Der Kirche wie dem Staat schwindet heute die soziale Basis, auf denen ihr Überbau aufruht. Was hier die Bindung an Demokratie ist, ist dort die Bindung an einen Gottesglauben. Das eine ist gefährdet von extremem Gedankengut, das andere von der Verflüchtigung des Gottesgedankens in der «Säkularisierung». Kollektive Bindungen können heute nicht mehr einfach eingefordert werden, es sind Leistungen von einzelnen. Das ermöglicht eine Mehrheit von Fall zu Fall. Gesetzgebung wird so schwieriger, das Glaubensleben droht analog, in tausend Splitter zu zerfallen und die Sichtbarkeit einer kollektiven Existenz zu verlieren. – Gedanken zum Reformationstag 2025. Weiterlesen
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Wenn man Menschen fragt, wie sie zur Kirche gekommen sind, erinnern sie sich an Begegnungen. Sie erzählen von einem Menschen, der ihnen Eindruck machte. Oft sind es unspektakuläre Erlebnisse, aber es war mit Glauben verbunden. Es war eine innere Freiheit dabei. Es war so, dass sie das auch lernen wollten. Weiterlesen
„Für meinen Glauben brauche ich die Kirche nicht. Gott finde ich in der Natur.“ Diese Aussage hört man häufig. Auch die Bibel kennt eine Offenbarung in der Natur. Hat Gott sie nicht hervorgerufen? Aber er zeigt sich auch in der Geschichte: in den Heilstaten des ersten und zweiten Testamentes. Das Reformationsfest erinnert an ein jahrhundertelanges Ringen um Glauben, Wissen und Weltgestaltung. Weiterlesen
Geht Gott in Geschichte ein?
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Dass der Glaube und alle seine Inhalte geschichtlich seien, gilt heute als selbstverständlich. Es ist kaum noch einfühlbar, wie Jahrhunderte der Glaubensgeschichte diese als «überzeitliche Grössen» behandelten. «Gott», «Heil», «Reich Gottes» – das schien einem «Jenseits» anzugehören. Das Dasein auf dieser Welt wurde entwertet, es wurde gar nicht ernst genommen. Weiterlesen
Unsere Tochter, die Nahoststudien betreibt, hat mir ein Buch von Ibn Tufail geschenkt, dem islamischen Theologen aus dem 12. Jahrhundert. Wie die christlichen Theologen stand er vor der Frage, wie die neu bekannt gewordene aristotelische Philosophie mit der Glaubenslehre in Übereinstimmung gebracht werden kann.
Er verteidigte die Philosophie gegenüber den Angriffen der Glaubens- und Rechts-Gelehrten. Die philosophische Erkenntnis stimme mit den „richtig verstandenen“ Inhalten der Offenbarungsreligion überein, besser sogar als „die bloss symbolhafte Religion der breiten Massen“.
Epochen der Geistesgeschichte
Das war auch das Ziel der christlichen Theologen jener Zeit. Und seither sind die Versuche, nicht abgerissen, den Glauben an Gott mit der Kultur und ihren Wahrheitsbegriffen zu versöhnen. Das begleitet die Geistesgeschichte in ihren immer neuen Anläufen, die Wirklichkeit zu verstehen. Immer wieder kam eine neue Sicht auf. Bei den grossen Umbrüchen setzte man eine «Epoche» und sprach von «Mittelalter» «Renaissance», «Neuzeit», etc. Aber immer schneller veränderte sich der kulturelle Rahmen. Immer schneller drehte sich das Karussell der Vermittlungs-Versuche.
Wer sich mit protestantischer Theologie im 19. Jahrhundert beschäftigt, bewundert die Vielzahl von Entwürfen. Sie folgen den verschiedenen philosophischen Systemen auf dem Fuss. Es war eine ungeheuer produktive Zeit. Aber das eine System frass das andere auf. Die Druckerschwärze war kaum eingetrocknet, schon kam der nächste Entwurf.
Das Karussell der «turns» und «Wenden»
Auch unsere Zeit ist schwer auf den Begriff zu bringen, immer schneller drehen sich die Versuche, das Wesen dieser Zeit zu erfassen. Nachdem die Philosophie eine «sprachphilosophische Wende» durchgemacht hat, häufen sich die Entwürfe. Immer neue «turns» und «Wenden» werden nach dem Vorbild dieses «linguistic turn» ausgerufen. Die NZZ berichtet heute (17. Oktober 2019) von der «relationalen Wende» in der Psychologie und gestern vom «ontological turn» in der Ethnologie. Nach dieser Wende wird auch Magie wieder salonfähig, es entspricht ja dem «Wirklichkeitsdenken» afrikanischer Kulturen. Und wir können uns davon nicht distanzieren, da es keine Wahrheits-Konzepte mehr gibt, die kulturelle Schranken überwinden könnten. Im kulturellen Relativismus dieser Zeit würde das als neokoloniale Anmassung empfunden.
Relativismus
Wer meint, auf diesen Zug aufspringen zu können, der muss auch all die andern turns berücksichtigen. Nach dem „cultural turn“ folgten der „practice turn“, der „performativ turn“, der „pictorial turn“, der „geographical turn“ der „emotional turn“. Weitere Wenden sind der „somatic“ oder corporeal turn“, der interpretive turn, der performative turn, der reflexive (rhetorical, literary) turn, der postcolonial turn, der translational turn, der spatial turn, der graphic turn und der iconic turn oder pictorial turn.
Schon lange beklagen sich die Fachvertreter über die Inflation von Neuansätzen und sehen sich doch gezwungen, in dem Wettrennen mitzumachen. Es wundert nicht, wenn die systematische Theologie heute keine Breitenwirkung mehr entfaltet. Wenn die Relativität aller Hinsichten ideologisch festgemacht ist, gibt es keinen Boden für eine Verständigung über den Zufall der Identität hinaus, in die man hineingeboren wurde.
(Eine kritische Würdigung findet sich in Doris Bachmann-Medick: Turns und Re-Turns in den Kulturwissenschaften, in Michael Gubo et al: Kritische Perspektiven: „Turns“, Trends und Theorien, S. 128 – 143).
Der «Geschmack» des Glaubens
Ibn Tufail, der islamische Gelehrte des 12. Jahrhunderts, verteidigte die philosophische Erkenntnis gegen die Angriffe der Glaubenshüter. Gleichzeitig verteidigte er den Glauben gegen seine Aufhebung in Philosophie. Er nahm die Mystik auf, „indem das Schmecken (dauq), die unmittelbar intuitive Erfahrung als Erkenntnisquelle etabliert und dem theoretischen Erfassen (idrak nazari) gleichgestellt, ja übergeordnet wird. Beide Wege bzw. Methoden (tariq), die Philosophie wie die Sufik, werden dabei miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig.“ Das sei der „mystic turn“ von Ibn Tufail, schreibt der Herausgeber des Buches von Ibn Tufail.
Vielleicht brauchen wir heute auch im Christentum einen solchen «mystic turn»: eine neue Wertschätzung für einen Glaubenszugang über Intuition und Glaubensübung. Denn diese sind der rekonstruierenden Erkenntnis nicht nachgeordnet, darin lebt der Glaube.
Die Quelle
Ibn Tufail verwandelt die religiöse Erfahrung nicht in Aussage-Sätze einer Theologie oder Philosophie, oder nicht nur. Er behält den Kontakt zur Erfahrung, die das Wesentliche ist, die Quelle, das Leben, der Inbegriff, wo ein Mensch zum Ziel findet und jeden Tag Freude und Zuversicht erleben kann.
Hier ist der Ort, wo er hingehen kann, die Türe, durch die er schreiten kann, der Garten, der sich öffnet. Hier ist der Augenblick, wo er sich vor Gott hinstellen kann und sich in Gott alles gegenüberstellen. Hier ist das Gebet, wo er alles vor Gott hinbringen kann, Orientierung finden, so dass er nachher im Alltag auf alles zugehen kann. Hier ist die Begegnung, die Mitte, das Vertrauen, so dass er alles übergeben kann und auch sich selbst, worauf er alles zurückerhält – sich selbst und die Situation und die Welt – aber anders gedeutet, er sieht, wie es weitergeht, er ist voll Mut und Zuversicht.
Das erwähnte Buch ist: Abu Bakr Ibn Tufail, der Philosoph als Autodidakt. Ein philosophischer Inselroman, Hamburg 2009
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Die reformatorische Auffassung von der Bibel, vom biblischen «Wort» und seiner Verkündigung, ist keine Literatur- oder Sprachtheorie, sondern ein mystisches Konzept. Es handelt von „allem“ und wie der Mensch darin situiert ist. Weiterlesen
Zum Reformationstag am 31. Oktober
Die Reformation ist eine Epoche in der Geschichte, die auch nach 500 Jahre nichts von ihrer Wirkung eingebüsst hat. Das kann uns wieder bewusst werden, wenn wir sehen, wie andere Kulturen mit ihrer heiligen Schrift umgehen. Weiterlesen
Ich habe eine Taufurkunde ohne Taufspruch. Liegt das am Pfarrer oder an der Gemeinde? Dafür erfahre ich, dass ich in St. Peter getauft wurde, einer Kirche in Basel, in der Nähe des Spalenbergs, wo meine Eltern damals ein Geschäft hatten. Weiterlesen
500 Jahre Reformation. Das wird jetzt hoch gehängt, im Jubeljahr, mit Honoratioren und Professoren. Wer fühlt sich da berufen, auch noch etwas beizutragen? Auf der andern Seite ist es das Allergewöhnlichste. Es geht um den Glauben, um das tägliche Brot, von dem wir leben – als Angehörige dieser Kirche. Weiterlesen
