Neuer Aufbruch

Ich war über Pfingsten auf dem Grab meiner Eltern. Es liegt ausserhalb der Grossstadt, ich war nicht viel dort. Ich hatte das Gefühl, sie seien dort nicht am richtigen Ort. Sie waren nach der Pensionierung weggezogen, vom Ort, wo sie jahrelang gelebt, wo sie ein Geschäft aufgebaut und Kinder aufgezogen hatten, wo sie ihren Lebensmittelpunkt hatten.

Sie lebten am Stadtrand von Zürich, in einer Stadtrand-Gemeinde, wo damals massenweise gebaut wurde. Für mich waren sie dort nicht wirklich heimisch. Aber dort sind sie gestorben und begraben. Ich ging nicht gerne hin.

Jetzt aber ging ich hin. Der Tod meines Vaters jährte sich zum 24. Mal. Es geht nicht mehr lange, bis das Grab aufgehoben wird. Ich fand es zuerst fast nicht, endlich stand ich davor.

Abschied
Ich setzte mich auf eine Bank. Ich betete, sprach mit Vater und Mutter. Erinnerte mich an vieles aus dem Leben. Manches tauchte brandheiss in der Erinnerung auf, ich schämte mich für meine Lieblosigkeit.

Ich bat um Vergebung und habe angeschaut, was mich früher von ihnen entfernte. Bis nichts Trennendes mehr da war. Ich umarmte sie fest in der Vorstellung, so dass ich es spüren konnte, fast als ob ich sie wirklich im Arm hielte. Dann bat ich die Eltern um ihren Segen für mich und meine Frau und für unsere Kinder. Dann verabschiedete ich mich von ihnen und legte sie Gott ans Herz.

So machte ich es auch mit meinem verstorbenen Bruder und mit anderen Toten in meinem Leben. Als ich ging, hatte ich das Gefühl, als ob ich eine grosse Reise gemacht hätte. Ich fühlte mich durchgewalkt, „gfetzt und ghudlet“, und spürte einen grossen Frieden. Ich war wieder bereit, um auf Menschen zuzugehen.

Rückzug
Diese Erinnerung hilft mir, mich etwas in die Situation der Jünger einzufühlen. Sie hatten damals alles verloren, was ihnen lieb und teuer war. Sie waren verwaist und geschockt. So zogen sie ihre Lebensgeister zusammen. Sie lebten nach innen, sie wären überfordert gewesen, wenn sie gross nach aussen hätten auftreten müssen. Darum erzählt die Bibel, wie sie beisammen waren, sich in einem Zimmer einschlossen, kaum nach aussen in Erscheinung traten.

Aber dann wurden sie berührt. Es kam von aussen. Und innerlich war wohl etwas bereit. So dass sie sich wieder aufmachen konnten. Für mich ist das auch ein Aspekt von Pfingsten: dass Menschen, die ganz nach innen gerichtet sind, sich wieder aufmachen können. Sie fassen neues Vertrauen, neuen Lebensmut. Es ist wie ein neues Leben, sie sind belebt wie von einem neuen Geist.

Aufbruch
Der neu-alte Geist, das Vertrauen, das so verletzt war, fasst wieder Grund. Und die Bewegung kehrt sich um: nicht mehr nach innen, nicht mehr das Grübeln und Suchen und Verzweifeln, sondern Ja sagen, weil Gott ja gesagt hat. Aufmachen, die Läden öffnen, die Sonne hereinlassen, hinausschauen und hinausgehen. Auf Menschen zugehen. Sich nicht mehr um sich selber drehen, sondern das Miteinander finden mit den Menschen.

Das ist Pfingsten, ein neues Ja zum Leben, eine Kraft zum Hinausgehen in die Welt und zum Nachbarn, ein Miteinandersein, ein Kirche-Sein in dieser Hoffnung und diesem Vertrauen zu Gott, der mit uns ist auf unserem Weg. Das meint vielleicht Christus, wenn er sagt: Gott und er würden zu uns kommen im Heiligen Geist. „Wir werden zu euch kommen und Wohnung bei euch machen.“

 

Foto von Gary Barnes, Pexels
Aus Notizen 2010