Konservative Wende?

Gestern wurde der Papst zu Grabe getragen. Wir nahmen über das Fernsehen am Gottesdienst teil. Es war ruhig und schön. Ich habe selten, vielleicht noch nie in dieser Zeit, gesehen, dass Kirche und Christentum so positiv wahrgenommen werden. Da fügt sich das Bild harmonisch ein, wie Trump und Selenskyj sich bei dieser Gelegenheit im Petersdom auf zwei Stühlen gegenübersitzen. Es ist ein hoffnungsvolles Bild. Als ob etwas von diesem Papst, vom Frieden dieses Gottesdienstes, auf die Politik hinüberstrahlen würde.

Ein neuer Geist
Die ruhige und friedvolle Stimmung, die von diesen Ereignissen ausgeht und die den ganzen Tag anhält – es ist, als ob die ganze Haltung dieser Welt umgeschlagen hätte, ohne Streit, einfach so, wie ein Wind, der sich gedreht hat. Ist das die «konservative Wende», von der da und dort die Rede ist? Das Konservative – lang habe ich versucht zu verstehen, wie das in der Politik Gestalt annehmen könnte. Vieles, was mir wichtig war, kam in der Politik gar nicht vor.

Kann es eine konservative Partei geben?
Wenn ich mir eine Erlaubnis zugesprochen hätte, dass auch meine Welt in der Politik abgebildet sein müsste, so hätte ich von einer Repräsentationslücke gesprochen, in der konservativ gestimmte Menschen sitzen, so dass ihre Empfindung einfach nicht wahrgenommen und in der Politik vertreten werden. Damit meine ich nicht die neuen und alten Rechtsparteien, wo das Konservative als Ideologie zitiert wird, wo es mal lächerlich erscheint und mal ins Totalitäre gewendet.

«Konservativ» – das wäre ein Bewahren des Alten und Bewährten dort, wo das Neue nicht besser ist, sondern einfach eine Umschichtung von Geld und Vermögen verspricht. Konservativ, das wäre eine Unterstützung der familistischen Gesellschaft dort, wo die organisationsbestimmte Gesellschaft versagt, wo die Gemeinschaft also auf die Problemlösungs-Kapazitäten der Gemeinschaft zurückgreifen muss. Denn um all die Aufgaben der Familie wegzunehmen und in geldwirtschaftlich organisierte Institutionen für Erziehung, Pflege, Bildung, Kinder-, Jugend- und Altersarbeit umzulagern, dafür fehlt schon das Geld. Und jetzt erst recht, wo Milliardenbeträge in Infrastruktur und Militär investiert werden müssen.

Rollenbilder
Das heisst nicht, dass alles wieder am Rollenbild der Frau festgemacht werden muss. «Familistische Gesellschaft» – das Wort bezeichnet einen Idealtyp, keine empirische Beschreibung – meint eine Problemlösung auch aus den Ressourcen von Familie und Verwandtschaft. Das wird an Rollenbildern festgemacht – so handelt man als Vater, Mutter, Grosseltern etc. – statt, dass alle Aufgaben ausgelagert werden auf Institutionen, die am Markt eingekauft oder vom Staat angeboten werden. Aber wie die Rollenbilder aussehen, das ist nicht ausgemacht, das ist in stetem Wandel und kann auch immer wieder neu ausgehandelt werden.

Der überforderte Staat
Keine Rückkehr zu den Hilfsmitteln der Familie gibt es aber, wenn die Gesellschaft immer weiter in atomistische Partikel aufgelöst wird, wenn die Familie immer mehr aus dem Zivilrecht verschwindet und selbst Steuer- und Erbrecht keine Realität mehr anerkennen, die über den einzelnen hinausgeht.

Diese Projekte werden am Geldmangel des Staates scheitern. Und der überforderte Staat selber wird wieder auf die Familien zugehen und sie zur Mitverantwortung auffordern – nachdem die sozialen und kulturellen «tools» jahrzehntelang aufgelöst wurden, mit denen die Gesellschaft das früher bewältigte.

Instruktiv ist das Bild von jungen Menschen, die aus den Grossstädten, wo sie keine Arbeit, keinen Verdienst und keine Wohnung mehr finden, wieder aufs Land ziehen und im Niemandsland alte Techniken wiederbeleben.

Wenn eine Kultur umschlägt
Vielleicht kann das – so ging mir auf -, was mir als «konservativ» vorschwebte, gar nicht in einer Partei verkörpert werden, da muss es wohl grobschlächtig und ideologisch werden und korrumpiert durch Interessen des Aufstiegs und der Verteidigung von Macht und Einfluss, mit all den Kompromissen und Hinterzimmer-Absprachen, die das mit sich bringt. Vielleicht kann das nur als Haltung eingelöst werden, wenn eine Kultur umschlägt, wenn sie die Richtung ändert, wenn viele Menschen zugleich eine neue Blickrichtung einnehmen und so Dinge möglich werden, ohne dass man sie erzwingen oder herbei-dealen muss.

Eine Wende?
Braucht es eine Wende? Nein nicht «Wende», das ist das Wort für diese atemlosen Programme, durch die in immer näher herandatierten Zeitpunkten eine Kehrwende zentraler Verhaltensweisen erzwungen werden soll.

Das Wort Wende trifft es wohl nicht. Das ist viel benutzt und abgenutzt und belastet mit Bildern der Überforderung, wenn eine ganze Weltwirtschaft innert kürzester Zeit umgepolt werden soll, damit sie «klimaverträglich» wird. Die Globalisierung hat eine Wende erlebt, die Lieferketten müssen zurückgeholt werden, Energieversorgung und Dekarbonisierung erfordern eine Wende. Die Landesverteidigung steht nicht zurück. Mit dem Krieg in der Ukraine stehen Erfordernisse auf dem Programm, die eher schon gestern eine Wende verlangen als morgen.

Das herbeizwingen zu wollen führt zur Abwahl von Parteien, zu immer schwierigeren Regierungsbildungen. Es braucht vielleicht den «zwanglosen Zwang» einer Richtungsänderung, wenn der Wind umschlägt und das Schiff vorwärtsbringt, das vorher in der Flaute dümpelte oder wegen der Stürme im Hafen lag. Bei der Beerdigung des Papstes, so schien mir, war etwas von diesem Wind zu spüren, von diesem Wind, der gerade darum Veränderung ermöglicht, weil er das Alte würdigt.

 

Foto von Sergey Guk, Pexels