchenjahr stehen wir in der Zeit nach Ostern. Es sind sechs Sonntage bis Pfingsten, die das Geheimnis feiern, dass alles neu geworden ist. Aber auch hier ist so etwas wie ein Kaltlufteinbruch, eine kalte Bise. Die Texte dieser Zeit nehmen die Erfahrung auf, dass es Rückschläge gibt. Mit Ostern hat auch in unserem Leben etwas Neues begonnen. Viele Hoffnungen wurden geweckt. Aber nicht sofort wirkt sich das in unserem Leben aus.

Menschen, die man trifft, wirken nervös, als ob sie keinen festen Boden unter den Füssen hätten. Manche wirken, als ob sie böse Träume hätten, in denen sie von alten Problemen verfolgt werden, die sie schon hinter sich glaubten. Wo ist die Freude von Ostern hin, der Aufbruch des Frühlings?

Zuwendung und Dasein
Christus ist mit uns auf dem Weg. An den Sonntagen nach Ostern zitiert die Kirche Texte, in denen Christus uns seine Gegenwart zusagt. Wir sind nicht verlassen. Wir gehören zusammen wie ein Hirt und die Schafe, wie ein Rebstock und die neuen Triebe, die im Frühling austreiben:

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Joh 10)

Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. (Joh 15)

Neuer Anfang
„Es ist nicht mehr so wie früher!“ Das sagen uns diese Texte. Es ist wirklich etwas Neues angebrochen! Wir haben Vertrauen gefasst zu Gott, dass er einen neuen Anfang machen kann. Das ist Auferstehung, dass dort, wo für Menschen nichts mehr zu machen ist, ein neuer Anfang geschieht aus seiner Schöpferkraft. Und wir gehen vorwärts in dieser Hoffnung. Schritt für Schritt gelingt es uns auch. Unser Leben verändert sich.

Rückfall
Dazu gehört auch, dass es ab und zu einen Stillstand gibt. Manchmal sogar einen Rückfall. Wo ist die Zuversicht hin, die wir gefasst haben? Warum ziehen wir wieder den Kopf ein? Warum fangen wir wieder an zu kämpfen, als ob wir keine Rechte hätten? Das alte Leben steckt uns überall noch in den Knochen. Wie lang haben wir so gelebt! Das hat sich niedergeschlagen in allen Gewohnheiten. Es zeigt sich am Tag in den Gedanken, und in der Nacht in unseren Träumen. Es gleicht dem Frühling, der erst in den Knospen da ist, aber draussen geht noch ein kalter Wind.

Geschehen lassen
Die Knospen wollen aufgehen. Die Sonne kommt und wärmt sie. Wenn es Zeit ist, entfaltet sich die Blüte. Es ist nicht so, dass wir alles machen müssten. Vieles dürfen wir geschehen lassen. Das gibt uns Ruhe und Zuversicht. Das hilft uns, wenn die rauen Winde kommen.

Christus nimmt dieses Bild auf. Es ist wie ein Rebstock, wenn er blüht. Schaut in den Rebbergen, wie die Reben jetzt ausschlagen. So ist es auch mit euch, sagt er. Wir gehören eng zusammen. Ich bin wie ein Rebstock, und ihr Menschen seid wie Triebe an meinem Stock. Auch bei euch ist etwas bereit, wie eine Knospe, die blühen möchte. Sie soll blühen und Frucht bringen.

Wer glaubt denn, wenn er im Winter einen kahlen Zweig sieht, dass dieser noch mal Blätter haben wird? Wer glaubt, dass im Frühling die Vögel kommen und die Kinder pflücken Früchte von diesem Zweig? So könnt auch ihr manchmal kaum glauben an all das, was in euch ist und was Gott in euch wachsen lassen möchte.

Christus lässt sich nicht beirren, wenn er kahle Zweige sieht. Er sieht schon die Blätter die kommen, und die Blüte. Ich will, dass ihr blüht, sagt er. Ich will, dass ihr Frucht bringt. Aber passt auf, wenn die Blüte vom Stamm abfällt, kann sie keine Frucht bringen.

Angeschlossen sein
Das ist auch unsere Erfahrung. Das, was da kommen will, das, was wir ihn uns wachsen fühlen, das muss angeschlossen sein an eine grosse Kraft. Denkt an mich, dass ich euch helfe, so findet ihr diese Kraft, sagt Christus.

Es ist schön, sich in dieser Zeit, an die Geschichten um Jesus Christus zu erinnern. Wie er über Land geht und hilft. Von überall her bringen sie ihm ihre Kranken, dass er sie heilen möge. Es tut in der Seele gut. Wir lassen uns dann vom kalten Wetter weniger beeinflussen. Bleibt in mir, sagt Christus, dann bleibe ich in euch. Und ihr könnt mich bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

Wir sind Blüten am Baum des Lebens. Christus ist Wurzel, Stamm und Krone. Er verbindet uns mit der Quelle des Lebens. Er ist der Stamm, er gibt uns Halt, dass wir in dieser Wirklichkeit gehalten sind und nicht verloren gehen. Er ist die Krone, die dem Himmel entgegenwächst.

 

Nach einem Gottesdienst 2010
Foto von Suyash Batra, Pexels