Ein Neuanfang

Es sei für sie ein Schock gewesen, erzählt eine Patientin im Spital. Vor vier Tagen noch sass sie mit der Familie im Garten, sie machten Pläne für die Ferien, und jetzt liegt sie im Spital. „Ich habe viel nachgedacht in dieser Zeit“, sagt sie. „Ich weiss, dass ich vieles ändern werde.“

Das Leben ändern
Solche Sätze hört man oft im Spital. Viele beschäftigen sich mit der Frage, was ihre Krankheit bedeuten soll und sie nehmen sie als „Zeichen“, das ihnen etwas mitteilen will. Auch von aussen wird man darauf angesprochen. „Die jetzige Krankheit ist sicher auch eine Chance, über den eigenen Lebensstil nachzudenken. So heisst es in einer Broschüre, die von der Schweizerischen Herzstiftung abgegeben wird. „Ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitation ist es, ihre Lebensgewohnheiten zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern.“

Ganz ähnlich tönt es von den Krankenkassen. In ihren Mitgliedsblättern werben sie für eine gesündere Lebensweise und engagieren sich für die Volksgesundheit. Dabei unterscheiden sie verschiedene Stufen der Verhaltens-Änderung, die sie herbeiführen möchten. Das beginnt beim „Weissnichts“, der sich noch nicht Rechenschaft darüber abgegeben hat, dass seine Gesundheit auch von seinem Verhalten abhängt. Wer diesen Schritt getan hat, kommt auf die Stufe „Möchtegern“: er weiss es, aber er konnte sich noch nicht dazu durchringen, für sein persönliches Leben eine Entscheidung zu fällen.

Ein Stufenweg
Der „Beginner“ ist der, der versuchsweise mal einsteigt, und der „Macher“ ist schliesslich der, der seine Erkenntnisse auch in die Tat umsetzt. Jetzt – so könnte man denken – hat die Gesundheitskampagne ihr Ziel erreicht. Aber viele Menschen fallen wieder von ihren Entscheidungen ab, die Gewohnheiten sind stärker. Es braucht jeden Tag einen neuen Entschluss, um sich gegen das Gefälle der alten Lebensweise durchzusetzen. Darum strebt die Kampagne noch eine weitere Stufe an: den „Kenner“, der das neue Verhalten auch beibehält und nicht in seinen alten Tramp zurückfällt.

Umdenken
Umdenken wird hier gefordert. Wer durch Schmerzen und schlaflose Nächte, durch einen Bruch mit der Vergangenheit und Angst um die Zukunft so sehr an seine Grenzen kommt, der wird es sicher ernst nehmen. Andere Impulse zum „Umdenken“ erfahren wir jeden Tag durch die Zeitung. Vor allem das Bewusstwerden der ökologischen Gefahren hat das Wort „Umdenken“ seit den 70er Jahren in den Wortschatz der Politik eingeschrieben.

Noch fehlen ja wirkungsvolle ökologische Steuerungsmittel, seien das jetzt marktwirtschaftliche Anreize oder staatliche Vorgaben, darum wird immer wieder an die individuelle Verantwortung und somit ans „Umdenken“ appelliert. So kürzlich wieder in einem Bericht der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften. Die Katastrophen – so heisst es da -, die vom menschlichen Fehlverhalten mitbeeinflusst werden, hätten sich in den letzten zehn Jahren gegenüber den 60er Jahren verneunfacht. Allein im letzten Jahr seien 311 Katastrophen mit einem Gesamt-Schaden von 90 Milliarden Dollar registriert worden.

Angesichts dieser Entwicklung gerät auch die Hilfe an eine Grenze: Die Serie von schweren Stürmen in der Karibik zeigte die Grenzen des Versicherungsschutzes in der Region. Im Fall des Hurrikans „Mitch“ waren nur zwei Prozent der Schäden von sieben Milliarden Dollar gedeckt. Auch die Hilfswerke stossen an ihre Grenzen: die Zahl der betreuten Opfer von Katastrophen stieg innerhalb von sechs Jahren von rund 500.000 auf mehr als 5,5 Millionen Menschen.

Kurskorrektur
Was haben diese Beispiele gemeinsam? Es geht um Umdenken, darum, dass ein Weg in eine Sackgasse geführt hat und in bisheriger Art nicht weitergeht. Es geht nicht um Katastrophen-Angst und Zukunfts-Pessimismus, sondern umgekehrt um Kurskorrektur und Neuanfang. Es geht um das, was die religiöse Tradition „Busse“ nennt, was dort aber einen derart schlechten Ruf geniesst, dass jeder beim Wort „Busse“ abhängt und vermutet, es werde wieder mal mit Katastrophen-Angst und Gewissens-Not Seelenfängerei betrieben.

Aber die Sache ist da, Entwicklungswege bedürfen ab und zu einer Korrektur, sonst hätte man Fahrzeuge ja nicht mit einem Steuer ausgerüstet und die Strassen nicht mit Wegweisern beschildert. Es ist auch ein psychologisches Bedürfnis, weil das Leben sich immer wieder wandelt. Alte Einstellungen geraten in eine Krise und müssen sich neuformieren. Das macht die Dramatik des inneren Lebens aus. So ist eine grosse Nachfrage da nach allem, was auf diesem Weg helfen und orientieren kann.

Verborgene Einsiedler …
Und dementsprechend gibt es auch ein grosses Angebot an psychologischen Lebenshilfen und „alternativen“ Wegen. Nur die Kirchen geniessen hier nicht den besten Ruf. Man denkt an Beichte, an Sündenpredigten und Exkommunikation. Weniger bekannt ist, dass die Kirche seit ihren Anfängen auch einen seelsorgerlichen Umgang mit Umkehr-Situationen pflegt. (Das Wort für „Busse“ heisst in der Bibel wörtlich „Umdenken‘ oder „Sinnesänderung“). In der Antike waren es die Wüstenväter, die als Einsiedler lebten und von weither um Hilfe angegangen wurden. Weil sie nicht im Dorfstreit involviert waren, konnten sie Rat geben. Später waren es Mönche, die diese Tradition fortführten und so das vorbereiteten, was sich vor 100 Jahren in der Psychologie entwickelte: ein seelsorgerliches Wissen um den Menschen und seinen Weg, seine Krisen und Wachstumsphasen.

… und öffentliche Propheten
Dazu gab es auch immer wieder prophetische Gestalten, die den Mut hatten, einer als fehlerhaft empfundenen gesellschaftlichen Entwicklung entgegenzutreten. Anfangs wurden sie verfemt, später rehabilitiert, weil ein Neuanfang nur auf dem Weg geschehen konnte, den sie gewiesen hatten. Das sind Traditionen, die heute wiederentdeckt werden. Sie helfen auf dem stillen Weg der persönlichen Entwicklung. Im öffentlichen Bereich ist es so wie eh und je: es braucht Mut, sich zu exportieren und für seine Überzeugung einzustehen.

Die Schweiz feiert am 21. September den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Früher war dieser Tag oft mit Aufrufen verbunden, heute überlassen es die Behörden dem einzelnen, wofür er danken und beten will – und wo er oder sie allenfalls Anlass sieht, einen eingeschlagenen Kurs zu korrigieren. Wer im Spital liegt, weiss es. Da wächst eine starke Motivation, und der erste Tag nach dem Austritt ist wie der erste Tag eines neuen Lebens.

 

Hinweis: Die Vorschläge für eine Verhaltensänderung, für die Änderung des Lebens, führen eine alte ethische und religiöse Tradition weiter. Lesen Sie: «Eine Leiter vom Himmel zur Erde»

Aus Notizen 1999

Foto von Alesia Kozik,, Pexels