Wie es angefangen hat

Ich habe die Wiese mit der Sense gemäht – und keine Kraft mehr in den Händen. Ich hoffe, ich kann schreiben. Bald stelle ich mich für eine neue Stelle vor. Die Phantasie nimmt das beim Mähen auf. War ich nicht oft dabei, wenn Kollegen sich bei uns vorgestellt haben? Da könnte ich doch nachsehen, was so gefragt wird. Ich sollte auch mal lebensklug sein, und nicht einfach alles „auf Gott werfen“ und wie ein Narr in die Zukunft gehen.

Welchen Weg bin ich gegangen?
Die Frage „erzählen Sie mal von sich!“ lässt mich aber bald wieder abschweifen: Von der Lebensklugheit zurück zu meinen eigenen Fragen. Welchen Weg bin ich gegangen? Wo stehe ich – nach meinen Kriterien, nicht nach Kriterien einer anderen Stelle? So zu fragen, scheint etwas Grosses. Ich weiss nicht ob ich Zeit und Kraft dafür habe. Es könnte schön sein, hinzusitzen und dem nachzugehen.

Wo fange ich wohl an? Bei der jungen Journalistin, die ich kürzlich bei einer Veranstaltung traf und die mich an mich selbst erinnerte in früherer Zeit? Sie studiert Philosophie, wie ich damals. Sie arbeitet frei für eine Zeitung, wie ich. Bezeichnet sich als nicht religiös. Auf Rückfrage sagt sie, dass es aber „Restbestände“ gebe, wie bei mir damals.

Was ist mein Weg?
Der Glaube ist im Zentrum. Der Beruf trat bald in den Hintergrund. Als ich „Bundeshaus-Redaktor“ geworden war und damit „bewiesen“ hatte, dass ich ebenfalls „Karriere machen“ konnte, richtete sich mein Interesse schlagartig nach innen. Mit dem späteren Pfarrberuf wurde ich dann aber wieder in die Karriere-Welt getaucht, in der äussere Fragen zählen.

Indirekt war es aber doch auch eine Glaubensfrage. Denn am Anfang meines Glaubensweges stand das Beispiel von Theres in der WG in Bern: Wie sie in der Küche stand, den Dreck der andern abwischte und dabei sang. Ich hatte mich verschiedentlich darüber aufgeregt und mich lauthals bei meinen Kollegen beschwert. Da war z.B. Paolo. Er feierte nächtelange Feste. Und am Morgen war die Küche vollgestellt mit schmutzigem Geschirr. Ich arbeitete eine 60h-Woche. Wenn ich Frühstück machen wollte, musste ich erst einen Platz freiräumen oder im Stehen essen. Da ich mit meinen Vorhaltungen nicht durchdrang, fühlte ich mich nicht respektiert. Nicht so Theres, sie wusch den Schmutz der andern weg und sang dabei.

Woher hatte sie das?
Ich spürte: das kann ich nicht. Diese Frau, die so unscheinbar dahinlebte, konnte mehr als ich. Woher hatte sie das? – Ich wusste, dass sie religiös war. Damals schenkte mir eine Freundin eine Bibel, die dann bei mir auf dem Nachttisch lag. Ich war nicht religiös, begann aber, darin zu lesen. Mit meinen philosophischen und historischen Interessen fand ich auf jeder Seite etwas Interessantes. Die Bibel füllte sich mit Randbemerkungen. Aber gewisse Anklänge des Glaubens waren in mir immer noch vorhanden. Und so führte mich die Lektüre, die Beschäftigung mit der Religion, mit meiner Glaubensbiographie in ganz andere Bahnen als nur zu einem archäologischen Interesse an den alten Hochkulturen.

Der Heiland
Ist es der Begriff „Heiland“, den ich in der Kindheit gehört hatte? – Diese verrückte, wahnsinnige und ganz und gar unwahrscheinliche Geschichte?

Diese Geschichte, die die innerste Sehnsucht des Menschen aufnimmt – in Übererfüllung aller Bedürfnisse, wie sie ihm kaum je zu Bewusstsein kommen, wenn ihm nicht dieses „Ja“ von aussen entgegenkommt? Diese Geschichte, die „ja“ sagt, bevor er auch nur zu bitten wagt, denn so hoch hat die arme Kreatur Mensch nie und nimmer zu hoffen gewagt?

Diese Geschichte, dass Gott selber zur Welt komme, zu den Menschen – dass der Mensch also gar nicht in dieser metaphysischen Nacht zu Hause sei, in diesem grauenerregenden Nichts, in diesem Abgrund der Verlassenheit, wo einer den andern verrät und jeder nur seine eigene Haut retten will…?

Das Leben verdient den Namen nicht
Indirekt stellt meine jetzige Stelle nicht nur die Frage: Wie gehe ich meinen Weg, dass ich den Glauben nicht verliere? Es ist auch die Glaubensfrage selbst. Denn das Beispiel von Theres war die Herausforderung für mich. Es war die Frage, die ich an mein Leben stellte: Kann ich das auch? Es beeindruckt mich!

Das Leben ist nicht voll, es verdient den Namen nicht, wenn einer das nicht kann. Jedenfalls zeigt es, wie vorläufig ich noch lebe, dass da noch ganz anderes ist, von dem ich keine Ahnung habe, wo es mich aber mit jeder Faser meines Herzens hinzieht.

Die Märtyrer
Machen die Märtyrer die Gläubigen? Menschen, die etwas können, was als innere Notwendigkeit in allen niedergelegt ist, aber es kann nicht erwachen ohne dieses Bild von aussen, das zeigt, dass es nicht nur eine Chimäre ist, sondern etwas Notwendiges und Mögliches, ein Weg, wo das Leben durch will und durch muss?

Die Legende von Christophorus zeigt, wie jeder dem Höchsten dienen will, und er geht von einem Herrn zum andern, bis er den höchsten gefunden hat. Aber es sind im Leben immer konkrete Gestalten, konkrete Geschichten.

Früher habe ich im Journalismus Erfüllung gefunden. Es war wichtig, nach aussen etwas aufzubauen. Dann kamen die inneren Fragen, die noch immer wie in einer Wüste lagen, in einem Schlachtfeld, einem Friedhof oder wie die Bilder auch immer sind. Es kamen die positiven Bilder: Ich wollte lieber eine Bibel abschreiben, etwas, was die Menschen und mich wirklich interessiert – und wenn es nur wenige sein sollten -, statt als Agentur-Journalist für Hunderttausende zu schreiben und jene vorgegebenen Inhalte zu verbreiten im Dienst der organisierten Interessen… Und es kam Theres, die mich erinnerte, was ich nicht kann und können will und muss.

Wenn ich lieben könnte
Etwas anderes fällt mir ein, was damals eine ähnlich starke Empfindung bei mir auslöste. Wie ich im Frühling durch die Stadt ging. Ich ertrug es fast nicht. Alle gingen paarweise. Ich aber war nicht fähig, auf einen Menschen zuzugehen, da mich die Trennung von meiner Frau so verletzt hatte. Ich spürte: Ich möchte die Menschen lieben, aber ich kann es nicht. Wenn ich sie liebte, könnte ich ins Reine kommen mit den Menschen und mit mir selber. Aber ich konnte das nicht. Ich konnte nicht lieben, ohne selber Liebe zu erfahren.

So singen können wie Theres – und den Dreck der andern aufputzen. Nicht gedemütigt, aber demütig, um ein altmodisches Wort zu brauchen. Es ist verpönt, weil es falsch klingt, und es klingt falsch, weil es zu schnell verwendet wird, in falschen Zusammenhängen. Es ist etwas Allerhöchstes. Wer sich damit schmückt, erscheint als Heuchler – wie ein Bettler, der sich eine Krone aufsetzt, wie der Schuster, der im Himmel den Thron Gottes leer findet und sich neugierig draufsetzt. Diese Krone setzt sich keiner selber auf. Was man selber tut, ist sich bücken und den Dreck aufputzen. Und das Geschenk ist nicht die Krone, sondern dass man dazu singen kann.

Singen zum Leben
Wenn ich oben die Anekdote von Theres lese, fällt mir auf: Der Vorwurf, den ich auf die andern WG-Bewohner richte, gehört nicht ihnen, sondern dem „Schicksal“. Jene Verbitterung, dass ich früh aufstehen muss, dass ich eine intensive 60h Woche arbeite. Was kann Paolo für meine Erschöpfung? Er hat sich sein Leben anders eingerichtet. Ist es seine Schuld, wenn ich mit dem Schicksal hadere?

Wenn es nur um den Abwasch gegangen wäre und nicht um das „Schicksal“, hätte sich das regeln lassen. Ich hätte auch mal auf den Tisch hauen können. Mich hat aber die Frage an das Schicksal mehr interessiert, darum gab es die Verwechslung. Und Theres half mir dabei, es an die richtige Adresse zu richten. Es ist eine Frage nach dem rechten Leben, nach dem vollen Leben, es ist eine Frage an den Glauben. Es ist eine Frage an den Weg.

So leise es war, es hatte Gewalt
Sie sang. Sie hatte wohl so etwas wie einen Heiland, wie altmodisch oder kindlich das immer klingt.
Sie hatte einen Weg, der ans Ziel führt.
Sie hatte einen Weg, auf dem ihr einer entgegen kam.
Sie hatte einen Weg, wo sie sich zutrauen durfte, dass sie ihn gehen kann.

Sie hatte einen Weg. Darum sah ihr ganzes Leben anders aus. Es ging nicht verloren. Es war nicht umsonst. Es fiel nicht in Bitterkeit und heulendes Elend. Es sang ein Lied in diesem Leben. Und sie sah so unscheinbar aus dabei.

Und das Lied sang aus ihr heraus. Es war unscheinbar, wie das Singen einer jungen Frau aus einer WG-Küche. Aber es hatte Gewalt. Es verstörte mich in meinem Leben. Es setzte sich in mir fest und gab meinem Leben eine andere Richtung.

 

Foto: Valentin Angel Fernandez, Pexels