West und Ost und Nord und Süd

West und Ost und Nord und Süd – alles wird durcheinander geworfen in diesen Tagen. Präsident Trump und seine neu ernannte Mannschaft sprechen in ungewohnter Ehrlichkeit die Interessen aus. Doch auch Rauchpetarden fehlen nicht, welche die Sicht vernebeln. Der unberufene Zeitungsleser gerät ins Grübeln, wer jetzt wohl mit wem weitergehen will.

Nötiges und Unnötiges
Donald Trump ist an China interessiert. Und er braucht Russland dazu. Die «transatlantische Beziehung» wird unnötig, der «Westen» wird aufgekündigt – jenes weltpolitische Lager, das durch Demokratie, Rechtsstaat und gemeinsame wirtschaftliche Interessen verbunden war und sich unter dem Schutz der USA zusammenfand.

Die Rauchpetarde: Der US-Vizepräsident kehrt den Spiess um. Er wirft Europa vor, die Demokratie verraten und die Wertegemeinschaft des «Westens» verlassen zu haben. Alles, was Europa Donald Trump vorwirft und seiner populistischen Aushöhlung der Werte, kehrt er gegen Europa.

Atlantik und Pazifik
Die USA richten ihr Augenmerk auf den Pazifik. Der Atlantik (mit seinen historischen Anhängseln) bindet zu viel Kräfte. Darum braucht Trump Russland und skizziert ohne viel Federlesens einen Separatfrieden mit der Ukraine.

Die USA scheinen sich nicht vorstellen zu können, dass sich Europa China zuwenden könnte. Das ist «die» Führungsmacht auf dem Globus, wenn die USA ausfallen. China hat eine uralte Kultur, die viel weiter in die Geschichte zurückreicht als die amerikanische. Der Ausweis in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit war in den letzten Jahren nicht glänzend. Aber haben die USA nicht Regime gestürzt, Statthalter eingesetzt, Kriege unter einem Vorwand vom Zaun gerissen, Gefangene in menschenrechtswidrigen Gefängnissen gehalten?

Hypotheken
Was Europa und China trennt, sind auch historische Hypotheken aus der Zeit des Imperialismus, als China auf der Seite einer Kolonie stand und Europa bei den Herren. Der Opiumkrieg, so ist nachzulesen, leitete ein «Jahrhundert der Demütigungen» ein. Berüchtigt aus dem Boxeraufstand ist die «Hunnenrede» von Kaiser Wilhelm II, als er zu beispielloser Härte gegen die aufsässige Kolonie aufrief.

Solche Hypotheken sind heute überall in der Weltpolitik zu finden. Die Geschichte ist von Leid und Schuld verstellt und es gibt keinen Weg ohne neue Anfänge und ohne, dass für vergangene Schuld ein Abschluss gefunden wird. Im besten Fall ist das Vergebung, gangbar ist ein Verzicht auf Vergeltung, auf das gegenseitige Aufrechnen von Schuldkonten.

Europa ist militärisch ein Zwerg, wirtschaftlich aber von Interesse für China, das im Gegenzug Schutz geben kann. Ob sich beides nicht zusammenfindet?

 

Foto von Mat Brown, Pexels