Die unmögliche Aufgabe, die eine Kultur begründet

Nicht nur in Märchen, auch in Sagen des Altertums begegnet das Motiv: „Sechse kommen durch die ganze Welt“. So auch in der Sage von der „Argo“, dem Erkundungsschiff, das erstmals die gewohnten Grenzen hinter sich liess und das mit den grössten Helden Griechenlands bestückt war – so muss die Fahrt gelingen.

Das wird ohne weiteres fortgesponnen in Science-Fiction Filmen, wo ein Raumschiff die Erde verlässt und das Sonnensystem, wo es in ferne Welten vordringt. Es ist die Frage: Wie gross muss die Crew sein? Wer muss dazu gehören? Welche Kompetenzen braucht es, damit die Mission gelingt?

Die mögliche Aufgabe
Das sind Geschichten von Entdeckung, von Kolonisation, von der Ausbreitung einer Kultur auf neue Inseln und Kontinente. Sie sind verbunden mit Erfindungen, mit technischen Neuerungen, die eine solchen Aufbruch erlauben: Die Eindämmung der Flüsse gibt Wasser und fruchtbaren Boden, Saat und Ernte bringen mehr Ertrag als Suchen und Sammeln… Es sind Geschichten von Zivilisationsbringern. Sie waren die ersten, die eine Stadt erbauten, sie haben das Feuer gebracht, sie lehrten die Verhüttung von Eisen…

Daran erinnern auch alte chinesische Erzählungen (z.B. «Die Räuber vom Liang Shan Moor“). Ausgestossene finden sich im Wald, im Moor, in unwegsamem Gelände. Da können sie sich verstecken und dem Zugriff entziehen. Sie tun sich zusammen, überfallen Reisende. Sie entdecken ihre Kraft, bald sind auch Dörfer nicht vor ihnen sicher. Sie wagen sich sogar an eine Stadt heran. Jetzt ist es nicht nur der Gouverneur, der von ihnen Kenntnis nimmt, auch der Kaiser schickt seine Truppen. Die Räuber organisieren sich immer besser. Was braucht es noch, um einem Staat Paroli zu bieten? Sie organisieren Nachschub, die Herstellung von Waffen und Kleidern, die Zucht von Pferden. Auch Weise, Schriftgelehrte und Strategen kommen dazu. Ein Siegelschneider, der amtliche Dokumente fälschen kann…

Was braucht es für einen Staat?
Wie viele braucht es für einen Staat? Welche Kompetenzen braucht es, damit ein Gemeinwesen alle Aufgaben erfüllen kann, damit es besteht, damit es Leben erzeugt, schützt und weitergibt? – Am Anfang dieser Geschichten gibt es immer einen Abschnitt, den man mit „Sammlung“ überschreiben könnte: ein Recke nach dem andern taucht auf. Jeder ist an seinem Ort gefürchtet oder bewundert. Er findet den Weg zur Bande. (Und gross ist das Lesevergnügen in dieser Phase, wo die einzelnen charakterisiert werden, wo ihr staunenswertes Können vorgeführt, ihre Schwächen liebevoll karikiert werden.)

Bald ist die Bande so gross, dass sie bewusst auf die Suche nach Helden geht, die sie ergänzen könnten. Wie eine Firma ihre Mitarbeiter sucht, rekrutieren sie die Helden und führen sie in den Schoss der Bande. So wächst sie an Zahl und Einfluss. Die Räuberbande wird bald zu gross, als dass der Staat sie noch im Wald, im Sumpf hausen lassen könnte. Sie wird amnestiert und integriert. Der Räuberhauptmann wird ein hoher Würdenträger. So ist es in der chinesischen Räubergeschichte von Liang Shan Moor. So ist es in der biblischen Davids-Geschichte, wo der Räuber zum König wird und zur Vorausdarstellung des Messias, der am Ende der Zeit erwartetet wird.

Es ist eine grosse Geschichte. Da wird die Entstehung von Zivilisationen und Kulturen erzählt. Und doch bewegt sich das immer noch nur im Bereich der Autonomie. Und dieser Bereich ist klein, wenn man fragt, was es braucht, bis ein Mensch, bis eine Gemeinschaft ihr Leben führen und erhalten kann. Nicht alles fügt sich dem planvollen Handeln, auch nicht, wenn der Staat seine kollektiven Mittel beisteuert, wenn die Gesellschaft das Handeln von vielen Einzelmenschen koordiniert.

Die unmögliche Aufgabe
Die «mission impossible» bezieht sich auf Dinge, die wir als Aufgaben begreifen und für die wir eine Verantwortung spüren, wenn wir das Leben richtig und nach seinem Vollbegriff führen wollen. Und gleichzeitig erfahren wir bald, dass sie aus unserer Verantwortung allein nicht zu lösen sind.

Vieles können wir nicht herstellen, vieles fügt sich nicht unserem Tun und Wollen. Vieles können wir uns nur schenken lassen, es ist das meiste, was unser Leben als Individuen und Kulturen ausmacht, ja unser Dasein als Gattung Mensch. Das Verhalten, das hier weiterhilft, wird oft als Gegensatz erfahren zu einem planvollen Handeln. Oft ist das Wesentliche, das in unserem Leben erfüllt sein will, nur auf Umwegen zu erfahren. Und diese finden wir, indem wir auf Hindernisse stossen, die unmöglich zu beseitigen scheinen.

Da ist sie nun, die mission impossible. Das Leben selbst ist uns geschenkt. Wir können es kaum verlängern, trotz aller Medizin, es nicht erzeugen, wenn es verloren ist. Die Antwort auf die Endlichkeit des Lebens hat die Natur schon längst gefunden, es ist die Generativität des Lebens: Es umarmt den Tod und nimmt ihn in seinen Dienst. Es geht über Tod und Geburt zu neuen Formen und Weisen, die das Leben weitertragen und an neue Umweltbedingungen anpassen.

Aber das festzustellen, genügt nicht. Es muss akzeptiert sein. Es muss in das eigene Leben aufgenommen werden, wenn es nicht als absoluter Widerspruch erfahren werden soll. So entsteht eine Kultur, die das Leben trägt und aus seinen Krisen neu aufstehen lässt.

 

Aus «Am Nullpunkt beginnt das Neue. Religiöse Rede heute. Texte, die sich an Gott wenden und von Gott erzählen.»

Lesen Sie: «Am Nullpunkt beginnt das Neue»

Bild: Die Reise der Argonauten,
https://www.meisterdrucke.ch/kunstdrucke/Abraham-Ortelius/41239/Karte-der-Reise-der-Argonauten,-aus-dem-Theatrum-Orbis-Terrarum,-1603.html