Zweite Herrschaft
Ich lese ein Buch über Napoleon und staune über die Parallelen zu Donald Trump. Auch Napoleon kam zu einer zweiten Herrschaft, auch er bereitete sie durch eine Flut von Verordnungen vor, noch bevor er sie formell eingenommen hatte. Auch in der zweiten Herrschaft kam es zur Verfolgung von illoyalen Untergebenen und zur Vergeltung erlittener Schmach. Das Hin und Her der Geschichte liess damals ganz Europa erbeben, die europäische Mächte mobilisierten ihre Heere, bis Napoleon bei Waterloo endgültig geschlagen und nach St. Helena deportiert worden war.
Vergeltung?
Angehörige meiner Generation sind mit dem Buch «Graf von Monte Christo» aufgewachsen, in dem Alexandre Dumas auf die Zeit von Napoleons erster und zweiter Herrschaft zurückschaute, während er selber in den 1840er Jahren schrieb, als sich Frankreich schon wieder zu einer Revolution rüstete.
Die Menschen schauten auf ein Wechselbad zurück: auf Ancien Régime, Revolution, Terror und Ausgleich unter Napoleon. Da waren Kaisertum, Sturz und Verbannung, Rückkehr, Herrschaft der 100 Tage, und wieder Sturz und Einsetzung der alten Cliquen. Da wurde gemordet und abgerechnet. Da wurden Nachbarn ausgeliefert, weil es jetzt so leicht ging durch eine anonyme Denunziation. Da konnte man Trittbrett fahren auf dem Zug der allgemeinen Geschichte und seine ganz privaten Geschäfte mit-erledigen.
Die Korrektur der Geschichte
Der «Graf von Monte Christo» ist einer dieser Verlierer, der zurückkommt als Rächer. Und die Rache füllt den grössten Teil des Buches, zum Leidwesen der jugendlichen Leser, die lieber den Abenteuern folgen würden. Hier wird die Rache bis zum Exzess getrieben, bis zur buchhalterischen Genauigkeit eines Jüngsten Gerichts. Aber da ist kein göttlicher Richter, trotz der Belohnungen, die er auch austeilt. Er tut es als Mensch, er ist der Aufgabe nicht gewachsen. Sein „Gericht“ wird zu einer weiteren Folge in dem nicht abbrechenden Ablauf von Unrecht, Rache und neuem Unrecht.
Der Leser kommt ins Denken: Rache? Sollte Gerechtigkeit so herzustellen sein? Und er begreift: Vergebung ist die wahre Korrektur der Geschichte. Hier wird etwas angehalten in seinem höllischen Lauf, hier wird etwas umgekehrt, das eine falsche Richtung genommen hat, hier wird Leben ermöglicht, das in traumatischen Zwängen festgefahren war und das Leid auf dieser Welt immer nur perpetuiert hat.
Auch Donald Trump hat schon vor dem zweiten Wahlsieg Vergeltung angekündigt. Der designierte neue FBI-Direktor Kash Patel hat nach Presseberichten eine Liste von 60 Personen aufgestellt, die zu wenig loyal zum Präsidenten gewesen seien.
Mit einem Federstrich
Die Flut von Dekreten, mit denen der neue Präsident am Parlament vorbei eine neue Ordnung in Gang setzen will, hat ein Vorbild in Napoleon, als er von Elba zurückkam und in Lyon, noch bevor er in Paris eingezogen war und die Herrschaft wieder an sich gerissen hatte, sein Comeback vorbereitete. Einige Regimenter, die ihn hätten aufhalten sollen, weigerten sich, zu kämpfen, oder liefen zu ihm über. Sie vertauschen die weisse Kokarde am Hut gegen die Tricolore, und huldigten dem alt-neuen Kaiser.
Viele Bauern taten es ihnen gleich, weil sie befürchteten, dass die zurückgekehrten Adligen die alten Herrenrechte wieder einführen würden. Die Revolution war nicht «vollendet». Das Bürgertum hatte sich Freiheit erkämpft, aber die unterständischen Schichten litten noch unter den alten Ungerechtigkeiten. So wurde die Revolution bis zu den blutigen Kämpfen der Pariser Kommune von 1871 fortgeschrieben – und bis zu den sozialistischen und kommunistischen Bestrebungen der Folgezeit.
Die elf Dekrete von Napoleon erinnern an Trumps Verordnungen. Neben kleinen Dingen, die symbolisch wichtig waren (die Wiedereinführung der Trikolore) umfasste es die Genugtuung für die alten Kämpfer (die Legionäre aus der ersten Herrschaft erhielten Wahlrecht und Ehrensold zurück) und Schritte, die direkt zur neuen Herrschaft und zur Aufhebung der Restauration führten (Annullierung der zwischenzeitlich ergangenen Umbesetzungen in Armee, Marine und an den Gerichtshöfen; Auflösung des Parlaments und Einberufung der Wahlkörperschaft des Kaiserreichs). So wurde das alte Regime auf dem Verordnungsweg abgeschafft. Der vornapoleonische Adel fiel mit einem Federstrich.
Experimentier-Labor
Frankreich machte eine Folge von Staatsformen durch, die mehr erlitten als durch Reformen herbeigeführt wurden. Den Weg von Revolution zu Restauration hat Frankreich in dieser Zeit mehrfach durchlaufen. Es war kein Nullsummenspiel, denn so wurden neue soziale Gruppen einbezogen, die durch die wirtschaftliche Entwicklung entstanden waren. Es war ein grosses Experimentieren mit dem Ziel, aus heterogenen Gruppen mit sich widersprechenden Zielen eine funktionsfähige staatliche Ordnung aufzubauen.
Neu war das Bürgertum, das zu wirtschaftlichem Wohlstand gekommen war und über die Steuergelder Mitsprache erlangten. Dazu kam mehr und mehr eine Arbeiterschaft in Manufakturen und Fabriken. Wirtschaftlich und gesellschaftlich standen sich Fabrikherren und Arbeiter gegenüber, im Parlament konnte das ausgeglichen werden, nachdem die Arbeiterschaft überhaupt das Wahlrecht erhalten hatte. So entstanden die grossen Mitgliederparteien des 19. Jh.
Grenzen des Parlamentarischen Systems?
Heute scheint eine neue Phase des Experimentierens nötig, da die grossen Milieus ausgestorben sind. Im Parlament waren Bürgertum und Arbeiterschaft abgebildet durch stabile Mehrheiten, die sich in der Regierung abwechseln (oder zur Not auch mal in einer grossen Koalition verbinden) konnten. Das ist vorbei. Zu einer Mehrheit zu finden, wird mehr und mehr zur schwierigsten Aufgabe nach Neuwahlen. Versucht man es mit einer Minderheiten-Regierung, steht immer die Drohung im Raum, diese zu stürzen, wenn sie auf Forderungen nicht eingeht. (So versucht in Frankreich heute schon die zweite Minderheitenregierung, ein Budget zu erlassen.)
Es gibt mehr Kleinparteien, die auch mal «stante pede» gegründet werden, um sich für bestimmte Interessen oder Weltanschauungen eine parlamentarische Basis zu schaffen. Kleine Minderheiten können als «Zünglein an der Waage» grosses Gewicht erhalten. Sie können Forderungen stellen, die sich kaum noch von Erpressungen unterscheiden. Kleine und kleinste Parteien erhalten ein Gewicht bis zu einer Sperrminorität. So wird der Wille der Mehrheit nicht mehr wahrgenommen. Die Politik läuft am Gängelband kleiner Sonderinteressen oder abseitiger Ideologien, die die Demokratie teils überhaupt infrage stellen.
Auf der Welle surfen?
Wie rettet man eine bedrohte Demokratie? Man kann Mindestanforderungen ins Wahlrecht schreiben, damit verfassungsfeindliche Kräfte gar nicht zur Wahl zugelassen werden. Doch rechtliche Vorkehrungen nützen nichts, wenn die Dämme «soziologisch» untergraben werden.
Wenn es schwieriger wird, seine Interessen durchs Parlament zu bringen, mag es für die grossen Player eine Versuchung sein, im Trüben zu fischen, den Bodensatz aufzuwühlen und neue Gruppen im Wahlkampf zu umwerben. In der antiken Geschichtsschreibung findet man die Warnung, «die Hefe des Volkes» nicht aufzumischen. Man mag glauben, sie durch ideologische und soziale Zugeständnisse kontrollieren zu können, aber manchmal wird eine Dynamik ausgelöst, die alle Dämme bricht und auch die Wellenreiter mitreisst, die glaubten auf der Welle surfen zu können.
Lesen Sie «Eine Apokalypse in Napoleonischer Zeit»
Das erwähnte Buch: Friedrich Sieburg, «Napoleon. Die Hundert Tage», Stuttgart 1956
Bild: Zinnsoldat, Napoleon’s Cavalry. 4 Reg, Trumpeter. Year 1809. (Wikipedia)









