Wahrheit
Wahrheit – schon oft totgesagt, meldet sie sich heute wieder zurück. Aber auch ihre Leugnung im sog. Nihilismus beschäftigt heute wieder die Menschen. Es ist nicht nur ein Schulstreit, es geht um das Vertrauen in die Entwicklung von Zivilisation und Demokratie. Nicht nur zweifeln heute viele Menschen an der Entwicklung, es geht manchmal schon Richtung Verzweiflung. Doch die Wahrheit ist unverzichtbar. Ohne sie funktioniert nicht mal die russische Kriegführung, wie ein Beispiel zeigt.
Unverständliche Gewalt
«Eine neue Form des Extremismus bereitet den Schweizer Behörden Sorgen. Der gewalttätige Nihilismus verherrlicht Gewalt um der Gewalt willen – ohne zugrunde liegende Ideologie.» So schreibt die Journalistin Juliette Jeannet in RTS (19.07.2026). «Im Gegensatz zu herkömmlichen Radikalisierungsformen vertritt diese Bewegung weder eine politische noch eine religiöse Sache.»
«Beim extremistischen Nihilismus ist Gewalt nicht nur ein Mittel, sondern auch ein Selbstzweck», zitiert sie Géraldine Casutt, von der Fachstelle für Radikalisierungs-Prävention des Kantons Waadt. «Die Menschen, die in diese Szene geraten, suchen nach etwas», sagt Casutt. «Man verspürt ein Unbehagen, ein Fragezeichen im Herzen und im Kopf.»
Als ob nichts mehr einen Sinn hätte
Der Nihilismus (von lat. nihil = nichts) war im späten 19. JH und nach den Weltkriegen ein Konzept, um die Entwicklung in Kultur und Politik zu deuten. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche erwartete, dass nach dem «Tod Gottes» und nach dem Ende der Metaphysik moralische Werte und das Konzept von Wahrheit ihr Fundament verlören. Er unterschied einen passiven von einem aktiven Nihilismus, welch letzterer nicht nur in Resignation verharre, sondern als destruktive Kraft die bestehenden Werte und Strukturen zerstöre, um Platz zu schaffen.
In der Folgezeit ist der Nihilismus immer wieder aufgetaucht, nicht nur als Deutungsmuster, sondern auch als Impulsgeber für verzweifelte Aktionen. Vor der Revolution von 1917 gab es in Russland eine starke nihilistische Bewegung, aus der radikale Gruppen der Revolutionszeit hervorgingen.
Krieg und Krisen
Kriege und Krisen schufen immer wieder einen Boden, auf dem nihilistische Ideen aufkamen. Der Erste Weltkrieg zerstörte das Vertrauen in Fortschritt, Vernunft und Humanität. Die Erfahrung von Massensterben und Sinnlosigkeit liess nihilistische Ideen wieder aufkommen. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust führten zu einer erneuten Infragestellung von Moral, Geschichte und Fortschrittsglauben. Die Krisen der Gegenwart reihen sich in diese Geschichte ein.
Neuer Nihilismus
Heute stellen Digitalisierung, Klimakrise und politische Polarisierung neue Anlässe dar, an Sinn und Zukunft zu verzweifeln. Eine KI-Übersicht unterscheidet drei Formen:
Technologischer Nihilismus: Er entzündet sich an der Frage, ob Fortschritt (z. B. durch KI oder Gentechnik) noch menschliche Werte respektiert.
Ökologischer Nihilismus: Die Erkenntnis, dass der Mensch die Erde zerstört, führt zu einer Haltung der Resignation oder der radikalen Veränderung.
Politischer Nihilismus: Der Verlust von Vertrauen in Institutionen (Demokratie, Medien, Wissenschaft) führt zu Zynismus und Apathie.
Auferstehung der totgesagten Wahrheit
Sollte es immer so weiter gehen? Eine seltsame Nachricht kommt aus Russland und aus dem russischen Krieg. Der russische Präsident Wladimir Putin sucht immer wieder, mit Phantasie-Erfolgen Siegesstimmung zu verbreiten. Wer den Frontverlauf aber über Satellitenbilder nachzeichnet, kommt zu anderen Ergebnissen. So scheibt die NZZ:
«Die Russen wurden Opfer ihrer eigenen Propaganda und der systematischen Beschönigungen in ihrer Befehlskette. Das Phänomen ist seit Längerem bekannt: Lokale Offiziere werden von ihren Vorgesetzten mit unerreichbaren Vorgaben unter Druck gesetzt und melden fiktive Eroberungen, bei denen es sich bestenfalls um Infiltrationen einiger weniger Soldaten handelt. In der Generalität schenkt man solchen Berichten nur zu gerne Glauben, weil von oben rasche Erfolge eingefordert werden. So verzerrt sich das Lagebild immer weiter, je höher man in der Hierarchie geht.» (NZZ 17.9.26. «Die Ukrainer erobern Gebiete im Donbass zurück.»)
Die zynisch in Dienst genommene Wahrheit meldet sich zurück. Auch eine Welt, die nur der Macht gehorcht, kommt ohne den Wahrheitsanspruch nicht aus. Trotz allem Zynismus, trotz Gewaltherrschaft und Lügenpropaganda ist das Festhalten an Wahrheit unersetzlich. Selbst Diktaturen, die «Wirklichkeit» scheinbar nach ihrem Gutdünken herstellen können, sind der Wahrheit unterworfen.
So wird diese Meldung von der Kriegsfront für mich zu einem Kommentar auf alle nihilistischen Ansagen, die Wert und Wahrheit aufheben wollen.
Foto Vika Glitter, Pexels
Lesen Sie „Verteidiger der Wahrheit„. Die Suche nach dem Absoluten und die Angst vor Radikalisierung.









